Zwei, drei, viele Ostdeutschlands

Vor einiger Zeit wurde in diesem Blog auf einen Artikel Mario Möllers „über den Zusammenhang von Ostidentität und nationalem Sozialismus“ hingewiesen, der in der Hallischen Bonjour Tristesse erschien. Wir dokumentieren nun eine Antwort der Gruppe „Gustav Sobotka“ auf diesen Text, die im aktuellen Conne-Island-Newsfleyer zu finden ist.

Zwei, drei, viele Ostdeutschlands.
Zum Verhältnis von nationaler Identität, Postfaschismus und der Suche nach Pogromen.

Noch vor zehn Jahren kokettierten urbane Antifagruppen auf ihren Streifzügen durch die ostdeutsche Provinz mit der treffenden Rekonstruktion ostzonaler Zustände in der schmucklosen Aufzählung dreier Substantive: „Kühe, Schweine, Ostdeutschland.“ Dem ungebrochenen Wahrheitsgehalt dieses Slogans zum Trotz mehrten sich in den letzten Monaten Texte, die über eine ungebrochene ideologische Kontinuität des Nationalsozialismus in der und über die DDR hinaus zu berichten wussten. Die Autoren der „Gruppe Gustav Sobotka“ wundern sich über die Wiederentdeckung des Nationalsozialismus zwischen ehemaligen Produktionsgenossenschaften, Trostlosigkeit und Rapsfeldern und versuchen sich an der Beantwortung der Frage, was hinter der Suche nach der ostdeutschen Volksgemeinschaft steht.

Hinter dem Faschismus steht die LPG

Vieles kann dem durchschnittlichen Ostdeutschen vorgeworfen werden. Er/Sie(1) ist laut, dumm, neigt zu stereotypen Denken und Fettleibigkeit. Wer sich länger als zwei Stunden durch die ostelbische Peripherie bewegt, der wird die einsamen Kilometer zwischen verfallenen Neubauernhöfen und heruntergekommenen Plattenbausiedlungen schon allein ihrer Menschenleere wegen als Erholungsgebiet einschätzen. Die Ostdeutschen, so lautet das Urteil mit Bezug auf Karl Kraus, sitzen an der Tafel der Kultur, an der Schmalhans Küchenmeister ist. Noch jene Theaterattraktion, die überall sonst nur nach billigem Amüsement schmeckt, wird im Osten als Meisterwerk gefeiert. Nichts anderes als die Zusammenkunft von Volksfest mit hohem kulturellen Anspruch und Rostbratwurst demonstrierte das „Theater der Welt“ in den letzten Wochen in Halle/Saale. Irgendwo zwischen Fußballübertragung und Fahnenmeer manifestierte sich der Wille zur Kultur nur in der Wahl zwischen deutschem Bier und deutschem Rotwein.
Das aber macht die Provinz noch nicht zum Hüter nationalsozialistischer Ideologie und so muss die These, Ostdeutschland = Nationalsozialismus, unlängst auch von Mario Möller in der Bonjour tristesse 02/2008 und in fast identischer Form im CEE IEH #137 vorgetragen, verwundern. Auf den folgenden Seiten wird umrissen, was an dieser These falsch ist, warum gute Absichten nicht immer in nicht minder guten Resultaten manifest werden und weshalb Westdeutsche und ihre Freunde, die Österreicher, nicht minder gefährlich sind.

Beschäftigung mit Mario Möller – Warum der Kurzschluss keine geeignete Methode der Gesellschaftskritik ist

