Der Ritualmordvorwurf von Trient 1475 und seine Rezeption bis auf den heutigen Tag

Dieser Text stellt nur ein Zwischenergebnis der Auseinandersetzung mit diesem Thema dar. Irrtümer möge man mir entschuldigen, Hinweise nehme ich gern entgegen. Eine passable, kurze Darstellung des Falls findet sich hier.

Dieser Vortrag ist notwendigerweise knapp gehalten und einige Dinge werden so – unvermeidlich – verkürzt dargestellt. Einiges ist auch lediglich Zwischenergebnis meiner Beschäftigung mit dieser Thematik. Ich bitte dafür um Verständnis.

1. Nachwirkung und Rezeption des Ritualmordvorwurfs von Trient 1475

Zunächst möchte ich stichpunktartig auf die Rezeption, auch die literarische, des Trienter Ritualmordprozesses eingehen. Insgesamt fanden die Ereignisse enormen Widerhall. Sie fungierten in der Folge als „historischer Beweis“. Zu beachten ist vor allem die Häufung ähnlicher Fälle ab dem Jahr 1480. Beispielsweise in Portobuffolè bei Treviso, 1485 in Marostica, und mit geringerer Resonanz 1476-77 in Pavia, 1479 in Arena Po, 1481 in Verona. Vereinzelt resultierten daraus auch Heilige: etwa Sebastiano v. Portobuffolè und Lorenzino v. Marostica.
Bezüglich der literarischen Auseinandersetzung mit dem Fall ist als erstes die Auseinandersetzung Platinas1 und de‘Giudicis (Apologia) zu nennen. Auch die consultatio des Kirchenrechtlers Giovanni Francesco Pavini, in der die Handlungen des apostolischen Kommissars für nichtig erkärt werden, und welche 1478 gedruckt wurde, entfaltete große propagandistische Wirkung. Bemerkenswert ist auch die Rezeption durch Humanisten in Venedig. So bei Lodovico Foscarini2, Antonio Gradenigo3 sowie Paolo Morosini4 (de aeterna temporalique Christi generatione). Denn vor allem auch im venezianischen Gebiet wurde der Fall durch Franziskaner propagiert. Zu verweisen ist hier auf den Augustiner Silvestro von Bagnoregio und seine Conclusiones […] super Canonizatione Beati Symonis Tridentini, aus dem Jahr 1476 oder 1477.
Nach Hinderbachs Tod im Jahre 1486 und dem Ausbleibenden einer schnellen Heiligsprechung lässt die Propaganda des Vorwurfs nach. Nicht jedoch in der Ikonographie und bei den Prädikanten. Der Kult stabilisiert sich als ein etwas mehr als lokaler, welcher Ermüdungszeichen zeigt, zu erkennen an der abnehmenden Zahl von Wundern. Ein Jahrhundert nach dem Prozess wird er als lokaler Kult durch den Heiligen Stuhl zugelassen.
In der Folgezeit gibt es weiterhin theoplogische Kontroversen um die Frage, ob der Papst oder Hinderbach im Recht waren. Im ausgehenden 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. gibt es eine Verschiebung innerhalb des Diskurses über Simonino. Auf der einen Seite gibt es nachwievor Dissertaziones apologetiche, wie die von Divina5 und Oreglia6, welche sich inhaltlich nicht sehr von Bonellis Collectanea in Judaeos B. Simonis Tridentini pueri interemptores von 1775 unterscheiden, „antihistorische Wiederaufnahmen“ des Trienter Prozesses. Daneben ist die antisemitische Bewegung Luegers zu beachten, deren Parolen sich der damaliger Trientiner Katholizismus aneignet. In Deutschland der damaligen Zeit dagegen gibt es auch deutliche Zurückweisungen des Ritualmordvorwurfs wie bei Strack7, der deutschen Übersetzung Chwolsons8, bei Stern9 und Lipschilz10. Des Weiteren – ich bitte um Verzeihung, dass ich nur einige Stichpunkte nenne – geht in zweiter Hälfte des 19. Jahrhunderts auf gesamter italienischen Halbinsel die bürgerliche Judenemanzipation vor sich. Dagegen gibt es – wie so oft – antiliberale Strömungen, die selbstverständlich Argumente in der Vergangenheit suchen (vgl. „römische Frage“).
Innerhalb dieser Konstellation erscheinen 1903 Menestinas Beträge für die Zeitschrift „Tridentum“. Zwar sind sie positivistisch-rechtshistorisch, dennoch verdienstvoll: Wir haben damit erstmals eine konfessionslose, nichtapologetische Darstellung des Prozesses. Die Prozessführung wird darin scharf verurteilt.
Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Shoa wird 1965, im Rahmen des II. Vatikanischen Konzils, der Kult abgeschafft. Im gleichen Jahr wird auch eine Simonino gewidmete Kapelle in ein Zentrum für Gebet und ökomenische Treffen umgewandelt.
Zu erwähnen sind letztendlich noch antisemitische Splittergruppen, welche nach wie vor die Propagation des Ritualmordvorwurfs betreiben. (Auf Ariel Toaff gehen ich im Folgenden noch ein.)

