Vom eigenen Elend und der sinnlichen Wende

Ohne Kritische Theorie schmeckt’s besser

Eine Antwort darauf findet sich hier.

Ohne kritische Theorie schmeckt’s besser!

Streifzüge 45/2009

von Martin Scheuringer

Zur Einstimmung zwei Texte zur Lebensart des kritischen Theoretikers:
„Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.

Es war nasskalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht – und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.

Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ (Georg Büchner) Der kritische Theoretiker hat Lenzens Wunsch verwirklicht. Er geht am Kopf durch die schöne Welt. Die zweite Weisheit:

„Ach Theodor!
Hättest du doch mal ein Glas oder fünf Gläser zu viel geleert. Hättest du doch mal auf LSD zu Jazz-Musik getanzt. Hättest du doch mal mit Hilfe von Marihuana die Reflexion über deine Reflexion blockiert und dein Denken sich selbst überlassen, um über seine Irrwege zu lachen!

Ach Theodor!
Hättest du doch mal so lange und intensiv gevögelt, dass ein Orgasmus dein Denken für Minuten lahm gelegt hätte!

Ach Theodor!
Einen Marathon hättest du laufen sollen, um das Glücksgefühl nach der Ziellinie zu erleben, fünfzig Längen im Schwimmbad schwimmen, um danach mit geschwellter Brust aus dem Schwimmbecken zu steigen. Die Blicke der Frauen hättest du auf dich gezogen. Mit dem Fahrrad den Berg hinauf- und wieder runterfahren – das wäre dir ein lehrreiches Erlebnis gewesen! Da hättest du ja wirklich mal deinen Körper wahrgenommen, vor allem die schönen Minuten, die er dir nach einer Anstrengung bereitet, das erleichternde Gefühl, sich aus dem Korsett des Denkens in die Körperlichkeit hinein befreit zu haben.

Ach Theodor!
Hast du denn nie voller Hingabe einen Schubert am Klavier interpretiert, sodass du und die Musik eine Einheit waren, sodass du dein Denken hinter dir gelassen und dich für das Musische geöffnet hast?
Dieser traurige Verdacht drängt sich auf, wenn man manches von dir liest, so reflektiert, so durchdacht, so klärend wirkt deine Sprache.

Doch welch Glück! Ich habe eine Stelle gefunden, die zeigt, dass das alles nicht so ernst ist. Theorie ist für dich zweitrangig, Ziel ist es, dem Genuss der Objekte wieder unverdorben frönen zu können.
Denn du hast genossen, du warst nicht der reine Theoretiker, den viele in dir sehen: Man solle sich „bis zur Selbstpreisgabe“ in die Objekte versenken und „in angstloser Passivität der eigenen Erfahrung“ vertrauen. So steht’s geschrieben in den Minima Moralia.

Ach Theodor!
Nun geht’s mir besser. Ich will in deinem Sinne weitermachen.“ (Volksweisheit)
Liebe Reflexions-Polizei!

So nicht. So wie ihr das plant, so wird das nichts. Ja gut, theoretisch betrachtet habt ihr ja recht – ihr sprecht Wahres, wenn ihr die Totalität der Verwertung erklärt und gar den Rausch als funktional denunziert. Diese Einsicht müsse schließlich verbreitet werden. Wahrheit sei zumutbar. Aufklärung Pflicht. Nicht wahr?

Ja, ist wahr. Und ja, es ist traurig, dass die Welt und wir verdorben sind. Das Problem mit dieser ernüchternden Wahrheit ist, dass sie in sich nicht den geringsten Ansatzpunkt zur positiven Veränderung birgt. Je öfter ihr Theoretiker diese Wahrheit unserem Tun vorhaltet, desto weniger wollen wir mit euch zu tun haben. Diese Wahrheit ist abstoßend, und wir identifizieren euch mit dieser Wahrheit, ob ihr das wollt oder nicht. Wir werden euch bald nicht mehr hören wollen.

Ich selbst habe jahrelang mit solchem Denken mein Gehirn trainiert und meine Sinnlichkeit und Gefühle verkümmern lassen. Am Ende bin ich nirgends angekommen außer in der negativen Utopie, bald ein emotionaler Krüppel zu sein, der seine freundschaftlichen Beziehungen an diesem „Nein zum Kapitalismus“ ausrichtet, weil er allen Menschen ihre Funktionalität unter die Nase reiben muss und so keine tiefgehende Freundschaft mehr zu Stande bringt. Was hätte es für einen Sinn, mit einem verdorbenen Subjekt Freundschaft zu schließen, wenn dieses nicht einmal für meine Aufklärungsversuche empfänglich ist? So oder noch komplizierter dachte ich und verpasste dadurch Wesentliches, Schönes und Gutes.

