Archiv für Dezember 2011

Sternstunden antifaschistischer Kritik IV – Jena keine Nazi-Stadt

Jena zum Ersten
Der bekannte autoritäre Jugendpfarrer und Antikommunist Lothar König durfte auf der Wohlfühlrockparty des guten, bunten Jena ein paar Worte ans Publikum richten. Anstatt das widerliche oberflächliche Wohlfühlrockkonzert zu kritisieren, oder gesellschaftlichen Rassismus und die alltägliche Ignoranz wahrscheinlich auch der meisten Partygäste zu thematisieren, also die „deutschen Abgründe“, verlor er sich nicht nur in Gestammel, sondern vor allem in Verschwörungstheorien, wobei in seinen Augen böse Politiker gar Auftraggeber der Morde sind, der Verfassungsschutz das einzige Problem darzustellen scheint und die Presse grundsätzlich lügt. Von den Konzertbesuchern, dem großen „Wir“, erheischte er im „Kumpel-Ton“ Zustimmung, und zwischen Dummheit, Verschwörungstheorie und gewollter (aber nicht gekonnter) Ironie verlor sich seine Rede in Sinnfreiheit und Pfiffen. Dass die Leute aus inhaltlichen Gründen pfoffen, ist allerdings nicht zu erwarten, sie wollten nur endlich die kostenlose Show kriegen, die Gutmenschen ihnen als Dank für ihre Teilhabe am Jenaer Normalzustand organisiert hatten.
Das FSK aus Hamburg dokumentiert Königs Rede dankenswerter Weise – als „aufrecht antifaschistisch“…! [hier anhören]

Jena zum Zweiten
In Reaktion auf einen Beitrag in der ZDF-Sendung Aspekte, in dem der Autor Steven Uhly Jena besucht und sein Unbehagen über die dortigen rassistischen Zustände zum Ausdruck bringt, hat der Jenenser „Rapper“ Airconda ein Lied geschrieben:

Da werden zwar in feinstem Dialekt und stilistisch etwas unbeholfen, aber deutlich die „stolzen Jenenser“ zum Lynchmord an Uhly aufgefordert. Ja, Jena ist wirklich keine Nazi-Stadt, sondern einfach ostdeutscher Durchschnitt.

via: Hallo Jena!

Gesellschaftskritik gibt es hier nicht

Auch in den Diskussionen um die letzten Geschehnisse und Kommentare auf diesem Blog wurde wieder vorgeführt, dass die politische Bloggerei der Linken, egal welchem Lager vom jeweils anderen zugerechnet, eine sowohl politisch als auch dem reinen inhaltlichen Gehalt nach völlig irrelevante Existenz führt, die lediglich der stetigen Versicherung der eigenen Verortung und Identität dient.

Bildung transzendiert, trägt sogar das kritische Potential in sich, zu emanzipieren; Halbbildung hingegen integriert. Prinzipielles Einverständnis ist gleichsam ihr Kalkül, mit dem die bestehende gesellschaftliche Ordnung als ganze immer schon bestätigt wird; zugleich bleibt das Ganze verhangen. Zustände werden persönlich genommen und entweder als Schicksal erklärt, oder auf andere abgeschoben: »Dem Halbgebildeten verzaubert alles Mittelbare sich in Unmittelbarkeit, noch das übermächtige Ferne. Daher die Tendenz zur Personalisierung: objektive Verhältnisse werden einzelnen Personen zur Last geschrieben oder von einzelnen Personen das Heil erwartet. Ihr wahnhafter Kult schreitet mit der Depersonalisierung der Welt fort. Andererseits kennt Halbbildung, als entfremdetes Bewusstsein, wiederum kein unmittelbares Verhältnis zu irgendetwas, sondern ist stets fixiert an die Vorstellungen, welche sie an die Sache heranbringt. Ihre Haltung ist die des taking something for granted…Kritisches Bewusstsein ist verkrüppelt zum trüben Hang, hinter die Kulissen zu sehen.«* Damit konvergiert Halbbildung schließlich auch mit dem politischen Bewusstsein, das »das beschränkte Wissen als Wahrheit hypostasiert«** und die eigene Meinung stolz als Standpunkt verabsolutiert: beruht Bildung auf der reflexiven Macht des Selbstbewusstseins, so Halbbildung auf der Ohnmacht des konformistischen Charakters.