Lit.: Diego Quaglioni, Das Inquisitionsverfahren gegen die Juden von Trient (1475-1478), in:
Susanna Buttaroni, Stanisław Musiał (Hrsg.), Ritualmord. Legenden in der europäischen Geschichte, Wien, Köln, Weimar 2003, 85-130.
Anno Esposito, Das Stereotyp des Ritualmordes in den Trienter Prozessen und die Verehrung des „Seligen“ Simone, in: ebd., 131-172.
Tommaso Caliò, Der Kult der angeblichen Ritualmordopfer in Italien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: ebd., 249-273.

2. Vergleich einiger angeblicher Ritualmordopfer hinsichtlich der lateinischen Hagiographie anhand der BHL

Bei der Betrachtung der literarischen Verarbeitung des Ritualmordvorwurfs von Trient kann ein Blick in die allseits bekannte Bibliotheca hagiographica latina der Bollandisten lohnen. Hier sind lateinische hagiographische Texte relativ zuverlässig verzeichnet. Verglichen werden hier vier angebliche Ritualmordopfer mit dem Apostel Andreas. (Diese Überlegung ist nur eine Idee, welche hiermit zu Diskussion gestellt wird. Ich hoffe dennoch auf einen gewissen Aussagewert.)11

Andreas apost. – 30. Nov. (BHL 71-73, NS 54-57)
1. Passio
2. Passio
3. Acta Andreae et Matthiae
4. Liber de miraculis auct. Gregorio Turonensi
4. Miracula I. + II.
5. Translatio Cpolim saec. IV
6.Translatio Cpoli Amalphim an. 1216, auct. Mattheo archidiac.
7. Translatio brachii (cum brachio s. Lucae) Romam saec. VI
8. Translatio reliquiarum in Scotiam saec. VIII a.,b.,c.
9. Translatio capitis Romam an. 1462 a. auct. Pio II. papa, b., c.
10. Miraculum in ecclesia Eveshamensi
11. Epitomae
12. Prologi seu Laudationes I. + II.
William of Norwich 1144 – 25. März (BHL 1287, NS 888)
1. Vita auct. Thoma Monumutensi Mon. Norwic., libris 7.
2. Epitome (Act. SS. Mart. III. 590-91; 3a ed. 587-88.)
Little Hugh of Licoln 1255 – 27. Juli (BHL 600, NS 436)
1. Passio (Act. SS. Iul. VI. 494-95.)
Werner von Oberwesel 1287 – 19. April (BHL 1277, NS 882f.)
1. Passio (Act. SS. April. II. 699-701; 3a ed. 697-99.)
2. Passio Auct. Winando Pastore Bacheracensi (Exc. Act. SS. t. c. inter annotata ad libellum 1 („Nova Historia“).)
3. Miracula facta an. 1287 (Act. SS. t. c. 704-5; 3a ed. 702-3.)
4. Inventio et translatio an. 1426 a) (Act. SS. t. c. 705-6; 3a ed. 703-4.), b) (Exc. Act. SS. in
annotatis b, d, e ad libellum 4a.)
5. Miracula Publica auctoritate conscripta an. 1426-1428 (Act. SS. t. c. 708-14; 3a ed. 706-12.)
6. Progressus Bacheracensis de vita, martyrio et miraculis factus an. 1428-1429 (Exc. Act. SS. t. c. 714-34; 3a ed. 712-32. – Inerant cum alia documenta, tum etiam libelli de quibus supra 2-5.)
7. Tractatus (Cf. Anal. Boll. 27 (1908), 27529.)
8. Canticum Vulgare in Latinum Translatum (cf. Anal. Boll. 52 (1934), 1857.)
Simon v. Trient 1475 – 24. März (BHL 1124f., NS 793)
1. Processus de nece pueri
2. Passio (Epistula Iohannis Mathiae Tyberini, 4 apr. 1475) a) (Act. SS. Mart. III. 495-98; 3a ed. 493-96.), b), c) (Passio et miracula) I. passio II. miracula
2 bis. Liber de obitu auct. Iohanne Garzone (Cf. Anal. Boll. 42 (1924), 3256.)
3. (Epistula Iohannis Hinderbachii ep. Tridentini, 30 apr. 1475)
4. Carmen auct. Raphaele Zovenzino (?)
5. Carmen auct. Iiohanne Calphurino
6. Carmen auct. Ubertino Pusculo
7. Carmen auct. Ioh. Math. Tiberino (Cf. Anal. Boll. XIV. 79, 54°.)

