„Wir sind eine starke Gemeinschaft“

Geboren aus der NS- und der DDR-Autopsie verbindet sich ein kruder Mix aus Gemeinschaftsgefühl, sozialistisch-regressivem Antikapitalismus, Heimattreue, dem allgegenwärtigen Gefühl nur belogen und betrogen zu werden und der Feindschaft gegen alles was fremd und als irgendwie „westlich“ gilt zu dem was der Soziologe wohl Ostidentität nennen würde.
Über den Zusammenhang von Ostidentität und nationalem Sozialismus schreibt Mario Möller in der neuen Bonjour Tristesse.

„Wir sind eine starke Gemeinschaft“

Mario Möller

Über den Zusammenhang von Ostidentität und nationalem Sozialismus

Nach dem pogromartigen Überfall ganz gewöhnlicher ostdeutscher Jugendlicher im sächsischen Mügeln waren es besonders die Bedenkenträger der „zivilgesellschaftlichen“ Antifa, die die Debatte um ein Verbot der NPD erneut auf die politische Agenda setzten. Im Gegensatz dazu hat unfreiwillig der standortbesorgte Bürgermeister Recht, wenn er vehement bestreitet, dass es in Mügeln ein besonderes Problem mit organisierten Neo-Nazis oder wahlweise Rechtsextremisten gäbe. Tatsächlich konnte den ermittelten Tätern keine Mitgliedschaft in einem dezidierten Naziverein nachgewiesen werden. Stattdessen wäre im Osten auf einen ganz anderen Sachverhalt hinzuweisen, der die immer wieder aufgestellte Behauptung einer Avantgardefunktion der NPD oder ähnlicher Vereine Lügen straft. Es wäre nämlich darauf das Augenmerk zu richten, dass sämtliche Täter in der Ostzone bei aller Unterschiedlichkeit eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie begreifen sich als rebellierender Stoßtrupp eines vorgestellten harmonischen Kollektives, dessen inhaltliche Klammer – die Ostidentität – den Vergleich mit dem nationalsozialistischen Original nicht nur nicht zu scheuen braucht, sondern auf diesem basiert.

Für den militanten Ostpatriotismus, der faktisch das Unterfutter nazistischer Gewalt zwischen Ostsee und Erzgebirge ist, trägt niemand mehr Verantwortung als die sich antifaschistisch verstehende PDS/Die Linke. Seit ihrem Bestehen stachelte die PDS immer wieder den sich betrogen wähnenden Ostdeutschen an. „Macht den Osten stark“ forderte sie etwa auf Wahlplakaten im Jahr 2002. Sie ist mit dafür verantwortlich, dass sich im Osten eine Mentalität herausgebildet hat, in der das individuelle Scheitern als Ergebnis eines groß angelegten Feldzuges äußerer Mächte interpretiert wird.

Der „Thüringen Monitor“, eine Studie über die politischen Ansichten der Thüringer, zeigt, dass sich bspw. unter den Freunden der ehemaligen DDR, unter Befürwortern von Verstaatlichung und unter jenen, die den Sozialismus als Staatsidee propagieren, deutlich mehr Personen finden, denen eine rechtsextreme Überzeugung nachgewiesen werden kann, als unter jenen, deren Verhältnis zur DDR distanziert ist. Den Wissenschaftlern erschien allerdings ein Umstand rätselhaft, den man genau genommen als den eigentlichen Befund herausstellen müsste: nämlich dass sich unter den Nostalgikern mit autoritären und faschistischen Einstellungen viele Personen befinden, die die Linkspartei wählen.1 Diese Leute sind ihrem Selbstverständnis (!) nach alles andere als Nazis, und dennoch spricht immer wieder der nationale Sozialist aus ihnen.

Das Konzept Volksstaat

Im Osten hat sich im Laufe der Jahre eine in der Sache flächendeckende nazistische Systemfeindschaft etabliert. Allenthalben wird gefordert, das nazifaschistische Bündnis von Staat und Bevölkerung, das den „Volksstaat” in all seinen Konsequenzen hervorbrachte, neu zu beleben. Der Volksstaat deutscher Prägung im NS hatte es geschafft, sowohl die Ungezügeltheit des Bürgertums und der Marktrepräsentanten zu bändigen, als auch den Verwertungszusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft mit den Interessen der unteren Klassen zu verbinden. Neben dem Kurzschluss von Staatsmacht und Kapital findet der Volksstaat in der gleichzeitigen Verbindung der Staatsmacht mit der Arbeit seine Entsprechung. Er sorgt für eine klassenübergreifende Wahrung der Interessen, ohne den Verwertungsmechanismus zu gefährden. Gesichert wird dieses Arrangement, indem das Bürgertum die Negativfolie „des Liberalitätsjuden”2 sozusagen als Abschreckung vorgehalten bekommt, sollte es sich aus partikularen Interessen verweigern.3

