Die gute Studigemeinschaft fordert: Vater Staat, rette die reine Bildung gegen das böse Abstrakte!

Im Folgenden dokumentieren wir einen Text des Freundeskreises „Kritik verkürzter Kritik“:

Die Studierendenproteste richten sich gegen die „Ökonomisierung“ unschuldiger Wissenshorte und blasen zum Verteidigungskampf für „ihre alma mater“. Dass ihr Reden und Tun die herrschenden Verhältnisse bestenfalls affirmiert und reproduziert, erkennen die AktionistInnen nicht. Einige Hinweise des Freundeskreises „Kritik verkürzter Kritik“

1963 erinnerte sich Karl Jaspers an den Beginn seiner Studienzeit mit 18 Jahren: „Nichts schien mir großartiger als Universität. Alle Wahrheit lässt sich dort finden. Ich hatte das Glück, hervorragende Professoren zu sehen und zu hören, und gleichzeitig das Glück, noch völlig unreflektiert, ganz gewiss zu meinen, die Universität, das ist eine große, abendländische, übernationale Sache – wie die Kirchen. Da gehöre ich einer Gemeinschaft an, die mich nicht bindet an Staat und dergleichen, sondern da gehöre ich einer Gemeinschaft an, die nichts will als bedingungslos und uneingeschränkt Wahrheit.“

46 Jahre später scheint dieses „völlig unreflektiert[e]“ Verständnis von Universität und Hochschulbildung in nur leicht modifizierter Form auch bei tausenden „BildungsaktivistInnen“ vorzuherrschen, die nicht ohne Pathos auch dieser Tage zu Besetzungen, Demonstrationen und Sprechchor-Workshops laden: „Die alma mater brennt und braucht ihre Kinder!“ heisst es z. B. im besten Verbindungsjargon auf einschlägigen Blogs. Was wird von den AktivistInnen kritisiert? Der bundesweite Aufruf zum Bildungsstreik gibt Aufschluss:

„Weltweit sind Umstrukturierungen aller Lebensbereiche nicht mehr gemeinwohlorientiert, sondern den sogenannten Gesetzen des Marktes unterworfen. Seit ein paar Jahren ist auch das Bildungssystem in den Fokus solcher ‚Reformen‘ geraten […]. Der anhaltende Protest gegen Studiengebühren und Sozialabbau in den letzten Jahren hat bei den Verantwortlichen in Medien, Wirtschaft und Politik zu wenig Wirkung gezeigt. […] Dem Einfluss der maßgeblichen politischen und ökonomischen Interessen im Bildungsbereich setzen wir unsere Alternativen entgegen: öffentliche Finanzierung des Bildungssystems ohne Einflussnahme der Wirtschaft“.

Gerade eine Betrachtung der frühen Geschichte der Universitäten macht jedoch deutlich, dass diese natürlich immer schon ein Teil der Gesellschaft, immer unmittelbar herrschenden wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen unterworfen waren. Die – widersprüchliche und ungenaue – Dichotomisierung in Wirtschaft und Staat verkennt alle Basisbanalitäten von Ökonomie und Staatstheorie: die Aufgabe auch jedes staatlich organisierten Bildungswesens ist die Produktion von Fachkräften für den Arbeitsmarkt; die Aufgabe jedes Staates die Aufrechterhaltung und Stabilisierung des mal mehr und mal weniger regulierten Marktes. Eine im Angesicht wirtschaftlicher Krise unvermeidliche Reformierung auch des Bildungswesens muss vor dem Hintergrund der Zwänge herrschender Verwertungszusammenhänge analysiert und kritisiert werden, und nicht als Folge der Mißgunst oder böswilliger Pläne einzelner Firmen oder ManagerInnen, bzw. des falschen Handelns von PolitikerInnen, die angeblich eigentlich durchaus für ideale „selbstbestimmte“ und „emanzipatorische“ Bildungsräume sorgen könnten.