Roger Behrens: Bildungskrise und Bildungskritik. Bemerkungen, Überlegungen, Hinweise;
* Adorno, ›Theorie der Halbbildung‹, GS Bd. 8, S. 118; ** Adorno/Horkheimer, ›Dialektik der Aufklärung‹, GS Bd. 3, S. 221.

Besser wäre es, jeder würde sich in aller Gelassenheit die westliche Aufklärung zu eigen machen. Erst durch solch eine Aneignung wird die Wahrheit der Aufklärung in ihrem vollen Glanz erstrahlen: Wenn sich jeder Nicht-Europäer an ihr erleuchtet, tritt diese Wahrheit endlich aus dem Nebel hervor, hinter dem sie verborgen bleibt, weil sie von den Nachkommen derer, die sie der Welt geschenkt haben, in ihr Gegenteil verkehrt wird.

Abdelwahab Meddeb

Es geht in Szenedebatten schon lange nicht mehr um die grundlegenden Fragen, was Gesellschaft ist und wie sie strukturiert ist, weshalb und wie sie zu kritisieren, gar zu verändern sei. Verschiedene ausgebildete Kollektive und Wohlfühlgemeinschaften sind der Balsam für die Identität des Einzelnen, der innerhalb der Verhältnisse und auch angesichts des so weit fortgeschrittenen Verfallszustands der „Linken“ ohnmächtig ist. Auch wenn man noch so oft betont, dass die anderen nicht links, sondern neuerdings rechts, bzw. man selbst nicht links ist, das eigene Wirken bleibt krampfhaft auf die „Szene“ bezogen.

Man definiert sich nur noch über Bekenntnisse, die gleichsam inhaltsleer geworden sind, und so ist das floskelhaft heruntergebetete, zur identitären und dogmatischen Ideologie erstarrte Bekenntnis zu Israel nicht weniger unverständig gegenüber der historischen Notwendigkeit der Existenz Israels und nicht weniger empathielos gegenüber den unmittelbar bedrohten Israelis, als die zwanghaft auf eine angebliche „israelische Apartheid“ fixierte Wahnsinnsgemeinschaft a la Schmok, mondoprinte und lysis. Während die einen von Revolution und Praxis sprechen, ohne zu verstehen, was es zu verändern gilt und ohne die Frage zu stellen, wie eine bessere Gesellschaft einzurichten wäre, gefallen sich die anderen in „Abrissarbeit“ an einer Linken, die schon lange nicht mehr ist, als eine Ruine, und affirmieren die falschen Verhältnisse durch ihre Fixierung auf marginale linke Strömungen und Gruppen, auf ihren eigenen ideologischen Ursprung. (mehr…)

Zweimal Argumentation, bitte

Ja, da waren irgendwelche Bahamas-Fans im ADF-Forum und Georg Klauda wohl kurz nacheinander im gleichen Laden ihre Argumentation einkaufen……

Der Aufruf strotzt nur so von reflexhafter Abgrenzung gegenüber der Bahamas und lechzt dabei nach Anerkennung von jenem Dunstkreis „antideutscher Antifas“, die eine „differenzierte“ Islamkritik und eine „kritische“ Solidarität mit Israel auf ihre Fahnen geschrieben haben, um bei aller identitären Abgrenzung gegenüber denjenigen, die den neuesten Jargon des Antisemitismus noch nicht verinnerlicht haben, doch noch in der linken Gemeinschaft mitspielen zu dürfen. […] Gleichwohl wird die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass der Genosse Klauda sich doch wieder zurück auf das Niveau der zeitgemäßen Israelkritik und Islamverteidigung begibt und damit die „emanzipative“ Einheitsfront ihre Streitereien einstellt, um umso schlagkräftiger gegen das bahamitische Abrissunternehmen mobil zu machen, so dass Anti-Antideutsche nicht weiter versagen.


