Warum der Faschismus vor der eigenen Haustür gesucht werden sollte

Eine Einleitung zur neuen Vortragsreihe des ALV

Freilich dreht das Rad sich immer weiter,
Dass, was oben ist, nicht oben bleibt.
Aber für das Wasser unten heißt das leider
Nur: dass es das Rad halt ewig treibt.

Bertolt Brecht,
Das Lied vom Wasserrad


Zwei Gedanken müssen der Darstellung aktueller faschistischer Bedrohungen in Europa vorangestellt werden. Erstens: Wer von Faschismus spricht, der bewegt sich zumeist irgendwo zwischen Polemik und Theorie. Das gilt aus historischer Sicht sowohl für die KPD, die spätestens seit 1924 mit der These vom Sozialfaschismus gegen die SPD agitierte, als auch für liberale und konservative Politiker zutrifft, stellvertretend steht die Aussage des konservativen Vorsitzenden der katholischen Volkspartei Italiens, Luigi Sturzo, wonach zu unterscheiden sei in „kommunistische Diktatur oder (…) Linksfascismus“ und „konservative Diktatur oder (…) Rechtsbolschewismus“ , das gilt derzeit nicht weniger für jene sind davon auch Diskussionen, die im Mittleren Osten finden, was die, die sie führen, schon lange gesucht haben: Name und Adresse des Faschismus für das 21.Jahrhundert. Nur zu leicht kann dabei vergessen werden, dass auch der Faschismus des 20. Jahrhunderts noch keinesfalls verschwunden ist.
Zweitens: Faschismustheoretische Werke ähneln sich nicht zuletzt in jenem Punkt, der über Aktualität zu berichten weiß. Dies trifft auch für die neueren Faschismustheorien zu und scheint mehr denn nur als Rechtfertigung eines Forschungsgegenstandes, manchmal gar als tatsächlich empfundene Bedrohung. (diesen Satz überarbeiten?) Michael Mann nennt die Existenz faschistischer Gruppen einen hinreichenden Grund für seine Betrachtung , Robert O. Paxton warnt vor „faschistisch-konservativen Allianzen“ und in der siebenten, überarbeiteten Auflage von Wolfgang Wippermanns „Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute“ heißt es nüchtern:

„Zwischen Vergangenheit und Gegenwart gibt es (…) nicht nur Kontinuitäten, sondern auch Ähnlichkeiten, weil es immer noch und immer neue Gruppen und Parteien gibt, die sich sowohl in ihrer Ideologie wie in ihrem politischen Stil und teilweise sogar in ihrem Erscheinungsbild an dem angeblich ‚toten‘ Faschismus orientieren.“

Trotz der seit einigen Jahren gestiegenen Bereitschaft, auch im Wissenschaftsbetrieb wieder über den Faschismus zu reden, ist der zivilgesellschaftliche Verweis auf dessen Aktualität außerhalb des Universitätsgebäudes verbunden mit zwei stereotypen Bildern: dem neofaschistischer Jugendlicher in der ostdeutschen Provinz und dem des islamistischen Antisemitismus. Dabei spart die Polemik nur zu oft das Erstarken (neo)faschistischer Bewegungen auf europäischer Bühne aus. Geschwiegen wird von der Moskauer Querfront aus Kommunisten und Faschisten, die unlängst die Gemeinsamkeiten ihrer politischen Programme herausstellten und in beinahe zärtlicher Vereinigung die Demonstration zum 1. Mai begingen; ungehört bleiben die circa 250 von Rassisten Ermordeten, die jährlich allein in der russischen Hauptstadt zu zählen sind; und der alljährlichen Vereidigung der „Ungarischen Garde“ direkt in der Budapester Altstadt schenkt man in sonst kritischen Kreisen so wenig Aufmerksamkeit wie den pogromartigen Ausschreitungen gegen jene, die -als „Zigeuner“ bezeichnet- in der tschechischen Provinz regelmäßig für vogelfrei erklärt werden.
Es geht in der Vortragsreihe „the worst enemy“ nicht um eine Zukunftsprognose der politischen Entwicklung in Ungarn, Rumänien und Russland, sondern um die deutliche Aufforderung, den Blick auf die Staaten des ehemaligen „Ostblocks“ zu lenken. Die Demonstrationen der Ungarischen Garde, die in weißen Hemden, schwarzen Westen und Schirmmützen mit rot-weiß kariertem Emblem auftreten, erinnern zunächst an den (mittlerweile stark ironisierten) Satz von Marx, wonach „Hegel (…) irgendwo bemerkt, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen“, er aber vergessen habe hinzuzufügen: „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Für die dort lebenden Minderheiten, allen voran für Roma, Homosexuelle und Juden, stellen die marschierenden Ungarn hingegen nicht weniger als die die alltägliche Bedrohung der eigenen Existenz dar. Darauf sollte mit aller Deutlichkeit hingewiesen werden.

Das Alternative Vorlesungsverzeichnis des Studierendenrates der Universität Halle-Wittenberg lädt alle Interessierten zur Vortragsreihe „the worst enemy. Zur Aktualität faschistischer Bewegungen in Europa“ ein, die im Wintersemester 2009/10 stattfinden wird.

Die Veranstaltungen:

10. November 2009: Thomas Hecken – Gibt es eine faschistische Avantgarde? Vom Futurismus bis zu den Weathermen.

23. November 2009: Carsta Langer/Christian Dietrich – Faschistische Bewegungen in Ungarn

17. Dezember 2009: Thomas Schmidinger – Rechtsextreme Bewegungen in Österreich

Mitte Januar 2010 (genauer Termin und Thema werden noch bekannt gegeben): Axel Rüdiger

28. Januar 2010: Andreas Umland – Der postsowjetische Diskurs und die faschistische Gefahr

Wolfgang Wippermann, Europäischer Faschismus im Vergleich 1922- 1982, Frankfurt (Main) 1983, S. 9.

Luigi Sturzo, Italien und der Faschismus, Köln 1926, Auszüge in: Ernst Nolte (Hg.), Theorien über den Faschismus, Köln/Berlin 1967, S. 221- 234, hier: S. 225.

Michael Mann, Der Faschismus und die Faschisten. Vorbereitende Überlegungen zur Soziologie faschistischer Bewegungen, in: Mittelweg 36 1/07, S. 26- 54.

Robert O. Paxton, Die Anatomie des Faschismus, München 2006, S. 300.

Wolfgang Wippermann, Faschismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt 1997, S. 117.

Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: Marx-Engels-Werke Bd. VIII, Berlin 1960, S. 115.


1 Antwort auf „Warum der Faschismus vor der eigenen Haustür gesucht werden sollte“


  1. 1 Warum der Faschismus vor der eigenen Haustür gesucht werden sollte « ambivalenz Pingback am 10. November 2009 um 9:10 Uhr
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