Die Beschäftigung mit dem Text Möllers dient zunächst der Abstraktion.(2) Die von ihm vorgetragenen Argumente und Behauptungen, der Osten sei alleiniger Erbe des Nationalsozialismus, finden sich auch in diversen anderen Texten. Der Name Mario Möller wird hier synonym für alle Vertreter der These verwendet. Obwohl seine Argumente in sich logisch und klug formuliert sind, ist seine Argumentation leider falsch. Warum?
Eine der zentralen Thesen Möllers lautet, dass „sich in der betrieblichen Sphäre (der DDR-Gesellschaft) traditionelle Vorstellungen von Kollektiv und (Abwehr)Gemeinschaft über den NS hinaus am Leben erhielten und unter den realsozialistischen Bedingungen modifiziert wurden.“ Leider geht Möller auf diese Modifikationen nicht ein, ansonsten müsste er feststellen, dass zwischen dem Führerprinzip in der NS-Wirtschaft und der Organisation der Betriebe in der DDR markante Unterschiede bestehen. Aber selbst wenn man dem Autor in diesem Punkt Glauben schenken möchte, muss man nicht unbedingt einsehen, dass aus dem positiven Bezug zu Betriebskollektiven automatisch die repressive Liebe zu Scholle und Tradition folgt. Zudem ist offensichtlich, dass auch in modernen Unternehmen außerhalb Ostdeutschlands nicht selten die postfordistische Organisationsform „Team“ zu finden ist und eine starke Bindung zwischen Mitarbeitern und Unternehmen angestrebt wird. An diesem Punkt, und das trifft nicht nur auf Möllers Text zu, ist der Kurzschluss die Methode: Sozialistischer und nationalsozialistischer Arbeitsbegriff werden miteinander identisch gemacht; beide würden die „schaffende Arbeit“ betonen. Dass im NS „deutsche Arbeit“ und „jüdischer Nicht-Arbeit“ voneinander unterschieden wurden und Arbeit als ein deutscher Wert an sich angesehen wurde, dagegen im real existierenden Sozialismus zwar Arbeit generell auch auf das vermeintliche Gemeinwohl des Volkes ausgerichtet war, aber zwischen beiden „Volks“-Begriffen (NS und DDR) und somit auch im Bezug auf „deutsche Arbeit“ durchaus Unterschiede bestanden(3) und letztendlich im Sinne des Aufbaus des Sozialismus gearbeitet wurde, sind offenbar vernachlässigbare Größen.
Desweiteren stellt Möller eine Tendenz zu Paternalismus und Gewerkschaftsablehnung in ostdeutschen Betrieben fest. Dies auf Ostdeutschland allein zu reduzieren, ist schon deswegen falsch, weil objektiv auch antigewerkschaftliche Tendenzen in Westdeutschland wahrnehmbar sind.
Die Teilüberschrift „Empirische Befunde“ sollte zu Möllers Gunsten als Scherz ausgelegt werden. Denn was sich dort findet, regt nun wirklich lediglich zum Lachen an. Es werden ganze vier Aussagen angeführt. Davon sind auch noch drei von einem Geschäftsführer. Da hilft auch der Hinweis, dass diese Aussagen „gesellschaftlich vermittelt“ und somit generalisierbar seien, nicht mehr weiter. Vielleicht würde der Autor mehr überzeugen, wenn er auch ein paar Aussagen von Arbeitern vorbringen würde. Und: Fast übersehen könnte man bei all dem Unfug noch Möllers Lob des „historischen Gebrauchswerts des Kapitalismus“(4). Hier bemüht er sich um ein Autoritätsargument: Marx‘ Schrift „Die britische Herrschaft in Indien“. Marx beschreibt hier, dass der Kapitalismus den Menschen nicht nur vom Aberglauben befreie, sondern ihn auch „zum Beherrscher der Umstände“ mache. Es darf hier natürlich nicht geleugnet werden, dass Fetisch und Ideologie nicht überwunden sind. Und wer ernsthaft glaubt, es gebe keinen Aberglauben mehr, der braucht lediglich einmal einen flüchtigen Blick auf die blühende esoterische Szene und ihren Dalai Lama werfen. Richtig grotesk – und jetzt entfaltet sich die Argumentation wie ein schlechter Treppenwitz – wird es, wenn der Autor, einem plumpen Schematismus folgend, die Analysen Postones zum nationalsozialistischen Antisemitismus auf die Ablehnung von „Wessis“ durch Teile der ostdeutschen Bevölkerung überträgt. Zumindest uns sind bis zum jetzigen Zeitpunkt keine gewaltsamen Angriffe oder gar Pogrome gegen Westdeutsche bekannt. Daneben sollte der Unterschied zwischen Antisemitismus und Rassismus nicht vergessen werden. Die ZAST in Rostock wurde nicht angezündet, weil der Pogrommob die „abstrakte Seite“ der kapitalistischen Vergesellschaftung mit den dortigen Bewohnern in eins setzte oder eine weltweite „Ausländerverschwörung“ zurückschlagen wollte, sondern weil jene Deutsche, denen mal wieder nach Volksfest war, keine als inferior angesehenen „Kanaken“ oder „Zigeuner“ in ihrem ach so sauberen Wohnviertel haben wollten.
Zusammenfassend kommt man nicht umhin, Möller et al. eine Relativierung des Nationalsozialismus vorzuwerfen. Dass zu einem manifesten Nationalsozialismus mehr gehört als eine diffuse „Mentalität“, sollte einem Gesellschaftskritiker doch bewusst sein. Westdeutsche hingegen zu den Juden der Zone zu erklären, ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten.

