Vergessene Orte des Verbrechens

Teil 1: Das Lagersystem

Mir geht es in dem folgenden Text darum, zu zeigen, was so oft vergessen wird – das Ausmaß des „Systems der Vernichtung“. Vernichtung, das war nicht „nur“ irgendwo weit weg – Auschwitz, Treblinka, Sobibor etc. (auch wenn deren Dimension und Schrecklichkeit alles hier Dargelegte bei weitem übersteigt, aber es geht auch nicht um Gegenüberstellen von Leid und Ausmaß der Schrecklichkeit), sondern das war auch das riesige Netz der Konzentrations-, Vernichtungs- und Arbeitslager im Kerngebiet des Reiches.
Ich möchte dies exemplarisch an der Region (des heutigen) Sachsen-Anhalts und Nordthüringens zeigen.

Das System von Buchenwald und Mittelbau-Dora

Im Folgenden soll es um das Netzwerk der Außen- und Nebenlager von Buchenwald bei Weimar und vor allem Mittelbau-Dora bei Nordhausen gehen.
Wer über die beiden Hauptlager Informationen möchte, sei auf die Internetseiten der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora verwiesen.
Zu den Konzentrationslagern Buchenwald und Mittelbau-Dora gehörte ein riesiges Netz von Außen- und Nebenlagern, Arbeits- und Baukommandos. Allein Mittelbau-Dora hatte mindestens 40 Außen- und Nebenlager in der Region zwischen Osterode, Wernigerode, Quedlinburg, Ballenstedt, Artern und Nordhausen (Das gesamte Lager- und Außenstellennetz von Buchenwald und Mittelbau-Dora zu entwirren ist eine schwierige Aufgabe, da nicht zuletzt das Lager Dora bis zum Herbst 1944 selbst Außenlager von Buchenwald war. Zu dem wechselten die Zuständigkeiten für Außenlager, Außen- und Arbeitskommando des Öfteren.).


