Gesellschaftskritik gibt es hier nicht

Auch in den Diskussionen um die letzten Geschehnisse und Kommentare auf diesem Blog wurde wieder vorgeführt, dass die politische Bloggerei der Linken, egal welchem Lager vom jeweils anderen zugerechnet, eine sowohl politisch als auch dem reinen inhaltlichen Gehalt nach völlig irrelevante Existenz führt, die lediglich der stetigen Versicherung der eigenen Verortung und Identität dient.

Bildung transzendiert, trägt sogar das kritische Potential in sich, zu emanzipieren; Halbbildung hingegen integriert. Prinzipielles Einverständnis ist gleichsam ihr Kalkül, mit dem die bestehende gesellschaftliche Ordnung als ganze immer schon bestätigt wird; zugleich bleibt das Ganze verhangen. Zustände werden persönlich genommen und entweder als Schicksal erklärt, oder auf andere abgeschoben: »Dem Halbgebildeten verzaubert alles Mittelbare sich in Unmittelbarkeit, noch das übermächtige Ferne. Daher die Tendenz zur Personalisierung: objektive Verhältnisse werden einzelnen Personen zur Last geschrieben oder von einzelnen Personen das Heil erwartet. Ihr wahnhafter Kult schreitet mit der Depersonalisierung der Welt fort. Andererseits kennt Halbbildung, als entfremdetes Bewusstsein, wiederum kein unmittelbares Verhältnis zu irgendetwas, sondern ist stets fixiert an die Vorstellungen, welche sie an die Sache heranbringt. Ihre Haltung ist die des taking something for granted…Kritisches Bewusstsein ist verkrüppelt zum trüben Hang, hinter die Kulissen zu sehen.«* Damit konvergiert Halbbildung schließlich auch mit dem politischen Bewusstsein, das »das beschränkte Wissen als Wahrheit hypostasiert«** und die eigene Meinung stolz als Standpunkt verabsolutiert: beruht Bildung auf der reflexiven Macht des Selbstbewusstseins, so Halbbildung auf der Ohnmacht des konformistischen Charakters.

Roger Behrens: Bildungskrise und Bildungskritik. Bemerkungen, Überlegungen, Hinweise;
* Adorno, ›Theorie der Halbbildung‹, GS Bd. 8, S. 118; ** Adorno/Horkheimer, ›Dialektik der Aufklärung‹, GS Bd. 3, S. 221.

Besser wäre es, jeder würde sich in aller Gelassenheit die westliche Aufklärung zu eigen machen. Erst durch solch eine Aneignung wird die Wahrheit der Aufklärung in ihrem vollen Glanz erstrahlen: Wenn sich jeder Nicht-Europäer an ihr erleuchtet, tritt diese Wahrheit endlich aus dem Nebel hervor, hinter dem sie verborgen bleibt, weil sie von den Nachkommen derer, die sie der Welt geschenkt haben, in ihr Gegenteil verkehrt wird.

Abdelwahab Meddeb

Es geht in Szenedebatten schon lange nicht mehr um die grundlegenden Fragen, was Gesellschaft ist und wie sie strukturiert ist, weshalb und wie sie zu kritisieren, gar zu verändern sei. Verschiedene ausgebildete Kollektive und Wohlfühlgemeinschaften sind der Balsam für die Identität des Einzelnen, der innerhalb der Verhältnisse und auch angesichts des so weit fortgeschrittenen Verfallszustands der „Linken“ ohnmächtig ist. Auch wenn man noch so oft betont, dass die anderen nicht links, sondern neuerdings rechts, bzw. man selbst nicht links ist, das eigene Wirken bleibt krampfhaft auf die „Szene“ bezogen.

Man definiert sich nur noch über Bekenntnisse, die gleichsam inhaltsleer geworden sind, und so ist das floskelhaft heruntergebetete, zur identitären und dogmatischen Ideologie erstarrte Bekenntnis zu Israel nicht weniger unverständig gegenüber der historischen Notwendigkeit der Existenz Israels und nicht weniger empathielos gegenüber den unmittelbar bedrohten Israelis, als die zwanghaft auf eine angebliche „israelische Apartheid“ fixierte Wahnsinnsgemeinschaft a la Schmok, mondoprinte und lysis. Während die einen von Revolution und Praxis sprechen, ohne zu verstehen, was es zu verändern gilt und ohne die Frage zu stellen, wie eine bessere Gesellschaft einzurichten wäre, gefallen sich die anderen in „Abrissarbeit“ an einer Linken, die schon lange nicht mehr ist, als eine Ruine, und affirmieren die falschen Verhältnisse durch ihre Fixierung auf marginale linke Strömungen und Gruppen, auf ihren eigenen ideologischen Ursprung.

