Leipzig mal wieder…

In der aktuellen Ausgabe des Fanzine eines bekannten ostdeutschen Dorfjugendklubs wird auch ein Artikel der Ultras Red Bull zum kürzlich gegründeten Fußballklub RasenBallsport Leipzig (RB Leipzig) dokumentiert. Ich versuche mich an einer kleinen Kritik des Textes. Die Redaktion leitet kurz mit einer kurzen Beschreibung der Vereinsgeschichte und schließt:

Traditionell eingestellte Fußballfans sehen darin aber einen moralischen Verstoß gegen die „natürliche Entwicklung“ von Fußball. Geld schießt halt keine Tore – oder doch?

Dieser (leider nicht belegte) Vorwurf gegenüber den Kritiker von RB Leipzig wiegt selbstverständlich schwer.
Der Artikel selbst beginnt mit einer Mischung aus versuchter Ironie und lahmem antideutschem Bekenntnis:

Mit diesem kurzen Anriss gruppeninterner Ansichten möchten wir versuchen, unsere Beweggründe nahe zulegen, warum wir als Ultras Red Bulls dem Verein Red Bull Leipzig treu sind und auf ewig treu bleiben werden. Für uns ist Hooligan-Dasein mehr als Saufen, Kotzen und Deutschsein.

So wird ersteinmal eine Diskussion über den angemessenen Genuss eröffnet. Denn Saufen und Deutschtum stehen sich offensicht nah. Eine Behauptung die ich bestreite. Doch vielleicht wird es ja im Folgenden gehaltvoller.
So beschweren sich linke Freizeitjournalisten über das Phrasengedresche anderer. Diesen soll eine Belehrung darüber erteilt werden wie es im Fußballgeschäft läuft:

Man könnte meinen, dass man gerade im Fußball gut erkennen kann wie Kapitalismus funktioniert. Die TSG Hoffenheim ist sportlich erfolgreich, weil sie mittlerweile über mehr Geld, mehr Eigenkapital verfügt als andere Vereine, dank der großzügigen Unterstützung eines milliardenschweren Herrn Hopp. Eine Ausnahme stellt dieser Umstand allerdings nicht dar, eher ist dies die Realität im Kapitalismus. Wer das ungerechtfertigt findet, der solle lieber mit politischen Ansprüchen auf die Barrikaden gehen, als hier mit Sündenbockmentalitäten den vermeintlichen Klassenfeind anzugreifen.

Nun hat aber der Verein mit dem höchsten Budget momentan den 15. Platz inne. Da es sich beim Fußball um ein Spiel handelt, ist es ja auch nicht weiter verwunderlich, dass der Saisonverlauf zwar von Budget beeinflußt wird – aber nicht ausschließlich. Teurere Spieler sind ja auch nur bedingt mit wohlfeileren Maschinen zu vergleichen.
Anschließend wird mit angeblichen Vorteilen für Fußball-Leipzig argumentiert. Die Fankultur könnte sich bessern durch den modernen Fußball, denn Nazis würden dort von der Öffentlichkeit nicht goutiert. Diese Öffentlichkeit ist nun aber wiederum antisemitisch und rassistisch. Am Ende wirken aber vor allem Fanprojekte gegen solche Zustände. Und als positive Beispiele werden die unterklassigen BSG Chemie und Roter Stern Leipzig genannt. Ja was denn nun?1
Am Ende wird es dann ganz wirr:

Wir als linke Ultras von Red Bull Leipzig verstehen uns als antirassistische, antifaschistische, antisexistische Gruppierung. Wir sind Antikapitalisten und sehen in Staat und Nation keine Perspektive für ein emanzipiertes Individuum sowie für eine aufgeschlossene Gesellschaft. Unseren Unmut mit den bestehenden Verhältnissen bringen wir auf die Straße. Unsere Kritik an der kapitalistischen Totalität üben wir im öffentlichen Raum. Wir wehren uns aber entschieden gegen Heuschrecken- und Bonzen-Hasstiraden bezüglich unseres Clubs. Euer Kampf ist nicht der Unsere! Das Fanbewusstsein für Red Bull Leipzig ist für uns das bessere Leben im falschen Ganzen. Wir sind Leipziger, Fußballverrückte, linke Chaoten. Für den RB Leipzig!

