Sippenhaft

Ein israelischer Schriftsteller wurde von den Veranstaltern des mediterranen Schriftstellerkongresses abrupt aus dem Diskussionspanel geworfen, auf dem er ursprünglich sprechen sollte. Palästinensische Teilnehmer, die in den vergangenen Jahren die Konferenz aufgrund der Teilnahme jüdisch-israelischer Schriftsteller boykottierten, hatten sich dieses Mal ‚nur‘ geweigert, mit einem jüdisch-israelischen Gast an einem Tisch zu sitzen. Moshe Sakal, der 1976 in Israel in einer sephardischen Familie ägyptisch-syrischer Herkunft geboren wurde, musste sich zudem von einem palästinensischen Nationalisten, dem Dichter und Publizisten Najwan Darwish, aberwitzige Vorwürfe anhören: Er, Moshe Sakal, habe ihn, Najwan Darwish, „aus seinem Haus vertrieben“. Zudem würden die jüdischen Araber „die Palästinenser besonders hassen“. Darwish zeigte damit, dass einer der bekanntesten palästinensischen Schriftsteller sich in einem dichotomischen Weltbild gefällt, in dem es Einzelne nicht gibt, sondern jeder in ein auf ethnorassistischen Kategorien beruhendes Kollektiv eingeordnet wird. Seiner Beliebtheit tut dies scheinbar keinen Abbruch.

Sakal erklärte, es verstöre ihn, dass dieser „nicht versucht habe, herauszufinden, wer er sei, oder welche Positionen er habe“. Tahar Ben Jelloun sprach sich auf dem Kongress deutlich gegen diese politische Sippenhaft aus. Man müsse mit israelischen Autoren und Intellektuellen reden, auch wenn man ein Problem mit der Politik der israelischen Regierung habe. Diesen schlicht vernünftigen Worten des bekannten Schriftstellers und Psychotherapeuten stimmte jedoch leider nur (oder: immerhin) die Hälfte des Publikums zu, andere unterbrachen seine Rede lautstark.

[via]


4 Antworten auf „Sippenhaft“


  1. 1 Ghassan 08. Dezember 2011 um 10:05 Uhr

    „Darwish zeigte damit, dass einer der bekanntesten palästinensischen Schriftsteller sich in einem dichotomischen Weltbild gefällt, in dem es Einzelne nicht gibt, sondern jeder in ein auf ethnorassistischen Kategorien beruhendes Kollektiv eingeordnet wird. Seiner Beliebtheit tut dies scheinbar keinen Abbruch.“
    Willst du damit – insbesondere mit dem letzten Satz – selbst eine Art Sippenhaft konstruieren? „Die Palästinenser“ (bei denen ist er ja angeblich einer der bekanntesten Dichter) hegen die selben Sichtweisen, weil der Dichter bei ihnen eben bekannt und nicht unbekannt ist?

    Nach dem gleichen Muster könnte man „den Israelis“ jetzt auch allerlei Ungutes unterstellen (was ja genug Idioten tun), weil sie mal einen Sprengstoffterroristen namens Menachem Begin als Ministerpräsidenten hatten. Der muss ja schließlich eine breite Unterstützerbasis gehabt haben um den Posten zu bekommen.
    Nur als Anmerkung. ;)

    Trotzdem ein sehr bedenklicher und trauriger Vorfall. Schön dass du darauf aufmerksam gemacht hast!

  2. 2 MC Gurke 08. Dezember 2011 um 10:19 Uhr

    „Darwish zeigte damit, dass einer der bekanntesten palästinensischen Schriftsteller sich in einem dichotomischen Weltbild gefällt, in dem es Einzelne nicht gibt, sondern jeder in ein auf ethnorassistischen Kategorien beruhendes Kollektiv eingeordnet wird. Seiner Beliebtheit tut dies scheinbar keinen Abbruch.“

    Das heisst nicht im geringsten, dasss „die Palästinenser“, wer das auch immer sein soll, die gleichen Sichtweisen hegen. Hier geht es ja erstmal um sein Weltbild, dass von der Hälfte der Anwesenden „Intellektuellen“ unterstützt wurde, und das – Zitat – „seiner Beliebtheit scheinbar keinen Abbruch tut“. Das ist leider so, wer sich ein wenig in der Kulturszene in der Westbank auskennt, wird von ihm bereits gehört, einen seiner Auftritte besucht oder einen seiner zahlreichen nationalistischen Artikel gelesen haben. Letzteres kann man auch allerdings auch international übers Internet.

    Zu Begin: Billiger Vergleich. Als er 77 für 5/6 Jahre) gewählt wurde, lag das vor allem an der Enttäuschung der Wähler über jahrzehntelange Arbeiterpartei-Klüngelei an der Regierung. Das macht ihn nicht unbedingt sympathisch, das ist richtig, aber wer hat nochmal den bis heute gültigen Friedensvertrag mit Ägypten unterschrieben und den Sinai geräumt?

  3. 3 Ghassan 08. Dezember 2011 um 13:30 Uhr

    Wie du bei Begin vollkommen richtig feststellst, wurde er nicht WEGEN seiner Terrorakte gegen Zivilisten gewählt sondern aus vollkommen anderen Gründen. Gleichwohl die Wähler keine Bedenken hatten ihn trotz seiner Taten für ein solches Amt zuzulassen. Wegen ihrer Enttäuschung über andere Parteien sind seine Wähler deshalb deiner Meinung nach entlastet.

    Nun könnte aber genau so Darwish nicht wegen, sondern trotz seines Weltbildes bei seinen Fans beliebt sein. Vielleicht schreibt er ja wirklich schöne Gedichte.
    Meiner Meinung nach implizierst du durchaus, dass seine Fans – die du jetzt auf die Kulturszene der Westbank eingrenzt – ihn auch wegen seiner kritisierten dichotomischen Ansichten so mag oder jedenfalls nichts gegen sie einzuwenden hat. Denn sonst wäre seine Beliebtheit ja wesentlich geringer. Jedenfalls bist du verwundert, dass seine Beliebtheit trotzdem so groß ist.

    Ich will den Typen keinesfalls in Schutz nehmen. Wer so einen Mist labert hat das nicht verdient.

    Eine Diskussion darüber ob Begin jetzt ein toller oder weniger toller Typ ist fände ich albern. Sadat hat auch Frieden geschlossen und er ist für mich trotzdem ein antisemitisches, reaktionäres, opportunistisches Arschloch.

  4. 4 MC Gurke 08. Dezember 2011 um 16:02 Uhr

    Nur eins, um das hier nicht ausufern zu lassen: Die Gedichte von ihm, die ich kenne, sind nationalistisch und schlecht (inhaltlich und literarisch). Er äußert sich regelmäßig explizit politisch, und das dürfte bei allen ankommen, eben den „Fans“, auf die ich mich bezog. Diese Informationen und Überlegungen stecken hinter der von mir oben getätigten Aussage, auf die Du Dich beziehst.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.