Wahlboykott

Einer der beliebtesten Ausdruecke linksradikalem Nonkonformismus ist das Bekenntnis, nicht waehlen zu gehen. Dazu werden Weisheiten aus dem linken Poesiealbum angefuehrt: „Wuerden Wahlen etwas aendern, waeren sie verboten.“ oder „Mit deiner Stimmabgabe legitimierst du die Gesellschaftsordnung.“
In einem Gespraech mit Dietmar Dath taetigt Gremliza dazu folgende interessante Ausserung:

Man kann von Wahlen halten, was Erich Muehsam davon hielt, und trotzdem in einer Gemeinde, wo die eine Partei einen Kinderhort zugunsten einer sechsspurigen Durchfahrtsstrasse platt machen will, die andere waehlen. Vielleicht kann man das sogar tun, um die Hartz-Saetze nicht nochmal runtergesetzt zu kriegen – vorausgesetzt, man taete es nicht mit Hingabe, sondern mit Verachtung.1

Darin kommt ein weit reflektierteres Verhaeltnis zu Wahlen zum Ausdruck, als es obengenannte Schmalspurrebellen haben. Denn was reproduziert die kapitalistische Gesellschaftsordnung in staerkerem Masse? Die Unterordnung unter den stummen Zwang zur Lohnarbeit? Das Sichumwenden, wenn man vom Schutzmann gerufen wird? Oder die Stimmabgabe – in der Hoffnung, die eigene Existenz etwas ertraeglicher zu machen?

  1. KONKRET 10/2009, S. 32. [zurück]

8 Antworten auf „Wahlboykott“


  1. 1 Space-Pleb 30. September 2009 um 12:41 Uhr

    Dass Du offensichtlich nicht auf die naheliegende Möglichkeit kommst, dich in einem der geschilderten Fälle direkt gegen die drohende Schädigung zu engagieren, lässt vermuten, es bei Dir mit jemandem zu tun zu haben, der bereits resigniert hat bevor er gescheitert ist. Zu feige – oder verdruckst?

    LOL!

  2. 2 Simone 30. September 2009 um 13:40 Uhr

    Das eine – Stimmabgabe – und das andere – direkte Aktion – schliessen sich doch nicht aus.

  3. 3 Space-Pleb 30. September 2009 um 14:42 Uhr

    Leider doch in praktischer Hinsicht: Keine Selbstorganisation kann damit rechnen in einem Machtvakuum agieren zu können. Tatsächlich ist jede neue unabhängig agierende Gruppe direkt konfrontiert mit den Ansprüchen bereits etablierter politischer Gliederungen (Ansprüche auf Leute, Geld, Logistik). Und in einer Auseinandersetzung zwischen linken antiparlamentarischen und linken außer- oder gar parlamentarischen Gruppen bedeutete es für die antiparlamentarischen, ihren Gegnern das Gesetz des Handelns zu überlassen, ließen sie sich auf Wahlkampfstategien ein; sie führten ihr politisches Konzept ganz praktisch ad absurdum. Schließlich im Falle eines Wahlerfolgs dieses Gegners, stünde er ihnen ausgestattet mit den Machtmitteln des bürgerlichen Staates gegenüber…

  4. 4 earendil 30. September 2009 um 14:52 Uhr

    WORD!

    (Das Interview gibt’s nicht irgendwo online, nein? Interviews mit Dath sind ja eine Genuss-Garantie, aber deswegen hol ich mir keine Konkret…)

  5. 5 ... 30. September 2009 um 14:55 Uhr

    Gutes Zitat.

  6. 6 Entdinglichung 30. September 2009 um 17:39 Uhr

    wo Gremliza recht hat, da hat er recht; die Frage der „korrekten“ Haltung zu Wahlen ist stets eine Antwort auf die konkrete Situation, somit eine Frage der Taktik im Rahmen einer revolutionären Praxis und nicht ein Akt der Herstellung „innerer eigener Reinheit“ … einen sehr viel signifikanteren und weniger symbolischen Akt der Aufrechterhaltung der Gesellschaftsordnung als Wahlen stellt das Zahlen von Steuern da … also liebe GSPler, von nun an müsst ihr euer Bier selber brauen ;-)

  7. 7 Simone 30. September 2009 um 19:50 Uhr

    @Space-Pleb: Mir geht es doch garnicht um die Strategie irgendeiner antiparlamentarischen Gruppe, sondern um die mit dem Waehlengehen getaetigten performative Anerkennung der Gesellschaftsordnung. Und deren Wertigkeit halte ich eben fuer weniger wichtig als beispielsweise das von Entdinglichung genannte Steuernzahlen oder das Parieren vor dem Arm des Gesetzes.

  8. 8 Space-Pleb 01. Oktober 2009 um 10:57 Uhr

    @ Simone

    Ja, hab´das schon verstanden. Nur: welche performative Wertigkeit dem Wahlakt zukommt entscheidet sich m.E. in der Situation, in dem er zur Sprache gebracht wird.

    Ist diese Situation eine der antagonistischen Auseinandersetzung (im Grunde ist jede Situation eine solche), kann nicht erwartet werden, zu einem generalisierenden Konsens hinsichtlich der Bedeutung von Handlungen zu kommen. Die Aussagen, die in diesem Fall gemacht werden, haben entsprechend keinen dikursiven Sinn; sie sind expressiv.

    Anders im Fall einer auf ein totales Projekt bezogenen Gruppenpraxis (z.B. kommunistische Weltrepublik): Hier kann über Wahlen nur negativ geurteilt werden – nicht im verallgemeinernden Verständnis (denn es gibt keine Allgemeinheit), sondern im totalisierenden: Wer nicht für das Projekt ist, ist gegen es; wer wählt, steht auf der falschen Seite.

    In dieser Perspektive gilt taktisch nur die Frage: Wie weit darf ich gehen, ohne infolge von Repression handlungsunfähig zu werden.

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