Tatort Bullshit

Verkannte Frauenfussballerinnen und die Geschlechterfrage, einfältige Musels und das Integrationsproblem, fieser Finanzhai und der böse Kapitalismus, authentisches Urgestein und der ehrliche Fussball, Theo Zwanziger und DFB-Promo – der ARD-“Tatort“ am Sonntag stand ganz im Zeichen öffentlich-rechtlich-volkspädagogischen Gutmenschentums und fuhr den Karren voller Stereotypen und Klischees einfach nur in die Scheiße

Der staatsbürgerkundliche Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sorgt oft dafür, dass wirklich gute, interessante oder kritische Dokus oder Filme im deutschen Fernsehen zu sehen sind – das heisst, im Nachtprogramm gegen 23.00 oder 01.00 Uhr. Selbst zur Hauptsendezeit findet sich dann ab und an ein Tatort, der es durch gute Recherche, ein gutes Drehbuch und gute Schauspieler schafft, ein politisches Thema ans Massenpublikum zu bringen und dabei Gesellschaft oder staatliche Behörden zu kritisieren.
Die Macher des Ludwigshafener Tatorts „Im Abseits“ wollten am Sonntag jedoch gleich vier gesellschaftsrelevante Themen abhandeln, in der regulären Laufzeit eines Fussballspiels. Zusätzlich hatte der schlechteste Tatort der letzten Jahre die Funktion eines vollwertigen DFB-Werbefilms, inklusive diverser penetranter product placements. Die Story und das eigentliche Thema eines jeden Tatorts, die kriminalistische Lösung eines Mordfalles, wurde zur Nebensache. Die Tat und der Täter waren eigentlich vollkommen irrelevant, Opfer wie Täter und auch die Nebendarsteller waren lediglich Projektionsflächen, holzschnittartig gezeichnete Vertreter von gesellschaftlichen Großgruppen.

Thema 1: Frauenfussball
Tatsächlich ist Frauenfussball ein wichtiges Thema. Die besten Profifussballerinnen, die die Championsleague gewinnen, bekommen weniger Gehalt und Prämien als jeder noch so mittelmäßige männliche Profi. Die patriarchale Verfasstheit der Gesellschaft zeigt sich in den sexistischen und machistischen Sprüchen gegen Frauenfussball in jeder Familie, jedem Freundeskreis und an jedem Kneipentisch genauso, wie in der andauernden, nun im Rahmen der WM nur scheinbar verschwundenen Ignoranz von Medien und Sponsoren. Das alles kam auch in drei oder vier stocksteifen Gesprächssequenzen mit erhobenem Zeigefinger zur Sprache, ging jedoch mit den irgendwie sympathischen, knuffigen Machosprüchen des Kommissars eine seltsame Symbiose ein. Zudem sprachen die Bilder die deutlichere Sprache: Es ging zwar oft um das „harte Training“ und die „Professionalität“ der (Bundesliga-)Spielerinnen, doch während des ganzen Films sah man diese nur jeweils ein paar Sekunden herumhampeln und zickige Fressen ziehen (vor allem am Anfang, während die hübsche „Türkin“ Fadime sich vor einem softpornösen Fotografen am Tor räkelt). Im Gedächtnis des Zuschauers bleiben also zickige und nicht einmal wirklich Fussball spielende Mädchen, die sexy sein sollten. (Vergl. die tatsächliche Medienpräsenz weiblicher Nationalspielerinnen, die jenseits des Playboys nicht stattfindet.) Die oberlehrerhaften Kunst-Dialoge zwischen der Trainerin und den Kommissaren, in denen ein paar „Fakten“ eingestreut wurden, blieben wohl bei niemandem hängen.