Wird der Staat diesem Anspruch nicht gerecht – z.B. in Form eines zu laschen Umgangs mit Migranten oder des abweichenden Verhaltens Verdächtiger –, dann wird auch einmal selbst Hand angelegt. Das „rassistische und antisemitische Subjekt will vor [der] kapitalen Entwertung fliehen, indem es deren Logik radikalisiert und sie im Fortschritt von der juristischen über die nationalistische zur rassistischen Vergleichung überbietet. Nation erscheint ihm als das kompromißlose Anti der Konkurrenz, Rasse als das ultimate Heilmittel seiner Überflüssigkeit. In seiner doppelten Konstitution als kapitales und politisches Subjekt versucht es, sich aus der Ausbeutung in die Herrschaft zu flüchten. Der Souverän soll den Citoyen vor dem Bourgeoise retten. Er soll die unter dem Titel des Subjekts vollzogene Beschlagnahmung des Individuums für kapitale Zwecke gefälligst als Pflicht zur Fürsorge verstehen. Nicht mit der Vergleichung der Individuen zu Subjekten soll derart gebrochen werden, sondern einzig mit dem Maßstab ihrer Vergleichung. Das ist der soziale Inhalt der konformistischen Revolte, die sich in der Mordbrennerei austobt.”4

„Die machen doch hier alles platt…“

Da die erhofften blühenden Landschaften für die ostdeutschen Volksgenossen sich nicht bewahrheiten sollten, sondern immer deutlicher wurde, dass „das in die Form des Subjekts gebannte Individuum der kapitalisierten Gesellschaft […] ein bloß zeitweilig mit kapitalproduktiven Aufgaben betrauter Staatsbürger“5 ist, und man sich praktisch von den Brüdern und Schwestern aus dem Westen betrogen wähnte, zogen sich die im nationalen Taumel befindlichen Zonis regressiv auf die Gemeinschaft früherer Tage zurück.

Die DDR-Gesellschaft war in hohem Maße über Arbeit integriert und es drängt sich bezüglich der Betonung der Kollektive der Vergleich mit den NS-Betriebsgemeinschaften faktisch auf.6 Dem Vorwurf der Unproduktivität des ostdeutschen Arbeitsmannes wurde daher mit dem Verweis auf die Tradition der „schaffenden Arbeit” gekontert. Nicht selten war der Restrukturierungsprozess der ostdeutschen Ökonomie nach der Wende mit der Herausbildung von „produktiven Leistungsgemeinschaften”7 verbunden, in denen die DDR-Betriebskultur bewusst fortgeführt wurde und sich ein Pakt etablierte, wonach der Erhalt des Unternehmens auch entgegen individueller Interessen im Vordergrund steht.

Im Osten hat sich unter Rückgriff auf DDR-Traditionen ein gesellschaftliches Klima etabliert, was sich anschickt, direkt an das anzuknüpfen, was u.a. konstituierend für den Nationalsozialismus war und immer noch ist. Der offensive Bezug auf die Scholle, Tradition, Gemeinschaft und Arbeitsethos, gepaart mit einem Krisenbewusstsein, das in der DDR konserviert wurde und welches sich seit der Wende Bahn bricht: Demnach ist der Staat nicht nur Garant der Ordnung, sondern die Anklageinstanz für eine krisenfreie Akkumulation. Der Osten entwickelte sich im Zuge dieser wahnhaften Vorstellung zu einer Art Trutzburg, wo kollektiv die eigene Opferrolle beschworen und reproduziert wird; wo man sich beständig verfolgt oder wahlweise betrogen wähnt; wo jedes individuelle Unglück als Angriff einer äußeren Macht auf das eigene Kollektiv halluziniert wird. Bei den Verfechtern dieses paranoiden Lokalpatriotismus handelt es sich keinesfalls nur um solche Fälle, die man als gestrandete Wendeverlierer bezeichnen könnte. Es geht um ein allgemeines ostdeutsches Phänomen. Die Paradoxie im Osten besteht dann lediglich darin, dass man sozusagen zugleich der Nazi sein kann, den man im jugendlichen und als rechtsextremistisch diffamierten Kameradschaftsdeppen bekämpft und dem man mittels Lichterketten bedeutet, dass er dem (Standort-)Kollektiv schadet.

Da die Betriebe in der DDR faktisch als Lebensraum galten, quasi Lebensmittelpunkt und in gewisser Weise auch Sozialisationsinstanz waren, werde ich mich zunächst auf die Arbeits- und Sozialbeziehungen der DDR konzentrieren, mit denen traditionell deutsche Werte konserviert wurden, und das Fortleben dieser Werte unter den Bedingungen des Kapitalismus skizzieren. Die Arbeits- und Sozialbeziehungen der DDR haben deshalb eine so große Bedeutung, da sich in der betrieblichen Sphäre traditionelle Vorstellungen von Kollektiv und (Abwehr-)Gemeinschaft über den NS hinaus am Leben erhielten und unter den realsozialistischen Bedingungen modifiziert wurden. Auch wenn nach der Wende ein sicher beispielloser Deindustrialisierungsprozess einsetzte, auf dessen rationalen Gehalt im Sinne einer kapitalistischen Verwertungslogik hier nicht eingegangen werden kann, so bleibt festzuhalten, dass trotz massiven Abbaus (oder gerade deshalb) der Belegschaften in den verbliebenen Unternehmen der Gemeinschaftskult zur allgemeinen Tugend erklärt wurde. Dieser Kult taugt(e) sozusagen als gesamtgesellschaftlicher Kitt weit über die betriebliche Sphäre hinaus. Er ist integraler Bestandteil der Ostidentität und hat seinen Ursprung im Kollektivwahn der DDR-Industrie.