Zuerst ist verstellbar, dass relativ viele – im Vergleich zu einer sehr populären heiligen wie Maria natürlich wenige – Texte verzeichnet sind. Es wird fast die Anzahl des relativ bedeutenden Apostels Andreas erreicht. Dies ist allerdings auch bei Werner von Oberwesel der Fall. Verhältnismäßig viele carmina sind Simonino gewidmet. Keine Aussage lässt sich selbstverständlich zu volkssprachlichen Texten sagen. Annehmbar ist donnoch eine vergleichsweise große Bedeutung innerhalb der gebildeten Schichten.

Lit.: Socii Bollandiani, Bibliotheca hagiographica latina antiquae et mediae aetatis, Bruxelles 1898-1899 (Réimpression anastatique, 1992).
Henricus Fros, Bibliotheca hagiographica latina antiquae et mediae aetatis. Novum supplementum, Bruxelles 1986.

3. Beispiel für lyrische Verarbeitung (Epigramm auf einem Stuhl)

Hier nun ein kurzes Beispiel für die Lyrik im Zusammenhang mit dem Ritualmordvorwurf von Trient. Zu finden in:
Acta sanctorum Martii a Ioanne Bollando S.I. collegi feliciter coepta. A Godefrido Henschenio et Daniele Papebrochio eiusdem Societatis Iesu aucta, digesta & illustrata. Tomus III. Cui praemittuntur observationes perquam vtiles ad S. Theophanis Chronographiam: et Genialogicum stemma Francorum Regum, per tres Dagobertos deductum. Subiuguntur Graeca huius mensis Acta a die XIX ad finem, Antverpiae 1684, p. 498.
Das carmen findet sich in einer Handschrift im anschluss an: Iohanne Mathiae Tiberini historia passionis.

[…]
12 Hactenus Iohannes Matthias, ut est apud Surium & in MS. Rubeae-vallis. MS. Aegrense, omissa clausula Valete & c. subiungit.

MIRACULUM

Sait d Hebraeorum caussam protector adorsus,
Dum sedet infelix, hic sibi somnus adest:
Hunc locus impatiens miserum deturbat in ignem;
Auxilium quaerens, carpit ahena manu;
Tempora confestim feruentibus obruit vndis,
Et cute consumpta, lumine caecus eget.
Terra e Roueredi, miracula maxima lustrans,
Hanc sedem merito dat tibi, sancte Puer.
Miracula magna mirandaque signa, quae Deus circa beatum hunc puerum operatur, quia indies in confusionem Iudaeorum magis crebrescunt, post debitas eorum poenas solutas alio libello conscribentur.