Doch völlig uneinsichtig angesichts solcher Überlegungen proklamieren die ProtestlerInnen „wir sind kein Humankapital“, um gleichzeitig – wahrscheinlich einfach unbewusst bzw. unreflektiert – bei Gesprächen mit Rektoren und PolitikerInnen ausgerechnet an Elemente der Verhältnisse zu appellieren, die für die kritisierten Zustände ursächlich sind. Doch ohnehin können die Studierenden es nicht lassen, den Standortfaktor ins Gespräch zu bringen, und aus dutzenden Aufrufen spricht die Empörung, an der „Massenuni“ um die eigene Sonderstellung als zukünftige intellektuelle Elite des Landes betrogen zu werden. Auch die „Streik“-Semantik verweist darauf, dass die angeblich von den AktivistInnen kritisierte Vorstellung von „Ausbildung“ von diesen längst internalisiert worden ist, werden doch eigene Lern- und Aneignungsprozesse „lahmgelegt“, diese also eindeutig nur als Humankapital zukünftiger Marktteilnehmer wahrgenommen. Widersprüchlich geht es weiter: Kündigen sie an, sie wollten „unsere Hörsäle nicht kampflos der Ökonomisierung an deutschen Hochschulen überlassen“, und kritisieren den Einfluss privatwirtschaftlicher Unternehmen auf das Bildungssystem, so bemängeln sie selbstkritisch, ihre Proteste hätten bei „Verantwortlichen in Medien, Wirtschaft und Politik zu wenig Wirkung gezeigt“. Ein vor Vollendung veröffentlichter Forderungskatalog deutscher BesetzerInnen spricht ohnehin Bände:

„Der Bachelor [soll] der berufsqualifizierende Abschluss sein. Doch nicht einmal dafür können ausreichend Fähigkeiten entwickelt werden. Dabei stellt sich doch die Frage, wie beispielsweise Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen so „für die Wirtschaft nützlich sein sollen.“> Rauslassen? Verwertungslogik argumentation ;-)

Konsequenter sind da die österreichischen Studierenden, die im besetzten Wiener Audimax den antisemitischen Absurditäten eines Jean Ziegler johlenden Applaus spendeten, als der von der autonomen und freien Universität schwadronierte oder besser phantasierte, die 1789 und 1848 [!] entstanden sei, und die heute von der „Weltdiktatur“, der „Welttyrannei des globalisierten Finanzkapitals“ [!] zerstört werde, gegen welche wiederum organischer [!] Widerstand notwendig sei; konsequent verkürzt und damit antisemitisch auch die Organisierung von Silvio Gesell-Lesekreisen – Gesell verbrachte seinen Lebensabend mit „Kameraden“ in einem völkisch-nationalsozialistischen Lebensreformprojekt.

Wenn die ProtestlerInnen von der „Entmündigung“ reden, die angeblich nun „mit der Immatrikulation einhergeht“, so idealisieren sie nicht nur die bisherigen Zustände im Bildungssystem, sie negieren vor allem die Komplexität, die Dialektik des Bildungs- und Wissensbegriffs. Die Universität war noch nie Hort freien und autonomen Strebens nach Wissen, die idealistischen Ideen Humboldts, die nun verschiedene AkteurInnen zu verteidigen glauben, waren die Ideen eines preußischen Untertanen, dessen Vorstellungen von Universitäten als staatlich protegierten Orten der „Einsicht in die reine Wissenschaft“ aufgrund der ihnen immanenten Negierung ökonomischer Verhältnisse bzw. Zwänge nie Realität werden konnten. Insofern ist es auch naiv, bei Vorträgen über die Tradition der Universitätsidee völlig ahistorisch in Erinnerungen an ein Ideal zu schwelgen, ohne die Universitätstradition vor dem Hintergrund ökonomischer und politischer Verhältnisse zu kontextualisieren. „Zu diesem Selbstaktus im reinen Verstande“ ist für Humboldt „Freiheit und hülfreich Einsamkeit“ notwendig, Kernpunkte seiner idealen Universitätsidee waren die Lehrfreiheit, die Einheit von Forschung und Lehre und die Komplementarität der Disziplinen. Gerade hier müsste heute jegliche Kritik der Entwicklungen im Bildungssystem durchaus ansetzen; zu den problematischsten zählt momentan das Ende der im Konzept verknüpfter Forschung und Lehre zumindest erzwungenen kritischen Selbstreflexion. Dass Henry Tesch (CDU), der Präsident der Kultusministerkonferenz, die Forderungen der Protestierenden als richtig und verständlich bezeichnete und in Konsequenz von ProfessorInnen an den Universitäten forderte, sie sollten sich „davon verabschieden, ihre speziellen Lehr- und Forschungsinteressen in den Vorlesungen unterzubringen“ [!] und flexibler werden, blieb von Seiten der Studierenden bezeichnenderweise unerwidert.