Ein Verzweifelter, der sich aufgrund seiner philozionistischen Komplexe nicht zwischen “antideutsch” (von dem er weiß, dass es falsch, essentialistisch und menschenverachtend ist) und der Kritik daran entscheiden kann. Das logisch Dritte zwischen A und Nicht-A, in das er sich so gern verkriechen würde, gibt es aber nicht. Und so bleibt er: ein armseliger Denunziant, der seine psychotischen Komplexe an mir ausleben muss, um seinen provinzantideutschen Kameraden zu beweisen, dass er sie niemals ganz verraten wird.

Zweimal geht’s um diesen Text. Zweimal wird Leuten Differenzieren und Kritik als Abweichung von der wahren Parteilinie ausgelegt, zweimal vor allem die eigene arme und hilflose Identität aufgepäppelt durch um so polemischere Abgrenzung, zweimal wenig komplex denkend ein Post = ein Blog = einer, der dahinter steckt für alles mögliche verantwortlich gemacht. Zweimal werden im gleichen Atemzug mit Hilfe drittklassiger Kinderantifarecherche-Skills die Blogschreiber mit Gruppen identifiziert, für die auf dem Blog Werbung gemacht wird.
Zur Bahamas und zu Klauda wurde ja schon oft vieles gesagt, aber weils so treffend ist noch dieser Kommentar von gestern, wonach es sich bei Klauda mit seinen pathischen Projektionen um „eine tragische Person“ handele – „und das meine ich jetzt ganz ohne Spott! Warum sich jemand, dessen Blog man vor einigen Jahren trotz abweichender Ansichten noch durchaus lesen konnte, derart verrennen konnte, ist mir immer wieder schleierhaft.“ So sieht es aus. Mangel an Kritikfähigkeit ist ein Zeichen für Unvernunft und eine Verschwörung gibt es nicht.

Berlin, Berlin… Anti-Anti-Anti-Anti-Antideutsch

Da Texte aus Berlin zu gewissen Themen uns offensichtlich unglaubliche Aufmerksamkeit und hochemotionale Kommentare einbringen, hier ein zweiter Versuch – ein uns zugesandter Text der Emanzipativen & Antifaschistischen Gruppe aus Berlin – die übrigens sehr aktiv war bei der Kritik der rechtspopulistischen Anti-Moschee-Kampagne in Berlin-Pankow bzw. den Protesten gegen diese – zur Kritik der hier schon erwähnten Veranstaltung „Rechtspopulismus und die Linke“ und der Veranstalter mit einigen interessanten und bezeichnenden Hintergrundinfos zu Widerlichkeiten, die für die im Mehringhof versammelten Verteidiger linker Ideale offensichtlich kein Problem darstellen. Was etwa der Antisemit und Nationalsozialist Makks Damage mit dem Ganzen zu tun hat und vieles mehr – folgt. [Hier zur Diskussion und verschiedenen Berichten zum Happening]

Die linke Szene hat offene Flanken nach
rechts? Erzählt uns was neues.

„Offene Flanken“-Parade im Mehringhof
Warum Kritik an regressiven Einstellungen richtig ist, aber diese Veranstaltung großer Quatsch

Diese Veranstaltung ist die logische Fortsetzung des Jungmacker-Gebarens auf Antifa-Parties die auf Verdacht hin Leute mit „Antideutsche sind keine Linken“ anbrüllen; sie ist die logische Konsequenz aus dem Bedürfnis von antiimperialistischen Jungantifas unter Plakaten von Hassan Nasrallah mitzulaufen, solange es gegen Israel geht.Vor einem Monat hat nun sogar ein Berliner Antifa-Aktivist geschafft, was vor ihm noch kein Berliner Antifa vollbracht hat. Er hat ein Plakat gestaltet, was unverändert von Neonazis adaptiert und in Lichtenberg plakatiert wurde. Hut ab.