Für mich ist dieser Weg abgeschlossen, ich will über das Nein, das diese Theorie setzt, hinaus zu einem sinnlich greifbaren Ziel. Ich will etwas erlebbar machen, das motivieren kann. Das bloße „Nein“ motiviert nur Denker, und die verändern die Welt nicht.

Einem Theoretiker, der wieder ins Leben zurück will, wirft man also nicht vor, nicht mehr reflektieren zu wollen, weil ich diesen Schritt aus einer Reflexion über die permanente Reflexion heraus gesetzt habe. Ich will nicht mehr als Gespenst durch die Welt flanieren in geistiger Distanz zum Inhalt.

Die Beziehung zu mir als sinnlichem und emotionalem Menschen hatte ich als Theoretiker in unbefriedigender Weise geknüpft. Inhalt diente mir als Anstoß zum theoretischen Beweis seiner kapitalistischen Überformung. Freundschaften dienten zum Beweis, dass Beziehungen im Kapitalismus sowieso nicht gut und schön sein können – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Sinnliches durfte sich in meinem Bewusstsein nie voll entfalten, mich in seiner Fülle und Verschiedenheit nie befriedigen, weil ich es immer, so schnell es ging, in eine begriffliche Schublade packte und dann in den Kasten „Vom Kapitalismus Verdorbenes“ schob, der bald voll war mit allem Schönen, das die Welt zu bieten hat. Ständig nötigte mich meine intellektuelle Aufgabe zur Distanzierung vom Sinnlichen: von mir, meinen Mitmenschen und meiner Welt.
Raus aus dem Denken, rein in die Welt!

Mit einem Rausch will ich wieder rein ins Schöne – ich will es in allen Facetten auskosten, ich will mein kritisches Denken für diese Momente ausschalten und mich der Welt der Objekte hingeben wie ein ins Spiel vertiefte Kind.

Diese Einstellung zur sinnlichen Welt sei eine emanzipatorische Forderung ersten Ranges, deklarierte ich, und schon – so schnell kann ich gar nicht berauscht sein – werde ich von der Reflexions-Polizei im Adorno-Gewand zurückgepfiffen: „Du handelst affirmativ, wenn du nicht alles Tun mit kapitalismuskritischer Reflexion begleitest. Nota bene: Du bist immer und überall funktional unter das automatische Subjekt subsumiert.“ So wird einem, bevor er noch trinken kann, das gefüllte Glas aus der Hand gerissen: „Emanzipation gibt’s vorerst nur in der kritischen Theorie.“ Wisst ihr Theoretiker, was ihr uns Menschen antun wollt? Ist euch klar, dass ihr mit euren Analysen unseres Verhaltens keine Hilfe leistet?

Und dennoch seid ihr so dreist und stellt Regeln für unser Tun auf. Ihr setzt das Verbot: „Handelt nicht kapitalistisch!“ Gut, sagt der Mensch, dann eben nicht, ich suche mir Nischen und Ecken und entfalte mich dort. „Haha!“ schreit ihr ewigen Besserwisser dann, „der Kapitalismus, der ist so total; auch wenn du meinst nicht-kapitalistisch gehandelt zu haben, so war dies im Großen und Ganzen – ähm, auf einer höheren Abstraktionsstufe sozusagen – ich weiß jetzt nicht, ob du das verstehst, aber lies mal Hegel, Marx, Adorno, Kurz und ein wenig Kant, dann verstehst du es vielleicht – funktional: Es gibt kein Entkommen!“ Selbst wenn diese Praxis aus einem emanzipatorischen Impetus gestartet wurde, ihr erbringt den furchtbaren Beweis ihrer Konformität.

Die einzige Praxis, die ihr als potentiell frei duldet, ist die des kritischen Theoretikers. Ich lade euch daher zu einem Gedankenexperiment ein, um kurz zu zeigen, wohin das führt: Nach jahrzehntelangen Bildungsoffensiven seitens der internationalen Linken haben alle Menschen Marx, Adorno und Kurz verstanden, sie haben theoretische Einsicht in sich und ihre Umwelt erlangt. Was tun diese Menschen? Nichts Entscheidendes. Alle haben sich im Denken auf die Suche nach der Wirklichkeit gemacht, alle haben aufgehört praktisch zu sein. Alle sind Geister geworden. Alle sind voller Hoffnung, dass irgendwoher die Erlösung kommt, doch theoretisch wissen alle, dass sie jeglichen Ansatz als affirmativ denunzieren werden. Niemand weiß ein Ziel, niemand kennt ein sinnliches Leben. Niemand weiß ,wozu er Theorie betreibt, außer für ein nicht mehr greifbares Ziel, das ein leerer Begriff wurde, den alle wie einen Gott heiligen: Emanzipation – nimmt einer diesen Begriff in den Mund, so ergreift die versammelte Theoretikergemeinschaft ehrfurchtsvolles Erschaudern. Manche knien voller Demut vor dem Intellekt des Denkers, der sich traut, diesen Begriff in den Mund zu nehmen, nieder und kauen seine analytischen Brocken wieder und wieder und wieder.

