Interview mit Volkmar Sigusch zum Thema Pädophilie und Pädosexualität

In der aktuellen Ausgabe der GEW-Zeitschrift „Erziehung und Wissenschaft“ findet sich das lesenswerte Interview „Sexualitätsperspektive: ‚Es muss endlich um die Opf er gehen‘. Der Sexualforscher Professor Volkmar Sigusch spricht im Interview über die Motive von Pädophilen und das Tabu frühkindlicher Sexualität.“1, das an dieser Stelle auszugsweise zitiert wird:

ZEIT: Sind Pädophile therapierbar?
Sigusch: Da fixierte Vorlieben oder entfaltete Perversionen die Person zusammenhalten, geht es für die Betroffenen ums Überleben und nicht um die Auflösung eines begrenzten Konfliktes aus der Kindheit. Alle Therapeuten stehen also vor einer gewaltigen Aufgabe, ihre Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Die einen berichten, dass sie nach Strich und Faden belogen worden seien, wie gleichzeitig stattfindende polizeiliche Durchsuchungen bei den Patienten ergeben hätten. Andere sagen, dass die Patienten keinerlei Einsicht in ihr inakzeptables Verhalten gezeigt hätten. Wieder andere teilen mit, dass ihre Patienten in schwerste Depressionen mit einer Tendenz zum Zusammenbruch der gesamten Person gefallen seien. Dass Pädophile durch eine Therapie darauf verzichten, ihre sexuellen Wünsche zu realisieren, gehört eher zu den seltenen Glücksfällen. Ein solcher kann eintreten, wenn der Patient über eine hohe Moralität verfügt, sozial eingebunden ist und sein sexuelles Verlangen keinen suchtartigen Verlauf genommen hat. Den Ausschlag geben also die Persönlichkeit und die sonstigen Lebensumstände des Pädo­sexuellen.

ZEIT: Es gibt Pädophile, die sexuelle Kontakte mit Kindern strikt ablehnen.
Sigusch: Sie zeigen die Stärke und Moralität, von denen gerade die Rede war. Doch sie leben auf eine Weise, die tragisch genannt werden muss. Denn sie verzichten auf das, was ihnen am liebsten im Leben ist. Pädophilie heißt ja, dieser Mensch fühlt sich nur wohl, fühlt sich nur geborgen, wenn seine mehr oder weniger unbewusste Sehnsucht nach der eigenen als verloren erlebten Kindheit durch das kindliche Leben mit Kindern erfüllt wird. Ich möchte an dieser Stelle betonen, wie vielfältig die Erscheinungsformen von Pädosexualität und Pädophilie sind. Sie reichen von der bewundernswerten sexuellen Abstinenz über die Liebe und Fürsorge ohne Geschlechtsverkehr, die einem Kind gut tut, bis hin zur Fetischisierung des kindlichen Körpers ohne weitere Ansprüche an die kindliche Person und, wenngleich sehr selten, bis hin zur Vergewaltigung eines wehrlosen Kindes.

ZEIT: Die Täter verteidigen ihr Tun oft damit, sie hätten sexuelle Kontakte zu Kindern hergestellt, ohne dass sie Gewalt angewendet hätten. Sie unterstellen also ein Einvernehmen.
Sigusch: Da ein vorpubertäres Kind nicht weiß, was Liebe und Sexualität sind, was sie bedeuten, was sie symbolisieren, kann es keine reflektierte Einvernehmlichkeit geben. Eine „Einvernehmlichkeit“ zwischen dem Kind und dem Pädosexuellen gründet entweder auf der sozial prekären Lage des Kindes oder auf den Einfühlungs- und Verführungskünsten des Erwachsenen. Ohne derartige ebenso besondere wie verfängliche Umstände ist kein Kind bereit, mit einem Erwachsenen solche ekligen Dinge zu tun. Zwischen der kindlichen Sexualität und der eines Erwachsenen klafft ein unüberwindbarer Abgrund, der nur durch mehr oder weniger erkennbare Gewaltanwendung und Machtausübung überwunden werden kann – mit den bekannten Folgen. Wohlgemerkt, ich spreche hier über Sexualität, nicht über Erotik und Verliebtheit.
[…]
ZEIT: Was wissen wir über die möglichen Schäden für die Kinder?
Sigusch: Die Auswirkungen reichen von einer seelischen Traumatisierung, die das ganze Leben des Opfers vergällt, bis hin zu Erfahrungen, von denen diejenigen, die sie gemacht haben, als Erwachsene sagen, sie hätten ihnen in ihrer familiären Situation geholfen – weil sie keinen anderen Schutz gehabt hätten, weil sie anderen Kindern vorgezogen und umsorgt und geliebt worden seien. Das Stück Sex, das sie eher eklig fanden, hätten sie ihrem großen Freund „geschenkt“. Ob ein Kind geschädigt wird, hängt also sehr davon ab, in welcher sozialen und seelischen Verfassung es mit welcher Vorgeschichte in welchem sozialen Umfeld in eine Beziehung zu einem Pädosexuellen gerät.
[…]

Auch der Rest des Interviews ist lesenswert – gerade in Hinblick auf die immer wiederkehrenden Debatten um sog. Kinderschänder.

  1. Das Interviel selbst wurde zuerst in der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlicht: DIE ZEIT und DIE ZEIT Online: // „Kindesmissbrauch: Es muss endlich um die Opfer gehen“, 12. Mai 2010. Nachgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Autors. [zurück]

1 Antwort auf „Interview mit Volkmar Sigusch zum Thema Pädophilie und Pädosexualität“


  1. 1 bert 10. Juni 2010 um 0:54 Uhr

    In der Bonjour Tristesse gab es mal einen Artikel, in dem sich mit diesem Thema sowie der Hatz auf Kinderschänder beschäftigt wurde, auf den hiermit verwiesen sei: http://bonjourtristesse.wordpress.com/2008/12/24/l-%E2%80%93-eine-stadt-sucht-einen-morder/

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