(mehr…)

Ägypten

Soll irgendwer nochmal sagen, das Militär in Ägypten sei wenigstens der Garant der Stabilität…, es ist der Garant der autoritären Herrschaft des militärischen Souveräns (SCAF). Innerhalb von wenigen Tagen bei der Räumung einer Dauerkundgebung wieder hunderte Verletzte, Verhaftete, acht Tote.
military egypt SCAF
Kairo, 17.12.2011

„Rechtspopulismus und die Linke“: Anti-antideutsches Versagen

Mit ihrer „Ausländer raus! “- Ideologie und ihrem dezidierten Hass auf alles Linke, vor allem jedoch auf die Antifa, kann man die Anti-Deutschen getrost dem rechten Lager zuordnen. Sie stellen den Brückenschlag zwischen linker und rechter Ideologie dar, und sind längst nicht passé. Während sie mit ihrer Islamhetze in die gesamtgesellschaftliche Diskursströmung einwirken, strahlen sie immer noch auf die Bewegung zurück. Ihre Schriften werden weiterhin von Linksradikalen gelesen, ihre ideologischen Gedankenfragmente kursieren noch in unserem Ideenpool und werden von jungen, unschuldigen Gemütern aufgenommen und in ihr politisches Weltbild eingebaut. […]
Damit stellen die Anti-Deutschen den Anknüpfungspunkt zur Einbindung der Linksradikalen in einen gesamtgesellschaftlichen Konsens der Islamfeindlichkeit dar und erschweren so das Zustandekommen einer eindeutigen Positionierung gegen diese Form des Rassismus.
Um den Antideutschen nicht in die ideologische Sackgasse zu folgen, die jeden Ansatz zu einer revolutionär-politischen Praxis unmöglich macht, ist es wichtig, an der Idee der Revolution festzuhalten und unsere Politik danach auszurichten. Unsere Haltung gegenüber der bestehenden Herrschaft kann nur der Kampf gegen sie sein, diese Freiheit lassen wir uns von den Anti-Deutschen nicht nehmen. Denn wir sind die letzten Residuen, die wirkenden Restgrößen der Freiheit. Erst wenn wir aufgeben, hat der Kapitalismus wirklich gewonnen.

Wer denkt, hier eine wunderbar gelungene Satire auf naive Bewegungs-und-Traditionslinke vorzufinden, muss leider enttäuscht werden – die Realität übertrifft potentielle Satiren bei Weitem. Vielmehr handelt es sich hier um das Résumé eines „Grundlagentextes“ (von den OrganisatorInnen auf der Mobiseite als „Der Text zum Thema“ bezeichnet) zur Kritik „der Antideutschen“, wobei die „Antideutschen“, von denen der Text handelt, eine großartige Konstruktion sind. Diejenigen, die sich dieses Feindbild konstruiert und der Gegnerschaft zu eben diesen „Antideutschen“ verschrieben haben, mobilisieren nun mit eben diesem Text zu einer hochkarätig besetzten Diskussionsveranstaltung, bei der mit diesen für „unsere revolutionäre Praxis“ absolut gefährlichen Subjekten ein für alle Mal (auf theoretischer Ebene) aufgeräumt werden soll.

Warum diese Veranstaltung anti-antideutscher IdeologInnen eher einer Selbsthilfegruppe von ZwangsneurotikerInnen gleichkommt und nichts zur notwendigen Kritik der post-antideutschen Clique rund um die Bahamas – die zwischen Halbwissen, Ressentiments, der Affirmation bürgerlicher Ideologie und K-Gruppen-Dogmatismus versumpft ist – beitragen kann, weshalb sie sogar weit hinter Grundaussagen der diffamierten „Antideutschen“ zurückfällt, darum soll es hier kurz gehen. So viel Zeit kann man sich nehmen, wenn es zu einer derart erheiternden Melange von Gerhard Hanloser, Bernhard Schmid, einem Hobbyexpertenblogger namens Attila Steinberger und – wer darf, wenn es gegen „die“ Antideutschen zur Verteidigung von „dem“ Islam geht, nicht fehlen, frotzeln einige – Georg Klauda kommt.