Nicht einmal konsequente Kritik innerhalb eines Denkgebäudes, das die herrschenden Verhältnisse affirmiert, ist zu vernehmen, also eine egoistische Verteidigung des humboldtschen Ideals gekoppelt an einen Kampf um mehr Pfründe für die Universitäten. Allenfalls kann man hier und da die Organisation von Runden Tischen und Sprechchor-Workshops beobachten, wo die JungpolitikerInnenkarriere forciert oder an der eigenen Rhetorik gefeilt werden kann. Das kritische Potential, was hier entwickelt wird, ist identisch mit jenem, das von „flexiblen“ ArbeitnehmerInnen heute in jedem Unternehmen gefordert wird – ernsthafte Überlegungen von ProtestlerInnen, ihr Pfadfinderkollektiverlebnis als ASQ-Modul Hochschulpolitik für den Bachelor anrechnen zu lassen, sprechen für sich. Der gesellschafts- oder kapitalistismuskritische Anspruch wird jedoch – sein Fehlen in allen Aktionen der AktivistInnen beflissen ignorierend – immer wieder von diesen betont und damit selbst ein die Zustände grundsätzlich affirmierender realpolitischer Anspruch der Lächerlichkeit preisgegeben.

Dem eigenen Unvermögen, konsistente und konsequente Kritik zu üben, wird u. a. so Ausdruck gegeben:

„Wissenschaftliche Bildung, egal in welchen Fachbereich, kann nicht nach dem fremdbestimmten schulischen System funktionieren und ebenso wenig nach betriebswirtschaftlichen Methoden. Eigenständiges kritisches Denken und Hinterfragen lässt sich nicht quantitativ bestimmen und auch nicht in €uro ausdrücken. Bildung ist kein Produkt und wir sind keine Konsumenten. Genauso wenig wie unsere DozentInnen und ProfessorInnen VerkäuferInnen von Wissensständen sind. Bildung lässt sich nicht stumpfsinnig auswendig lernen, bei Bedarf abrufen und einsetzen. Bildung ist mehr, ein öffentliches, ein humanitäres Gut [sic], welches jeden Menschen frei zu Verfügung stehen muss.“ [Fehler unkorrigiert]