[…]
d Ex ipso nomine, quod videtur pro Seth accipiendum, fieri coniectura potest, hunc quoque fuisse Hebreum genere.
e Roboretum vulgo Roueredo decimo ab urbe Tridentina milliario, secundo Athesi defluentibus ad laeuam relinquitur, modice distans a ripa. Ex hoc oppido cum tali epigrammate allata videtur sedes, unde per somnolentiam prolapsus in ignem infelix caussidicus, feruentis aquae ahenum supra caput suum euertit. Et haec antequam de Iudaeis supplicium sumeretur, gesta ac scripta sunt.

Übersetzung ins Deutsche

12 Soweit Iohannes Tiburinus, wie es bei Surius12, im Manuskript Rubeae-vallis ist. Das Manuskript Aegrense übergeht den Schluss „Valete etc.“ und fügt hinzu:

WUNDER

Sait d, der Verteidiger der Juden, begann den Fall, und während er unglücklich sitzt, ist nun der Schlaf da: der ungeduldige Platz wirft diesen Elenden in das Feuer hinab; während er um Hilfe ruft, reißt er den Kessel mit seiner Hand um; dieser überschüttet unverzüglichst sein Gesicht mit siedenden Wogen, und nachdem die Haut verbraucht ist, sehnt er sich blind nach dem Licht. Das Land von Roveredo e gibt dir, heiliger Junge, weil es deine sehr großen Wunder betrachtet, diesen Sitz, weil du dessen würdig bist..
Große Wunder und wunderbare Zeichen, die Gott bei diesem seligen Jungen wirkt, weil von Tag zu Tag die Verwirrung der Juden immer mehr zunimmt, wurden, nachdem die geschuldeten Strafen dieser abbezahlt waren, in einem anderen Büchlein aufgeschrieben.

d Aus diesem Namen, der scheinbar für Seth anzunehmen ist, kann die Vermutung getätigt werden, dass dieser auch jüdischer Herkunft war.
e Roboretum oder, in der Volkssprache, Roveredo liegt am zehnten Meilenstein von der Stadt Trient aus, wo der Etsch zur Linken herabfließt, nicht weit vom Ufer entfernt. Aus diesem
Städtchen scheint der Sitz mit diesem Epigramm herbeigebracht worden zu sein, von dem durch Schlaftrunkenheit der unglückliche Advokat ins Feuer gerutscht ist und der Kessel mit dem siedenden Wasser über seinem Kopf stürzte. Und dies geschah und wurde auf geschrieben, bevor er die Todesstrafe von den Juden nehmen konnte.

Bei diesem Epigramm wurden recht gelungene elegische Distichen verwandt. Die Pentameter enthalten die obligatorische Dihärese, die ersten beiden Hexameter Pent- und Hephthemimeres. In den letzten beiden Hexametern finden sich Penthemimeres und bukolische Dihärese. Allerdings erinnert der Inhalt eher weniger an die Welt der Hirten. Wenn der Sitz tatsächlich existierte und der Verteidiger der Juden tatsächlich durch einen Unfall zu Tode kam, kann man hier erkennen, wie tief verwurzelt der Hass auf die Juden war. Das Ereignis wird in das antijüdische Phantasiegebäude integriert. Der Unfall erscheint als durch Gott bewirkt und die Verfolger fühlen sich in ihrem Handeln bestärkt. Aber auch wenn der Sitz gar nicht existierte, Epigramme sind schließlich auch eine beliebte literarische Gattung jenseits wirklicher „Aufschriften“, kommen hier tiefe antijüdische Ressentiments zum Vorschein.