Die Bedeutung der Zeitschrift Bahamas wird von ihren GegnerInnen weit übertrieben, würde sich doch sonst auch nicht der an Verschwörungsdenken erinnernde Glaube einer „Gefahr“ für „die Linke“ (wer ist das?) aufrecht erhalten lassen, der das eigene Handeln und Schreiben (zu diesem Thema meist auf Blogs) antreibt. Doch kann man selbstverständlich die Artikel und Redebeiträge der Bahamas-Redaktionsmitglieder und der wenigen ihr verbundenen Gruppen (auseinander)nehmen. Meist handelt es sich dabei um von geringer Sachkenntnis ausgehende, eigene Ressentiments mangels Selbstreflexion/Selbstkritik als gesellschaftliche Realität wahrnehmende, bürgerliche Ideologie (Rechtsstaat, Bürgerlichkeit, Menschenrechte) unkritisch reproduzierende Schwurbeleien. (mehr…)

Deutsche Zustände

Man muss Heitmeyer nicht wohlgesonnen sein, um den neuen Ergebnissen der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ Beachtung zu schenken. Jeder zweite Deutsche glaubt,

Deutschland ist in einem gefährlichen Maße überfremdet.

Immerhin fast jeder fünfte ist der Meinung:

Wenn sich andere bei uns breit machen, muss man ihnen unter Umständen unter Anwendung von Gewalt zeigen, wer Herr im Haus ist.

Dann kann man sich nochmal diese Gedanken durch den Kopf gehen lassen.

KEIN Antikapitalismus


Es scheint trendy zu sein. Kaum kritisierten wir etwas ausführlicher das Versagen einer Gruppe post-pubertärer Erstsemester, die als „AnarchistInnen“ gegen „BWL-Schweine“ und zwei ihrer Dozenten vom Leder zogen, und die „Nacht für Nacht“ Anschläge auf „reaktionäre Institute“ der Uni verüben wollen (der erste galt einem Altpapiercontainer), melden sich nun ihre großen Brüder (im Geiste) zu Wort. Italienische „AnarchistInnen“ – oh, wie würden nur etwa die spanischen AnarchistInnen weinen, würden sie heute noch leben – schickten an Ackermann (wen sonst) eine Briefbombe, und hetzten zugleich „gegen Banken, Bankiers, Zecken [!] und Blutsauger [!!]“. Und wieder: Schon die empathielose Sprache, der Affekt, das blinde Losschlagen gegen ausgemachte Sündenböcke – dieser Weg ist bestenfalls dumm und erbärmlich, meistens aber regressiv oder faschistoid, auf keinen Fall jedenfalls irgendwie emanzipatorisch – und das gilt insbesondere dann, wenn nicht mehr nur von dummen Jungen Altpapiercontainer angezündet, sondern von irgendwelchen „Aktivisten“ Briefbomben verschickt werden. Dazu ist an anderer Stelle schon mehr und ausführlicheres gesagt worden, etwa hier, hier oder hier.

Kabarettist Georg Schramm gegen „Spekulanten“ und „Zinswucher“

[Das aktuellste zu Schramm HIER]

Nicht erst Verschwörungstheoretikerinnen und Rechtspopulisten nutzten die Protestbewegungen der letzten Monate, um ihre „Analysen“, Ideologien und Ressentiments (um nicht zu sagen Hass) kundzutun.
Auch der bekannte Kabarettist Georg Schramm brachte in seiner Lieblingsrolle sein Unbehagen gegen „Zinswucher“ und „Spekulanten“ vor einer jubelnden Menge zum Ausdruck. So fiel er bereits im März diesen Jahres durch eine Hetzrede vor tausenden „Wutbürgern“ im Rahmen der Stuttgart 21-Proteste auf, in der er seine tiefgründigen gesellschaftlichen Analysen durch ein ebenso tiefgründiges Geschichtswissen darlegte. So solle der Volkswille doch den Bänkern wieder zu dem „Ansehen“ verhelfen,

als man sie noch Geldverleiher nannte, als es noch ein dreckiges Handwerk war, das ein ehrbarer Christ [!] gar nicht ausüben wollte […]

