Holger, der kleine Liberale

Vor kurzem wurde in diesem Weblog ein Artikel im aktuellen CEE IEH gelobt. Es ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Und so finden wir einen Text von einem Jungliberalen namens Holger zu irgendeiner Antifademo in Genthain. Es wird aus Zeitmangel hier nur auf die wichtigsten Stellen verwiesen.
Offensichtlich hat hier jemand im Grundkurs Logik ganz besonders aufgepasst:

Von der Szene für die Szene ist der Flyer und trotz der aufgemöbelten Sprache wird tief in die Mottenkiste der 90er-Jahre-Antifa gegriffen: „Rechte Einstellungen reichen bis in die ‚Mitte der Gesellschaft“, werden wir belehrt.
[…]
Würden „rechte“ Einstellungen so weit verbreitet sein, könnten nicht bekennende Linke bei jeder Gelegenheit das Rechts-Sein mit dem Nazi-Sein in eins setzen. Das geht nur in einer linken Republik.

Ob Holger schonmal von staatlichem Rassismus gehört hat? Vielleicht sollte er sich auch einmal fragen, warum antifaschistische Demonstrationen ein solch großes Aufgebot an Sicherheitskräften provozieren.
Weiter geht es mit einigen „Gedanken“ zum Thema Extremismus. Hier zeigt sich Holger als braver Demokrat.

Als ob das Problem nicht die rechten und linken Extremisten wären, sondern eine angeblich rechte Hegemonie, deren auch gewalttätige Bekämpfung dem Schutz der Demokratie dient. Natürlich hat man in einem Milieu, das sich zur Gewalt rein instrumentell verhält, Angst, dass einem jemand auf den anti-anti-extremistischen Schwindel kommen könnte und gründet schon mal eine Initiative gegen gefährliche Begriffe, nämlich gegen „jeden Extremismusbegriff“. Doch das nur am Rande.

Vielleicht sollte der Autor mal daran denken, wie das Umfeld des Conne Island ohne die Arbeit Connewitzer „Linksextremisten“ aussähe.
Auch über die heutigen Nationalsozialisten weiß Holger Bescheid:

Keine Rede auch davon, dass die Diskussionen in den einschlägigen Nazi-Foren des Internets (die Recherchelinke doch so gern heran zitieren) längst ergeben haben, dass man gegenüber Iroträgern tolerant zu sein und es nun um autonome Strukturen und die (nationale) Revolution zu gehen habe.

Glücklicherweise hat er noch das Attribut „nationale“ vor das Substantiv „Revolution“ gesetzt. Sein Restverstand wird ihm vielleicht noch vermittelt haben, dass es da einen Unterschied zur kommunistischen Revolution gibt.
Auch auf die „Normalbürger“ kommt er zu sprechen:

Hier kann und will man sich nicht vorstellen, dass der von Volk, Nation, Heimat, Familie sprechende Normalbürger damit nicht für eine Wiederholung von Auschwitz eintritt, sondern eben einfach nicht linksradikal ist. Ein solcher Mensch kann also nie Gesprächspartner sein, sondern muss der Umerziehung anheim fallen.

Der von Volk, Nation, Heimat und Familie sprechende „Normalbürger“ hat 1933 vielleicht auch nicht Auschwitz im Sinn gehabt. Fakt ist aber, dass sein Verhalten dieses Menschheitsverbrechen ermöglicht hat.
Lustig wird Holger, wenn er den Dorfpfaffen raushängen lässt:

Die radikalen Töne verdecken, worum es – gerade im Osten – gehen müsste: um Werte. Zunächst: 1. Du sollst nicht töten. 2. Was Du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Und auf späteren Stufen dann: Rücksichtnahme, Toleranz ohne Gleichgültigkeit, Empathie und ja – Barmherzigkeit.

Nett, bloss sehr naiv.
Zustimmen kann ich seltsamerweise aber dem letzten Absatz, selbstverständlich abgesehen vom unsinnigen Gebrauch des Begriffs „Vernichtungsgelüste“:

Diejenigen, die unterm Antifa-Aktionslogo reisen, haben seit Jahren nicht mehr zu bieten als: Vernichtungsgelüste gegen „die Zone“ (abschalten, smashen, fluten…) und die Hochnäsigkeit gegenüber Mandy und Rico vom Lande, denen Adorno nicht ganz so wichtig ist, wie den wohlabgesicherten linken Studenten aus der Stadt. Die Hartz IV-Bezieher Mandy und Rico werden sich durch das selbsternannte linke Gewissen in Markenklamotten allerdings wenig beeindrucken lassen und die coolen Checker werden am Ende wieder bestätigt bekommen, wie dumm die Zone ist. Deutscher Mob eben. Da kann man nur fluten. Jetzt aber husch husch, fix zur Elektro-Party, die überschäumende Individualität feiern. Und da soll man nicht lachen?

Es ist allerdings schon grotesk, was für Texte manchmal in dieser Zeitschrift veröffentlicht werden. Aber vielleicht wollte man sich nur die städtische Projektförderung erkaufen.