Wie Antikapitalismus etc. gerade bei einem von einem Limonadenhersteller propagiert werden sollen, die Antwort auf diese Frage bleiben die Ultras schuldig.
Wahrscheinlich liegt es aber auch darn, dass diese Leipziger Linken nichts verstanden haben. Denn eine progrossive Fanszene hängt sehr wenig von der Finanzkraft des Vereins ab. Es kommt auf das gesellschaftliche Umfeld der Vereine an. SV Babelsberg 03 und St. Pauli befinden sich in bestimmten linken Umfeldern (Hausbesetzerszene etc.). Die Wiedergründung der BSG Chemie wurde maßgeblich von den antirassistischen Diablos befördert. Wie die Sache beim Roten Stern liegt kann sich wohl auch jeder Außenstehende denken. Eine progressive Fanszene wird sich in einer Stadt wie Leipzig auch bei RB nicht bilden. Auch Hoffenheim wird übles Volk anziehen.
Auch wenn viele Argumente gegen RB Leipzig ressentimentgeladen sind, ist eine Kritik an der Durchkommerzialisierung aller Lebensbereiche prinzipiell gerechtfertigt. Wer will schon der jubelnde Appendix eines Wirtschaftsunternehmens sein? Andere Vereine sind selbstverständlich von Sponsoren aus der Wirtschaft angewiesen. Aber dort geht es doch ab und zu um das aktive und passive sportliche Vergnügen.2

(Für Kritik - auch meiner Lieblinge – bin ich natürlich dankbar.

  1. Was ist eigentlich ein „weltlicher Fußballgenuss“? [zurück]
  2. Ich will ja vor den Autoren nicht als lustfeindlich dastehen. [zurück]

8 Antworten auf „Leipzig mal wieder…“


  1. 1 tee 29. August 2009 um 19:57 Uhr

    Dieser (leider nicht belegte) Vorwurf gegenüber den Kritiker von RB Leipzig wiegt selbstverständlich schwer.

    willst du damit leugnen, dass es traditionell eingestellte fans gibt, die rb leipzig so kritisieren? was wiegt an dem „vorwurf“ jetzt so schwer? auch die chemieblogger kritisieren diese leute. doch zurecht! j. meurer, ein kommentator bei chemieblogger, belegt dies eindrucksvoll:

    Herzlich willkommen dem neuen Verein RB Leipzig e.V. ! Wir, die wir unser Leben in ehrenamtlichem Engagement für den Leipzig Fußball zugebracht haben, werden Euch genau im Auge behalten. Ihr könnt uns versuchen alles zu nehmen; nur unseren Stolz werdet auch Ihr nicht mit Geld zu kaufen verstehen oder mit blassem Gefasel von der Bundesliga in Leipzig brechen, und unsere Tradition (die Ihr nicht kennt) kann uns keiner nehmen ! Ich wünsche Euch jede sportliche Niederlage dieser Welt und zumindet einer , nämlich ich, bekennt sich dazu, dass er jedem sportliche Gegner von Euch eifrig die Daumen drücken wird. IHR seid keine Leipziger und werdet es niemals sein. IHR seid ein Wanderzirkus und sonst nichts!

    da vergeht mir schon wieder die lust am lesen, wenn eine „kritik“ an einer kritik so beginnt.

  2. 2 tee 29. August 2009 um 22:02 Uhr

    Nun hat aber der Verein mit dem höchsten Budget momentan den 15. Platz inne. Da es sich beim Fußball um ein Spiel handelt, ist es ja auch nicht weiter verwunderlich, dass der Saisonverlauf zwar von Budget beeinflußt wird – aber nicht ausschließlich. Teurere Spieler sind ja auch nur bedingt mit wohlfeileren Maschinen zu vergleichen.

    vielleicht hättest du dich einfach mal informiert, dann wäre dir auch aufgegangen dass ein teures spielerkontingent massgeblich zum erfolg eines vereins beiträgt:

    Zudem seien dem Verein sportliche Erfolge ermöglicht worden, die ohne die außergewöhnliche finanzielle Unterstützung des Mäzens undenkbar wären. Beispielsweise gab die TSG zur Saison 2007/08 mehr Geld für Neuverpflichtungen aus als alle übrigen Zweitligisten zusammen. So wurden im Laufe der Zweitligasaison unter anderem die Juniorennationalspieler Carlos Eduardo aus Brasilien und der Nigerianer Obasi sowie der österreichische Nationalspieler Andreas Ibertsberger verpflichtet.

    zudem versuchst du anhand der aktuellen tabellenposition nachzuweisen, dass das budget keinen bis wenig einfluss auf den erfolg des vereins habe. hättest du dir aber mal den aufstieg hoffenheims von der kreisliga a bis in die 1. bundesliga angeschaut, hättest du feststellen müssen dass die tsg das allerbeste beispiel dafür ist, wie man mit (viel) geld erfolg schafft.

    anstrengend deine „kritik“ zu lesen, ehrlich.