Wer aus dieser Zusammenschau von Phrasen und Schlagwörtern schlau wird, hat etwas falsch gemacht. Studierende werden hier als per sé reflexive und mündige Menschen dargestellt, genauso wie ProfessorInnen an anderer Stelle als Vermittler von „Herrschaftsideologie“, als vermeintliche Sprachrohre kapitalistischer Unternehmen oder einfach „des internationalen Kapitals“ bezeichnet werden. Der dialektische Charakter von Bildung, die Tatsache, dass auch in einer falschen Vorlesung das für die richtige Kritik der herrschenden Verhältnisse notwendige Sachwissen erworben werden kann, die Feststellungen, dass der mündige Mensch nicht als solcher und außerhalb des (Bildungs)-Systems existiert, und dass die Befähigung, sich des eigenen Verstandes ohne Anleitung zu bedienen, eben erlernt werden muss – sie werden ignoriert. Der Aussage, Bildung sei kein Produkt, wird jene entgegengestellt, Bildung sei ein Gut – ein Schelm wer hier Widersprüchlichkeit und Unverständnis erkennt. Um auf den Stichwortgeber für das undialektische Gerede von „der Wissenschaft“, die zu retten und zu verteidigen sei oder die wahlweise zerstört, ökonomisiert oder dem Markt unterworfen werde, zurückzukommen: Schon Humboldt betonte, es gelte, „das Prinzip zu erhalten, die Wissenschaft als etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes zu betrachten, und unablässig sie als solche zu suchen“. Diese Banalität gilt es, den Protestierenden klarzumachen.

Doch vor allem muss – gegen den Bildungsprotest und für eine Kritik der Zustände im Bildungssystem – das Nachdenken über die gesellschaftlichen Verhältnisse eingefordert werden, die für diese Zustände ursächlich sind, und eine Kritik gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse bzw. der herrschenden Verwertungslogik geübt werden. Den BesetzerInnen und AktionistInnen muss Johannes Agnioli entgegengehalten werden, der kritisierte, viele seien dazu übergegangen, „Missstände zu kritisieren und Missbräuche zu denunzieren, während es meines Erachtens gerade darauf ankommt, Zustände zu kritisieren und den normalen Gebrauch der Politik zu denunzieren“.

Kontakt: freundeskreiskritik@gmx.de


3 Antworten auf „Die gute Studigemeinschaft fordert: Vater Staat, rette die reine Bildung gegen das böse Abstrakte!“


  1. 1 Paolo 04. Dezember 2009 um 13:41 Uhr

    eine schlaue kritik! erinnert mich stark an einen text, der mir unlängst in leipzig von einer attraktiven jungen frau in die hand gedrückt wurde…

  2. 2 fauhal6 06. Dezember 2009 um 12:24 Uhr

    „Diese Banalität gilt es, den Protestierenden klarzumachen.“

    Das funktioniert aber nicht, wenn mensch nur zu den schon Bekehrten predigt und ab und an mal ein Flugblatt schreibt. Um wirklich etwas im Protest erreichen zu wollen, muss mensch sich in den Diskurs, bei den Plena, mit einbringen und das ohne jedeN anzupöbeln, welcheR sich noch nicht mit Adorno und Horkheimer auseinander gesetzt hat. Daran mangelt es leider bei den meisten Kritikern. Mensch kann nicht jedeN bei Adorno abholen.

  3. 3 derFrankfurter 12. Dezember 2009 um 11:41 Uhr

    @ fauhal6
    Das ist erstmal sicherlich völlig richtig, allerdings macht die Tatsache daß es eben Adorno war, der bestimmte Dinge formuliert hat, diese nicht weniger wahr.
    Was das predigen zu schon bekehrten anbelangt: gerade reflexive Kritik-Kritik weist zu Recht darauf hin, wozu die sogenannten „Bekehrten“ bekehrt sind. Das ist an jeder Uni Deutschlands ein Riesenproblem, auch etwa in Frankfurt. Kritik-Kritik wird in Plena m.E. als das wahrgenommen, was sie gerade nicht ist: hirnlose Störerei (Vorwürfe fangen dann an mit „Mach es doch nicht so kompliziert…“); daß es um ganz neue (oder sagen wir: andere; neu sind sie ja nicht) Ebenen gehen muß (die dann eben doch erstmal theoretisch bleiben), ist eine ebenso notwendige wie schmerzhafte Einsicht. Wo diese Einsicht fehlt, werden eben Wände mit Bildern von Kant bemalt und das Humboldtsche Bildungssystem in einem besetzten Gebäude gefordert. Irgendwie bescheuert, oder?

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