Die größten Neben- und Außenlager waren das Lager Ellrich mit durchschnittlich 8000 Häftlingen, das Lager Harzungen mit ca. 4000 Häftlingen, der unterirdische Rüstungskomplex in der sogenannten Heimkehle bei Uftrungen sowie das dazugehörige Lager „Heinrich“ bei Rottleberode mit durchschnittlich 1300 Häftlingen, sowie die SS-Baubrigaden III und IV mit ca. 2000 bis 3000 Häftlingen, welche an der Ausweichbahnlinie zwischen Nordhausen und Herzberg am Harz tätig und auf mehrere kleine Lager an der Strecke entlang verteilt waren[1].
In Ellrich, dem größten KZ-Außenlagerkomplex des KZ Mittelbau-Dora gab es zwei Lager – Ellrich-Bürgergarten, eine ehemalige Gaststätte, Unterkunft der Baubrigade IV und Ellrich-Juliushütte, mit 8000 Häftlingen der große Lagerkomplex in Ellrich.
Der Jugend für Dora e.V. schreibt in einem Informationsfaltblatt folgendes:
„Das KZ Ellrich-Juliushütte wurde Anfang Mai 1944 als Außenlager des KZ Buchenwald errichtet. Südlich der Stadt Ellrich in direkter Bahnhofsnähe wurden zunächst die Gebäude einer alten Gipsfabrik als Unterkünfte genutzt. In den folgenden Monaten kamen weitere Gebäude hinzu. Von Anfang an bestanden engere Verbindungen zum nahegelegenen KZ Dora, das ebenfalls ein Außenlager von Buchenwald war. Die Südharzer Außenlager wurden im Oktober 1944 zum eigenständigen KZ „Mittelbau“ zusammengefasst. Zu diesem KZ gehörten auch das nun als Hauptlager fungierende Lager Dora („Mittelbau I“) und das Lager Ellrich-Juliushütte („Mittelbau 2“), das fortan mit bis zu 8000 Insassen das größte Außenlager Mittelbaus war. Die meisten Häftlinge waren auf Baustellen verschiedener Untertageverlagerungsprojekte der deutschen Luftrüstung eingesetzt, so z.B. im Stollenvortrieb im Himmelsberg bei Woffleben, im Mühlberg bei Appenrode, im Kohnstein bei Niedersachswerfen und im Kammerforst bei Ellrich. Wieder andere Häftlinge wurden bei Infrastrukturarbeiten eingesetzt oder mussten in lokalen Unternehmen arbeiten. Zwischen den ca. 40 Lagern des Mittelbau-Komplexes entwickelte sich im Laufe der Zeit ein vielschichtiges hierarchisches Gefüge, in dem das Außenlager Ellrich-Juliushütte einen besonderen Platz einnahm. Vor allem das Hauptlager schob erschöpfte und unqualifizierte Häftlinge, die für den Einsatz in der V-Waffenproduktion nicht mehr geeignet erschienen, nach Ellrich-Juliushütte ab. Hier sollten sich die bereits völlig entkräfteten Häftlinge, die durch ihre schwindende Arbeitskraft für die SS immer bedeutungsloser wurden, bei kräftezehrenden Baumaßnahmen buchstäblich zu Tode schuften.
Aus diesem Grund waren die (Über-)Lebensbedingungen in Ellrich noch schlechter als in anderen Mittelbau-Lagern. Durch die scheinbar unbegrenzte Ersetzbarkeit der „Bauhäftlinge“ sah sich die SS nicht genötigt, diese Verhältnisse zu verbessern. So war z.B. die Versorgung mit Nahrung und Kleidung absolut unzureichend. Im Winter 1944/45 gab es zeitweise kein Brot, und 2000 Häftlinge waren wochenlang unbekleidet. Diese katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie die Nutzung als Abschiebelager für entkräftete Häftlinge hatten zur Folge, dass jeder zweite starb. Im KZ Komplex Mittelbau war dies die höchste Todesrate.“[2]
In Günzerode, zur Gemeinde Werther gehörend, gab es ein Unterkommando der SS-Baubrigade IV (Stammlager war Lager Ellrich.). Die Baubrigade IV (durchschnittlich 800 Häftlinge) wurde im August 1943 als Außenkommando des KZ Buchenwalds gegründet, Ende Oktober 1944 dem KZ Mittelbau-Dora und im Januar 1945 dem KZ Sachsenhausen unterstellt. Anfang April 1945 wurde die Baubrigade aufgelöst, die Kranken in Sammelzügen abtransportiert, die Marschfähigen über den Harz nach Wernigerode getrieben und von dort mit der Bahn weiter transportiert.
In bzw. um die Gemeinde Werther wurden 500 bis 950 Häftlinge in einem Schafstall untergebracht. Dieses Außenkommando war beim Bau der Helmetalbahn tätig. Im März 1945 wurde noch ein weiteres Außenkommando in Großwerther für 300 jüdische Frauen als Zwischenstation auf ihrem Evakuierungsmarsch aus den Konzentrationslagern Groß-Rosen und Mauthausen eingerichtet.
Im Lager „Hans“ in Harzungen waren 4000 Häftlinge untergebracht und war somit nach Ellrich der größte Lagerkomplex der Außenstellen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora. Leider war es mir nicht möglich mehr Informationen über das Lager in Harzungen in Erfahrung zu bringen. Eine Quelle behauptet, dass das Lager nur ganze 8 Tage bestanden hätte[3].
Bei Osterode wurde seit Januar 1945 an dem Projekt „Dachs IV“ gearbeitet. Im Gipsgestein bei Osterode sollte ein unterirdischer Produktionskomplex entstehen. Für das Bauprojekt entstand ein gleichnamiges Lager in Osterode-Sösegrund. Anfangs mit 85 Häftlingen besetzt, waren Ende Februar 1945 über 900 Häftlinge im Lager. Viele mussten schwerste Arbeiten in den Stollen verrichten. Hinzu kommt ein weiteres Lager „Am Roten Ufer“ für 300 Prager Zwangsarbeiter (sogenannte „jüdische Mischlinge“ und Ehemänner jüdischer Frauen). Mitte März wurden beide Lager aufgelöst, die Prager Zwangsarbeiter wurden zurückgeführt, die anderen arbeitsfähigen Häftlinge kamen ins Hauptlager Mittelbau-Dora, die nicht mehr arbeitsfähigen Häftlinge in das Sterbelager von Mittelbau-Dora, die berüchtigte Boelcke-Kaserne in Nordhausen, mitten in der Stadt.