Die daran anschließend beispielhaft ausgewählten Statements sind als ein Gradmesser für ein gesamtes gesellschaftliches Klima im Osten zu betrachten; für einen ostdeutschen „Anti-Kapitalismus”, der als flächendeckender Konsens gilt und den man ohne Wenn und Aber als konformistische Revolte kennzeichnen muss: Kapital ohne Markt, staatliches Gewaltmonopol ohne parlamentarische „Schwatzbude”, Ausbeutung ohne Tarifverhandlungen, Herrschaft ohne Wahlen.8 Ostdeutsche kultivieren die berechenbare Gemeinschaft früherer Tage, lehnen „den Westen” als Wertekonzept ab, weisen einen starken Bezug zur „schaffenden Arbeit” auf, und nicht zuletzt gilt der Staat als letzte Sicherungsinstanz und Adressat des „gesunden Volkswillens”.

Die Arbeits- und Sozialbeziehungen in der DDR und deren Fortführung nach der Wende

Die DDR war in einem hohen Maße über Arbeit bzw. die betriebliche Sphäre integriert. Die Betriebe waren Lebensmittelpunkt, da die DDR-Ökonomie von einer hohen Erwerbsquote in Verbindung mit einer über die Betriebe strukturierten Sozialpolitik9 gekennzeichnet war. Während die (kapitalistisch) übliche Entwicklung eine Auslagerung der Elemente bedeutete, die nicht unmittelbar dem Produktionszweck dienten und damit als Nebeneffekt eine von Betrieb und Arbeitswelt abgetrennte Lebensführung ermöglichte und dafür als funktionelles Äquivalent den Sozialstaat verlangte, wurde diese Entwicklung in der DDR nicht nur vernachlässigt, sondern traditionelle Verhältnisse wurden letztendlich stabilisiert.10

„Trotz zum Teil schlechter Arbeitsbedingungen blieb der Betrieb die zentrale Organisationseinheit der Lebensführung, da er sogleich Ort sozialpolitischer Versorgung war.”11 Der Arbeiter galt in der DDR, wie auch im NS, als Bezugspunkt jeglicher Argumentation, was letztlich in der Affirmation der „schaffenden, produktiven Tätigkeit” zum Ausdruck kam. Es wurde eine Rückbesinnung zu traditionell deutschen Werten erreicht, indem Produzentenethos und Berufsehre betont wurden.12 Einen zentralen Stellenwert in dieser Konstellation hatten die Brigaden, deren Aktivitäten über die betriebliche Sphäre hinaus wirkten und nicht selten bei organisierten Freizeitaktivitäten endeten, worüber ein intensiver lebensweltlicher Bezug hergestellt wurde.13 Der Betrieb galt in den Augen der Beschäftigten als „Lebensraum”14, dessen vermeintliche menschliche Wärme von vielen Ostdeutschen heute immer noch betont wird.

Die betrieblichen Sozialbeziehungen waren darüber hinaus durch eine „passive Stärke” der Beschäftigten und den „Planerfüllungspakt” gekennzeichnet – informelle Arrangements prägten im Allgemeinen die Beziehungen der Akteure. Funktionsmängel der Planwirtschaft stärkten die Position der Beschäftigten: Sie „konnten die Auswirkungen der typischerweise auftretenden Funktionsmängel ein Stück weit kompensieren, indem sie die engen Aufgabenzuschnitte und rigiden Kompetenzabgrenzungen aufweichten und in langjähriger Betriebszugehörigkeit aufgebaute informelle Kontakte nutzten, und so die ärgsten Ablaufprobleme abmilderten – sie konnten es aber auch lassen!“15

Nach der Wende stellte sich für das Management der zum Teil als Ausgründung entstehenden Unternehmen die Alternative, diese gewachsenen Gemeinschaften entweder zur Bedeutungslosigkeit zu degradieren oder aber zu nutzen. Die Belegschaften vieler dieser kleinen Unternehmen bestanden zu einem Großteil aus dem ehemaligen Kollegenkreis der Kollektive. Daher waren jene Strategien recht erfolgreich, die auf eine Wertschätzung der Traditionsbestände wie etwa der Kollegialität setzten. Der Unternehmensführung, die ebenfalls aus ehemaligen Kollegen bestand, welche die finanziellen Mittel zur Unternehmensgründung aufbringen konnten, gelang es in solchen Fällen mit einem „integrationsorientierten Belegschaftsbezug positiv an die überkommene soziale Kohäsion anzuknüpfen und die Belegschaften für ein z.T. sehr weit gehendes betriebliches Rationalisierungskonzept zu gewinnen.”16

Gegen Kollegialität ist an sich ja nichts einzuwenden. Allerdings erfolgte eine Wandlung: Es ging nicht mehr nur darum, sich den Arbeitsalltag angenehmer zu gestalten, sondern man verstand sich als Überlebens- und Wehrgemeinschaft. Diese Vorstellung umfasste reflexartig alle Lebensbereiche über den betrieblichen Rahmen hinaus.

Empirische Befunde – „Solidarischer Kapitalismus” in Ostdeutschland

Einige eher zufällig zustande gekommene empirische Befunde aus Betriebsfallstudien – vor allem in meiner Fallstudie eines ostdeutschen Werkzeugbauunternehmens, das im wahrsten Sinne des Wortes in ostdeutscher Hand ist – lassen zumindest eine Tendenz erkennen, wie Gesellschaft im Osten gedeutet wird.17

„Wir wehren uns dagegen, den Menschen als Ware zu betrachten.” (Geschäftsführer während eines Vortrages)

„Ich muß sagen, es ist eine starke Gemeinschaft. Und ich halte das also auch von meiner Seite aus so, daß ich diese Gemeinschaft auch pflege und hege, denn jeden den ich einstelle, sage ich klipp und klar, nicht aus dieser Gesellschaft auszubrechen, sich nicht als Eigenbrödler zu machen, sondern in dieser Gemeinschaft mitzuarbeiten.”

