Archiv für Mai 2011

Ohne Worte

Die polnische Polizei bereitet sich auf Fußballausschreitungen vor:

Der „Orientale“ hat Schuld…

Kaum verbreitet sich die Panik wegen des EHEC-Erregers und die Vermutungen, dass verunreinigtes Gemüse die Ursache sein könnte, schon treiben die schönsten rassistischen „Theorien“ in den Kommentarspalten der Online-Nachrichtenblätter darüber aus. Den sich mir nicht erklärlichen Hinweisen auf „Hosenzwang“ folgend stieß ich auf einen Artikel aus dem Kopp-Verlag, der mich „aufklärte“. Der Kopp-Verlag ist ein kruder Verein für Verschwörungstheoretiker und Anhänger diverser Pseudowissenschaften, in dem sich so illustre Gestalten wie Verschwörungstheoretiker und Antisemit Gerhard Wisnewski, Eva Herman, die nun nur noch in den Kopp-Nachrichten auftreten darf, und auch Jürgen Elsässer tummeln.
Der Autor des besagten Artikels Udo Ulfkotte weiß, dass „bestimmte Migranten“, Ulfkotte nennt sie auch „die Orientalen“, völlig andere Vorstellungen von Hygiene haben und weil in Deutschland im Gegensatz zu Österreich auf den Feldern noch kein Hosenzwang herrscht, scheißen uns vornehmlich Erntehelferinnen aus dem „Orient“ auf den Feldern in die Erdbeeren, auf Gurken und Salate. Der studierte Rechts- und Politikwissenschaftler Ulfkotte, früherer Mitarbeiter der FAZ, nennt das allen Ernstes den Fäkalien-Dschihad. Bestimmt ist es das, denn Ulfkotte weiß ganz genau, dass Muslimen durch den Koran die Anwendung von Desinfektionsmitteln verboten ist. Und so kann er auch einen Zusammenhang herstellen zwischen der angeblich unterm Rock auf dem Feld ihr Geschäft verichtenden „orientalischen“ Saisonarbeiterin und dem „Fäkalien-Dschihad“ der Guantanamo-Häftlinge (siehe Artikel).
Verrückter gehts immer; der EHEC-Erreger – ein weiter Sieg für die „Islamisierung des Abendlandes“. Dass Gestalten wie Ulfkotte im deutschen Feulliton anerkannt sind, ist wohl sehr bezeichnend.

Ein Lied für die MLU

Es geht immer noch serviler, es geht immer noch devoter, es geht immer noch schamloser. Die Hallische Universität hat endlich eine eigene Hymne. Die nach einem bekannten Judenhasser benannte Alma Mater verdankt ihrem Alumnus Frank Motzki ein Musikstück, das ganz und gar ihrem Charakter entspricht. Es ist schwer zu entscheiden, was schlimmer ist: der debile Text („Unser Motto beim Studieren / Das spornt uns an, man wird es seh‘n /Wir wissen was, was Du nicht weißt /Weil wir zur Uni geh‘n“) oder die billigen Keyboard-Klänge:

In jedem Falle bildet dieses Machwerk den nächsten Höhepunkt des Provinzialismus der Saalestadt und ihrer Universität, deren ehemaliger Werbeslogan „Sei klug, studier in Halle“ gewiss nicht zufällig die wortgewordene Phantasielosigkeit ist. Und wir dachten schon, der Sammelband mit den „Gedanken“ (Verlagsreklame) des weniger als mediokren Rektors Wulf Diepenbrock wäre nicht mehr zu unterbieten.
Werden die für ihre Bräsigkeit bekannten Hallischen Studierenden endlich rebellieren? Oder werden sie sich wie gewöhnlich jede Frechheit bieten lassen? Werden sich auch in Zukunft junge Menschen verführen lassen, hier zu studieren? Können es sich demnächst um ihre Reputation besorgte Wissenschaftler noch erlauben, dass ihr Name in Verbindung mit dieser Hochschule genannt wird?

Religious Actors and Societal Transformation: The Role of the Dönme in the Late Ottoman Empire and early Turkish Republic

mit Marc Baer (Irvine, California)

Der Vortrag von Prof. Marc Baer wird sich mit der “osmanischen Moderne” beschäftigen. Sucht man einen Zugang zu dieser Phase, die durch Niedergang, Dekadenz, Stillstand und andere Schlagworte der orientalistischen Forschung kaum beschrieben werden kann, und deren beeindruckendes Gesellschaftsporträt der Schriftsteller Amin Maalouf in der “Spur des Patriarchen” zeichnet, muss man die immer wieder reproduzierte Trennung zwischen “uns” und den “Anderen” ignorieren.

Der Vortrag Baers in englischer Sprache wird sich mit einem wenig erforschten Bereich der Geschichte des Nahen Ostens beschäftigen, den sogenannten Dönme und ihrer Bedeutung für das progressive, säkulare Klima in osmanischen Städten um die Jahrhundertwende 1900:

The Dönme were an ethno-religious group formed by Ottoman Jews who converted to Islam following the example of the messianic claimant Shabbatai Tzevi three centuries ago. After their initial conversion, the Dönme were accepted as Muslims for two centuries, and by the end of the nineteenth century, they had risen to the top of Salonikan society. From that vantage point, they were able to help transform Ottoman Salonika into a cosmopolitan city by promoting the newest innovations in trade and finance, urban reform, and modern education, literature, architecture, and local politics.

To their admirers, they were enlightened secularists and Turkish nationalists who fought against the dark forces of superstition and religious obscurantism. But to their opponents, they were atheists, or simply Jews who had engaged in a secret Jewish plot to dissolve the Islamic empire and replace it with an anti-Muslim secular republic led by a crypto-Jew. Both points of view, whether complimentary or critical, assumed that the Dönme were anti-religious. However, the historical record shows that the Dönme created a new form of ethno-religious belief, practice, and identity, which made them distinct, while promoting a morality, ethics, and spirituality that reflected their origins at the intersection of Jewish Kabbalah and Islamic Sufism.

The talk will focus on the pivotal role that education at Dönme schools played in transforming the late Ottoman Empire and how that role has been remembered in the Turkish Republic.

Mi, 11.05.11 I 18.30 I Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

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