Um aus diesem Dilemma hinauszukommen, schlage ich eine andere Perspektive auf die Welt vor. Diese setzt sich folgenden Ausgangspunkt: Ich handle im Moment des Rausches, der liebevollen Berührung oder der freundschaftlichen Bewirtung eines Gastes nicht kapitalistisch. Diesen Moment des guten und schönen Lebens lasse ich mir von der Reflexions-Polizei nicht aus deren Perspektive betrachten, nicht ins schale Licht der Funktionalität tauchen. Nein, dieser Moment ist meiner, nicht der der Verwertung. Die Erstellung einer kausalen Zeitlinie, die diese Ereignisse unter dem Banner der Funktionalität mit der Bewegung des automatischen Subjekts in Verbindung bringt, ist zwar am Schreibtisch des Theoretikers angebracht, niemals aber im Moment des Genusses. Diese kausale Zeitlinie ist der garantierte Frust für jegliche Lust.

Emanzipation setzt voraus, diese Momente wieder als meine wahrzunehmen, um sie zu genießen. So kann ich sinnlich spüren, was Ziel sein könnte einer Bewegung weg vom Kapitalismus.

Auch nach so einem Moment brauche ich keinen übergescheiten Theoretiker, der mir nachweist, wie funktional ich da war und dort sein werde. Keinen, der folgendes sagt: „Dieses ist doch nicht emanzipativ, und jenes führt auch nur in den Sozialismus, und der war auch kein Honigschlecken. Wenn du lustvollen Sex genossen hast – das war nur, um deine Ware Arbeitskraft in Schuss zu halten. Denke immer daran, wenn du vögelst: Du tust es für die Verwertung des Werts – auf der notwendigen Abstraktionsstufe betrachtet freilich.“

Kritisches Wissen verdirbt dir nicht nur die Erektion, sie richtet ihn auch nicht wieder auf, und wenn du glaubst, mit deinen intellektuellen Spielereien kannst du eine Frau… lassen wir das.
Übe folgendes:

Ich formuliere folgenden Imperativ: „Handle so, dass dein Tun, von einem Betrachter als nicht-kapitalistisch interpretiert werden kann!“ Und umgekehrt: „Interpretiere so, dass das Handeln als nicht-kapitalistisch erscheint.“

Lerne in dieser Art und Weise wahrzunehmen, mach es dir zur Gewohnheit, nicht in jegliches Tun Tausch und Wertform hineinzudenken. Was wir wahr-nehmen, entscheiden wir auf Grund unserer Urteile. Die Theorie im Hintergrund bestimmt unsere Perspektive auf die Oberfläche und unseren Umgang mit ihr. Sie muss geändert werden. Wenn wir unser Handeln als nicht-kapitalistisch erkennen, dann sehen wir die Bruchstücke, die es zu kohärenten Teilen in Form einer emanzipativen Bewegung zusammenzubauen gilt.

Noch mehr Übungen: Wenn du etwas schenkst, so warte nicht auf das Gegengeschenk, wenn du empfängst, fühle dich nicht von irgendeinem Gerechtigkeitssinn zur Gegengabe gedrängt. Denke, dass Schenken dir Freude bereitet – doch denke dies nicht als Gerechtigkeitsersatz, weil du ja etwas gibst.

Du darfst auch tauschen, aber versuche dabei nicht gerecht zu sein. Das heißt nicht, sei ungerecht, sondern: sei nicht gerecht! Denke in die Objekte keinen Wert hinein, demgemäß du sie der anderen Person gibst.

Du wirst erkennen, wie sich das kapitalistische Denken deinem Denken aufdrängt, identifiziere es als feindlich und handle nach deinen schönen Maximen. Du sollst freilich nicht im Kapitalismus scheitern, denke daran, auch affirmativ sein zu müssen. Reflektiere über das Maß deiner Affirmation: Wie viel ist für dich notwendig? In welchen Lebensbereichen mehr, in welchen Situationen weniger? Wie gehe ich mit der Affirmation um? Leugne ich sie, stelle ich mich darauf ein, plane ich bewusste Rituale, um mich davon wieder zu befreien?

