Sternstunden antifaschistischer Kritik II – Antifa réactionnaire

„Alternative“ und selbsternannte Antifas aus Merseburg mobilisierten gegen einen lokalen Naziaufmarsch – und lieferten eine unglaubliche Mischung aus unverstandener Totalitarismustheorie, plattester Relativierung des Nationalsozialismus und Stadtmarketing

Es gibt Dinge, die sind so irre, dass man sie kaum glauben mag. Dazu zählt auch die jüngste Mobilisierung der lokalen „Antifa“ und „alternativer Jugendlicher“ gegen einen Naziaufmarsch anlässlich des 17. Juni in Merseburg. Unter dem geschmacklosen Titel „Für einen echten Kehraus“ rief die Afa Merseburg zu Protesten gegen die Nazis auf, und fiel in ihrer absurden „Argumentation“ noch weit hinter das inhaltliche Niveau des bürgerlichen Bündnisses zurück: Die Nazis lügen und sind aber eigentlich genauso schlimm wie die DDR-Diktatur, da sie ja auch Arbeiterverräter seien (und deshalb schlecht). Zudem, so konnte man im Vorfeld von den eigentlich seit Jahren einen „Rückzugsraum“ fordernden „alternativen“ Jugendlichen der IAM erfahren, ist Merseburg eine schöne Stadt (inkl. einer Fachhochschule!) in der man gut leben und auch Tretboot fahren kann (!), die Nazis gehören hier nicht her. So weit, so schlimm, doch es scheint geboten, die regressive und hochproblematische inhaltliche Barbarei ausführlicher auseinanderzunehmen und zu kritisieren. Vielleicht kann man ja wenigstens eine „antifaschistische“ Knallcharge zum Denken anregen….

Der Afa-Aufruf - drei Absätze ohne Wissen und Vernunft

Absatz 1+2:
Alte und neue Faschisten greifen „gern auf den 17.Juni 1953 zurück, da sie hier ganz im Sinne ihres stark vereinfachten Weltbildes eine Einteilung der Welt in einerseits die ‚guten nationalen Sozialisten‘ und andererseits der von Grund auf ’schlechten jüdisch-bolschewistischen-Weltverschwörer‘ vornehmen können.“ Deutet sich da mit „Faschisten“ und durch die Grammatik schon etwas an? Naja, so weit so gut.
„Doch schauen wir uns mal die historischen Tatsachen der angeblich neuen Befreier der Arbeiterklasse an: Tatsache ist, dass alle freien Gewerkschaften gleich nach der Machtübernahme der NSDAP verboten wurden. Tatsache ist, dass Gewerkschaftler verfolgt und inhaftiert wurden. Tatsache ist, dass damit jegliche gewerkschatliche Souveränität verloren ging und mit ihr eine ernsthafte Arbeitnehmervertretung. Unter Befreiung stellt man sich eigentlich was anderes vor..“ Ja. Wer denkt, jetzt geht es weiter, irrt. Das war’s. Das Problem mit den Nazis ist benannt, offensichtlich eben das einzige, das die „Afas“ sehen: Die Nazis haben die Arbeiter nicht „befreit“. Sie lügen bzw. sind Arbeiterverräter. Auf die angesprochene Gegnerschaft zu den „jüdisch-bolschwistischen Weltverschwörern“ wird nicht nur nicht mehr eingegangen, sie wird auch noch im Rahmen der „doch schauen wir uns mal ihr wahres Verhalten an – hah, gelogen!“-Argumentation zu einer ernsthaften und sinnvollen These transformiert und von den Autoren damit legitimiert. Nicht die Ideologie der Nazis ist das Problem, sie haben sich schlicht nicht an diese gehalten! Antisemitismus und Holocaust sind irrelevant für die Faschismus-“Analyse“ der AktivistInnen, die nicht mal das Niveau der überkommenen dimitroffschen These vom Kapital, was hinter dem Faschismus steht, gelangen. Hätten die Nazis die „deutschen Arbeiter“ tatsächlich befreit – wären die Merseburger Afas dann konsequenterweise Anhänger des Strasser-Flügels?