Sterbelager Boelcke Kaseren Nordhausen
Sterbelager Boelcke Kaserne in Nordhausen nach der Befreiung am 11. April durch die III. US-Armee

In Osterode-Freiheit gab es ein weiteres Lager („Heber“), mit durchschnittlich 500 Häftlingen belegt, die vermutlich ebenfalls zu Bau- und Stollenarbeiten herangezogen wurden.[4]
Ein weiteres Stollenbauprojekt gab es in Niedersachsenwerfen, zwischen Mittelbau-Dora und Harzungen gelegen. Hier soll sogar die Waffenproduktion bereits angelaufen gewesen sein. Zu dem mussten 300 bis 700 Zwangsarbeiter Stollen für ein Treibstofflager der Wehrmacht für die Wissenschaftliche Forschungsgesellschaft (Wifo) und die Ammoniakwerke Merseburg vorantreiben.
Die Lager in Wieda, Mackenrode, Nüxei und Osterhagen gehörten zur III. SS-Baubrigade (insgesamt ca. 1200 Häftlinge). Das Lager in Wieda wurde am 11.5.1944 als Hauptstelle der SS-Baubrigade III unter Führung von SS-Obersturmführer Karl Völkner aus Halberstadt mit 311 Häftlingen eingerichtet und war vor allem für die Verwaltung, Verpflegung, Versorgung (Wäschelager) und Krankenpflege („Revier“) für die drei Außenlager an der Bahnbaustelle zuständig. Am 7. April wurde das Lager geräumt und am 18. April durch US-Einheiten eingenommen.[5]
Das Lager Mackenrode: „Auf der Peterswiese wurde an der Straße nach Limlingerode ein Außenlager am 21. 7. 1944 mit zunächst 150 Häftlingen eingerichtet und am 30. 7. 1944 mit 300 Häftlingen in Gebrauch genommen, als abends um etwa 22.00 Uhr eine aus 1000 Häftlingen bestehende Marschgruppe von Dora her auf der Kreuzung zwischen Tettenborn, Nüxei und Mackenrode eintraf und sofort auf die drei Lager Mackenrode, Nüxei und Osterhagen verteilt wurde. Die effektive Zahl im Lager Mackenrode schwankte nach den verfügbaren Unterlagen zwischen 100 und 475 Häftlingen. Zuvor, vom 3. bis zum 8. Juli 1944, entstanden zwei Schlaf- und eine Revierbaracke sowie außerhalb des eingezäunten quadratischen Bereichs eine Wachbaracke. Die nördliche Schlafbaracke (Block) dürfte (…) erst Anfang 1945 errichtet worden sein. (…) Die Häftlinge wurden zu Erdarbeiten sowie – für den Trassenabschnitt im Mackenröder Forst – zu Rodungsarbeiten eingesetzt. Diese Arbeiten wurden von allen Überlebenden als extrem schwer beschrieben. Die Rodungen erfolgten ohne jeden Maschinen- oder Pferdeeinsatz und die Verletzungsquote war hoch. Es musste bis nach dem Eintritt der Dunkelheit gearbeitet werden. Erst dann, d.h. nach 22.00 Uhr durften die Häftlinge die mittags angelieferte, dann natürlich ausgekühlte Suppe zu sich nehmen.“[6]
„Das Lager Osterhagen der III. SS-Baubrigade wurde am 5. 7. 1944 in einer ehemaligen Ziegeleigrube angelegt. Die etwa 300 Häftlinge mussten die Trasse für die unvollendet gebliebene Verbindungsbahn Osterhagen – Nordhausen (Helmetalbahn) verlegen. Viele kamen unter dem Terrorregime von SS und Kapos, durch Erschlagen, Verhungern, Erfrieren, Krankheit, Erschöpfung und völlige Verelendung ums Leben.“[7]