…und die Ackermänner und Co. noch den Dienstboteneingang der „Herrschenden“ nehmen mussten. Die Anspielung ist eindeutig und auch wenn er es sich nicht auszusprechen getraut, so deutet er letztlich doch auf die (im Mittelalter von den Herrschern zum Geldverleih u.ä. gezwungenen) Juden und ihre „Rolle“ in der sogenannten Zirkulationssphäre. Amalgamiert mit seiner Hetze gegen „Bänker“, „Geldverleiher“, „Spekulanten“ und seiner Faszination für den geschlossenen Volkswillen, der diesen „Herrschenden“ entgegentritt, wird das Ganze zu einem ziemlich gruseligen Gemisch; noch dazu wenn tausende „Wutbürger“ dies kräftig beklatschen. Schramm weiß eben dem Volk aufs Maul zu schauen und nach dem Mund zu reden. Warum derartige Tiraden, die nichtmal mehr als verkürzte Kapitalismuskritik bezeichnet werden können, schlicht falsch und regressiv sind, wird hier kurz und knapp erklärt, oder ausführlicher hier, oder hier und noch öfter.

Besagtes findet sich in folgendem Video ab 4:40 bzw. 5:40

Nun durfte Schramm auf den Veranstaltungen der Occupy-Bewegung nicht fehlen. Warum auch, wo man sich inhaltlich doch so nahe steht. Der Kabarettist, der häufig in den öffentlich-rechtlichen Medien zu sehen und zu hören ist, hielt auf einer der großen Occupy-Kundgebungen in Frankfurt am Main eine ähnliche Rede wie im März in Stuttgart. Zwar ersetzte er den „ehrbaren Christen“ durch „ehrbaren Menschen“ und umging so die zuvor recht eindeutige Dichotomie, wusste aber, umjubelt von den 8000 „Kapitalismuskritikern/innen“, zu berichten, dass bis zu Beginn des Mittelalters alle Weltreligionen den „Zinswucher“ als die größte Sünde bezeichneten. Erst mit der Gründung katholischer Banken seien die Hintermänner dieses Zinswuchers, indem sie den Königen den Wahlkampf finanzierten [sic!] und als Pfand das Monopol auf die Silberprägung verlangten, an Macht und Ehre gekommen. (mehr…)

Sippenhaft

Ein israelischer Schriftsteller wurde von den Veranstaltern des mediterranen Schriftstellerkongresses abrupt aus dem Diskussionspanel geworfen, auf dem er ursprünglich sprechen sollte. Palästinensische Teilnehmer, die in den vergangenen Jahren die Konferenz aufgrund der Teilnahme jüdisch-israelischer Schriftsteller boykottierten, hatten sich dieses Mal ‚nur‘ geweigert, mit einem jüdisch-israelischen Gast an einem Tisch zu sitzen. Moshe Sakal, der 1976 in Israel in einer sephardischen Familie ägyptisch-syrischer Herkunft geboren wurde, musste sich zudem von einem palästinensischen Nationalisten, dem Dichter und Publizisten Najwan Darwish, aberwitzige Vorwürfe anhören: Er, Moshe Sakal, habe ihn, Najwan Darwish, „aus seinem Haus vertrieben“. Zudem würden die jüdischen Araber „die Palästinenser besonders hassen“. Darwish zeigte damit, dass einer der bekanntesten palästinensischen Schriftsteller sich in einem dichotomischen Weltbild gefällt, in dem es Einzelne nicht gibt, sondern jeder in ein auf ethnorassistischen Kategorien beruhendes Kollektiv eingeordnet wird. Seiner Beliebtheit tut dies scheinbar keinen Abbruch.

Sakal erklärte, es verstöre ihn, dass dieser „nicht versucht habe, herauszufinden, wer er sei, oder welche Positionen er habe“. Tahar Ben Jelloun sprach sich auf dem Kongress deutlich gegen diese politische Sippenhaft aus. Man müsse mit israelischen Autoren und Intellektuellen reden, auch wenn man ein Problem mit der Politik der israelischen Regierung habe. Diesen schlicht vernünftigen Worten des bekannten Schriftstellers und Psychotherapeuten stimmte jedoch leider nur (oder: immerhin) die Hälfte des Publikums zu, andere unterbrachen seine Rede lautstark.

[via]