Absatz 3
Unglaublich geht es weiter, „kommen wir zum 17.Juni 1953. Tatsache ist, dass der Volksaufstand [!] sich gegen ein autoritäres Regime und die dadurch einhergehende Bevormundung der Arbeiterklasse[!] richtete. Die Erkenntnis [!] daraus ist, dass der Aufstand des 17.Juni 1953 sich genau [!] gegen all das wendete, was ein neuer Nationalsozialismus für die Arbeiterklasse bedeuten würde.
Das DDR-Regime also identisch mit dem nationalsozialistischen Regime. Damit wird nicht nur in bester traditionslinker Manier die deutsche Volksgemeinschaft vor 1945 geleugnet, dümmer und totaler als jeder Totalitarismutheoretiker es könnte oder wollte ignorieren, verleugnen und relativieren die AutorInnen in dieser Gleichsetzung auch noch nationalsozialistische Ideologie, Vernichtungskrieg, Holocaust und KZ-Lagersystem. Dass die Mehrzahl der Opfer des NS ihnen sowieso egal sind, zeigen sie zwar in der penetranten Fokussierung auf das, „was ein neuer Nationalsozialismus für die Arbeiterklasse bedeuten würde“. Der Großteil der „Arbeiterklasse“ war Teil der deutschen Volksgemeinschaft, Teil des nationalsozialistischen oder zumindest nationalsozialistisch indoktrinierten Kollektivs. Doch muten solche Erläuterungen absurd an, angesichts der barbarischen Gleichsetzung von gewalttätigen Protesten gegen Normerhöhungen mit dem Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Millionen von Opfern von Vernichtungskrieg und Shoah werden so aus dem Geschichtsbuch gestrichen, in das die Afas die „Nazis“ ja kehren wollen. Un auch am Ende ihres Aufrufes zu diesem Kehraus betonen sie noch einmal ihre zynische Argumentation: „Damit lassen die Nazis wieder mal erkennen, dass das was sie einerseits sagen nicht dem entspricht, was sie auch wirklich umsetzen wollen.“

Imagevideos – drei Minuten kotzen

Glücklicherweise sind die Merseburger „Alternativen“ und „AntifaschistInnen“ so marginal, wie ihre Stadt häßlich und deutsch ist. Denn die Stadt, die sie in ihren wohl gemeinsam mit dem bürgerlichen Bündnis oder für dieses erstellten Imagevideos (starke Nerven benötigt) als supi lebenswert und attraktiv bezeichnen (O-Ton: tolle Parks, toller See zum Tretbootfahren, tolle Fachhochschule, tolle Kultur – huch – wo kommen denn die bösen Nazis her?), diese Stadt hat ein Problem mit ihren Nazis und ihrer ignoranten und oft ebenfalls rassistischen, nationalistischen, homophoben oder antisemitischen ostzonalen Bevölkerung. Dass deutet sogar dass vor allem an der Imagerettung des Merseburger Schlossfestes interessierte bürgerliche Bündnis an, dass ein von der „Antifa“ komplett ignoriertes Thema anspricht: „Merseburg hat auch an allen anderen Tagen des Jahres ein Problem mit Neonazis. Zur Landtagswahl wählten über 600 Menschen (4,6 Prozent) in der Stadt die verfassungsfeindliche NPD. Viele Gebäude sind mit neonazistischen Parolen beschmiert. Offenbar rechte Täter schändeten inzwischen zum vierten Mal die Gedenkstele für die ermordeten Sinti und Roma auf dem Merseburger Neumarkt. Zudem kommt es immer wieder zu Angriffen von Neonazis auf nicht-rechte Jugendliche sowie auf Migrantinnen und Migranten.“ Dass es 1953 um Normerhöhungen ging, erwähnt das Bündnis übrigens auch am Rande. Es lebe die bürgerliche Restvernunft.

P.S.: Die Parolen zur Rettung Merseburgs, des Schlossfestes und der Demokratie (in dieser Reihenfolge) mobilisierten am 18.06. etwa 200 der 35.000 EinwohnerInnen.


21 Antworten auf „Sternstunden antifaschistischer Kritik II – Antifa réactionnaire“


  1. 1 tee 21. Juni 2011 um 23:14 Uhr

    Vielleicht kann man ja wenigstens eine „antifaschistische“ Knallcharge zum Denken anregen….

    mit einleitungssätzen wie solchen sicher nicht. da lese ja sogar ich als antifa-kritischer mensch nicht weiter.

  2. 2 MC Gurke 22. Juni 2011 um 0:33 Uhr

    Oh, einen polemischen Satz gefunden. Wasn Argument irgendwas nicht zu lesen. Und „antifa-kritisch“ ist das ganz bestimmt nicht. Dann ja wohl eher noch eine antifaschistische Kritik.

  3. 3 tee 22. Juni 2011 um 1:05 Uhr

    argument? du verwechselst da was.

  4. 4 tee 22. Juni 2011 um 1:08 Uhr

    aber typische internetkrankheit, wo das (angeblich) zu kritisierende subjekt nur noch abstrakt vorkommt. das rezipieren der kritik ist plötzlich nicht mehr wichtig, nur mehr das niederschreiben.

