Archiv für Januar 2011

Firmvorführung: Moderne in Sprache und Poesie? Ahmad Shamlou – Irans „Master Poet of Liberty“

„In einer … Welt, deren Leitung und Verwaltung in die Hände von Verbrechern und Irren gefallen ist, ist Kunst ein Mittel zur Unterhaltung; man kann von ihr keine Rettung erwarten…“

Ahmad Shamlou (1925-2000) war Schriftsteller, Journalist, Dichter – der wohl einflussreichste und berühmteste Poet der iranischen Moderne. In fünfzig Schaffensjahren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasste er mehr als 70 Bücher – zum größten Teil Gedichte, aber auch Kurzgeschichten, Romane oder Drehbücher. Seine Revolutionierung der persischen Lyrik, so etwa die systematische Arbeit mit „Kolloquialismen“ und der Bruch mit der traditionellen Metrik und anderen Konventionen, sein komplexer und anspruchsvoller Stil heben seine persische Dichtung von der anderer Zeitgenossen ab. Er gilt vielen als größter persischsprachiger Dichter seit Hafez und Firdausi; man sagt, in fast jedem iranischen Haus finde sich eines seiner Bücher.

Seine Jugend prägten der kulturelle Aufbruch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Jahre Mossadeghs und dessen Sturz. Die Welt grundsätzlich zu verändern, beschrieb er einmal als Ziel der Poesie. Sein kontinuierlicher huma-nistischer Nonkonformismus brachte ihn als utopischen Kommunisten, der Parteien und Regierungen ablehnte, in Opposition zu Shah und islamischem Regime.

Den beeindruckenden Menschen Shamlou, den großen „Dichter der Freiheit“, porträtiert der Dokumentarfilm „Ahmad Shamlou – Master Poet of Liberty“ des iranischen Regisseurs und Filmaktivisten Moslem Mansouri. Im Film finden sich nicht nur ausgiebige Interviewsequenzen, die in Gesprächen mit Shamlou aufgezeichnet wurden. Zudem kommen verschiedene iranische Dichter, Schriftsteller, Filmemacher und Literaturwissenschaftler zu Wort, die sich zu seinem Werk äußern.

Mittwoch, 26. Januar 2011 – 18.30 Uhr

Melanchthonianum, Uniplatz, Halle

Vortrag: Adoleszenz und politische Sozialisation in palästinensischen Flüchtlingscamps

Vor kurzem gingen Jugendliche aus dem Gazastreifen mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit, die neben Israel vor allem die Hamas und die islamistische Repression angriff. Viele Aktivisten der internationalen “Palästinasolidarität” waren offensichtlich damit überfordert, dass Objekte ihres antiisraelischen Diskurses sich als Subjekte mit einer eigenen, komplexen Position der ihnen im dichotomischen Weltbild zugewiesenen Rolle “als Palästinenser” verweigerten. Eine “Richtigstellung” der Verfasser der Erklärung, die nach massiver Kritik später folgte, identifiziert nun “wiederum” Israel als Hauptfeind. Während die Autoren von massiven Bedrohungen durch die Hamas vor Ort berichten, posten ihre „Unterstützer“ auf Facebook in erster Linie antiisraelische Kommentare.

Diese Geschichte mag man ebenso wie die massiven Jugendunruhen in nordafrikanischen Ländern im Hinterkopf haben, wenn am 20.01.2011 der Soziologe Christoph H. Schwarz in seinem Vortrag der Frage nachgehen wird, wie in palästinensischen Flüchtlingslagern der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenstatus strukturiert ist: Seine Studie untersucht die Adoleszenz von Jugendlichen, die seit der Ersten Intifada kollektiviert zu den Protagonisten des palästinensischen „Befreiungskampfes“ stilisiert werden und ein zentraler Identifikationspunkt arabisch-nationalistischer und islamistischer Bewegungen sind. Mit welchen Erwartungen und politischen Implikationen findet Adoleszenz in diesem Kontext statt? Inwieweit kann man an einem solchen sozialen Ort überhaupt von einem modernen “adoleszenten Möglichkeitsraum” (Vera King) sprechen, der eine „Ablösung“ von den vorgegebenen Rollenerwartungen des Herkunftsmilieus und die Entwicklung eines eigenen Lebensentwurfes ermöglichen würde?

20. Januar 2011
18.30 Uhr
Melanchthonianum, Uniplatz, Halle

http://aktualitaet.wordpress.com/

Dialektik oder Mystizismus? Irrationalistische Tendenzen in der Marx-Rezeption.

Vortrag von Ingo Elbe

Das Bemühen um einen dialektischen Wissenschaftsbegriff in Abgrenzung zum ‚Positivismus’ findet sich im marxistischen Diskurs bereits in den Schriften von Georg Lukács aus den 1920er Jahren und wird von der Kritischen Theorie fortgesetzt. Dem Kapital von Marx wird dabei eine Begründungsfunktion hinsichtlich dialektischen Denkens zugestanden. Was aber dialektisch an Marx’ Werk ist, darüber wird seit jeher gestritten. Einige ‚emphatische’ Konzeptionen sehen hier gar eine allen bekannten Wissenschaftsstandards widersprechende Dialektik am Werk und beziehen sich positiv auf vermeintliche logische Widersprüche im Kapital, die als solche der Sache selbst ausgewiesen werden könnten.
Im Vortrag soll gezeigt werden, dass eine solche Rezeption von Marx kein brauchbares Dialektikkonzept, sondern puren Irrationalismus produziert, für den es zudem keinen Anhaltspunkt im Marxschen Werk selbst gibt. Zugleich soll dabei eine alternative Lesart der Marxschen Kategorien angeboten werden, die als Einführung in Grundmotive der Kritik der politischen Ökonomie dienen kann.
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