„[Der Wessi] muß in das zusammengefügte Kollektiv [passen, M.M.], ich bin zwar nicht so der Typ, aber da alles Ossis sind… Wissen Sie ich kenne das von meiner Frau, meine Frau ist auf dem Gymnasium Lehrer, alles Ossis, da kam plötzlich ein Wessi-Lehrer – katastrophal. Der hat ein Kollektiv, was zusammengewachsen war […] hat der gesprengt. Der bringt das fertig. Und das möchte ich hier nicht haben. […] Wir sind auch nicht, […] die Leute sind auch nicht in der Gewerkschaft.” (Geschäftsführer in einem Interview)

Der strikten Weigerung auch nur zu realisieren, dass der Mensch im Kapitalismus nichts weiter ist, als potentieller Verkäufer seiner Arbeitskraft, folgt die fast schon paternalistisch-paranoide Ablehnung individueller Abweichung. Dem Unbelehrbaren in Form des „Wessi-Lehrers“ wird die besondere Fähigkeit und Übermacht angedichtet, den ostdeutschen Laden zu sprengen.18 Alles, was man der individuellen Abweichung verdächtigt und was, wie fälschlicherweise angenommen, in Form von Gewerkschaften, nach zu viel Eigeninteresse anmutet, gilt als Gefahr.

Die Tatsache, dass der Kapitalismus unter Umständen auch Perspektiven für das persönliche Fortkommen aus den Fängen der Gemeinschaft bietet, gilt so manchem Ostdeutschen, der entweder an seinen Arbeitsplatz gebunden ist bzw. der von diesem Job als Grundlage der lieb gewonnenen Produktionssippe nicht lassen will, als besonders verwerflich. Noch dazu, wenn sich aus der Mobilität Jüngerer ein finanzieller Vorteil ergibt. Ein Betriebsrat eines traditionsreichen Unternehmens, dessen Mitarbeiter bereits in der DDR einen besonders ausgeprägten Produzentenstolz pflegten, gibt fast wortwörtlich zu Protokoll: Die Verwestlichung der jungen Mitarbeiter habe bereits solche Züge angenommen, dass sie das Unternehmen verlassen, nur weil sie andernorts mehr Geld verdienen.19

Gemeinschaft, Ostbezug und „Anti-Kapitalismus”

Westdeutschland gilt als Verkörperung eines auf Formalismus, Individualismus und Egoismus basierenden zügellosen Kapitalismus, dem die Ostdeutschen ein Konzept entgegenstellen, welches die konkret-produktiv erscheinende Form des Kapitalismus affirmiert und in ihr traditionelle DDR-Tugenden und Umgangsformen (Betriebskulturen) beibehält und sogar offensiv propagiert. Nicht selten basiert diese betriebskulturelle Hegemonie auf einem expliziten Paternalismus der Geschäftsführer und auf einem Gründungsmythos der entsprechenden Firmen.

Die eher regressiven Betriebsgemeinschaften der DDR, in denen das deutsche Arbeitsethos aus alten Tagen bestens gepflegt wurde und man, aus welchen Gründen auch immer, zusammenhielt, existieren fort. In Ostdeutschland existiert ein unhinterfragter, fast schon militanter Gemeinschaftsbezug der Akteure, und man begreift die betriebskulturellen Biotope praktisch als Rückzugsgebiet vor dem Kapitalismus der ungeliebten, westlich-dekadenten und unpersönlichen Art.

Neben dem Verharren auf gemeinschaftsorientierten Betriebs- als auch Alltagskulturen, die auf Gleichmacherei basieren, ist für die Ostdeutschen charakteristisch, dass sie originär westliche Werte wie Individualismus und im weitesten Sinne Bürgerlichkeit ablehnen. Der historische Gebrauchswert des Kapitalismus, die Menschen aus ihren „kleinen, halb barbarischen, halb zivilisierten Gemeinwesen“20 zu befreien: aus Gemeinwesen, die die Menschen in Unmündigkeit, Aberglaube und despotischer und persönlicher Abhängigkeit verkümmern ließen; aus Zuständen, die den Menschen „unter das Joch äußerer Umstände zwangen, statt den Menschen zum Beherrscher der Umstände zu erheben“21 kurz: die „radikale Revolutionierung der sozialen Verhältnisse“22, gilt dem Ossi als einzige Zumutung. Dieser „Bedrohung“ wird im Osten ein Gemisch aus regressiver Gemeinschaft mit wahnhafter Verteidigung der Scholle, Sicherheitsstreben, deutschem Arbeitsethos mit einem Hang zum Arbeitsspartanertum entgegengesetzt, und, als wäre dies nicht schon genug, wird keine Gelegenheit ausgelassen, sich als das dauernde Opfer zu präsentieren – die Selbstethnisierung zur ostdeutschen Schicksalsgemeinschaft.

