Antifaschistische Protestaktion – 13. Dezember 2008, Prag

Antifa-Demo in Prag

Antifaschistische Protestaktion – 13. Dezember 2008, Prag
Gegen rassistische Pogrome, gegen soziale Ausgrenzung, für ein würdevolles Leben für alle

In den letzten zwei Jahren kam es in Tschechien zu einer sichtlichen Zunahme an neonazistischen Aktivitäten und Provokationen. Auch die Bemühungen von Neonazis sich in der Politik zu etablieren sind offensichtlich. Dazu dient ihnen als legale Organisation die Arbeiterpartei, deren Führungskräfte vor nicht allzu langer Zeit Sudetendeutsche beschimpft haben und heute auf Aktionen der NPD Reden halten. Es ist nicht überraschend, dass man viele Neonazis, die bekannt sind für ihre Hitlergrüsse, Holocaustverleumdung und Gewalttätigkeit, auf den Kandidatslisten dieser Partei in den letzten Kreiswahlen sehen konnte.

Vor einem Jahr haben Neonazis ihren Antisemitismus mit provokativen Aktionen in Prag und Pilsen demonstriert. Damals marschierte gegen sie ein breites Spektrum Protestierender von radikalen Antifaschisten bis zu Politikern auf. Die Neonazis gingen ohne Erfolg wieder nach Hause. Deshalb richten sie sich jetzt gegen die Roma. Im Oktober und November diesen Jahres kam es von ihrer Seite aus zu zwei nicht vorher gesehenen Pogromversuchen. An die 700 Mann marschierten im nordböhmischen Litvinov auf und ihr Ziel war die Plattenbausiedlung Janov am Rande der Stadt. Diesesmal hatten die Politiker keine Verurteilung parat. Wie paradox – sie waren empört, als es letztes Jahr um ein nicht mehr existierendes jüdisches Viertel ging und jetzt, wenn es um die Roma geht, stecken sie den Kopf in den Sand.

Alarmierend ist auch, dass es den Neonazis gelungen war bei manchen Leuten auf gegen die Roma gerichtetes rassistisches Gehör zu stossen. So konnten wir sehen, wie einige Einwohner von Janov danach riefen, bewaffnete Neonazis auf die Roma loszulassen, die hier gegen Rassismus demonstrierten. Würden sie zufrieden sein, wenn am Ende einige tote Roma zurückblieben? Sind sie sich überhaupt dessen bewusst, dass sie mit ihrer Unterstützung der Neonazis nach der Auslöschung einer ganzen Ethnie rufen?

Im Hintergrund dieser Ereignisse stehen Immobilienbüros, die ihr gutes Geld damit verdienen, unbequeme Mieter aus lukrativen Stadtvierteln in eine perspektivlose Plattenbausiedlung in Nordböhmen umzusiedeln. Lokale Politiker sind wieder froh durch die Immobilienbüros diese Wohnungen verkauft zu haben, in die die unbeqemen Mieter dann abgeschoben werden. Und das alles ohne Rücksicht auf Probleme, die dieses Geschäft logischerweise mit sich bringt. Und die Politiker? Es geht doch um den unantastbaren freien Markt.

Wir wollen nicht leise zuschauen, wie die Profitgier einer kleiner Gruppe andere Leute vor unlösbare Probleme stellt. Wir wollen auch nicht den Pogromversuchen und Paratisieren der Arbeiterpartei an diesen Problemen zuschauen. Neonazis sprechen von einer Lösung, wollen sie aber nicht näher erläutern. Sonst würden sie nämlich zugeben müssen, dass sie einen weiteren Holocaust anstreben. Die Zahl der Toten, die in den letzten Jahren auf ihr Konto geht, ist nur der Beweis dafür. Bieten wir ihnen die Stirn jetzt, damit wir in der Zukunft nicht noch schlimmeren Greueltaten zusehen müssen.

Warum haben wir uns für unsere antifaschistische Protestaktion Prag und nicht Janov ausgesucht? Zum einen wollen wir vermeiden, dass die Medien diese Gegenaktion wie gewohnt darauf reduzieren, dass sich „zwei verfeindete Extremistengruppen bekriegen“. Und zum zweiten treffen wir in Prag auf diejenigen, die für die genannten Probleme verantwortlich sind. Immobilienbüros, die ihren Profit mit der Umsiedlung unbequemer Mieter machen. Regierungspolitiker, die es ihnen ermöglichen und deren Blick nicht hinter die Grenzen von Prag reicht, geschweige denn dass sie sich mit sozialen Problemen und Ghettos beschäftigen würden (Budgetstreichungen in diesem Bereich nicht mitgerechnet). Und nicht zuletzt ist es Prag, von wo aus die Führungskräfte der Arbeiterpartei Fahrten in verschiedene Ecken Tschechiens unternehmen und Rassismus und Intoleranz verbreiten.

Wir richten uns an alle, die rassistische Angriffe und andere Vorstösse der Neonazis verabscheuen, dass sie unseren Protest unterstützen. Wir richten uns vor allem aber an jene, die von diesen Angriffen am meisten betroffen sind – Roma, Juden, Vietnamesen, Jugendliche aus verschiedenen Subkulturen, Homosexuelle und alle anderen. Wir würden uns auch über Unterstützung aus dem Ausland freuen.

Sagen wir unser NEIN zu Rassismus, Neonazismus und Xenophobie!

Antifaschistische Aktion (AFA)

Anmerkung durch mich: Selbstverständlich entspricht dieser Aufruf nicht den Standarts einer antifaschistischen Bewegung, die die richtigen Elemente antideutscher Kritik rezipiert hat. Dennoch veröffentliche ich diesen Aufruf – einerseits im Sinne einer innerhalb der in ihrem eigenen Sud schmorenden Linken in Deutschland vernachlässigten, grenzüberschreitenden Solidarität, andererseits weil der Pogromversuch in Litvinov nach einer antifaschistischen Antwort verlangt und sie nun auch bekommt.


1 Antwort auf „Antifaschistische Protestaktion – 13. Dezember 2008, Prag“


  1. 1 Earendil 01. Dezember 2008 um 10:34 Uhr

    Danke für den Blick über den Tellerrand. Aber das Einfordern „antideutscher Standards“ im Nachsatz (vermutlich wegen des vielleicht verkürzten, aber nicht falschen Hinweises auf Immobilienspekulationen?) halte ich doch für ziemlich albern…

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