In Nüxei gab es ein weiteres Lager mit 300 Häftlingen der III. SS-Baubrigade.
In Bischofferode, südöstlich von Ellrich gelegen, befand sich ein Außenkommando welches für Verlade- und Reparaturarbeiten an V-2-Raketen zuständig war, zudem mussten 300 Häftlinge das Barackenlager und die Gleisanlagen errichten. Bischofferode, wie auch das Außenkommando Woffleben, gehörten zur Anlage „B3a“ und somit ebenfalls zum unterirdischen Rüstungs- und Produktionsprojekt „B3“ – Untertageverlagerung „Anhydrit“, welches eine Produktionsfläche von 400.000 Quadratmetern unter Tage umfassen sollte.
Zum Lagerkomplex gehörte auch ein Zivilarbeiterlager bei Woffleben. Ab Februar 1945 bezogen die „Oder AG“ und „Schönefeld AG“ (Henschel Konzern) Teile der noch unfertigen Stollen. Es entstand eine Entwicklungsstation für verschiedene Raketentypen (Hs 117 und Hs 298).[8]
Im Stadtgebiet von Quedlinburg gab es 3 Außenlager – das Kreisgerichtsgefängnis und je ein Gefangenenlager in der Kleersturnhalle und im Fliegerhorst in Quarmbeck.
„(…) In den Rautalwerken GmbH (auch Wernigwerke AG genannt) [in Wernigerode], die 1938 zu einer modernen Leichtmetallgießerei ausgebaut worden waren, (wurden) Zulieferteile für die Rüstungsindustrie gefertigt, vornehmlich durch Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge. Diese lebten in einem Barackenlager am Ziegenberg, und 1942 wurde ein weiteres Barackenlager am Veckenstedter Weg 23 errichtet, das 1943 zu einem Außenlager (Tarnbezeichnung „Richard“) des KZ Buchenwald umfunktioniert wurde. Von anfänglich 95 Häftlingen steigerte sich die Belegung bis auf 800 Personen, die vor allem beim Bau von Luftschutzstollen am Galgenberg eingesetzt wurden. Die Häftlinge vom Veckenstdter Weg zogen im Dezember 1944 in das Lager „Steinerne Renne“ um, das im Ortsteil Hasserode als Außenstelle der Wernig-Werke genutzt wurde. Hier führten sie die Produktion von Zulieferteilen für Raketen fort, die zuvor von 200 Zwangsarbeitern geleistet wurde. Die 500 Häftlinge wurden kurz vor Eintreffen der US-Truppen in Richtung KZ Theresienstadt in Marsch gesetzt, wo nur noch 57 lebend ankamen.“[9]
In Ballenstedt mussten 500 Häftlinge in den Klosterwerken und den Oda-Werken Zwangsarbeit leisten, außerdem befand sich ein Arbeitslager der Gestapo für sogenannte „Halbjuden“, welche ebenfalls Zwangsarbeit leisten mussten, in Ballenstedt.
In Ilsenburg gab es ein weiteres kleines Außenlager, über das Außenlager Blankenburg konnten keine Informationen gewonnen werden.
In Aschersleben, östlich von Quedlinburg, gab es einen größeren Rüstungskomplex der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke. In der Stadt selbst gab es mehrere Barackenkomplexe für Häftlinge die zur Buchenwald Außenstelle „AL“ (Juli 1944 bis April 1945) gehörten. Im Rahmen des Jägerprogramms mussten 450 Männer und 500 Frauen (jüdische KZ-Häftlinge) Zwangsarbeit leisten.