Nicht wenige ostdeutsche, auf dem Gerüst des Arbeitsethos, der Gemeinschaft und des Führungspaternalismus aufgebaute Unternehmen pflegen darüber hinaus sowohl von Beschäftiger- als auch Beschäftigtenseite ein ausgesprochen distanziertes Verhältnis zu Gewerkschaften, die als vom Westen infiltriert gelten, und betrieblicher Mitbestimmung überhaupt. Mit anderen Worten: Die in Deutschland ohnehin gering ausgeprägte Konfliktbereitschaft der abhängig Beschäftigten erfährt unter diesen Gesichtspunkten ein nochmaliges Unterschreiten eines auf dem Widerspruch Kapital-Arbeit basierenden Standards der Interessenwahrnehmung – der hauseigene „Kapitalist” wird hier keinesfalls als Vertreter divergierender Interessen begriffen, sondern mindestens als Retter vor der sich im Zuge der Deindustrialisierung der DDR-Ökonomie immer mehr abzeichnenden und damit ins Bewusstsein tretenden Überflüssigkeit gefeiert. Wo einem außer der geliebten Arbeit nichts mehr geblieben ist außer der permanenten Unsicherheit, da findet selbst im Extremfall keine Konfliktaustragung statt.

Die Interpretation der kapitalistischen Wertvergesellschaftung im Osten hat in ihrer Struktur bemerkenswerte Ähnlichkeit mit einem Modus, den Moishe Postone in seinem Aufsatz „Nationalsozialismus und Antisemitismus” beschreibt: die Personalisierung und damit Identifizierung bestimmter Personengruppen mit dem Kapitalismus in seiner Erscheinung. „Meiner Deutung nach wurden die Juden […] nicht nur mit dem Geld, das heißt der Zirkulationssphäre, sondern mit dem Kapitalismus überhaupt gleichgesetzt. Diese fetischisierende Anschauung schloß in ihrem Verständnis des Kapitalismus alle konkreten Aspekte wie Industrie und Technologie aus. Der Kapitalismus erschien nur noch als das Abstrakte, das wiederum für die ganze Reihe konkreter gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen, die mit der schnellen Industrialisierung verbunden sind, verantwortlich gemacht wurde.“23

Was dem Volksgenossen im Dritten Reich der Jude war, nämlich Repräsentant des Kapitals und darüber hinaus die Personifikation von dessen zerstörerischer, mächtiger und demnach unbegreiflicher Macht24, das sind einer antisemitischen Denkstruktur folgend dem Ostdeutschen die „Okkupanten“ aus dem Westen25 und darüber hinaus alle „Fremden“.

Exkurs: Generationenkonflikt im (ost-)deutschen Lager

Auf betrieblicher Ebene könnte, wie Vergleiche der Gruppen unter bestimmten industriesoziologischen Fragestellungen betreffs Zufriedenheit und Interpretation der sozialen Beziehungen nahe legen, künftig in etwas anderer Form der Konflikt zwischen Tradition im Sinne tatsächlich nationalsozialistischer Vorstellungen und einem an Deregulierung gewöhnten Sozialcharakter zum Ausdruck kommen, was letztlich auch zu unterschiedlichen Präferenzen und Wahrnehmungen der von allen favorisierten Gemeinschaften in den unterschiedlichen Generationen führt. Ein Grund zur Hoffnung bestünde eventuell, sollten sich tatsächlich in den jungen Generationen gemeinschaftsskeptischere Sozialcharaktere herausbilden. Vieles scheint jedoch dafür zu sprechen, dass der Konflikt lediglich ein Verteilungskampf um die letzten Reste der auf den Resultaten des NS basierenden Nachkriegsordnung ist. „Gegen die eigene Brut und ihre nationalrevolutionären Zumutungen verteidigen die Noch-Nutznießer der letzten nationalen Revolution zäh deren Errungenschaften: Pension, Rente und kündigungsgeschützten Arbeitsplatz. Sie werden verteidigt gegen die, die ebenfalls in den Genuß dieser Errungenschaften kommen wollen und mit ihrem Haß gegen ‚das Undeutsche’ überdeutlich enthüllen, worauf sich der Anspruch der Alten allein gründet: Aufs Deutschsein. […] Die Jungen reklamieren für sich das nationalsozialistische Ticket, das die Alten ihnen verweigern, weil es nur noch von ihnen selbst eingelöst werden kann – Gnade der frühen Geburt.”26 In einem bleiben aber Junge wie Alte konform: Die Ablehnung des nunmehr geforderten Lebensmodells des nicht mehr unmittelbar volksstaatlich verankerten „autarken Selbstversorgers”27, der lediglich in privater Absicht am Bruttosozialprodukt werkelt und Distanz zum Staat hält.

Fazit

Im Osten hat sich seit der Wende mit der Verschärfung der ökonomischen Rahmenbedingungen und der Wahrnehmung der Krise ein lokalpatriotisches Bewusstsein verfestigt, das klipp und klar als nationalsozialistisch zu kennzeichnen ist. Gemeinschaft, antiwestliche bzw. antibürgerliche Ressentiments, Arbeitsethos und eine autoritäre Grundstimmung des Alltages (Abweichung als Bedrohung) eignen sich bestens, um den Anspruch, wirklich deutsch zu sein – nämlich zu „Arbeit und Tod ‚geeignet und gewillt’”28 – zu erheben und dieses Lebensgefühl auch aktiv auszuleben.