Denke nicht daran, dass der Rausch deine Funktionalität wiederherstellt! Genieße ihn in vollen Zügen! Sei dabei gerade kein Theoretiker und auch kein Marktmensch, der sich damit optimieren will!

Liebe Theoretiker! Probiert das mal aus! Vielleicht wollt ihr ja hier einmal davon berichten.

und

Elmar Flatschart
Wunschträume des gefallenen Theoretikers. Oder: Grüße aus der real existierenden Bewegung

Zugegeben: nicht jede, die sich mit der Kritik des herrschenden Systems beschäftigt, muss die gesammelten Werke Adornos gelesen haben. Für manche, die recht unmittelbar in emanzipatorischen Bewegungen engagiert sind, ist die Beschäftigung mit der Kritischen Theorie Frankfurter Schule (im Gegensatz zur sachten Tuchfühlung mit kritischer Theorie schlechthin) vielleicht sogar entbehrlich, allzu abstrakt und verklausuliert. Tatsächlich wird sich die Welt nicht hinterm Schreibtisch verbessern lassen, hierfür bedarf es sozialer Interaktion, Emotion, Neuentdeckungen, Lust auf Leben und vor allem unsicherer Versuche, etwas anders zu machen. Im hier verhandelten Text von Martin Scheuringer „Ohne kritische Theorie schmeckt‘s besser“ (Streifzüge 45/2009) geht es darum jedoch nicht. In Wirklichkeit geht es dort auch nicht um eine inhaltliche Kritik der Kritischen Theorie, welche der Autor in ihrer „Wahrheit“ ja sogar anerkennt. Worum es sich handelt, ist kurz gesagt schnöde Apologetik der bürgerlichen Subjektform. Weil darin kein Fünkchen emanzipativer Gehalt liegt (und nicht weil ich hier die „Sache“ der Kritischen Theorie selbst verhandeln will), bedarf es hier dringend harter Ideologiekritik.

Was ist der Kern der Argumentationslinie? Es wird versucht, einen Gegensatz zwischen abstrakter Theorie und unmittelbarer Sinnlichkeit aufzubauen. Demnach wäre das „Nein“, der immanente kritisch-negative Impetus der Theorie selbst Kern des Problems, ließe keine „sinnlich greifbaren“ Ziele mehr zu. Der Theoretiker(!) als Inkarnation dieser Abstraktion wird dabei als leeres, gleichgültiges und emotionsloses „Gespenst“ dargestellt, der sich als Zombie der Entsinnlichung beständig vom wirklichen Kern des Lebens abstößt. Nun bringt die Form Theorie in den herrschenden Verhältnissen zwar abstraktifizierende Momente mit sich, welche – gemäß dem fetischistischen Gesamtzusammenhang, auf den sie sich bezieht und aus dem sie selbst hervorgeht – die Gefahr mit sich bringen, über das durchschnittliche Maß hinaus verdinglichten und selbstzweckhaften Formalismen zu verfallen. Dennoch ist der/die TheoretikerIn letztlich nichts als eine Spielart der allgemeinen Daseinsform, des männlich-weißen-westlichen Normalsubjekts. Die kritische Theorieproduktion in den herrschenden Verhältnissen ist folglich eine durch und durch widersprüchliche Angelegenheit: der/die Theorieproduzent/in schafft in einer hochgradig systemimmanenten Form einen negativen Inhalt, der diese Form (und damit sich selbst) zu transzendieren sucht. Diese Aporie lässt sich nicht einfach auflösen, sondern ist Teil der Verhältnisse, solange sie sind. Teilweise findet sich dies auch bei Franz Schandl in seiner „Kritik des Theoretikers“ (Streifzüge 43/2008) . Scheuringer schlägt jedoch in eine andere Kerbe, er zeigt nicht die Widersprüchlichkeit der Theorieproduktion auf, sondern plädiert ganz unmittelbar für die Affirmation der herrschenden Subjektform. Unter dem Motto „Raus aus dem Denken, rein in die Welt“ will das bürgerliche Subjekt bloß seine eigene kleine Welt retten, ein auf den ersten Blick durchwegs naheliegender, aber genauer betrachtet umso falscherer Ansatz. Falsch nämlich nicht nur hinsichtlich der Theorie, die ja im Aufsatz verächtlich aus einer vermeintlich lebensweltlichen Perspektive hinterfragt wird; falsch auch im Bezug auf unmittelbar-sinnliche Praxen selbst. Denn diese sind nicht so einfach zu haben, wie sich das der gefallene Theoretiker vorstellt.

