Zum Problem der Krise

Neben rassistischer Agitation findet sich in der Jungle World auch immer wieder der ein oder andere interessante Text. So auch in der Ausgabe 28/08: „Krise, Kollaps, King Kong – Der Zusammenbruch des Kapitalismus als Theorie und Phantasma“ von Heiner Stuhlfauth Jr. Neben der Parallelisierung kapitalistischer Krisen mit Hollywoodfilmen wie King Kong, finden sich auch lesenswerte Gedanken zur sogenannten Todeskrise des Kapitalismus. Dieser Begriff ist nicht nur heute – vor allem in der Kurz’schen Version – bei vielen Linksradikalen populär, sondern war es auch während der Weltwirtschaftskrise von 1929. Stuhlfauth weist aber darauf hin, dass eines solche Theorie – durch innere Widersprüche wird der Kapitalismus irgendwann in eine finale Krise eintreten und wir müssten nur darauf warten – auf den revisionistischen Flüger der SPD, namentlich Eduard Bernstein und Karl Kautsky, zurückgehe.

Deshalb sollten die Arbeiter im Hier und Jetzt keinen Unsinn machen, beispielsweise revolutionären Wirrköpfen folgen (etwa Syndikalisten, Anarchisten und anderen Radikalen), die sie nur in gefährliche und zudem unnötige Abenteuer verwickeln könn­ten, sondern die Ruhe bewahren, weiter brav SPD wählen, mit den Gewerkschaften mehr Lohn fordern.

Bezeichnet wird dies übrigens als „revolutionärer Attentismus“. Bei Kurz wiederum kämen nicht einmal mehr Arbeiter vor, da diese vom Arbeitsfetisch befallen seien. Es bestünden so auch keine guten Aussichten beim Eintreten der Todeskrise: Stichwort Barbarei.
Aber wie soll nun denn Revolution gemacht werden, fragt sich der Linksradikale. Gerade weil sich momentan eine ähnliche Krise abzeichnet wie die von 1929. Stuhlfauth weist in diesem Zusammenhang auf Beverly J. Silvers Buch „Forces of Labor – Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870″ hin, die kapitalistische Krisen empirisch untersucht habe und zu dem Ergebnis gekommen sei, dass Krisen beim Übergang von einer „führenden Industrie“ zur nächsten einträten, z.B. von der Textilindustrie zur Automobilindustrie. In solchen Übergangsphasen müssten Linksradikale handeln:

Was also aussieht wie ein Zusammenbruch oder eine Todeskrise, könnte nüchtern betrachtet eine Phase des Übergangs zu einem neuen Zyklus sein – mit all den Erscheinungen des Über­gangs, wie wirtschaftlicher Not, Chaos, Krieg, Hassideologien, die sie begleiten. Solche Umbruchs- und Schwächephasen führen auf der anderen Seite stets zu einer Delegitimierung des Systems und könnten gegebenenfalls auch Spielraum für radikale Bewegungen bieten, die versuchen, den Kapitalismus zu überwinden. Die Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums, die Arbeiterinnen und Arbeiter und ihre Kämpfe spielen dabei die entscheidende Rolle.

Man muss nicht Freund der Arbeiterinnen und Arbeiter sein, um zu erkennen, dass die heute verbreiteten Krisentheorien eine Leerstelle aufweisen: Wie soll der marx’sche kategorischen Imperativ verwirklicht werden? Wahrscheinlich nicht durch linke Lesekreise.1 Zu blindem pseudo-praktischen „Werkeln“ (Jan Gerber) sollte die ganze Überlegung allerdings auch nicht führen. Eine Antwort kann ich zu diesem Zeitpunkt leider nicht geben.

  1. Deren großen Nutzen für die eigene Bewusstseinsbildung und das eigene Wissen ich nicht in Frage stellen will. [zurück]