4. Beispiel für heutige Rezeption – Auszug aus der Einleitung zu: Blood passover. The Jews of Europe and Ritual Murder. By Ariel Toaff. Complete English Text. Translated By Gian Marco Lucchese and Pietro Gianetti, 2007. [Erste Auflage]

Einige Bemerkungen voran: In diesem Buch versucht der Autor nachzuweisen, dass die erfolterten Aussagen des Trienter Prozesses, einen Bezug zur Realität hätten, ein jüdischer Ritualmord als möglich sei. Nun gut, man kann sagen, dass dies viele Leute behaupten. Allerdings ist Toaff nicht nur Historiker sondern auch Lehrstuhlinhaber an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan, Israel. Darüberhinaus ist sein Vater auch noch emeritierter Oberrabbiner von Rom. Es handelt sich also um ein gefundenes Fressen für die Antisemiten dieser Welt. So wurde das Buch – das nur auf Italienisch erschien – schnell ins Englische übersetzt und im Internet veröffentlicht. Nach heftiger Kritik distanzierte sich Toaff von seinen Aussagen und veröffentlichte eine überarbeitete zweite Auflage – allerdings wieder nur auf Italienisch.13 Somit ist von einem erheblich größeren Einfluss der englischen Übersetzung der ersten Auflage zu rechnen. Ich zitiere aus dieser Übersetzung und widerlege anschließend, was man dort lesen kann:

[…]
Nearly all the studies on Jews and the so-called “blood libel” accusation to date have concentrated almost exclusively on persecutions and persecutors; on the ideologies and presumed motives of
those same persecutors: their hatred of Jews; their political and/or religious cynicism; their xenophobic and racist rancor; their contempt for minorities. Little or no attention has been paid to the attitudes of the persecuted Jews themselves and their underlying patterns of ideological behavior – even when they confessed themselves guilty of the specific accusations brought against them. Even less attention has been paid to the behavioral patterns and attitudes of these same Jews; nor have these matters been considered worthy even of interest, attention or serious investigation. On the contrary: these behavioral patterns and attitudes have simply been incontrovertibly dismissed as non-existent — as invented out of whole cloth by the sick minds of anti-Semites and fanatical, obtusely dogmatic Christians.
[…]
As stressed above, it is simply not permissible to ignore the mental attitudes of the Jews who were tried, tortured and executed for ritual murder, or persecuted on the same charge. At some point, we must ask ourselves whether the “confessions” of the defendants constitute exact records of actual events, or merely the reflection of beliefs forming part of a symbolic, mythical and magical context which must be reconstructed to be understood. In other words: do these “confessions” reflect merely the beliefs of Gentile judges, clergy and populace, with their private phobias and obsessions, or, on the contrary, of the defendants themselves? Untangling the knot is not an easy or pleasant task; but perhaps it is not entirely impossible.
In the first place, therefore, we must investigate the mental attitudes of the Jews themselves, in the tragic drama of ritual sacrifice, together with the accompanying religious beliefs and superstitious and magical elements. Due attention must be paid to the admissions which made historical and local context, identifiable within a succession of German-speaking territories on both sides of the Alps, throughout the long period from the First Crusade to the twilight of the Middle Ages. In substance, we should investigate the possible presence of
Jewish beliefs relating to ritual child murders, linked to the feast of Passover, while attempting to reconstitute the significance of any such beliefs. The trial records, particularly the minutely detailed reports relating to the death of Little Simon of Trent, cannot be dismissed on the assumption that all such records represent simply the specific deformation of beliefs held by the judges, who are alleged to have collected detailed but manipulated confessions by means of force and violence to ensure that all such confessions conformed to the anti-Jewish theories already in circulation at the time.
A careful reading of the trial records, in both form and substance, recall too many features of the conceptual realities, rituals, liturgical practices and mental attitudes typical of, and exclusive to, one distinct, particular Jewish world – features which can in no way be attributed to suggestion on the
part of judges or prelates – to be ignored. Only a frank analysis of these elements can make any valid, new and original contribution to the reconstruction of beliefs relating to child sacrifice held by the alleged Jewish perpetrators themselves — whether real or imagined – in addition to attitudes based on the unshakeable faith in their redemption and ultimate vengeance against the Gentiles, emerging from blood and suffering, which can only be understood in this context.
[…]

(von: hxtp://www.bloodpassover.com/toaffintro.htm, letzter Zugriff: 08.12.2008)