Mag auch die Leidensgeschichte des sich entäußernden Individuums noch so mitleiderweckend sein – die Rettung liegt nicht in der Rückkehr zum Status quo ante bürgerlich-männlicher Borniertheit. Um nichts anderes handelt es sich, da nicht eine erst zu entdeckende Sinnlichkeit in den Raum gestellt wird, sondern schlicht die herrschenden Muster des Sinnlichkeits-Spektakels bedient werden. Dabei wird erneut bloß auf verallgemeinerte Formen der falschen Unmittelbarkeit verwiesen. Am deutlichsten wird dies, wenn es an die süffisante Lehrmeisterei geht: in der reinen Satzgestalt kategorischer Imperative wird das Programm der Schein-Emanzipation in leeren Du-Sollst-Geboten eingebunkert. Befreiung aus der kapitalistischen Realmetaphysik? Der alte Kant mag für einiges herhalten, jedoch beim besten Willen nicht als Lehrmeister der Sinnlichkeit und Unmittelbarkeit… Ähnlich paradox sind die im Text verstreuten netten Parolen auf den zweiten Blick auch – es sind die Träume des männlich-weißen-bürgerlichen Subjekts in ihrem ideellen Durchschnitt, auf der Höhe der Zeit. Dabei handelt es sich um nichts Geringeres als die Scheinwelt des männlich-patriarchalen Theoriemackers: endlich darf er „die Momente wieder als seine wahrnehmen“, es genießen zu „vögeln“ und „Frauen rumzukriegen“ – die perfekte Erektion inklusive. Ein wahrer Mann also, nicht der kümmerliche Theoretiker, der sich bloß das Denken unterwirft, anstatt die Frau zu beglücken mit dem „Orgasmus, der das Denken für Minuten lahm legt“. Davor bedarf es selbstredend eines deftigen Rausches, um jeglichen Rest „kritischen Denkens auszuschalten“, oder noch besser: „Jazz & LSD“. Sex, Drugs & Rock’n‘Roll für Theoretiker quasi. Es wird schnell offensichtlich, dass dies bloß hohle Projektionen sind. Auf Basis dieser Logik der patriarchalen Abspaltung vermag nichts anderes gedeihen: der Mann als „Sisyphos der Sinnlichkeit“ kann zur sinnlichen Erfahrung nicht durchdringen, gerade wenn er sich die Frau als Objekt der Sinnlichkeit unterwirft. Diese Dialektik des Geschlechterfetischismus sollte eigentlich als Basis jeglicher handlungstheoretischen Perspektive zugrunde liegen. Doch selbst wenn die reflexiven Fähigkeiten nicht so weit gediehen sind – zur Vermeidung vulgärer sexistischer Äußerungen, die Frauen auch noch diskursiv als bloßes Anhängsel und Objekt des „(Non-)Theoretikers mit der Erektion“ degradieren, muss es reichen. Wenn Frauen sich im Gesamtensemble eines Textes nicht einmal mehr wiederfinden können (geschweige denn berücksichtigt werden), kann schlicht nicht mehr von einem emanzipatorischen Rahmen die Rede sein.