6 Antworten auf „Zum Problem der Krise“


  1. 1 critiqueaujourdhui 16. Juli 2008 um 12:32 Uhr

    Darf in der Jungle World eigentlich jeder seinen Senf veröffentlichen? Schon die ersten 5 Wörter in Stuhlfauths Text finde ich bezeichnend. „Der Kapitalismus ist eine Wirtschaftsform…“ …alles klar *Kopf schüttel*
    Ansonsten, finde ich, hat Stuhlfauth ziemlichen Murks fabriziert. Meint er nun Krise, Kollaps oder Zusammenbruch? Offenbar wirft er die Begriffe einfach zusammen. Wenn er bei aller Kritik an Kurz dessen Verweis auf die im Krisenprozess entstehende Barbarei1 bloß lächerlich macht („so gibt es bei Kurz hauptsächlich die Barbarei, den Angriff der Körperfresser“), dann sollte Stuhlfauth mal in den Irak oder in bestimmte Länder des afrikanischen Kontinents schauen. Oder man erinnere ihn an hiesige gesellschaftliche Phänomene. Der gute Mann war wohl noch nie in der Zone bzw. auf dem flachen Land. Aber nein zw. Hartz IV, Präkariat, Volksmob und kapital. Krise gibt es keine Kohärenzen.
    Kurz spricht durchaus von Krise und Kollaps…aber wo bitte ist da der Zusammenbruch oder der große Knall? Kurz hat , bei aller Kritik an der Ekelhaftigkeit seiner Metaphorik, immer wieder darauf hingewiesen, dass es ihm nicht um einen großen Knall o.ä. geht, sondern um einen sich entwickelnden Prozess, um den Anstieg der Barbarei, um die Verdrängung immer mehr Menschen in die Peripherie, ins Abseits. Vielleicht sollte Stuhlfauth von Kurz mal ein wenig mehr lesen, als „Der Kollaps der Modernisierung“, welches 1991 erschienen und durchaus in dem zeitlichen Kontext (Wende, Zusammenbruch des Realsozialismus usw.) zu lesen ist. Selbst Robert Kurz kann man in 17 Jahren ein wenig Reflexion zugestehen, denn zw. dem „Kollaps der Modernisierung“ und der Krise in „Angst vor dem Monster“ finden sich doch Differenzen. Und wenn jemand wie Stuhlfauth dummdreist wie ein VWL-Student im 2 Semester daher kommt und von „eine(r) Phase des Übergangs zu einem neuen Zyklus“ spricht, dann ist Robert Kurz und der Krisenbegriff allemal zu verteidigen. Wie soll denn bitte dieser neue Zyklus aussehen? Ein 4. industrielle Revolution? Selbst vulgäre Volkswirtschaftswissenschaftler wissen seit „Dienstleistungsgesellschaft“ und „New Economy“, dass man sich mit solchen neuen Auferstehungsgeschichten nur blamiert. Kurz ist sich der Dynamik und Entwicklung des Kapitalismus mehr bewusst als so manch anderer, wo bitte spricht er vom finalen Ende?
    Und nochmal, wo impliziert Krise einen Zusammenbruch oder einen großen Knall, wie es Stuhlfauth uns offenbar mit seinen wohl intelligent-witzig gemeinten, aber eher langweilig daherkommenden Verweisen auf Filme wie KingKong, 28 Days later oder I am Legend suggerieren will?
    Klar ist, dass vieles, was an Krisen- und Zusammenbruchstheorie so firmiert, fragwürdig (auch bei Kurz) und widerlich ist, aber wenn die Antwort darauf Stuhlfauths Zyklen ist, dann habe ich doch lieber die Panikmache und den Verweise auf die (wenn auch nur mögliche) Barbarei (hinterher (was und wie auch immer) will es wieder keiner gewusst haben).

    1. Bei aller Kritik an dem Begriff der „Barbarei“. Ich verweise auf die Begrifflichkeit der Nationalsozialisten für sog. Slawen und andere „Völker im Osten“. [zurück]
  2. 2 Simone 16. Juli 2008 um 15:31 Uhr

    Um Deine erste Frage zu beantworten: Ja, in der Jungle World darf jeder seinen Senf veröffentlichen.
    Zweitens: Du hast sicherlich Kurz besser gelesen als Stuhlfauth. Aber in gewisser Weise hat er doch Recht, wenn er auf den revolutionären Attentismus der alten Sozialdemokratie hinweisst. Oder steht bei Kurz irgendwo, wie eine revolutionäre Situation aussieht? Werden wir es erkennen? Oder werden wir überrollt?
    Deine Kritik an Stuhlfauths Barbareibegriff ist allerdings sehr richtig, wie ja Dein Verweis auf Afrika und die Zone belegt.
    Auf jeden Fall ein schwieriges Thema, zu dem mir im Moment nichts weiter einfällt.