Die eindimensionale Verwandtschaft zum Nationalsozialismus

Reduziert man den Nationalsozialismus und dessen Beständigkeit auf den Osten Deutschlands, fällt man noch vor jene Aussage Adornos zurück, in der er vor dem Fortleben des Nationalsozialismus in der Demokratie gewarnt hat. In seinem Vortrag vor dem Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der später unter dem Titel „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ abgedruckt wurde, sagte Adorno: „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie. Unterwanderung bezeichnet ein Objektives; nur darum machen zwielichtige Figuren ihr come back in Machtpositionen, weil die Verhältnisse sie begünstigen.“ (Hervorhebung im Original)(5) Gehört der erste Satz zu den wohl meistzitierten in dem gemeinhin als antideutsch bezeichneten Milieu, so verknüpft doch erst die anschließende Aussage Angst mit Erfahrung. Die Karrieren ehemaliger NationalsozialistInnen in der Bundesrepublik konnten deswegen so nahtlos fortgesetzt werden, weil die objektive Lage dafür günstig stand. Aus der Vernichtung unwerten Lebens wird in der deutschen Nachkriegsgesellschaft die Sympathie für Ordnung und Sauberkeit. Diese Tendenz im gesellschaftlichen Bewusstsein zu reduzieren auf das hässliche Stückchen Land östlich der Elbe ist gefährlich. Schon deswegen, weil Österreicher und Westdeutsche ungestraft davonkommen.
Denn dass der Nationalsozialismus nachlebt, wussten auch die Autoren des schmalen Sammelbandes über die „Transformation des Postnazismus“. Das was Möller den Ostdeutschen allein als postnazistischen Affekt attestiert, die Suche nach dem starken Staat, formuliert Uli Krug darin sehr viel treffender, wenn er schreibt: „Wenn Deutsche sich vom Staat betrogen wähnen, fordern sie von ihm offensiv, die nationalsozialistische Verschmelzung von Kollektiv und Individuum, von Staat und Gesellschaft wieder in gewohnter Rückhaltlosigkeit vorzunehmen.“(6) Einmal vollständig mobilisiert, ist die deutsche Gesellschaft und in diesem Fall ihr österreichischer Wurmfortsatz zum ständigen Ausnahmezustand bereit. Das aber ist ein gesellschaftsstrukturelles Problem, keines ehemaliger Traktoristen und: Es ist auch keines ihrer Partei.

Volksfront PDS?