Östlich von Mittelbau-Dora

In der Außenstelle „Heimkehle“ Uftrungen/Rottleberode wurde ab 1944 in den natürlichen Karsthöhlen eine unterirdische Produktions- und Rüstungsanlage mit 3 Produktionshallen und mehreren Tunneln gebaut. Für die Junkerswerke Dessau wurden hier Teile des JU 88- Bombers gebaut. Im Januar 1945 wurden 400 jüdische Häftlinge, die aus Arbeitslagern im Raum Tschenstochau kamen, nach Mittelbau-Dora und kurze Zeit später in die Außenstelle Rottleberode deportiert. Im April 1945 wurde der Rüstungs- und Lagerkomplex geräumt und die Häftlinge auf die sogenannten Todesmärsche geschickt. Unter den Opfern des sogenannten „Massakers von Gardelegen“ (dazu im 2. Teil mehr) waren auch Häftlinge aus Rottleberode, „deren Transport per Zug wegen logistischer Schwierigkeiten im Raum Gardelegen endete.“[10]
In Stempeda, nahe Rottleberode mussten ab August 1944 700 Häftlinge (davon 455 Juden) in den Höhlen am sogenannten Steilhang Zwangsarbeit (Stollenvortriebsarbeiten) für eine weitere unterirdische Junkers-Produktionsstätte verrichten. Dies war das Mittelbau-Dora Außenkommando „B4“. Der Komplex konnte jedoch bis Kriegsende nicht fertiggestellt werden, das Lager Stempeda wurde in zwei Todesmärschen aufgelöst.
Insgesamt waren zwischen März 1944 und April 1945 über 2300 Häftlinge in den Lagern Rottleberode und Stempeda[11].
Auch in Roßla (zwischen Rottleberode und Sangerhausen) befand sich ein Außenlager des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora. Auf dem Gelände der ehemaligen Zuckerfabrik (heute ein Einkaufszentrum) stellten ca. 100 Häftlinge Teile für die V-Waffenproduktion her. In den Nachbarorten Berga, Kelbra, Hohlstedt und Wickerode gab es ebenfalls kleine Außenlager und Baukommandos.
In Heringen, zwischen Sangerhausen und Sondershausen gelegen, gab es ein Mittelbau-Dora-Außenkommando (400 Häftlinge), welches unter anderem beim Ausbau der Bahnlinie Sangerhausen-Nordhausen und in der Landwirtschaft zusammen mit 110 französischen Kriegsgefangenen Zwangsarbeit leisten musste.
Für das Außenlager in Artern („A-Dorf“) ist leider keine genaue Zahl der Häftlinge bekannt. Quellen geben an, dass mehrere hundert Häftlinge damit beschäftigt waren, die Elektrik für die V-2 Raketen zu montieren.
Nahe des kleinen Ortes Wansleben, zwischen Eisleben und Halle, im südlichen Sachsen-Anhalt liegt der ehemalige Georgischacht, welcher bis 1926 ein Salzbergwerk war. Im Dritten Reich wurden der Schacht und die kilometerlangen Tunnel in den Salzstöcken wieder reaktiviert. Als erstes war es die älteste deutsche naturwissenschaftliche Akademie, die Hallenser Leopoldina, die den Schacht nutze. Auf der Suche nach einem bombensicheren Verwahrungsort für kostbare Bücher wurden ab Oktober 1943 524 Kisten mit über 6000 wertvollen Büchern in den Schacht deponiert. Anfang 1944 beschlagnahmte die SS das Gelände und Himmler verlegte einen SS-Führungsstab „A6“ nach Wansleben, welcher den Aufbau einer unterirdischen Rüstungsanlage vorbereiten sollte. Zu diesem Zweck wurde auf dem Gelände ein Konzentrationslager errichtet und hunderte, später mehrere tausend Häftlinge aus Buchenwald und anderen Konzentrationslagern nach Wansleben deportiert. Arbeitskommandos mit Decknamen wie „Wilhelm“ oder „Biber II“ mussten in bis zu 380 Metern Tiefe Schächte, Stollen und Werkshallen für die Rüstungsproduktion anlegen. Aus Auschwitz, Sachsenhausen und Buchenwald wurden sogenannte Spezialisten – KZ-Häftlinge mit entsprechenden Berufen (Ingenieure, Dreher usw.) nach Wansleben deportiert, um die Produktionswerkstätten zu errichten. Vermutlich sollte ähnlich wie im Konzentrationslager Mittelbau-Dora bei Nordhausen im Südharz eine riesige unterirdische Produktions- und Rüstungsanlage entstehen. Bis zur Befreiung am 13. oder 14. April durch die 104. Division der 3. US-Armee konnten offenbar keine Produktionsanlagen fertiggestellt werden. Jedoch gibt es darüber, wie über das gesamte Konzentrationslager und auch über die Zahl der eingesetzten und ermordeten Häftlinge nur sehr wenig Quellenmaterial. Die meisten Quellen gehen von ca. 1000 ermordeten Häftlingen aus.[12]

Fazit

Die gesamte Region war mit dem Arbeits-, Bau- und Vernichtungssystems der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora „durchsetzt“. Die KZ-Häftlinge, deren schwere Sklavenarbeit und deren Leid gehörten zum alltäglichen Bild in den Städten und Gemeinden. Die Mitglieder der Volksgemeinschaft waren direkt damit konfrontiert, daran beteiligt und Nutznießer dieses Konzentrationslagernetzwerkes. Soviel zum wohl immer noch allseits beliebten „von nichts gewusst…“.

