Revolutionärer Imperialismus und politischer Mainstream im heutigen Russland

Zur Bedeutung des erstarkten russischen Rechtsextremismus für ein Verständnis der antiwestlichen Wende in der Putinschen Außenpolitik

Die meisten Erklärungsmodelle für den außenpolitischen Kurswechsel der Russischen Föderation der vergangenen Jahre sind entweder personalistisch oder geschichtsphilosophisch angelegt. Während einige Beobachter aus den politischen Präferenzen bzw. beruflichen Biographien von Personen in der Führungsriege Russlands den Richtungswechsel in der Außenpolitik herleiten, neigen andere Kommentatoren dazu, diese Veränderungen auf die „Natur Russlands“, die sich aufgrund der scheinbaren inneren Stabilisierung und des wirtschaftlichen Aufschwunges seit ca. 2000 wieder durchsetze, zurückzuführen. Dieser Vortrag stellt einen dritten, als spektralanalytisch bezeichneten Erklärungsansatz vor. Demnach kann Putins außenpolitische Kurskorrektur unter Berücksichtigung größerer innenpolitischer (d.h. nicht nur personalpolitischer) Faktoren interpretiert werden. Dies betrifft insbesondere den Aufstieg und die Konsolidierung von ultranationalistischen, hier als „revolutionär-imperialistisch“ bezeichneten Akteuren im politischen Diskurs Russlands sowie die damit einhergehende Verschiebung des gesamten russischen politischen Spektrums. Der von Putin und seiner Umgebung repräsentierte irredentistische Imperialismus war zwar auch schon unter Jelzin im politischen Diskurs präsent. Jedoch hat sich „rechts“ von dieser ideologischen Position ein weiteres zwar informelles und uneiniges, aber dennoch öffentlich präsentes und Gehör findendes politisches Lager etabliert, welches nicht nur eine teilweise oder vollständige Restauration des Russischen Reiches anvisiert sondern eine vollständige Neuordnung der Welt anstrebt. Es werden die beiden wichtigsten Ideengebäude dieser revolutionären Spielart von zeitgenössischem russischem Imperialismus (Wladimir Shirinowskijs sog. Liberal-Demokratische Partei und Alexander Dugins Internationale Eurasische Bewegung) vorgestellt und auf ihre in den letzten Jahren gestiegene politische Relevanz eingegangen.

Es referiert Dr. Dr. Andreas Umland, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Andreas Umland ist Gründer und Redakteur der Buchreihe „Soviet and Post-Soviet Politics and Society“.


Vortrag am 27.01 um 18.00 Uhr im Melanchthonianum (Universitätsplatz 8/9), Hörsaal G

Eine Veranstaltung der Reihe Kritische Intervention des Arbeitskreises Alternatives Vorlesungsverzeichnis des Studierendenrates der MLU in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen-Anhalt