Um die Frage, wer Recht haben könnte, und um die auch schlicht auf Sachwissen beruhende Analyse und Kritik geht es nicht mehr. Die einen stellen solche Fragen sowieso unter Generalverdacht, wer Recht hat, was wahr sei, all das könne man in seiner postmodernen Pluralität gar nicht beantworten. Wer auf die Idee kommt, sich auf Theorie zu berufen, wer gar Adorno zitiert, ist ein „bürgerlicher“ Konterrevolutionär, der einen eurozentrischen und überhaupt ganz üblen, vielleicht auch „metaphysischen“ Diskurs bediene. Die anderen wiederum berufen sich auf „Ideologiekritik“, um ebenfalls, gespickt mit einigen schlauen Sätzen bekannter Autoren, Analyse und Kritik als verwissenschaftlicht zu diffamieren und eigene Halb- und Unwahrheiten, das eigene Bauchgefühl polemisch verpackt in die Welt zu posaunen. Der Abdichtung gegenüber jeglicher Kritik hilft das Gerede von der Absolutheit, dem Negativen von Kritik, der die „Herumdifferenziererei“ und das Beharren auf der Beachtung historischer Fakten ihre Schärfe nehme. Am Ende wird dann einfach mit Bruhn behauptet, man könne sowieso nicht den Anspruch haben, das undurchdringbare Kapitalverhältnis zu analysieren, das sich „als nacherzählbar erweist, aber jedenfalls als nicht intelligibel“.

In den Kommentarspalten findet sich das Ganze in plumpester Form wieder: Außer Beleidigungen der Anderen bleibt nichts über, und so wissen rhizom/lysis, schmok und ihre Freunde ganz genau, dass alle anderen böse Neocons und faschistoide Antideutsche sind, dass die „AD’s“ gar „Jungkader“ in linke Gruppen „einschleusen“ würden, dass für Antideutsche „Juden keine Antisemiten sein können“, dass alle rassistisch seien und Angst vor Migranten hätten. Faktisch Blödsinn, hochgradig irre. Andersherum wird mit großen Zuschreibungskategorien um sich geworfen, und jeder hinterletzte Depp zum deutschen Ideologen, Antisemiten oder Islamapologeten gemacht, was die Inhaltsentleerung dieser Begriffe zeigt. Gegen das Buch von Georg Klauda wird beispielsweise nur vorgebracht, dass dieser ein „Baukranfan“ sei – um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen. Doch Klauda ist kein Baukranfan, und verteidigt nirgends direkt das iranische Regime. Über bestimmte historische Entwicklungen weiß er durchaus einiges Interessantes und Richtiges zu berichten, nur bringt ihn dass eben zu der absurden Aussage, dass, wenn die kapitalistische Moderne und die Kolonialpolitik im Zusammenhang mit Identitätsbildungs- und Ausgrenzungsprozessen stehen, Bewohner des kapitalistischen Europas aufgrund seiner Kolonialpolitik nicht das Recht haben, die barbarischen Folgen dieser Identitätsbildungs- und Ausgrenzungsprozesse zu kritisieren, weshalb er mit dem Verweis auf die Geschichte versucht, die Kritiker heutiger Verfolgung von Homosexuellen aller möglichen Dinge zu bezichtigen. So wird er zwangsläufig zum Apologeten des Bestehenden. Das alles macht die Kritik seiner Position schwieriger, aber umso notwendiger. Mit offensichtlich übertriebenen Pöbeleien ist niemandem geholfen.
Seine Gegner aus der Maul-Schule behaupten wiederum, die gegenwärtige Barbarei etwa im Nahen Osten sei, da es sich ja bekanntlich um die „islamische Welt“ handelt, folgendermaßen zu erklären: „Der Islam“ und die „islamische Ideologie“ seien – zeitlos und die einzelnen Gläubigen oder überhaupt Menschen in der Region determinierend – seit den Zeiten Mohammeds und seiner Prophezeiung („Heidegger für Analphabeten“) die Ursache von Barbarei.
Ihre Unkenntnis und ihre Halbbildung sind die Ursache für die Klassifizierung moderner, kapitalistischer Verhältnisse in der Peripherie als „Tradition“. Gerade wenn es um den Nahen Osten und die Kritik des Islamismus geht, wird über alle Maßen deutlich, dass in der (post-)antideutschen Szene bei den meisten von materialistischer Kritik nicht die Rede sein kann, und selten von Kritischer Theorie. In den Kommentarspalten wird die Zugehörigkeit zum einen oder anderen Lager mit den Klassifizierungen „Islamophober“ bzw. „Islamapologet“ ausgedrückt, die dem jeweils anderen ob es passt oder nicht an den Kopf geworfen wird.

Alles in allem wird mehr Zeit mit dem Lesen von Blogs und dem Verfassen von Kommentaren verbracht, als mit der Lektüre theoretischer Schriften und historischer Untersuchungen. Man erarbeitet sich nicht mehr eine eigene Position, man wählt Personen aus, die für einen und die eigene Meinung stehen und vertritt folglich deren Position. So hat man den positiven Zusatzeffekt der Kollektivbildung, da man sich in der Gemeinschaft mit anderen wähnen kann, die die gleichen Personen zu ihren Vertretern erkoren haben, die die gleichen Phrasen, die gleichen Begrifflichkeiten verwenden. So bleibt der linke Zirkus bestehen, und alle arbeiten sich am jeweils anderen ab. Um die Gesellschaft und die herrschenden Verhältnisse kümmert sich derweil niemand. Und Gesellschaftskritik ist, außer als bloßer Begriff, nicht vorhanden.

Beispiel 1: Zuletzt
Beispiel 2: Irre Antideutschenhasser erörtern Geschichte und Ideologie ihrer „Gegner“
Beispiel 3: Identitäre und halbgebildete Post-Antideutsche machen essentialistische und unmaterialistische „Islamkritik“