  5. 5 Simone 22. Juni 2011 um 7:43 Uhr

    Als ob nicht auch in den Printmedien polemisiert würde. Es ist doch an den Merseburgern, die Kritik zu widerlegen oder es das nächste Mal anders zu machen. Ob nun nett oder grob, die Kritk bleibt die gleiche

  6. 6 tee 22. Juni 2011 um 10:06 Uhr

    na wenn du das für polemisch hälst, soll’s so sein. normalerweise steckt in einer polemik immer auch inhalt, der sich gegen den polemisierten richtet. ich seh da keinen. wollte eben nur drauf hinweisen, daß es wenig zweckdienlich ist, den adressaten schon VOR der kritik zu beleidigen.

  7. 7 Simone 22. Juni 2011 um 10:36 Uhr

    Naja, der grobe Ton hat sich seit einigen Jahren in den linken Debatten verbreitet. Das ist aber nicht die Schuld des Internets. Manchmal macht einen aber das, was manche Linke tun, so fassungslos, das grobe Worte fallen.

  8. 8 tee 22. Juni 2011 um 12:54 Uhr

    na die schuld des internets ist es nicht, aber in debatten vis-à-vis wird wesentlich seltener beleidigt. kann man sich ja nun denken, wieso.

    … und geht mir ja ähnlich.

  9. 9 zonenopfer 22. Juni 2011 um 13:30 Uhr

    also ich weiß nicht, da geht es in einem post um die relativierung des nationalsozialismus und andere üble momente des versagens merseburger „linker“, und ihr schafft es hier eine acht-kommentare-lange komplett belanglose debatte darüber zu führen, ob man leute als knallchargen bezeichnen darf oder nicht und ob das polemisch oder sinnvoll oder whatever ist. ohne einmal aud das eigentliche problem einzugehen. das ist schon traurig.

  10. 10 bigmouth 22. Juni 2011 um 18:34 Uhr

    wieso? ich finde es sinnvoll, an kritik zu kritiseren, wenn sie quasi formal ausschließt, von den kritisierten wahrgenommen zu werden, indem sie sie direkt am anfang beleidigt.

    außer natürlich, die kritik hat eher den zweck, sich selbst im kontrast als guten linken hinzustellen

  11. 11 MC Gurke 22. Juni 2011 um 22:40 Uhr

    ich finde bei geschichtsrelativismus etc. geht es nicht mehr um förmlichkeiten und guten ton.

  12. 12 bigmouth 22. Juni 2011 um 23:03 Uhr

    stimmt, da hat es nur um möglichst laute empörung zu gehen

  13. 13 tee 22. Juni 2011 um 23:33 Uhr

    zonenopfer hat nichtmal gecheckt, das es mir mitnichten darum ging, wie jemand bezeichnet werden „darf“. sondern darum, dass kritik auch angenommen werden muss, soll sie wirkung entfalten. knallcharge.

  14. 14 MC Gurke 23. Juni 2011 um 0:00 Uhr

    Genau erfasst! Der Text oben besteht aus nichts als lauter Empörung. Und Kritik entfaltet nur Wirkung, wenn sie eigentlich ein Verbesserungsvorschlag ist.

  15. 15 tee 23. Juni 2011 um 9:24 Uhr

    *augenroll*

  16. 16 tee 23. Juni 2011 um 9:29 Uhr

    na bevor durch die moderationsschleife was missverstanden wird: das rollen der augen bezog sich auf gurkes unterstellung, ich würde den text als pure empörung sehen und verbesserungsvorschläge fordern. was für ein (böswilliger) blödsinn. das kann schonmal sprachlos machen. also mc gurke – lern bitte lesen und stell deine beißreflexe ein.

  17. 17 earendil 23. Juni 2011 um 13:36 Uhr

    Die Kritik ist doch nicht bloß im Ton unangemessen (das allerdings auch, angesichts einer Provinzantifa anscheinend ohne hochfliegenden intellektuellen Anspruch), sondern auch inhaltlich völlig überzogen. Im ersten Teil geht es gar nicht um das, was die Afa gesagt hat – abgesehen davon, dass sie doch tatsächlich „Faschisten“ statt „Nazis“ gesagt haben, uiuiui – sondern nur um das, was sie nicht gesagt hat, aber nach vergurkter Meinung hätte sagen sollen. Im Grunde besteht ihr Verbrechen darin, sich tatsächlich mal auf die Parolen der Nazis bezogen zu haben, anstatt den 0815-Antifa-Katalog „Was an Nazis alles Scheiße ist“ rauszuhauen. Es braucht schon ziemlich bösartige Unterstellung daraus abzuleiten, die Afa habe an allem anderen gar nichts auszusetzen und fände daher auch im Strasser-Flügel ein Zuhause.