Mario Möller hat wie die Verteidiger der These vom ostdeutschen Nationalsozialismus einen Hauptverantwortlichen für den „militanten Ostpatriotismus, der faktisch das Unterfutter nazistischer Gewalt (…) ist“, ausgemacht: die PDS.
Schaut man allein auf die politischen Institutionen der ostdeutschen Länder und das Wählerpotential, bekommt man ein etwas anderes Bild, das gegen die These von der Relevanz der PDS als politischem und gesellschaftlichem Akteur in Ostdeutschland spricht. So ist die Linkspartei in den Parlamenten von Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Brandenburg nur zweite, in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sogar nur die drittstärkste Fraktion und nur in einigen Landkreisen und Stadtparlamenten und -räten die stärkste politische Kraft. CDU und SPD haben hingegen ein viel größeres Anhänger- und Wählerpotential; ein Indiz gegen die politische Homogenität und deren staatssozialistische Tradition im Osten, wie Möller vermitteln möchte. Auch wenn die PDS aus der SED-Autopsie entstanden ist, so hat sie noch lange nicht im Kleinen wie im Großen die gesellschaftliche Relevanz und Einflussnahme wie ihre Mutterpartei im Einparteiensystem der DDR-Gesellschaft.
In diesem Zusammenhang ist auch die von Möller zitierte Wahlparole, „Macht den Osten stark“, die von der PDS im Bundestagswahlkampf 2002 vorgetragen wurde, wohl weniger ein Hinweis auf das Bedürfnis, sich abgrenzen und anders als „die im Westen“ sein zu wollen. Vielmehr ist der Wahlkampfslogan als Forderung nach Unterstützung durch die Bundesregierung und dem „Gleichziehen des Ostens“ zu verstehen. Die neuen Bundesländer sollen, wenn es nach der PDS geht, wirtschaftlich und infrastrukturell ähnlich stark werden, wie es die alten Bundesländer schon sind. Durchaus geht es der Partei und ihren Wählern dabei um ihre Genossenschaften, ihre Betriebe, ihre Arbeitsplätze und ihre Region, aber daraus ein Bedürfnis nach einem ostdeutschen Volksstaat oder ein Feindbild „Westen“ in den neuen Bundesländern abzuleiten, ist übertrieben, und um die Richtigstellungen abzuschließen, lässt sich daran erinnern, dass der antisemitisch motivierte Heuschreckenvorwurf gegenüber US-amerikanischen Unternehmern ursprünglich von der SPD ausging.
Das Bedürfnis nach wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit, Ruhe und Ordnung, Gemeinschaft und Heimat, das sich Möller monokausal mit der Volksfront PDS erklärt, beruht tatsächlich aber auf einer Vielzahl von Faktoren.
In der allgemeinen Unsicherheit um Job und gesellschaftlicher Positionierung, ob nun real begründet oder medial angeheizt, sind das eigene Heim, der eigene Betrieb, das eigene Biotop wichtiger, die Lausitz näher als der Hunsrück. So ist aber dem Schwaben auch der Schwarzwald lieber als die Deiche in Friesland und ebenso haben alle zusammen sich empört, als ein finnischer Handyhersteller von Bochum ins rumänische Siebenbürgen umgezogen ist. Standortpolitik und regionale Identität, Heimattreue, Provinzialismus und Nationalismus sind letztlich keine spezifisch ostdeutschen Phänomene. Genau das wollen die Verteidiger der Ostnazihypothese aber behaupten. Ihnen muss zudem entgegengehalten werden, dass es gerade der regionale, nachbarschaftliche, freundschaftliche und/oder familiäre Nexus ist, der Heimatverbundenheit und das Bedürfnis nach Sicherheit, Ruhe, Ordnung und Kollektiv produziert und reproduziert und nicht eine außen- oder überstehende Instanz wie die PDS, die den sich betrogen fühlenden ostdeutschen Volksmob anstachelt. Selbstverständlich gibt es durchaus Schnittstellen zwischen nachbarschaftlicher Gemeinschaft, Dorfverein, Bürgerwehr und PDS-Ortsgruppe, aber selbst dann ist es die bereits bestehende Gemeinschaft, in die sich die PDS integriert und deren Produkt sie ist. Möller et al. verwechseln ganz klar Ursache und Wirkung. Eine politische Partei ist eben auch Produkt der Gesellschaft und ihrer Mitglieder und Anhänger.
Daran anschließend stellt sich die Frage, wie groß die Bedeutung der PDS in der ostdeutschen Alltagspraxis ist. Es ist zu bezweifeln, dass die PDS und deren Anhängerschaft bzw. deren Ansichten im Alltag, ob am Stammtisch, am Arbeitsplatz oder beim Meckern über den Gartenzaun, wie auch im Vollzug rassistischer oder antisemitischer Gewalt, eine herausgehobene Rolle spielen. Sicherlich liefert die Linke Impulse, die eine ostdeutsche Identität stabilisieren. Sie produziert sie aber nicht.