Der Versuch des „guten und schönen Lebens“ ist hier also von vornherein ideologisch verbaut. Um eine derart jenseitige Perspektive auf „Unmittelbarkeit“ überhaupt aufrecht erhalten zu können, bedarf es projektiver Verfahren nicht nur hinsichtlich der Ideen von Sinnlichkeit selbst, sondern auch was den/die „GegnerIn“ betrifft. Die Dichotomie zwischen „ihr Theoretiker“ und „uns Menschen“ folgt dabei einem nur allzu bekannten Muster: „Wir“ die eigentlichen, echten Menschen, „ihr“ die besserwissenden KlugscheißerInnen, die uns so einiges antun; uns nicht sein lassen, wie wir sind. Das ist tiefste Schublade, nicht nur dem argumentatorischen Muster nach, sondern auch, weil es anthropologische Essentialismen reproduziert, die so nicht haltbar sind: Es gibt nicht den Menschen, der hinter der Fassade des Kapitalismus (oder seiner Theoretiker) steckt und bloß hervorgebracht werden müsste. Diese Art von krudem Entfremdungsdenken hat nichts mit der Kritik des modernen Fetischismus zu tun, die vielmehr von einer zwar negativen, aber konstitutiv-produktiven wie auch inhaltlich-pluralen Vorstellung der Subjektwerdung ausgeht – das „wir“ muss somit von vornherein als ideologische Schein-Identität entlarvt werden, die nur in der leeren (strukturell männlichen) Subjektform aufgeht. „Die Menschen“, die sozialen Verhältnisse, welche wir suchen, müssen erst noch von uns geschaffen werden. Dabei muss die Basis dessen, was heute die durchschnittliche Sozialisierung (auch der Bedürfnisse, Lüste, Begehren und Wünsche) ausmacht, transzendiert werden. Emanzipation baut zwar auf Bestehendem auf, aber ist eben vor allem ein Prozess der Selbstreflexion, Entwicklung und des inter-subjektiven Ausprobierens, kurzum: der radikalen Transformation. Hierfür kann es keine Rezepte geben, schon gar keine kategorischen Imperative im Sinne des „du sollst“ (allerhöchstens klare Vorgaben von „du sollst nicht“). Aber dass es die nicht gibt, ist eigentlich auch kein Problem – wenn eins nicht vereinzelt dasteht, sondern Teil eines Ensembles ist, in dem sich individuelle und kollektive Lernprozesse gegenseitig stützen. Der/die TheoretikerIn kann und muss sich nicht noch seine/ihre Emanzipation selbst denken. Emanzipative Prozesse funktionieren aber auch kaum vereinzelt. Sie setzen soziale Bewegungen voraus, in denen – politisch wie auch antipolitisch – alternative und widerständige Praxisformen gedeihen können. Und diese Bewegungen gibt es, mit all ihren Schwächen und Macken. Sinnlichkeit mag sich dann nicht nur auf Rausch oder überhaupt nur „Positives“ reduzieren (wobei jener und jenes schlechthin natürlich genauso ihren Platz haben); auch ein Bullenknüppel, die mühsame Gestaltung alternativer Freiräume oder die wenig wohl riechende Erfahrung des Containerns (Bio-Müll Recycling für den gemeinsamen Kochtopf) können etwas sehr unmittelbares sein, das vielleicht eindringlichere Transformationen im gequälten bürgerlichen Subjekt hervorruft, als zig Stunden Jazz&LSD. Können, müssen aber nicht, denn es gibt weder einen Masterplan der Emanzipation, noch für die Sinnlichkeit.

Klar ist nur, dass sie nicht bloß als persönlicher Prozess der „Wiederaneignung“ und des „Genießens“ verstanden werden kann. Diese individualisierte Vorstellung ist nicht nur konform mit der bornierten Sichtweite des klassischen bürgerlichen Subjekts, das sich und andere gar nicht anders als vereinzelt wahrnehmen kann (Stichwort: methodologischer Individualismus). Sie ist auch Ansatzpunkt für die „Abstraktionsschwierigkeiten“, die sich im Text auftun. Der Grundtenor ist hier ein trotziger: ich kann auch nicht-kapitalistisch handeln (wenn ich unmittelbar-sinnlich bin), ich reproduziere nicht immer die Strukturen und kann mich losreißen von der ganzen Scheiße. Der große Fehler liegt hier in der aktualistischen Perspektive. Ebenso wie das Konzept der Totalität nicht nur als Summe vieler Einzel-Handlungen verstanden werden kann (das wäre voluntaristisch), darf auch die unmittelbare Handlung nicht als bloßes Abziehbild einer vorgegebenen Struktur verstanden werden (das wäre funktionalistisch). Die Wechselwirkung zwischen beiden Abstraktionsebenen auszumachen ist ja gerade das geniale an der Marx`schen Fetischkritik. Dementsprechend gibt es so etwas wie „kapitalistisch handeln“ gar nicht und die postulierten dahingehenden Verbote können wohl kaum von einem/r ernst zu nehmenden TheoretikerIn kommen. In das apologetische Schema des Textes passen sie viel eher, wenn sie als Konstruktionen des bürgerlichen Individuums verstanden werden, das seine eigene Haut, das „praktisch sein“ für den angepassten „guten Moment“ (der im Gesamtensemble der Momente meist ohnehin verblasst), retten will. Es bedarf der FeindInnen, auch da, wo sie gar nicht zu finden sind – die einfache Feststellung von Funktionalitäten des Rausches wird zum persönlichen Affront emporgehoben. Denn dieser Befund spricht sich ja noch nicht einmal gegen den Rausch aus, er situiert ihn nur. Sowieso geht es bei Scheuringer gar nicht mehr um den Rausch, sondern um eine Vorstellung über das „gute Leben“ schlechthin. Dass hier alles in einen Topf geworfen wird – Kritik an der „abstrakten“ Theorie, Vorstellungen über Sinnlichkeit, (vermeintliche) anthropologische Konstanten und konkrete Handlungsanweisungen – ist Resultat dessen, was in der Kritischen Theorie „Identitätslogik“ geheißen hat. Das Bedürfnis, die (unverstandenen) Widersprüche des warenproduzierenden Patriarchats einfach in eins zu setzen, auf die eine oder andere Seite hin aufzulösen, ist ein starkes und ständig lauerndes. Gleichzeitig ist aber kaum je eine Lösung auch nur annähernd befriedigend, weil beide Seiten eben nicht das sind, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Die eine Seite inkludiert ein Stück weit immer schon die andere und umgekehrt. Das ist nicht nur abstrakt-wissenschaftstheoretisch so, sondern trifft auch für die unmittelbare Lebenspraxis zu: die Widersprüche werden nicht besser, wenn eins sie einfach ignoriert. Das heißt also nicht, dass jede Form der Praxis nur nach abstrakten Kriterien der Kritischen Theorie bemessen werden sollte oder müsste; die „Theorie-Polizei“ ist bloßes Produkt des unter Verfolgungswahn leidenden bürgerlichen Subjekts, das sich vor sich selbst beständig dafür rechtfertigen muss, nicht genügend eins mit sich und der Warenwelt zu sein – auch und gerade bis hin in die glorifizierte unmittelbare Sinnlichkeit hinein, die ihm nur als absolute Abstraktion der „Sinnlichkeit schlechthin“ in den Sinn zu kommen vermag. Wenn alles nichts mehr hilft, dann wird die Welt zu bloßem Willen und Design: „Was wir wahr-nehmen, entscheiden wir auf Grund unserer Urteile“ heißt es im Text. Bravo, wir sind bei postmoderner Ideologie der Beliebigkeit angelangt, und die Frage, woher „unsere Urteile“ kommen, darf bzw. kann gar nicht mehr gestellt werden.