  3. 3 critiqueaujourdhui 16. Juli 2008 um 16:50 Uhr

    Mh na ja ich glaube nicht an „revolutionäre Situationen“. Ich halte ja immer den emanzipativen Prozess hoch. Der Kapitalismus lässt sich nunmal nicht „umstürzen“. Meines Erachtens wird es daher keine revolutionären Situationen geben. Was es geben wird, sind Erscheinungen des Krisenprozesses (Barbarei, Konflikte, Kriege, ökonomische Krisen usw.), ob die uns nun „überrollen“ oder sie in gewisser Hinsicht erwartbar sind, kann ich nicht beantworten. Kurz versucht das schon. Gerade wenn es um Entwicklungen und „Crash’s“ der Finanzmärkte oder einzelner Staatsökonomien (ich erinnere an seine Aussagen zu China beim Vortrag in Halle) geht oder wenn er auf die Barbarei in der Weltmarktperipherie und deren Ausdehung hinweist.
    Und zum Attentismus der Sozialdemokratie, da mag er wohl recht haben. Kurz kann man dies aber nicht vorwerfen, pocht er doch, wenn auch in seiner Begriffswelt, auf die Möglichkeit der Emanzipation und die Kritik des Pragmatismus.
    Aber wie gesagt, ich will Kurz gar nicht verteidigen oder gar Lobreden auf ihn üben, nur wenn m.E. Falsches im Raum steht, sollte man das gerade rücken.

  4. 4 Simone 16. Juli 2008 um 18:22 Uhr

    Was ist denn der „emanzipative Prozess“?

  5. 5 schorsch 18. Juli 2008 um 20:18 Uhr

    „Selbst vulgäre Volkswirtschaftswissenschaftler wissen seit “Dienstleistungsgesellschaft” und “New Economy”, dass man sich mit solchen neuen Auferstehungsgeschichten nur blamiert.“

    Das ist doch deutlich zu vorschnell. Warum sollte es durch neuartige Technologien nicht möglich sein relative Mehrwertproduktion zu steigern und eine Phase der Prosperität einzuleiten? Liberale haben mir ihrer brutalen Apologie der kapitalistischen Produktionsweise in Form eines technikdeterministischen Prinzips Hoffnung voller Ignoranz gegen die Bedeutung des Ganzen für den oder die Einzelne ja schon recht.

  6. 6 critiqueaujourdhui 20. Juli 2008 um 23:42 Uhr

    Mh also wenn ich so auf „die“ Geschichte schaue, waren es immer bedeutene Technologien und Formen der Arbeitsorganisation, die einen enormen Schub in der Mehrwertproduktion gebracht haben. Ob nun Dampfmaschine, Elektrifizierung, Taylorismus/Fordismus, Otto-/Diesemotor/Auto, Computer usw. . Welche neuartigen Technologien sollten es denn sein? Selbst das Handy und der Kommunikationselektronikboom und ich wage sogar zu behaupten das Internet haben nicht einen solchen Schub hervor gebracht bzw. so einen tiefgreifenden Wandel, als dass die Steigerung der Mehrwertproduktion, das Schrumpfen durch Rationalisierung (d.h. der obsolet gewordenen abstrakten Arbeit) kompensiert hätte. Ja ganz im Gegenteil, hat doch erst die Mikroelektronik/die Computerisierung und auch die Kommunikationstechnik und das Internet die Rationalisierung hervorgebracht. Das Ausweiten der Produktions- und Absatzmärkte (neue Betätigungsfelder/neue Möglichkeiten des „Einsaugens“ abstrakter Arbeit und der Realisierung des Mehrwerts durch Gebrauch/Konsum (gerade durch neue Technologien), wie in der Nachkriegsprosperität und in der 3. industriellen Revolution, ist einfach nicht mehr gegeben. Das Obsoletwerden der abstrakten Arbeit/der Verausgabung menschlicher Energie ist größer, als die zugewonnenen Möglichkeiten diese Energie zu Verausgaben (Produktion/Arbeitsplätze usw.) und der Realisation von Mehrwert.
    Ich will ja nicht sagen, dass es zur absoluten Grenze kommt. Die Verwertung wird schön so weiter laufen, nur wird das Feld der Verwertung wieder kleiner, die oder das was draußen ist, fallen/fällt der Barbarei und/oder dem Elend anheim.
    Aber du hast recht Schorsch, man kann natürlich nicht sagen, was die Zukunft bringt. Vlt. sorgt doch wieder eine Technologie für einen enormen Schub. Ich denke da in vollem Ernst z.B. an das Problem der Kernfusion im Hinblick auf das globale „Energieproblem“ in der Zukunft. Natürlich stellen sich da die Fragen der Mögichkeiten und des „sinnvollen Einsatzes“.
    Vielleicht kommt es auch wie in Star Trek und ein Zefram Cochrane erfindet den Warp Antrieb und die Menschheit geht dem Star Trek’schen Kommunismus entgegen.

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