Thema 2: Die Muslime/Integration
Dass der moralisch-bildungspolitische Zeigefinger Kommisarin und Trainerin an einer Stelle des Tatorts darüber sinnieren lässt, dass sich eine junge Türkin, die unbedingt Fussball spielen will und sich gegen alle Widerstände durchsetzt, eben gut verkauft, wirkt absurd. Genau diesen Verkaufstrick verwendet schließlich der SWR. „Türkin“ (das Opfer, deutsche Staatsbürgerin, spielte in der deutschen Nationalmannschaft…) ist zudem gleich „aus muslimischem Elternhaus“, und „muslimisches Elternhaus“ ist natürlich für deutsche Bildungsbürger und Stammtischgänger gleich naiv-dümmliche und traditionale Frömmigkeit. Während der Vater einerseits als begeisterter Fan seiner Tochter gezeichnet wurde, war die Familie insgesamt dann aber doch nicht so begeistert, die Mutter redete (noch öfter als der Vater) von Allah, dessen „Knecht“ sie sei, und hatte überhaupt ein sehr einfaches Weltbild. Die Wohnung der Familie war musterhaft „muslimisch“ (so sindse!) – ständig in Schärfe und Unschärfe ins Bildzentrum gerückte Platt-Orientalismen wie Moschee-Wandteppich, Wasserpfeife (!) und Kamel-Schnitzereien (!!) inklusive. Zentrale Fragen wie die Rolle der Religion im Rechtsstaat wurden in ein paar Sätzen auf dem Gang verhandelt, dass der Brauch, Tote nach 24h zu beerdigen, bei der rechtsmedizinischen Klärung eines Mordfalles zurücktreten muss, wurde Vater und Mutter des Opfers entweder auf niveauloseste oder auf unwahrscheinlichste Weise verklickert („Allah da oben is jetz nich so wichtig“, „wir haben hier Gesetze, da muss sich jeder dran halten, egal welchen Glauben oder….“), nur um diese grundlegende Idee der Trennung von Staat und Religion im Zuge einer gutmenschenartigen Entschuldigung bald wieder zu relativieren. Die ganze Gutmenschelei, die die Integrationsdebatte bekömmlich servieren wollte, reproduzierte nichts als Klischees und Vorurteile. Sie schwamm also in dem Diskurs mit, den sie vorgeblich kritisierte, und bewies die schöne Symbiose von traditionalem Rassismus und modernem gutmenschelnden Kulturrelativismus, die das Individuum gleichermaßen in das Korsett von Gemeinschaft und „Kultur“ zwingen.

Thema 3 und 4: Kapitalismus und authentisches Urgestein
Der böse Teammanager war ein mieses Charakterschwein und verkörperte folgerichtig die Moderne und den Profit. In bester Manier verkürzter Kapitalismuskritik ließen ihn die Tatort-Macher für die moderne und „künstliche“ Kapitalisierung und Profitorientierung des eigentlich echten, traditionalen deutschen Fussballs verantwortlich sein, den Gierzahn, der ein neues Stadion baut, die authentische Spielerin gegen ihren Willen zu Softpornoaufnahmen zwingt, die integre Toptrainerin mobbt und den urigen Platzwart entlässt, der seit Jahrzehnten dem Verein „dient“ und der zudem leckere Würste machen kann. [Wer das Problem noch nicht sieht, ist deutscher Fussballfan bzw. normaler Deutscher oder sollte mal schleunigst HIER ab Ziffer IV. lesen.] Nur ein Feind kann böser sein und das „künstliche“ Abstrakte besser verkörpern: Platzwart, fieser Manager und muslimische Mutti waren in Abscheu vereint gegen Amerika, ein „schlechtes Land, wo die Menschen nicht gut sind“ (Mutti). Und tatsächlich blieb wohl in diesem Zusammenhang zumindest eines beim Zuschauer hängen: Das große Geld in Amerika nimmt uns die Talente weg und macht so manches deutsche Projekt zunichte. Dass der Großteil der Zuschauer bei der Reproduktion von so viel bekannten Ressentiments hier nicht über das eigentlich ja sogar im Film thematisierte geringe Gehalt in den deutschen Frauenfussball-Ligen nachdenken wird, war vorprogrammiert. Und so ist auch zu befürchten, dass die Worte der Kommissarin am Ende ernst gemeint sein sollten, als sie dem amoklaufenden Platzwart, der dem in der Gestalt des Managers personifizierten Kapitalismus mit einem Eisenrohr die Boshaftigkeit austreiben will, entgegenruft: „Man hört ihnen jetzt zu!“. Die junge Spielerin hatte er nämlich, soviel war zu diesem Zeitpunkt schon klar, zur Rettung von Ehre und Existenz „des Vereins“ ermordet, nachdem sie ein Angebot in den USA angenommen hatte.