Leider ist die Welt aber keine creatio ex nihilo, sonst bräuchten wir Marx und die Kritische Theorie wirklich nicht mehr. Prozesse der Suche einer Sinnlichkeit, damit der Ent- und Neusubjektivierung, der sozialen Veränderung, schließlich der gesellschaftlichen Transformation sind nicht so einfach zu haben und schon gar nicht jetzt, sofort und mit mir selbst. War zwar Marxens Hypostasierung der Klasse als ultimativem Subjekt der Emanzipation verfehlt, so war der Grundgedanke dahinter natürlich richtig: alleine geht’s nicht, wir brauchen eine soziale Gegen-Bewegung. Und die sollte Alternativen so radikal als nur möglich umsetzen – auch auf die Gefahr hin, den einen oder anderen Fehler zu machen. Bewegung kann natürlich nicht mehr nur als politische verstanden werden, die anti-politischen Momente (sub-)kultureller Bezüge sind genauso von Bedeutung und stehen in einem stets auszubalancierenden widersprüchlichen Verhältnis. Dass kritische Theorie hierfür als Rahmen gebende negative Instanz notwendig, beständig falsche Wege aufzudecken verpflichtet ist, sollte sich von selbst verstehen (paradoxerweise ist es meistens ja umgekehrt – AktivistInnen wünschen sich mehr theoretische Entwürfe für ihre Praxis, als ihnen kritische Theorie geben kann). Das ist hart, enttäuschend (gerade wenn eins sich selbst auf einer widersprüchlichen Linie zwischen Theorie und Praxis bewegt), oft aber auch schön und durch die Vitalität des Unbestimmbaren, der Hoffnung auf das Bessere vielfach sinnlicher, als die Perspektiven, die sich in der vereinheitlichten bürgerlichen Lebenswelt bieten. Wem dies zu mühsam ist, wer lieber nur im Denken radikal sein will, soll das tun, wichtig ist auch dies allemal. Was aber gar nicht geht, ist einfach so zu tun, als ob es keine Schwierigkeiten gäbe, sich in den eigenen identitär-patriarchalen Mustern suhlen und dann auch noch „Übungsbeispiele“ für das Richtige im Falschen aufgeben. Die Realität ist voller Widersprüche und es bedarf nichts weniger als der radikalen, organisierten, utopischen und gerade deswegen subjektkritischen Bearbeitung dieser Widersprüche!