„Hier regiert der HFC“ – Soziologische Erklärungen zur Identitätssuche

Dass es eine Ostidentität gibt, die sich von der Westidentität unterscheidet, ist wohl unumstritten, denn Kollektive von Menschen, die in zwei unterschiedlichen sozio-ökonomischen und politischen Systemen aufgewachsen sind und sozialisiert wurden, entwickeln unterschiedliche Kollektividentitäten. Dass sich im NS-Staat eine wiederum von beiden Systemen vollkommen andere Gemeinschaftidentität gebildet hatte, bedarf wohl keiner näheren Erläuterung.
Bedingt durch die persönliche Pilgerreise(7) des Individuums (alternativ kann man auch den Begriff Lebensweg verwenden) durch ein Bildungssystem und anschließend durch ein Verwaltungssystem entsteht ein Gemeinschaftsgefühl mit anderen Individuen, die den gleichen Weg mit zumindest ähnlichen positiven wie negativen Erfahrungen gehen oder gegangen sind. Entsprechend macht es einen bedeutenden Unterschied ob jemand zehn Jahre eine Polytechnische Oberschule oder das dreigliedrige System besucht hat. Wie in jeder funktionierenden romantischen Zweierbeziehung ist der Erfahrungshorizont wichtig. Unterhaltung ist alles.
Identität ist nicht statisch, sondern sollte vielmehr als Prozess begriffen werden(8). Die Ostdeutschen haben mit der Wende eine Reise durch den westdeutschen Verwaltungsapparat begonnen. Es lässt sich einbringen, dass das Neueinleben in diesem Apparat die Ostdeutschen in besonderer Weise miteinander verbindet, aber gleichzeitig ist zu beachten, dass dieser neue Reiseabschnitt das ostdeutsche Subjekt auch dem westdeutschen näher bringt. Es werden jetzt gemeinsame Erfahrungen auf dieser Reise gemacht.
Noch deutlicher wird dieser Aspekt mit Blick auf die jüngeren Generationen. Die in den 80er Jahren und später Geborenen haben höchstens noch rudimentäre Erinnerungen an die DDR und entsprechend wenig Greifbares, um sich eine eigenständige Ostidentität zu bilden. Die Erfahrungen, die ein Schüler bei seiner Pilgerreise durch das deutsche Bildungssystem macht, unterscheiden sich nur in geringem Maße zwischen Ost und West. Zwischen Schleswig-Holstein und Brandenburg sind keine größeren Unterschiede feststellbar als zwischen Niedersachsen und Bayern.
Die Ostidentität verschwindet immer mehr, wie Mario Möller in seinem Exkurs zum Generationenkonflikt zumindest schon andeutet, allerdings erklärt er nicht, warum es nicht die Alten sind, die mordlüstern und brandschatzend durch die ostdeutschen Einöden ziehen und Jagd auf alles Fremde machen, sondern ihre widerlichen Enkel.
Es muss realisiert werden, dass sich eine gesamtdeutsche Identität bildet bzw. schon gebildet hat, unabhängig davon wie man dieser Identität gegenübersteht. Besonders deutlich drückt sich diese gemeinsame deutsche Identität bei Fußballgroßereignissen aus, bei denen im Osten und im Westen, im Norden und Süden im kollektiven Taumel Fahnen geschwenkt werden, die meisten sind schwarz-rot-gold. Diese widerliche nationale Selbstbeweihräucherung lässt sich in allen Teilen Deutschlands beobachten und ist, man muss fast sagen leider, nicht beschränkt auf bestimmte abgegrenzte Teile der Bundesrepublik.
Die Erklärung warum es in Ostdeutschland gehäuft zu fremdenfeindlichen Übergriffen kommt, blendet Mario Möller weitgehend aus, da er nur kurz auf die materiellen Lebensbedingungen des ostdeutschen Pöbels blickt. Die Arbeitslosigkeit und damit verbundene Armut ist in Ostdeutschland weit höher als in Westdeutschland und entsprechend ist die Unterschicht prozentual gesehen um einiges größer als in Westdeutschland. Möller beschreibt in diesem Zusammenhang ganz richtig die kollektiv beschworenen Opferrollen und die nationalistische Selbstethnisierung, ganz nach Lepsius wonach „innenpolitische Versagungserfahrungen und wahrgenommene Leistungsdefizite“(9) nationalistisch kompensiert werden. Aber Möller übersieht leider, dass auch in Westdeutschland der böse, faule Ausländer den guten und fleißigen Deutschen die Arbeit stielt. Nur sind die vom politischen System ausgehenden Versagungserfahrungen und Leistungsdefizite in Ostdeutschland deutlicher sichtbar als in Westdeutschland.
Wenn damit auch das Problem des Rassismus und des Antisemitismus nicht vollständig erklärt werden kann, so darf der materielle Aspekt nicht vollkommen ausgeblendet werden.