Die ostdeutsche Gemeinschaft der ewigen Opfer zeichnet sich durch eine hohe „Binnensolidarität” aus, und dies beinhaltet spiegelbildlich auch den konsequenten Ausschluss derer, die laut Definition nicht dazugehören: Fremde, Unnütze, verdächtige Störer des Betriebsfriedens. Es entsteht darüber hinaus eine Feindschaft gegen das angeblich westlich dominierte und damit irgendwie unlautere politische System. Trotz der vermeintlichen generationsbedingten Unterschiede bleiben zumindest zwei wesentliche Gemeinsamkeiten: Die Selbstethnisierung zur ostdeutschen Opfergemeinschaft und der Anspruch, das „richtige und wahre” deutsche Volk zu verkörpern.

Dieses Bewusstsein spiegelt sich gelegentlich in Wahlergebnissen für die NPD wider. Dabei ist aber die NPD keinesfalls das eigentliche Problem, genauso wie die groß angelegten Anti-Rechts-Kampagnen seit dem Jahre 2000 nicht die Lösung darstellen. Die NPD ist für jüngere, wie die Wahlstatistiken gezeigt haben, Träger und Ausdruck einer Welterklärung, die die „Alten“ noch bei der Linkspartei finden. Ein Bewusstsein, in dem asoziale Zustände mit einem urdeutschen Krisenbewusstsein sich verschmelzen und das sich keinesfalls auf so genannte organisierte Rechtsradikale beschränkt, sondern das flächendeckend im Osten anzutreffen ist. Der Aufstand der Anständigen mit der bewegungslinken Antifa als Avantgarde widmet sich in Reaktion auf die Verrohung des Ostens in völliger Betriebsblindheit jedoch irgendwelchen faschistischen Strukturen, die aufgedeckt und bekämpft werden sollen. Dieser als Lösung angepriesenen Volksfront ist allerdings gründlich zu misstrauen. Denn sie selbst bedient das Prinzip faschistischer Mobilmachung29: als „protestierender Volksbrauch“ rotten sich Menschen zusammen, „um sich zu entrüsten über irgend etwas, was mit dem Sinn der Gemeinschaft nicht zu vereinbaren sei.“30

Alles in allem reden die sich als Antifaschisten wähnenden von vornherein am Problem vorbei, die beständig die Nazis in Form von organisierten und mittels Kleiderordnung sichtbaren Kameradschaftsmitgliedern verorten. Unmissverständlich wäre zu diagnostizieren: Nazi ist, aus wem der nationalsozialistische Jargon nur so heraussprudelt: zuvörderst der Zonen-Patriot.

[1] Vgl. Michael Edinger; Andreas Hallermann; Karl Schmitt: Politische Kultur im Freistaat Thüringen. Thüringens Zukunft aus Bürgersicht: Erwartungen, Herausforderungen, Gestaltungsmöglichkeiten. Ergebnisse des Thüringen Monitors. Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2006.

[2] Vgl. Ulrich Enderwitz: Antisemitismus und Volksstaat. Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung., Freiburg 1998.

[3] Ebd.

[4] Joachim Bruhn: Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation., Freiburg 1994., S. 154.

[5] Ebd., S. 151.

[6] Vgl. Gertraude Krell: Vergemeinschaftende Personalpolitik: normative Personallehren, Werksgemeinschaft, NS-Betriebsgemeinschaft, Betriebliche Partnerschaft, Japan, Unternehmenskultur., München 1994.

[7] Mario Möller: Die Tradition der Sozialbeziehungen in der Arbeitswelt Ostdeutschlands: Altlasten oder Zukunftspotentiale? Magisterarbeit., Jena 2000., S. 21f.

[8] Vgl. Bruhn 1994, S. 155.

[9] Dazu zählen das betriebliche Gesundheitswesen, Ferienobjekte, Geschäfte etc. (Vgl. Hans-Günter Hockerts: Grundlinien und soziale Folgen der Sozialpolitik in der DDR., in: Hartmut Kaelble; Jürgen Kocka; Hartmut Zwahr (Hrsg.): Sozialpolitik der DDR., Stuttgart 1994.).

[10] Vgl. Burkart Lutz: Betriebe im realen Sozialismus als Lebensraum und Basis-Institution., in: Rudi Schmidt; Burkhart Lutz (Hrsg.): Chancen und Risiken der Industriellen Restrukturierung in Ostdeutschland., Berlin 1995., S. 135-158 und S. 140 ff.

[11] Rainer Lepsius: Die Institutionenordnung als Rahmenbedingung der Sozial-Geschichte der DDR. In: Kaelble 1994., S. 24.

[12] Vgl. Alf Lüdke: „Helden der Arbeit” – Mühen beim Arbeiten. Zur mißmutigen Loyalität von Industriearbeitern in der DDR., in: Kaelble 1994., S. 188-216.

[13] Vgl. Jörg Roeseler: Die Produktionsbrigaden in der Industrie der DDR., in: Kaelble 1994., S. 144-170.

[14] Lutz 1995., S. 135-158.

[15] Ulrich Vosskamp; Volker Wittke: Aus Modernisierungsblockaden werden Abwärtsspiralen – Zur Reorganisation von Betrieben und Kombinaten der ehemaligen DDR., in: Berliner Journal für Soziologie., Heft 1., 1991., S. 17-40 und S. 30f.

[16] Rudi Schmidt: Die Bedeutung der sozialen Beziehungen für die ostdeutsche Produktionsmodernisierung., in: Berliner Journal für Soziologie., Heft 4., 1995., S. 455-462.

