Der ‘homo islamicus’ und die Aufklärung

In seinem Eröffnungsvortrag „Der ‘homo islamicus’ und die Aufklärung“ wird der Philosophiehistoriker Dr. Geert Hendrich (Uni Darmstadt) quasi den historischen und theoretischen Rahmen der Veranstaltungsreihe setzen:
Die Aufklärung gehört zum Selbstverständnis der Kultur der Moderne. Kommt dabei „der Islam“ ins Spiel, berufen sich selbst erzkonservative Scharfmacher oder katholische Sittenwächter auf die „Errungenschaften“ der Aufklärung. Gilt es diese doch gegen einen per se antimodernen, weil zur Aufklärung nicht fähigen Islam zu verteidigen. Vollends heillos wird die Debatte, wenn postmoderne Apologeten im Namen der kulturellen Differenz Menschenrechte und Verfahren demokratischer Legitimation und Partizipation auf den Müllhaufen der Geschichte entsorgen wollen – und dafür Beifall von islamistischen Ideologen bekommen. Wahrlich: „Der Schlaf/Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“! Denn weder die selbst ernannten Verteidiger noch die naiven Kritiker bemerken, dass Aufklärung heute gerade nicht bedeutet, lediglich die europäische Modernisierungsgeschichte affirmativ nachzuvollziehen.
Der Vortrag möchte einen Bogen schlagen von der grundsätzlichen Problematisierung des Verhältnisses von Aufklärung und Moderne zur Aktualität des Aufklärungsdiskurses in den arabo-islamischen Ländern. Dessen Vielfältigkeit wird kaum wahrgenommen, auch weil die europäische Wahrnehmung noch zu oft von den Gleichsetzungen „aufgeklärt – westlich“ und „antimodern – islamisch“ ausgeht. Dagegen muss nach meiner Wahrnehmung von der Faktizität der Moderne auch in den Kontexten „des Islam“ ausgegangen werden, und dann verlaufen die Diskurslinien nicht zwischen Kulturen, sondern quer durch sie als Aufklärung und Gegenaufklärung. Und auch diese Begriffe werden um so „unübersichtlicher“, je näher man sie betrachtet. Zwischen einer Moderne, die sich selbst nicht wahr haben will, und der Akzeptanz ihrer Unabschließbarkeit erweist sich Aufklärung auch hier vor allem im Ringen um Mündigkeit.

11.05.2010 – 18.30 – Melanchthonianum, Uniplatz, HS XV

Eine Veranstaltung der Reihe: Tradition oder Moderne? Die Aktualität der Aufklärung im ‚Nahen Osten‘.