    Ich finde es jedenfalls sinnvoller, sich auf den konkreten Anlass zu beziehen und in dem Fall also den ideologischen Charakter der nationalsozialistischen „Arbeiterbefreiung“ aufzuzeigen, statt zu widerholen, was auch dem letzten Provinztrottel langsam klar sein sollte: Dass NS Antisemitismus, Krieg und Massenmord bedeutet.

    Der dritte Absatz ist tatsächlich reichlich krude geraten, würde aber auch eine andere Kritik verdienen, die nicht hauptsächlich mit abstrusen Unterstellungen arbeitet.

  18. 18 einzig wahrer antifaschist auf der welt 23. Juni 2011 um 18:05 Uhr

    Wer so einen schlechten Mobitext ernsthaft kritisiert und für ernst gemeint hält, der scheint ja geradezu verzweifelt nach irgendwas zum kritisieren zu suchen nur um dann den Kritisierten endlich beschimpfen zu können.
    Anstatt Verbesserungsvorschläge für die zugegebenermaßen eher als Bürgermobi taugliche Antifamobi wird bei dieser „Kritik“ in jedem Satz geguckt ob man dem Verfasser nicht irgendwie nachweisen kann dass sie/er eigentlich ein Nazi ist, zB. weil irgendwo eine Formulierung unglücklich geraten ist oder an einer Stelle hinter dem Wort „Nazis“ nicht das obligatorische „deren Ideologie ja wie wir wissen viele Millionen Menschenleben gekostet hat und rassistisch, antisemitisch, sexistisch, homophob, nationalistisch und faschistisch ist“ geschrieben wurde. Habt ihr echt nichts wichtigeres zu tun als euch künstlich über irgendeine missglückte Antifamobi zu empören, und irgendwelche grammatikalischen Schwächen zu suchen. Die Sache mit den Naziproblem wurde im Mobivortrag (der was den konkreten Aufmarsch anbelangt auch nicht besonders informativ war) übrigens breit ausgeführt und beschrieben. Sind die Merseburger „“Linken“" jetzt während des Vortrags tolle Antifaschisten gewesen, die dem deutschen Mob zeigen wo der Hammer hängt, und danach beim Schreiben des Aufrufs zu bürgerlichen Heimatschützern mutiert? Um so eine belanglose Kritik verfassen zu können muss mensch das ja ernsthaft glauben.

    Weniger wegen jedem Mist rumkritisieren und öfters mal auf die Straße gehen…

  19. 19 Zonengabi 23. Juni 2011 um 18:21 Uhr

    „Missglückt“ ist wohl ein arger Euphemismus.
    Als ob es sich bei den Äußerungen lediglich um eine Lappalie handelt, die nur ein wenig Korrektur bedarf.

    Wer so einen schlechten Mobitext ernsthaft kritisiert und für ernst gemeint hält (…)

    Ach der Aufruf war nicht ernst gemeint? Also war das Ganze nur ein großer Witz (und die Afa Merseburg gleich mit)?

    Weniger wegen jedem Mist rumkritisieren und öfters mal auf die Straße gehen…

    …und dann? Ich gehe jeden Tag auf die Straße, z.B. morgens zum Bäcker.

  20. 20 MC Gurke 23. Juni 2011 um 18:30 Uhr

    Wenn ich nicht davon ausgehen würde, dass dieser „so schlechte Mobitext“ „ernst gemeint“ ist, würde ich es nicht kritisieren. Aber was ist jetzt Euer Punkt: Nur weil die Verfasser aus dem Dorf kommen und auch die Mobiveranstaltung verkackt haben, soll man sie nicht kritisieren? Und tatsächlich wollt Ihr lieber Verbesserungsvorschläge? Woher wisst Ihr, wie oft wir auf die Straße gehen, ob zum Bäcker oder aus anderen Gründen?

    Die Argumentation steht oben, und soll hier nicht wiederholt werden. Wer das Problem in dem Merseburger Text nicht sieht, hat von Nationalsozialismus und seiner Kritik leider nicht viel verstanden.

  21. 21 checker 23. Juni 2011 um 18:44 Uhr

    „Anstatt Verbesserungsvorschläge für die zugegebenermaßen eher als Bürgermobi taugliche Antifamobi…“
    Wieso sollte das „zugegebenermaßen“ (wer hat das behauptet) „eher als Bürgermobi“ taugen, wenn die Bürger in Merseburg offensichtlich inhaltlich sehr viel weiter sind als die Kiddies?

    Alle Kritik hier hat das Problem das in dem Aufruf der Mersburger steckt überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Weder die komische Lügen-Argumentation noch die Gleichsetzung von SED-Regime-Normerhöhung mit NS-Terror. Da wird hier leiber über Formen und so gemeckert.

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