  3. 3 Simone 30. August 2009 um 11:42 Uhr

    Hast schon recht. Werde den Artikel in Kürze überarbeiten. Worum es mir eigentlich geht, ist die alte Argumentation zu kritisieren, dass das die Durchkapitalisierung eines Lebensbereichs (hier des Fussballs und seines Umfelds) zu einem emanzipatorischen Schub führt, an den man sich als Linker anhängen müsse.
    Aber was das Zitat bei chemieblogger betrifft. Das ist wirklich lächerlicher Pathos.

  4. 4 tee 30. August 2009 um 22:38 Uhr

    fein, dann kann ich deine kritik ja jetzt weiterlesen ;)

    und den cee-ieh-artikel auch gleich nochmal, mal sehen ob ich dann „die alte argumentation“ entdecke.

  5. 5 tee 31. August 2009 um 1:07 Uhr

    naja, also mit

    Das Fanbewusstsein für Red Bull Leipzig ist für uns das bessere Leben im falschen Ganzen.

    rechtfertigen sie ja, dass ihr fandasein eben nicht „zu einem emanzipatorischen Schub führt, an den man sich als Linker anhängen müsse“. sonst wäre es ja nicht das bessere leben im falschen ganzen, sondern einfach das richtige. oder besser: sie relativieren ihr gelabere und ihre rechtfertigung des modernen fussballs.

    letztlich aber versuchen sie auch nur kritik an den traditionalisten zu üben, nur leider kommt bei der verteidigung des modernen fussballs als das kleinere kapitalistische übel eine affirmation desselben heraus. na wenn einem das mal nicht bekannt vorkommt. also hast du im grossen und ganzen schon was getroffen, auch wenn du fehler wie diesen machst:

    Auch Hoffenheim wird übles Volk anziehen.

    ist nämlich kein argument gegen ihre logik des geringeren übels, denn sie sagen ja nur, dass der moderne fussball weniger rassismus usw. hervorbringt als der „traditionelle“. etwas besser im falschen ganzen eben. und damit haben sie durchaus nicht ganz unrecht. und mal unter uns: auch mir wäre ein starker rb leipzig mit einer typischen bundesliga-fanszene (also auch einigen nazis und vielen sonstigen prolls) um einiges lieber als die lok-hool-banden, die hier jetzt gerade durch die gegend donnern. emanzipatorisch ist das nicht, ich will nur einfach samstags in ruhe auf den wochenmarkt am stadion gehen können und am wochenende nicht immer den scheiss spielplan checken müssen, nur weil ich mal bahn fahren will. von all den anderen gelegenheiten, bei denen man mit diesen faschos ärger bekommen kann, mal ganz abgesehen. doch am allerliebsten wäre mir ein leben ganz ohne fantum.

    dann etwas noch:

    Auch wenn viele Argumente gegen RB Leipzig ressentimentgeladen sind, ist eine Kritik an der Durchkommerzialisierung aller Lebensbereiche prinzipiell gerechtfertigt.

    eine kritik am kapitalismus selbst ist „gerechtfertigt“. denn es wohnt dem kapitalismus nunmal inne alle lebensbereiche durchzukommerzialisieren. sich hinzustellen und zu rufen: „aber doch nicht unseren fussball!“ ist kurzsichtig. die rb-ultras haben das schon erkannt, finden sich mit der kommerzialisierung ab und kramen nun ihre (vermeintlich) guten seiten hervor.

    Wer will schon der jubelnde Appendix eines Wirtschaftsunternehmens sein? Andere Vereine sind selbstverständlich von Sponsoren aus der Wirtschaft angewiesen. Aber dort geht es doch ab und zu um das aktive und passive sportliche Vergnügen.

    wo ist der widerspruch zwischen rb-jubelei und aktivem wie passivem sportlichen vergnügen? der rb leipzig ist auch nicht das unternehmen red bull. und ob die fans nun einer mannschaft in red-bull-shirts oder ssv-shirts mit opel-werbung zujubeln macht doch keinen echten unterschied.

    verkehrt ist beides.

  6. 6 tee 31. August 2009 um 13:07 Uhr

    der erfolg lässt nicht lange auf sich warten:

    RB Leipzig stürmt an die Spitze der Oberliga:D

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  2. 2 „Treue ist eine Tugend, die die Verlässlichkeit eines Akteurs gegenüber einem anderen, einem Kollektiv oder irgendeiner Sache ausdrückt. Sie basiert auf Vertrauen und/oder Loyalität, ist aber nicht unbedingt ein Indikator dafür, dass Pingback am 06. September 2009 um 16:12 Uhr
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