4 Antworten auf „Vom eigenen Elend und der sinnlichen Wende“


  1. 1 Thiel Schweiger 18. Juli 2009 um 18:46 Uhr

    Danke für die Präsentation der beiden Texte. Ich denke, das angesprochende Problem ist eines, an dem viele rumknapsen, die sich mit kritischer Theorie beschäftigen.

    Ich denke, die Beobachtungen von Martin Scheuringer treffen schon was Wahres: wenn man aus einer bestimmten, an Adorno orientierten Perspektive, permanent all sein Handeln hinterfragt, kann das tatsächlich sehr negative, einschränkende Auswirkungen auf das Handeln haben und man kann in eine Lage versetzt werden, die tatsächlich jedes Handeln als fragwürdig erscheinen lässt. Aber das spricht ja erstmal nicht gegen die Theorie an sich – es würde nur gegen die Theorie sprechen, wenn es ihr Anspruch wäre, konkrete Handlungsanweisungen zu geben, die ein gutes Leben im Bestehenden ermöglichen.

    Ich denke, der Text von Elmar Flatschart skizziert schon ganz gut, worin genau die Schwächen von Scheuringers seltsamer Perspektive liegen, gerade weil er keine einfache Lösung dieses Problems angibt.

    Eine weitere kleine Anmerkung: es ist ja auch Blödsinn, Adorno als Bsp. eines solchen „emotionalen Krüppels“ von Theoretiker auszumachen. Der hat in seinem Privatleben ja beispielsweise zahlreiche Affären mit jüngeren Frauen gehabt und Kunstwerke durchaus intensiv genossen und nicht „nur“ verkopft rezipiert.

    Es ist einfach eine falsche Auffassung von kritischer Theorie, wenn man daraus folgert, man dürfe eigentlich nicht mehr handeln. Natürlich ist es berechtigt, aus seinem Leben im Kapitalismus das Beste machen und die Vorzüge diese Gesellschaft – massenweise Konsumgüter aller Art, auf die jeder Zugriff hat (zumindest diejenigen, die genügend Geld haben) – genießen. Das steht ja dazu, gewisse sich aus der Theorie ergebende ethische Normen zu beachten, nicht im Widerspruch. Auch die theoretische Tätigkeit bedarf ja schon aus ganz pragmatischen Gründen eines gewissen „Ausgleichs“ (ein Leben, das nur aus Essen, Schlafen, Lesen und Schreiben und vllt noch Politik besteht wäre in der Tat ein sehr karges und erfahrungsarmes).

    Allerdings bin ich der Meinung, dass es gerade mit Hinblick auf einen irgendwie emanzipatorischen Umgangs mit Lüsten eine Erweiterung der klassischen kritischen Theorie etwa um die Erkenntnisse Foucaults bedarf.

  2. 2 unkultur 18. Juli 2009 um 23:20 Uhr

    Genauso gut könnte man an einem Film über Plattentektonik vorwerfen, dass in ihm keine Sexszenen enthalten sind. Dass Menschen wie Scheuringer ihre Gedanken der Umwelt mitteilen müssen ist das eine. Dass so ein Text in einer Zeitschrift abgedruckt wird, ist dagegen unfassbar.

  3. 3 Zonengabi 19. Juli 2009 um 9:10 Uhr

    Zu mal Horkheimer und auch Adorno immer wieder auf „das gute Leben“ pochten…ob nun das Haus in der Schweiz (oder war es Norditalien?), die Fahrten in die Berge und vor allem Paris.
    Es ist lächerlich und zeugt ja nur von der Unkenntnis Scheuringers, wenn man den Vertretern der KT Lebensfeindlichkeit nachsagt.

  4. 4 A question of lust 22. August 2009 um 15:20 Uhr

    Hätte Adorno nicht diese zahlreichen Affären mit jungen Frauen gehabt, der scheinbar unverkrüppelte ihn mit Foucault erweiternde Geisteswissenschaftler müsste ihn glatt in seine Liste „emotionale Krüppel“, „uncoole Menschen“ aufnehmen… Kunstwerke habe er ebenfalls „durchaus intensiv genossen“, durchaus durchaus, weil er auch mal recht unverkopft sein konnte. Wären die Frauen und die vom Kopf ungestörte Kunstgenussfähigkeit nicht gewesen… „Natürlich ist es berechtigt, aus seinem Leben im Kapitalismus das Beste machen“. Natürlich, durchaus. Und den individualistischen „Ausgleich“ bloß nicht vergessen. Naja, so was muss man wohl immer mal sagen, wenn man Druck verspürt, mit der Warenwelt noch nicht eins genug zu sein.

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