Zusammengefasst kann man sagen, dass Toaff meint, man müsse auch die Opfer der Judenfeindschaft und ihre Haltungen betrachten. Auch die Prozessprotokolle, die unter Folter zustande kamen und lediglich ein Ergebnisprotokoll durch die Ankläger enthalten, hält er für geeignete Quellen. Als Historiker hätte Toaff eventuell registrieren können, dass die Anschuldigung der Ritualmords bereits 1236 von keinem geringeren als Friedrich II. widerlegt wurde.14

5. Zurückweisung solcher Annahmen

Wie kann man nun Toaffs Annahmen zurückweisen? (Selbstverständlich muss man nicht gesondert darauf eingehen, dass die Folter als Mittel der Wahrheitsfindung nicht zu Unrecht in Verruf gekommen ist.) Zunächst eine kurze Feststellung: Juden werden des Ritualmords bezichtigt, werden gefangen genommen, gefoltert und hingerichtet. Die Richter lassen sich dabei nicht von Gegenargumenten beeinflussen. Was können wir daraus erkennen?
Ich bin der Meinung, dass die Elemente des Antisemitismus, genauer die These VI, uns helfen können, mit der Ritualmordbeschuldigung umzugehen. Was kann man dort lesen?

„Der Antisemitismus beruht auf falscher Projektion. Sie ist das Widerspiel zur echten Mimesis, der verdrängten zutiefst verwandt, ja vielleicht der pathische Charakterzug, in dem diese sich niederschlägt. Wenn Mimesis sich der Umwelt ähnlich macht, so macht falsche Projektion die Umwelt sich ähnlich. Wird für jene das Außen zum Modell, dem das Innen sich anschmiegt, das Fremde zum vertrauten, so versetzt diese das sprungbereite Innen ins Äußere und prägt noch das Vertrauteste als Feind. Regungen, die vom Subjekt als dessen eigene nicht durchgelassen werden und ihm doch eigen sind, werden dem Objekt zugeschrieben: dem prospektivem Opfer.“15

Allerdings sei in gewissem Sinne alles Wahrnehmen Projizieren. Dies stamme noch aus tierischer Vorzeit und müsse in menschlicher Gesellschaft unter Kontrolle gebracht werden, um zwischen zwischen Innen und Außen unterscheiden zu können. Wie kommt es aber zur falschen Projektion?16
In diesem Zusammenhang müsse auch auf eine epistemologische Frage eingegangen werden, die Beziehung von Subjekt und Objekt: Das Subjekt erhalte vom Objekt Sinnesdaten. Diese würden vom Intellekt gelenkt zurückgespiegelt auf das Objekt. Es entstehe die synthetische Einheit der äußeren Eindrücke. Dasselbe passiere mit den Inneren. So entstehe das Ich.17 Adorno und Horkheimer folgern:

„Nicht in der vom Gedanken unangekränkelten Gewißheit, nicht in der vorbegrifflichen Einheit von Wahrnehmung und Gegenstand, sondern in ihrem reflektierten Gegensatz zeigt die Möglichkeit von Versöhnung sich an. Die Unterscheidung geschieht im Subjekt, das die Außenwelt im eigenen Bewußtsein hat und doch als anderes erkennt. Daher vollzieht sich jenes Reflektieren, das Leben der Vernunft, als bewußte Projektion.“18

Bei Antisemitismus allerdings falle die Reflexion beim Projizieren aus und das Innere werde reflexionslos auf das Außen projiziert.19 Was aber wird da aus dem Inneren nach Außen projiziert? Adorno und Horkheimer schreiben:

„Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck des Über-Ichs projiziert das ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußeres loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr.“20