Warum der größte Feind manchmal nicht im eigenen Garten steht

Was aber steckt hinter der Halluzination eines ostdeutschen Nationalsozialismus, welches Bedürfnis kommt hierin zum Ausdruck?
Es ist ein altes Phänomen, das junge Linke sich bei Berichten über den antifaschistischen Kampf in ihren Banlieues gern gegenseitig überbieten. Unter dem Einfluss einer situativen Gruppendynamik wird die Notwendigkeit des eigenen Handelns mit der Gefahr, die durch vermeintlich oder tatsächlich neofaschistische Organisationen ausgeht, bekräftigt. Das ist manchmal nicht falsch. Häufig aber schon. So wie die Ablehnung der Gruppenidentität konstituierend sein kann für die Identität des Individuums, so kann umgekehrt diese wiederum Teil eines größeren Kontexts werden. Die Dialektik der Identitäten ist in eine Richtung nicht aufzulösen. So lassen Texte wie der von Möller durchaus den Vergleich mit der Opfer- bzw. Avantgarderolle ehemaliger Stadtguerilla wie der RAF oder Bewegung 2. Juni zu. Verstanden sich die vermeintlichen Revolutionäre als Speerspitze einer noch nicht auferstandenen revolutionären Volksbewegung in der BRD im Kampf gegen den vermeintlich totalitären faschistischen Staat bzw. als Avantgarde der globalen Befreiungsbewegung gegen den (US-) Imperialismus, so sind Texte wie der von Möller Ausdruck eines identitären Abgrenzungsbedürfnisses gegen die vermeintliche ostdeutsche Volksgemeinschaft bzw. gegen den vermeintlichen ostdeutschen Nationalsozialismus. Der Unterschied liegt nun darin, dass die Einen auf Gemeinschaft, die Anderen (sehr viel sympathischer und generell berechtigt) gerade auf das Individuum setzen. Beiden gemein ist jedoch die Konstruktion eines totalitären faschistischen bzw. nationalsozialistischen Systems, welches so damals und heute(10) nicht gegeben war bzw. ist. Die Konstruktion eines ostdeutschen Nationalsozialismus bzw. der Vergleich ost- oder gesamtdeutscher postfaschistischer Verhältnisse mit dem Nationalsozialismus stellt dessen Relativierung dar.

Gruppe „Gustav Sobotka“

Fußnoten

(1) Im Folgenden soll nur von dem Ostdeutschen die Rede sein. Dass es auch weibliche Ostdeutsche und ostdeutsche Transgender gibt, ist den Autoren bewusst. Der Lesbarkeit halber wird nur die männliche Form verwendet.

(2) So wie er in der letzten Ausgabe der Bonjour tristesse vorliegt. Mario Möller, „Wir sind eine starke Gemeinschaft“. Über den Zusammenhang von Ostdeutschen und nationalem Sozialismus, in: Bonjour tristesse 2/2008, S. 1 – 5.

(3) Zum Beispiel war der vietnamesische Gastarbeiter in der DDR zumindest ideologisch dem deutschen Arbeiter gleichgestellt, was durchaus auf eklatante Unterschiede zwischen dem DDR-Arbeitsbegriff und NS-Arbeitsbegriff und dessen angebliche Kontinuität hindeutet. Auch die ideologisch und propagandistisch aufbereitete Freundschaft mit der UdSSR, die im Alltag (Erziehung, Gespräche, Austausch von Wissen und Technik, Besuche, etc.) durchaus manifest wurde, verweist auf den Unterschied, wie man sich als „Volk“ bzw. über Arbeit definiert hat. Ein weiteres Indiz, das gegen die Kontinuität und den Vergleich NS – DDR spricht.

(4) Wir hatten bis jetzt gedacht, dass die Kategorie des Gebrauchswerts vor allem Gegenständen zukommt. Da wir aber für (fast) alles offen sind, warten wir gespannt auf Möllers Ausführungen zum historischen Tauschwert des Kapitalismus.

(5) Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Rolf Tiedemann (Hg.), „Ob nach Auschwitz noch sich leben lasse“. Ein philosophisches Lesebuch, Frankfurt (Main) 2000, S. 31- 47, hier: S. 31.

(6) Uli Krug, Mobilisierte Gesellschaft und autoritärer Staat. Der nicht enden wollende Nationalsozialismus oder: Die Aktualität Max Horkheimers, in: Stephan Grigat (Hg.), Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus, Freiburg 2003, S. 83- 103, hier: S. 92.

(7) Zum Gebrauch des Begriffs „Pilgerreise“ vgl.: Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation, Frankfurt (Main) /New York 1996.

(8) Vgl.: Nobert Elias, Die Gesellschaft der Individuen, Frankfurt (Main) 1991.

(9) Rainer M. Lepsisus, Nation und Nationalismus in Deutschland, in: Michael Jeismann / Hennig Ritter (Hg.), Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus, Leipzig 1993.

(10) Bei aller Kritik an ostdeutscher wie auch gesamtdeutscher postfaschistischer Gemeinschaft.


1 Antwort auf „Zwei, drei, viele Ostdeutschlands“


  1. 1 « critique aujourd’hui Pingback am 07. November 2008 um 19:43 Uhr
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