Thema 5: Der DFB und Deutschland
Spielen sah man die Frauen zwar nie, dafür aber die Nationalmannschaft die deutsche Nationalhymne singen. Doch selbst der Patriotismus musste zurücktreten, als sich die schmierigen DFB-Funktionäre Zwanziger, Löw und Konsorten ins Bild drängten, die sich selbst spielten und minutenlange Auftritte im Büro oder auf dem Platz hatten. Ein paar weibliche Funktionäre durften blöd danebenstehen, während sich das ZK des DFB in Szene setzte – schließlich ist ja gerade Frauenfussball-WM. Dass genau diese Funktionäre für die miese Bezahlung und die herablassende Behandlung der Frauenfussballerinnen verantwortlich sind, dass aus den Reihen der FIFA- und DFB-Führung die sexistischen Forderungen nach knackigen, „reizvollen Trikots“ zur Quotensteigerung kommen (die wohl in der Fotoshooting-Szene behandelt werden sollten) wird an keiner Stelle deutlich.

Der DFB hat einen kostenlosen Werbefilm bekommen, der Krimi blieb auf der Strecke. Der gutmenschelnde Ansatz und der Drang, gleich einen ganzen Berg von gesellschaftlich relevanten Themen unterzubringen, hat zudem den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag zur Farce werden lassen. Doch lässt sich nicht alles nur auf Überforderung schieben, Sender und Tatortmacher haben vielmehr schlicht und einfach tief blicken lassen. Die Integrationsthematik ritt auf Kulturalismus und Rassismus, die Kapitalismuskritik auf ihrer verkürzten Variante, auf Ressentiment und Wahn, das „Gender“-Thema auf der wohlmeindenden Reproduktion von Rollenklischees. Mit „bullshit“ ist der Quotenkracher irgendwie schlecht beschrieben. Besser trifft es Gegenaufklärung.

P.S.: Thema bei Anne Will im Anschluss war „Brauchen wir mehr Gutmenschen?“


4 Antworten auf „Tatort Bullshit“


  1. 1 bigmouth 20. Juni 2011 um 13:02 Uhr

    „Die besten Profifussballerinnen, die die Championsleague gewinnen, bekommen weniger Gehalt und Prämien als jeder noch so mittelmäßige männliche Profi“

    was aber daran liegt, dass die zuschauerzahlen einen winzigen bruchteil des männerfußballs betragen, was nicht direkt nur an sexismus liegt, sondern auch daran, dass frauenfußball durch jahrzehnte institutionalisiserten sexismus hier und heute ein tatsächlich objektiv ein wesentlich geringeres sportliches niveau hat. es ist sehr zweifelhaft, ob die besten weiblichen profis mittelmäßigen männlichen profis nicht immer noch drastisch unterlegen sind. 2003 hat die damalige deutsche frauennationalmannschaft in 45 minuten in einem testspiel gegen die B-Jugend (!!!) des VFB Stuttgarts ein 0:3 kassiert.

    die gesamte frauenbundesliga muß mit weniger als einem % des budgets der männer auskommen, damit ist sie finanziell auf dem niveau der männerregionalligen. natürlich schlägt sich das auch drastisch darin durch, was man da für einen sport zu sehen bekommt. das ganze ist wohl derzeit ein teufelskreis zu nennen

  2. 2 Gundula G 20. Juni 2011 um 13:07 Uhr

    Kann man nur unterschreiben. Aber dass die jetzige Frauennationalmannschaft oder die Frauen von Turbine Potsdam gegen die B-Jugend vom VfB heute noch 0:3 spielen würden, wage ich zu bezweifeln.

  3. 3 Low 20. Juni 2011 um 22:18 Uhr

    Deniz Yücel in der taz meckert zum gleichen Thema einen ganzen Artikel lang nur über die volkspädagogische Zielsetzung rum, ohne irgendwie zu sehen das das Problem eben vor allem die im Rahmen dieser Zielsetzung verbreiteten Inhalte sind. Shitty. (http://www.taz.de/1/sport/wm-2011-tribuene/artikel/1/fadimes-moerder/)

  4. 4 tee 22. Juni 2011 um 1:14 Uhr

    Der gutmenschelnde Ansatz und der Drang, gleich einen ganzen Berg von gesellschaftlich relevanten Themen unterzubringen, hat zudem den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag zur Farce werden lassen.

    kommt die ard dem nicht schon mit „das unglaubliche quiz der tiere“ nach?! wieviel bildung wollt ihr schlechtmenschelnden idealisten eigentlich noch?

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