„…, aber irgendwann kann man es nicht mehr hören!“

Über den Einfluss des sekundären Antisemitismus bei der deutschen Vergangenheitsbearbeitung

Vortrag/Buchvorstellung mit Christian Dietrich

„Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“, heißt es in den Minima Moralia. Ursprünglich noch auf den klassischen Antisemitismus und dessen halluzinierter Identifikation von Moderne und Judentum bezogen, benennt dieser Satz ebenso das entscheidend Neue im sekundären Antisemitismus, dem Antisemitismus nach und wegen Auschwitz. So wie die Gerüchte Juden vorgestern zu Brunnenvergiftern und gestern zu den Erfindern der Individualität, des Kommunismus, des Finanzkapitalismus, der Moderne, der Frauenemanzipation machen konnten, erscheinen sie seit 1945 als einflussreiche Miesmacher des ungetrübten Verhältnisses zur eigenen Nation. Der sekundäre Antisemitismus ist wie sein Vorgänger Spekulation und ähnlich gefährlich. Antisemitismus wegen Auschwitz ist nicht begrenzt auf trostlose Regionen politisch-moralischen Unverständnisses oder (was weitestgehend dasselbe wäre) die dunklen Wälder zwischen Chemnitz und Pirna. Antisemitismus wegen Auschwitz ist die durchaus militante ‚Bewältigung’ der Vergangenheit, der Wunsch nach ungetrübter Überantwortung ins deutsche Racket.
Christian Dietrich spricht im Rahmen der Buchpräsentation „Tote und Tabu. Zur Tabuisierungsschwelle und (kommunikativen) Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland“ über den deutschen Umgang mit der eigenen Geschichte, dem Bedürfnis nach frivoler Volksfeststimmung und der Wut auf jene, die dabei stören könnten.

Dienstag, 27.01.2009
18.30 Uhr, Melanchthonianum, HS XVII
Universitätsplatz Halle


1 Antwort auf „„…, aber irgendwann kann man es nicht mehr hören!““


  1. 1 ambivalenz Trackback am 25. Januar 2009 um 19:46 Uhr
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