(Das Lagersystem von Buchenwald kam hier nur am Rande vor bzw. ging es nur um die Außenlager von Buchenwald, die in der Region zu finden sind. Zum Konzentrationslager Buchenwald gehörte aber ein ähnlich großes Lager- und Außenstellennetzwerk wie zu Mittelbau-Dora.)

Teil 2 wird sein: Todesmärsche in der Region

[1] Vgl. http://www.dora.de/downloads/historisches.pdf

[2] http://www.jfd-ev.org/files/Faltblatt_Ellrich.pdf

[3] http://www.peterhall.de/history/dora/aussenlager.html

[4] http://www.alpha64.de/1945.htm

[5] Vgl. http://www.spurensucheharz.de/wieda.html

[6] http://www.spurensucheharz.de/gedenkorte.html#mackenrode

[7] http://www.spurensucheharz.de/osterhagen.html

[8] http://www.7grad.org/Exkursionen/U-Verlagerungen/Anhydrit/anhydrit.html

[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Wernigerode nach: Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945 (Hrsg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945. Erfurt 2003, ISBN 3-88864-343-0, S. 187 (Reihe: Heimatgeschichtliche Wegweiser Band 8 Thüringen)

[10] http://www.anderbeck-verlag.de/downloads/geschBd3.pdf

[11] http://www.nordhausen.de/news_termine/news_lang.php4?ArtNr=4806

[12] Vgl. Nico Wingert – Das vergessene KZ; http://www.zentralratdjuden.de/de/article/824.html

Quellen:

Firouz Vladi, Osterode, 27. Januar 2006; Der April 1945 und die Todesmärsche im Oberharz; Spurensuche Goslar e.V. Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion, Harzer Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in Clausthal-Zellerfeld „Clausthal-Zellerfeld 1933 – 1945“; http://www.spurensuche.homepage.t-online.de/HomepageClassic01/06b.pdf

Gisela Schröter u. Jens Trombke: Kompendium über ehemalige Außenlager des KZ Dora vor dessen organisatorischer Verselbständigung vom Stammlager Buchenwald, Weimar-Buchenwald 1993

http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Au%C3%9Fenlager_des_KZ_Buchenwald

http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Au%C3%9Fenlager_des_KZ_Mittelbau (und entsprechende Links hinter den Ortsnamen)

http://www.7grad.org/Exkursionen/U-Verlagerungen/Anhydrit/anhydrit.html

http://www.anderbeck-verlag.de/downloads/geschBd3.pdf

http://www.dora.de/downloads/historisches.pdf

http://www.gardelegen.info/de/geschichte_gedenkstaette_ereignisse.htm

http://www.ig-hsb.de/hbp/hbp2-1/granit.html

http://www.jfd-ev.org/files/Faltblatt_Ellrich.pdf

http://www.keom.de/denkmal/karte/auswert.php?knr=223

http://www.nordhausen.de/news_termine/news_lang.php4?ArtNr=4806

http://www.nszwangsarbeit.de/html/body_aktuelles_projekt.html

http://www.peterhall.de/history/dora/aussenlager.html

http://www.spurensucheharz.de/

http://www.spurensucheharz.de/stelenprojekt.html

Manfred Bornemann: Chronik des Lagers Ellrich 1944/45. Ein vergessenes Konzentrationslager wird neu entdeckt, Nordhausen 1992.

Nico Wingert – Das vergessene KZ; http://www.zentralratdjuden.de/de/article/824.html

Quellenreader Erich Scholz; http://www.der-eisbrecher.de/cont_files/eisbrecher-reader_erich_scholz.pdf, vor allem ab Seite 12 (einige Fragwürdige Äußerungen zu „Scholz’s Humanismus“)

Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945 (Hrsg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945. Erfurt 2003, ISBN 3-88864-343-0, S. 187 (Reihe: Heimatgeschichtliche Wegweiser Band 8 Thüringen)


2 Antworten auf „Vergessene Orte des Verbrechens“


  1. 1 Das Grauen ganz nah « Antifa Horgau Pingback am 29. Juli 2008 um 17:04 Uhr
  2. 2 Kritik an der bürgerlichen Gedenkveranstaltung der „Bombardierung Nordhausens“ « Practical3mancipation Pingback am 06. April 2010 um 11:38 Uhr
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