Becketts Endspiel und King of Queens – Versuch, die Kulturindustrie zu verstehen

Vortrag von Gerhard Scheit

Montag, 27. Oktober 2008, 19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz
Halle/Saale

Bei Beckett sind die Eltern von Hamm gut in den Haushalt integriert, sie leben in den Mülltonnen, und hebt Hamm den Deckel ab, sagt er nur: »Seid ihr noch nicht zu Ende? Kommt ihr nie zu Ende?«
Die Kulturindustrie macht immer weiter: Der Vater von Carrie aus der US-Sitcom King of Queens haust im Keller, aus dem er wie von einer Mülldeponie vergangener Moden seine Pullover holt. Der Unterschied ist nur, dass jeder Mann, jede Frau, mit Doug und Carrie sich identifizieren kann, nicht aber mit Hamm und Clov. Für ständige Abwechslung im Immergleichen ist gesorgt, beim Pullover-Muster wie in den Beziehungskonflikten. Während das Endspiel die Deformationen vorführt, »die den Menschen von der Form ihrer Gesellschaft angetan werden« (Adorno), üben die US-Sitcoms durch die Deformationen hindurch, die sie affirmieren, zivilisatorische Standards ein, wie sie auf einer bestimmten Entwicklungsstufe kapitalistischer Warenproduktion jeweils möglich sind.
Diese Dialektik der Aufklärung kommt bei Adorno und Horkheimer merkwürdigerweise zu kurz. Dabei ist kein Jota ihrer Kritik an der Kulturindustrie zurückzunehmen und jede Deformation als solche zu denunzieren. Nur wäre zu fragen, ob nicht schon in der Formulierung des Begriffs der Frage des Staats zugunsten einer diffusen Vorstellung von Macht ausgewichen wird, und dadurch ungeklärt bleibt, auf welche Weise die Konsumenten der Kulturindustrie sich jeweils mit politischen Instanzen identifizieren; ob also nicht die Kritik des Staats auf dem Gebiet der Kulturindustrie erst noch zu eröffnen wäre. Für die postnazistische Situation könnte das etwa heißen, Doug und Carrie aus Queens den deutschen Paaren gegenüberzustellen, die als Tatort-Ermittler in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs ihr Unwesen treiben.

Gerhard Scheit lebt als Autor und Publizist in Wien. Zuletzt erschien: »Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt« (Freiburg 2004) und »Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth« (Freiburg 2006). Mitherausgeber der neuen Werkausgabe von Jean Améry (Stuttgart 2002ff.) und Mitautor des von Karin Lederer herausgegebenen Buches »Zum aktuellen Stand des Immergleichen. Dialektik der Kulturindustrie – vom Tatort zur Matrix« (Berlin 2008), das bei gleicher Gelegenheit vorgestellt werden soll.

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura