Unfassbarer Zynismus

Natürlich ist die Asylpolitik Deutschlands und Europas ausgrenzend. Aber ist sie wirklich rassistisch und völkisch? Oder ist sie nicht sogar dermaßen pragmatisch innerhalb einer Welt, in der keine gerechte Verteilung der Reichtümer und der Arbeit herrscht, dass selbst radikale Linke sich insgeheim nicht wünschen, dass vor diesem Hintergrund die Grenzen umgehend und absolut durchlässig werden?

Usw. usf.


23 Antworten auf „Unfassbarer Zynismus“


  1. 1 Jan Filip Geldsack 26. September 2009 um 14:54 Uhr

    Einmal vorausgesetzt, dass man die Revolution nicht will, was bei Hannes Gießler der Fall ist, ist gemäßigter Faschismus eben so ganz OK irgendwie, hat zumindest auch Vorteile, z.B. die Popsongs.
    Ich habe schon zwei- dreimal Veranstaltungen besucht, bei denen er gesprochen hat, und ich finde ihn wirklich einen kompletten Volltrottel.

  2. 2 Korrektator 26. September 2009 um 20:06 Uhr

    @JFG:
    Hannes Gießler ist ein kompletter Volltrottel, du hältst ihn für einen kompletten Volltrottel oder du findest er ist ein kompletter Volltrottel. Aber auf keinen Fall findest du ihn einen kompletten Volltrottel.
    Ich hoffe ich konnte dir helfen:)

  3. 3 abdel kader 27. September 2009 um 11:53 Uhr

    Selbst unter antifaschistischen Gesichtspunkten hat die Wiedervereinigung – wenn auch nicht intendiert – zu Fortschritten geführt.

    Meint er damit vielleicht die 150 Menschen, die seit 1990 ermordet wurden?

    im Antizionismus und Antiamerikanismus wurden den DDR-Bürgern von oben Alternativen zum tabuisierten Antisemitismus geboten

    Dennoch gab es weniger Antisemitismus in der DDR als in der BRD, was sich in der Folgezeit dann ausglich:

    Waren fremdenfeindliche Einstellungen bereits 1990 in den neuen Bundesländern deutlich weiter verbreitet, so galt dies für Antisemitismus nicht. Umfragen in den neuen Bundesländern kamen 1990/91 zu dem Ergebnis, dass antisemitische Einstellungen nur von einer Minderheit von 4 bis 6 % geteilt wurden, was ungefähr einem Drittel des westdeutschen Anteils entsprach.
    (…)
    Die jüngste [von 1998 A.K.]Antisemitismus-Studie des Forsa-
    Instituts belegt eine Angleichung antisemitischer Einstellungen zwischen den Ost- und Westdeutschen: Jeweils 20% wurden als antisemitisch eingestuft.

    Aus: Wolfang Benz (Hg.) Auf dem Weg zum Bürgerkrieg?, 2001

  4. 4 Jan Filip Geldsack 27. September 2009 um 13:42 Uhr

    Es sei denn, man ist so drauf wie H. Gießler (der, danke für die Korrektur, ein kompletter Volltrottel ist) oder M. Dornis (ebenfalls aus Leipzig), für den die DDR die Speerspitze des Antisemitismus darstellt. Seinen Vortrag darüber habe ich leider verpasst, sodass ich hier nicht wirklich kompetetent darüber schimpfen kann. Dornis ist auch ansonsten nicht so durchgeknallt wie Gießler.

  5. 5 negative potential 27. September 2009 um 17:50 Uhr

    ein kompletter Volltrottel ist[…]ebenfalls aus Leipzig

    „Tautology (rhetoric): repetition of meaning, using dissimilar words to say the same thing twice, especially where the additional words fail to provide additional clarity and meaning.“

    http://en.wikipedia.org/wiki/Tautology

  6. 6 tee 27. September 2009 um 21:31 Uhr

    antileipzigismus?!

  7. 7 Zonengabi 27. September 2009 um 22:09 Uhr

    Na klar, aber Halle ist noch schlimmer…

  8. 8 earendil 28. September 2009 um 11:38 Uhr

    Was ist denn daran unfassbar? Ein Antideutscher entdeckt (völlig korrekt), dass das, was Deutschland so alles tut – in dem Fall unerwünschte Ausländer_innen draußen zu halten bzw. zu verfolgen und abzuschieben – nichts (oder kaum etwas) mit Traditionslinien aus dem NS zu tun hat, sondern ganz normales Tagesgeschäft eines starken kapitalistischen Staates von heute ist. Und, schwupps!, kann man sich mit Deutschland versöhnen, der schlimme Sonderweg ist ja vorbei, und an der „normalen“ kapitalistischen Barbarei hat man sich ja noch nie gestoßen.

  9. 9 Jan Filip Geldsack 28. September 2009 um 12:27 Uhr

    antileipzigismus?!

    Leipzig muss sterben, damit wir leben können!

  10. 10 Horst 30. September 2009 um 7:46 Uhr

    warum eigentlich zynismus? Gießler sagt doch nicht, dass die asylgesetzgebung richtig ist, sondern er macht nur andere gründe für sie aus. letztlich argumentiert er traditionell marxistisch. nicht rassismus, sondern ungleichverteilung sei das problem. diese analyse muss man nicht teilen, aber zynisch ist sie nicht. auch die unterstellte versöhnung mit deutschland kann ich nicht entdecken. gießler findet „patriotismus und nationalismus borniert“ – so steht es in seinem text. m.e. möchte gießler nicht deutschland affimieren (siehe auch letzten satz), sondern der relativierung des ns entgegentreten, die auch darin besteht, die bürgerliche brd mit dem ns in verbindung zu bringen.

  11. 11 Simone 30. September 2009 um 10:31 Uhr

    Das Problem ist nicht in erster Linie, dass Giessler die Annahme in Frage stellt, die Migrationspolitik der Eu sei rassistisch oder voelkisch, sondern dass er behauptet, diese sei so pragmatisch, dass sie insgeheim von radikalen Linken begruesst wuerde. Dort kommt nicht marxistische Kritik an der Ungleichverteilung des Reichtums in der Welt zum Ausdruck, sondern klammheimliche Freude, auf der richtigen Seite zu stehen.
    Und die Kritik, Nationalismus und Patriotismus seien borniert, bewegt sich auf dem selben Niveau, wie zu sagen, immer nur Pepsi und niemals Coke zu trinken, sei borniert. Kurzum: Das ist keine Kritik.

  12. 12 Horst 30. September 2009 um 13:26 Uhr

    Ach komm, das sind doch Unterstellungen. Wer von „keiner gerechten Verteilung“ redet, freut sich nicht, sondern benennt ein Problem. Pepsi und Coke sind auch nicht borniert, sonder Getränke.

  13. 13 Horst 30. September 2009 um 13:32 Uhr

    Noch etwas. Du scheinst das Überbringen der Tatsache, dass es eine weltweit ungerechte Verteilung gibt (an die sich die ausgrenzende Asylpolitik anschließt), mit der Apologie der Tatsache synonym zu setzen. Das ist nicht fair. Dinge (Asylgesetzgebung) sind doch nicht nur dann schlecht, wenn Ideologeme (völkisch, rassistisch) dahinter stecken, sondern auch dann, wenn sie durch ein ökonomisches Verhältnis begründe sind.

  14. 14 earendil 30. September 2009 um 14:45 Uhr

    @Horst: Zuerst dachte ich ja auch, dass man das Zitat einfach als nüchterne Analyse lesen könnte, aber nach Lektüre des Gesamttextes ist das unmöglich. Man muss sich doch nur mal angucken, was da als Feindbild ausgemacht wird: Eben nicht BRD oder Kapitalismus – damit kann man schon leben, das sind Luxusprobleme, die man bei Gelegenheit (also nie) mal angehen kann – sondern Islamisten und Linke.

    Realiter aber verdeckt er zeitgemäße und mehr oder minder große Gefahren dort, wo sie sich zwar deutlich, aber nicht nationalistisch offenbaren – wie etwa in den Schriften Alain Benoist und Toni Negris und Michael Hardts(7), in denen Nationalismus, Kapitalismus und Imperialismus entschieden verurteilt werden und die Vision einer globalen Volksgemeinschaft konzipiert wird.

    Also Denunziation von Linken (bei Islamisten versteht sich das ja inzwischen von selbst) als die neuen Nazis, passend zur Rehabilitation der Totalismustheorie. Und durchweg unkritisches Abfeiern des bürgerlichen Individuums. Kommunismus erscheint da quasi als Erfüllung des Kapitalismus, nicht mehr gegen diesen durchzusetzende Gesellschaftsform. Der letzte Satz ist doch nur das übliche „Für den Kommunismus!“, das zu einem „antideutschen“ Flugblatt, dass ellenlang rechtfertigt, warum man treu an der Seite des deutschen/amerikanischen/israelischen Staates gegen irgendwelche äußeren Feinde steht, als Abschluss obligatorisch dazugehört.

    Konkret zu dem von Simone zitierten Abschnitt: In der Tat, radikale Linke (die einigermaßen bei Trost sind) wünschen sich nicht, „dass vor diesem Hintergrund die Grenzen umgehend und absolut durchlässig werden“ – sondern sie wünschen sich, dass „dieser Hintergrund“ umgehend und absolut verschwindet. Und es spricht doch nichts dagegen, genau dort anzusetzen, wo sich die Brutalität und Unmenschlichkeit „dieses Hintergrunds“ am offensten zeigt, und das ist nun mal u.a. die Migrationspolitik.

  15. 15 Horst 30. September 2009 um 16:29 Uhr

    Ja, jetzt sind wir – abgesehen von der Beurteilung – einer Meinung. Ich glaube tatsächlich, dass Gießler nicht die Asylpolitik als rassistisch und völkisch verurteilt, sondern ihren Hintergrund: die Ungerechtigkeit in der Welt. Und er verurteilt nicht den völkischen Nationalismus, sondern hält Islamisten und die Negri/Hardt-Linke für zeitgemäßere (nicht synonym mit gleichgroße) Bedrohungen. Jetzt sind wir bei der gleichen Interpretation des Textes angelangt, wenn du ihn auch aufgrund dieser verurteilst, während ich ihn gut richtig finde. Aber ich bin auch nicht links, sondern in erster Linie ein marxistisch beeinflusster Antifaschist.

  16. 16 Horst 30. September 2009 um 16:31 Uhr

    -ps-
    sorry, ich habe mich evtl. missverständlich ausgedrückt. Er verurteilt den völkischen NS schon, aber er interpretiert ihn nicht als bedrohung. geschichte wiederholt sich nicht.

  17. 17 earendil 30. September 2009 um 19:33 Uhr

    Stimmt, ich würde mein Hauptaugenmerk nicht auf mehr oder minder randliche Bedrohungsszenarien richten, sondern auf die Scheußlichkeiten, die Staat und Kapitalismus so vollbringen. Das achselzuckend hinzunehmen, das IST zynisch.

    Und, mit Verlaub, wer Negri/Hardt-Linke ernsthaft für eine Bedrohung hält, hat sie nicht mehr alle.

    Aber wenigstens bezeichnest du dich nicht als links(radikal) oder kommunistisch. Wenn auch Leute wie Gießler mal ihr peinliches Kommunismus-Bekenntnis sein lassen würden, wäre ja schon mal was gewonnen.

  18. 18 Horst 01. Oktober 2009 um 11:22 Uhr

    Vielleicht noch eine Bemerkung, um die Abgrenzung voneinander gewinnbringend voranzutreiben:

    Natürlich geht es auch mir um die Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft. Aber erstens glaube ich nicht, dass man dabei angesichtsder Geschichte (SU, Ostblock) dabei einen stichhaltigen Standpunkt vorweisen darf, sondern rücksichtsvoll und überlegt und selbstkritisch vorgehen muss, d.h. weniger selbstbewusst. Und zweitens halte ich die Vision von Negri und Hardt für einen Rückschritt hinter die bürgerliche Gesellschaft. Das führt m.E. Gießler auch stichhaltig aus.

    Ich möchte also wie du die bürgerliche Gesellschaft überwinden, aber auf keinen Fall in Negris und Hardts Weltvolksstaat enden. Da sind wir Gegner. Aber nicht deswegen, weil ich diese Gesellschaft überwinden will, sondern weil ich deine Utopie bzw. Kritik dafür für unangemessen halte.

  19. 19 Jan Filip Geldsack 02. Oktober 2009 um 21:17 Uhr

    H. Gießler meint z.B.:
    1.) dass wenn man die Produktionsmittel sozialisiert, das Individuum dann nicht mehr anderen Individuen (Besitzern) gegenüberstehe, sondern immer dem Staat, und das sei totalitär. Das sei alle gegen alle, wohingegen man in der bürgerlichen Gesellschaft sich meist ganz gemütlich einrichten kann. Marx habe daran einfach nicht gedacht oder das Problem erstmal weggelassen.
    2.) Dinge wie Klassenkampf, Massenbewegungen etc. zu dem „ganzen alten linken Scheiß“ (Betonung auf Scheiß!) gehören.

    Er ist alles in allem ein kompletter Antidialektiker (linker Scheiß!) benutzt gerne Worte wie „Leichenberge Lenins“ etc. und ist auf keinen Fall für irgendeine Sorte kommunistischer oder sonstiger Revolution – oder auch nur Aufklärung – zu gebrauchen, sondern nur zur Bespaßung bzw. Verdummung des Leipziger linken Publikums, je nachdem ob dessen Erkenntnisstand über bzw. noch unter seinem liegt.

  20. 20 stalinorgel 06. Oktober 2009 um 18:56 Uhr

    @ geldsack

    zu 1.: kannst du diese wenn-dann-Verbindung (wenn Sozialisierung der Produktionsmittel, dann Staat) mit Zitaten belegen? Meint Gießler, dass es historisch so war, oder das es zwingend so sein muss?

    Und kannst du erklären, inwieweit Gießler, der sich im Text gegen eine linke Leipziger Kampagne äußert, zugleich dieser über oder unter ihrem Niveau das Wort redet?

    Und: Was ist Antidialektik? Wenn der Term „linker Scheiß“ antidialektisch ist, ist der Term „Staat und Nation sind Scheiße“ dann auch antidialektisch?

  21. 21 Jan Filip Geldsack 07. Oktober 2009 um 1:12 Uhr

    @stalinorgel:
    1. Ich kann es nicht mit Zitaten belegen. Er hat es gesagt bei einer Veranstaltung zum 90. Jahrestag der Oktoberrevolution in der NaTo… also auf der Website http://www.gig-leipzig.com/veranstaltungen.html ist sie noch verzeichnet, sie hieß „Die Enttäuschung – 90 Jahre nach der russischen Revolution“, es steht aber nichts mehr dazu.
    2. Ich denke, er meint, dass es zwingend so sein muss. Das ist auch nicht das Problem (zumindest nicht meins). Er macht folgendes: Er zitiert z.B. Marx und seine „freie Assoziation freier Individuen“, und stellt dann fest, dass das nicht der Zustand war, der in der SU herrschte. Weiter also: Das könne der so nicht gemeint haben. Ob Marx die SU im Kopf hatte oder nicht, ist ja egal; aber Marx hat nun mal nicht prognostiziert, dass nach der Revolution die völlige Freiheit herrsche, sondern die Diktatur des Proletariats.
    Ich persönlich meine übrigens, dass eine Sozialisierung der Produktionsmittel nur mit Staat zu haben ist.
    3. Er redet der Kampagne nicht das Wort. Er beschwert sich über sie. Dies tut er unter ihrem Niveau.
    Ich verstehe gar nicht, warum er diese ganze Sache mit Hardt/Negri da auspackt, da hat doch keiner von geredet. Und dann sagt er Sachen wie: Die Wiedervereinigung wäre in antifaschistischer Hinsicht ein Fortschritt gewesen, weil es jetzt keinen „staatlich verordneten Antifaschismus“ mehr gebe. Den gibt es allerdings nicht mehr; dafür gibt es Privatantifaschismus und eben keinen staatlichen Faschismus, aber eine Bewegung dahin; und welcher sich da durch setzt, werden wir ja mal sehen.
    4. Terme sind nicht dialektisch oder undialektisch. Dialektik ist eine Methode, und seine Methode ist durchzogen von Hannah-Arendt-, FDP-, und anderen unmarxistischen Schrottideologien.
    Z.B. ist es undialektisch, festzustellen (im CI-Text, um den es in diesem Beitrag geht), dass er jetzt mehr Freiheiten habe als in der DDR – was ja sein kann – um dann endlich anzukommen: dass es durch die Wiedervereinigung also mehr Freiheit gebe. Das Undialektische daran ist z.B., dass er da keinen Unterschied macht bezüglich Allgemeinem und Besonderem; also z.B. hat das Ende des Realsozialismus in Osteuropa/Russland insgesamt für ziemlich grausame Verhältnisse gesorgt und ist eine Konterrevolution (allgemein), aber gerade Ostdeutsche stehen als neue Reichsdeutsche, die beim Imperialismus flott mitmachen, natürlich nicht schlecht da (besondere Umstände, die sich durch die konkrete Situation ergeben). Und da freut der sich einfach! Das kann er auch tun. Insgesamt sind die Umstände, was kommunistische Aussichten angeht, aber deutlich schlechter geworden durch die Wiedervereinigung (und das Ende der SU, was dazu gehört); und das sagt er nicht.

  22. 22 peter rehm 28. Dezember 2010 um 4:00 Uhr

    antikommunistische hetzer wie der totalausfallgeißler sind die letzte regressionsform eines protoliberalistischen antideutschtums

  1. 1 Der talentierte Mr. Gießler | gigi's Pingback am 26. September 2009 um 18:30 Uhr
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