Dass die tabuierte Regungen homosexueller Art seien, ist allerdings schon allein deshalb zurückzuweisen, weil in unserem Zusammenhang, dem Mittelalter und der beginnenden frühen Neuzeit, überhaupt noch keine Homosexualität im modernen Sinne des Wortes gab, d.h. als deviantes Verhalten und Charaktermerkmal, bzw. sie erst im Entstehen war.
Des Weiteren – und das ist besonders wichtig, da auch schon im Mittelalter der Ritualmordvorwurf mehrfach widerlegt wurde – schreiben Horkeheimer und Adorno, dass der Paranoide, d.h. der pathisch Projezierende, nicht fähig sei, sein projektives Urteil zu negieren. Es entstehe eine schlechte Unendlichkeit des immergleichen Urteils und Erfahrungen können nicht mehr gemacht werden.21
Einen lohnenden Ansatzpunkt bietet ebenfalls Sigrun Anselms Text über Angst und Angstprojektion in der Phantasie vom jüdischen Ritualmord. Ihrer Ansicht liegt dem christlichen Ritualmordvorwurf verdrängter Vaterhass, ein magisches Naturverständnis und das unglöste Opferproblem im mittelalterlichen Christentum zugrunde.22
Der Ursprung der Ritualmordanklage von Trient ist demnach nicht im damaligen Judentum zu suchen, sondern in den Köpfen der christlichen Verfolger. Somit begeht Toaff einen großen methodischen Fehler. Er hätte aber auch nur seinen Vater fragen müssen. Denn dieser hätte ihm erklärt, dass solch ein Vorwurf nicht mit der jüdischen Religion vereinbar ist – zu keiner Zeit.

Lit.: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 152004, 196-209.

  1. Bartolomeo Platina, italienischer Humanist und Bibliothekar, ersten Bibliothekar der moderneren Vatikanischen Apostolischen Bibliothek: vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bartolomeo_Platina (letzter Zugriff: 08.12.2008) [zurück]
  2. Ludovivo Foscarini, venezianischer Politiker und Litterat, noch unediertes Epistolarium dokumentiert seine Kultur: Lessico universale italiano VIII, 190. [zurück]
  3. Gradenigo, bedeutende venezianische Familie, brachte 3 Dogen hervor: ebd. IX, 296. [zurück]
  4. Morosini, bedeutende venezianische Familie, 4 Dogen: ebd. XIV, 264f. [zurück]
  5. Storia del beato Somone da Trento, compilata sui processi autentici istiuiti contro gli Ebrei e sopra altri documenti contemporanei, Trento 1902. [zurück]
  6. „Briefwechsel“ in: La Civiltà Cattolica, 11a Serie, 1881-83. [zurück]
  7. Der Blutaberglaube in der Menschheit: Blutmorde und Blutritus, München 1892. [zurück]
  8. Die Blutanklage und sonstige mittelalterliche Beschuldigungen der Juden, Frankfurt 1901. [zurück]
  9. Die päpstlichen Bullen über die Blutbeschuldigung, Berlin 1893; Urkundliche Beiträge über die Stellung der Päpste zu den Juden, Kiel 1893. [zurück]
  10. Christliche Zeugnisse gegen die Blutbeschuldigung der Juden, Berlin 1882. [zurück]
  11. In der hier stehenden Tabelle, wurden bis auf die Verweise zu den Acta sactorum alle Quellenangaben entfernt; bei Andreas sämtliche. Dies liegt in meiner Arbeitsweise begründet. Ich bitte um Verständnis. [zurück]
  12. Laurentius Surius, Kathäuser, geb. 1522 in Lübeck, gest. 1578 in Köln [Allgemeine Deutsche Biographie 37, 1894 (Neudr. Berlin 1971), 166.] [zurück]
  13. http://de.wikipedia.org/wiki/Ariel_Toaff (letzter Zugriff: 12.12.2008) [zurück]
  14. vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Stadt_Fulda#Sp.C3.A4tmittelalter (letzter Zugriff: 12.12.2008) [zurück]
  15. Adorno/Horkheimer, 196. [zurück]
  16. ebd., 197. [zurück]
  17. ebd.. 197f. [zurück]
  18. ebd., 198. [zurück]
  19. ebd., 199. [zurück]
  20. ebd., 201. [zurück]
  21. ebd., 203-205. [zurück]
  22. vgl. Sigrun Anselm, Angst und Angstprojektion in der Phantasie vom jüdischen Ritualmord, in: Rainer Erb (Hrsg.), Die Legende vom Ritualmord, Berlin, 253-265. [zurück]