[17] Dem möglichen Einwand, es handele sich um individuelle Ansichten, die nicht generalisierbar seien, muss entgegengehalten werden, dass diese angeblich rein individuellen Meinungen bereits gesellschaftlich vermittelt sind. Die scheinbare Besonderheit erfährt somit eine weitaus größere allgemeine Bedeutung, als man gemeinhin annehmen möchte. In diesem Sinne sind diese einzelnen qualitativen Aussagen tatsächlich Ausgangspunkt einer Quantifizierung des Ganzen, oder einfacher: wie der Osten tickt (vgl. Theodor Adorno: Einleitung in die Soziologie. Vorlesung 1968., Frankfurt a. M. 1993., S. 129). Ganz einfach wäre dies an den Leserbriefseiten jeder x-beliebigen ostdeutschen Zeitung ablesbar.

[18] Lustigerweise stellte sich erst jetzt folgendes zu dieser Interviewpassage heraus: Dieser Lehrer war sehr beliebt unter den Abiturienten. Eines seiner „Verschulden“ war, den Schülern geraten zu haben, sich nicht nur als Manövriermasse autoritärer Lehrer zu verstehen, sondern dass man als Schüler ebenso Rechte genießt; dass die Funktion eines Schülersprechers durchaus mehr Gehalt hat, als die repräsentativen Aufgaben eines Bundespräsidenten zu erfüllen und dass man für seine Rechte auch als Schüler eintreten sollte.

[19] Einen weiteren wahren Zitatenschatz stellt Sören Pünjers Artikel „Zonen-Simone im Unglück. Der Antifaschismus als Nazi-Schutzprogramm für den Osten.“ in Bahamas Nr. 50 dar.

[20] Karl Marx: Die britische Herrschaft in Indien., in: Marx/Engels: Ausgewählte Werke. Bd. 2., Berlin 1972., S. 441.

[21] Ebd., S. 442.

[22] Ebd., S. 442.

[23] Moishe Postone: Nationalsozialismus und Antisemitismus., in: Kooperative Haina (Hrsg.): Reader zum 10. Antifa-Ratschlag in Jena, 2000., S. 5.

[24] Vgl. ebd., S. 3.

[25] Gleichwohl gilt es zu bedenken, dass die Konsequenzen für einen „arroganten Wessi“ nicht die gleichen sind, wie im NS für Jüdinnen und Juden. Es geht um die Struktur der Feindbestimmung. Dem Westdeutschen droht nicht die Vernichtung. Ähnlich gilt dieser wie der „verjudete“ Abweichler in NS als grundsätzlich therapierbar und für die Gemeinschaft nicht ganz verloren, sieht er seine Verfehlung ein. Ein ähnlicher Mechanismus ist übrigens im Umgang mit Naziaussteigern zu beobachten: Gelten die mittels Kleiderordnung erkennbaren Nazis seit Schröders Aufstand der Anständigen als anachronistischer Standortschreck und als Volksfeind, gegenüber denen sich die Reihen der modifizierten deutschen Volksgemeinschaft schließen lassen, so ist andererseits klar, dass allen Aussteigern, die ihre Verfehlung gegenüber der Gemeinschaft der Standortschützer eingestehen und dem Zeitgeist folgen, eine mannigfaltige mediale Aufmerksamkeit, ja Berühmtheit, als Belohnung gewährt wird.

[26] Uli Krug: Krieg der Generationen. Deregulation vs. Nationaler Sozialismus., in: Bahamas Nr. 33., S. 21-24.

[27] Ebd., S. 23.

[28] Bruhn 1994, S. 107.

[29] Das wäre an anderer Stelle ausführlicher zu behandeln.

[30] Adorno 1993, S. 65.


17 Antworten auf „„Wir sind eine starke Gemeinschaft““


  1. 1 Simone 27. Juli 2008 um 18:57 Uhr

    Was ist denn die NS- und die DDR-Autopsie?

  2. 2 Simone 27. Juli 2008 um 19:46 Uhr

    Außerdem haut Möllers Argumentation nicht hin. Warum haben die Ostdeutschen nicht schon zu DDR-Zeiten die Vertragsarbeiterheime angezündet? Es wird auch nicht der leninistische Arbeitsbegriff überhaupt nicht erwähnt, geschweige denn kritisiert, der ja wohl für die DDR-Gesellschaft relevanter war als der nationalsozialistische. Und warum einige Ostler militante Nazis und andere nicht? Des weiteren verharmlost der Möller doch den NS. Dieser ist nämlich kein Bewusstsein, sondern war eine manifeste politische Bewegung. Nebenbei bemerkt gibt es auch in Westdeutschland paternalistische Betriebsgemeinschaften. Schließlich bin ich nicht der Meinung, dass die „Wessis“ die neuen Juden sind. (Postones Ansatz kann mal ja auch kritisieren.)
    Insgesamt hat der ganze Möllersche Ansatz große Schwächen.

  3. 3 critiqueaujourdhui 27. Juli 2008 um 19:51 Uhr

    Eben aus Diskussionsgründen habe ich den Text hier rein gestellt.
    Gerade die Bezüge zum NS werfen doch einige Fragen auf.

  4. 4 bikepunk 089 28. Juli 2008 um 13:05 Uhr

    Den obigen Text habe ich (noch) nicht komplett gelesen. Die Behauptung, „dass sich unter den Nostalgikern mit autoritären und faschistischen Einstellungen viele Personen befinden, die die Linkspartei wählen“ ist anhanf vom Thüringer Monitor nicht belegbar. Ich habe dass mal (wegen einem anderem Text vomn gleichen Autor) auseinanderklamüsert. Fallt nicht auf so plumpe Verarsche rein.

  5. 5 critiqueaujourdhui 28. Juli 2008 um 15:59 Uhr

    Na ja, aber man muss schon festhalten, dass auch oder gerade die Linkspartei und deren Anhänger auf Volk, Heimat und Gemeinschaft rekurieren und sich somit durchaus das Moment der Abwehr des Fremden, der Bedrohung der Gemeinschaft in deren „Argumentation“ finden lässt.
    Die Monitorstudie habe ich mir noch nicht angeschaut, kann daher nichts dazu und zu Möllers Bezugnahmen darauf sagen.

  6. 6 Simone 28. Juli 2008 um 18:28 Uhr

    Naja, das ist jetzt soziologisch noch nicht belegt von Dir, critique. Und Freunde von Volk, Heimat und Gemeinschaft gibt es doch wohl vor allem (auch) bei der CDU.

  7. 7 lahmacun aka Laura 28. Juli 2008 um 19:14 Uhr

    Simone hat’s schon angesprochen. Sowas:

    Die DDR-Gesellschaft war in hohem Maße über Arbeit integriert und es drängt sich bezüglich der Betonung der Kollektive der Vergleich mit den NS-Betriebsgemeinschaften faktisch auf

    nannte man früher noch NS-Verharmlosung. Nicht ohne Grund. Diese Gleichsetzung a la Nolte lehne zumind. ich ab.

  8. 8 critiqueaujourdhui 28. Juli 2008 um 19:32 Uhr

    Ich ja auch!

  9. 9 Anette 29. Juli 2008 um 14:23 Uhr

    Liest sich wie der verspätete Hilfeschrei eines Unglücklichen, der der „Studier in Halle“-Werbung aufsaß. Kein neuer Text, kein neues Thema. Neu höchstens dir Radikalität, mit der auf den ostdeutschen Abschaum hingewiesen wird… und damit gerät es aus den Angeln. Totalitarismustheorie, Relativierung, Drogeneinfluss? Die Eloquenz in der Wortwahl und der Volksgemeinschaftsvorwurf täuschen nur zu leicht über die hausfrauenkontingenten Sinnstrukturen hinweg, wonach nun alles viel schlechter ist als früher.

    Man wünscht sich Untersuchungen über eine indirekte (vllt. selbst-therapeutische) Funktion solcher Texte, eine offenkundige gibt es nicht.

  10. 10 critiqueaujourdhui 29. Juli 2008 um 17:07 Uhr

    Ich finde das Thema durchaus interessant (daher das Posting des Textes). Zu dem, ich komme aus einem kleinen Kaff und teilweise spricht mir Möller aus der Seele. Was er mit Ostidentität meint, trifft nunmal all zu sehr auf viele Zeitgenossen auf dem flachen Land zu (Heimattreue, Gemeinschaft, Volk, regressiver Antikapitalismus). Die Spezifik eines Phänomens wie der „Ostidentität“ ist nunmal festzuhalten.Geht mal im Osten auf ein Dorffest, zu einem Fußballspiel oder sonst wohin, wo der Dorfmob sich so trifft und tretet da mal aus der Masse heraus. Sei es mit dem Äußeren, Worten oder Taten (Meistens reicht es ja schon, dass man den Einheimischen unbekannt ist).
    Klar würde ich an Möller’s Text den all zu leichtfertigen Bezug bzw. Vergleich zum NS, wie auch das Aufmachen einer Totalität über „alle Ostdeutsche“ kritisieren.
    Aber wo bitte spricht er von „ostdeutschen Abschaum“? Muss man immer seine Abscheu gegen die von einem selbst erzeugte Kategorisierung (Antideutsche) mit Verdrehungen Ausdruck verleihen? Das nervt!

  11. 11 theobald 29. Juli 2008 um 23:08 Uhr

    Verstehe ich den Text falsch, wenn ich davon ausgehe, dass er wirklich der Auffassung ist, dass eine „klassenübergreifende Wahrung der Interessen“ im NS existierte? („Das Konzept Volsstaat“)

  12. 12 an simone 31. Juli 2008 um 19:10 Uhr

    Rassismus und rassistische Uebergriffe gab es flaechendeckend in der DDR. Auch wenn es dabei nicht zu Brandstiftung kam, soweit ich weiss. Diese Sachen wurden aber sehr effektiv vom Staatsapparat gedeckelt.

    Diese ueberbordernde Ostmentalitaet macht mir auch Angst. Der Text ist vielleicht ein wenig pauschalisierend, finde ihn aber ok.

  13. 13 Simone 01. August 2008 um 14:57 Uhr

    Rassistische Übergriffe in der DDR will ich gar nicht leugnen. man schaue nur in die damaligen Fussballstadien. Aber ob diese Dinge Produkt ostdeutscher Betriebsgemeinschaften sind, ist doch mehr als fraglich.

  14. 14 lahmacun aka Laura 02. August 2008 um 2:04 Uhr

    also, es ist doch wirklich ein witz, zB, dass möller marx‘ ausführungen zur kolonisierung indiens hernimmt, um die auswirkungen der wiedervereinigungen in ostdeutschland zu skizzieren. als hätte es sich bei der ddr um ne vormoderne region gehandelt. und so weiter. der text ist einfach mies.

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