Archiv für Dezember 2011

Huch!

Seit Jahrzehnten kooperieren europäische Staaten mit Diktatoren, Folterern und Mördern auf der ganzen Welt, solange es ihren strategischen und wirtschaftlichen Interessen entspricht. Ab und an sind bürgerliche Journalisten darüber total empört, und so berichtet zur Abwechslung mal wieder das Erste darüber, drei Jahre nachdem bekannt wurde, dass das iranische Regime mit Nokia Siemens-Überwachungstechnik Hunderttausende überwacht, gegen Tausende konkret ermittelt und bereits Hunderte vor den Richter brachte. „Surveillance Center“ heisst die größtenteils deutsche Wertarbeit, die immernoch von Siemens-Mitarbeitern gewartet wird. Huch! Nun jedenfalls ein neuer „Skandal“ (huch!):

Dumm, dümmer, Werner Patzelt

Hatte man ein linkes Elternhaus, wurden die Jugendlichen rechts. Hatte man ein rechtes Elternhaus, wurden die Jugendlichen links.

Mit dieser bahnbrechenden Aussage erklärte der Politologe Prof. Werner Patzelt, die zwei Zwickauer Naziterroristen seien aufgrund dessen Naziterroristen geworden, dass sie in der DDR aufgewachsen sind. In beiden Fällen hat auch die DDR-Sozialisation zur rechtsextremen Gewalttätigkeit geführt, so der Experte, der bisher etwa „Rollenverhalten und Amtsverständnis bayerischer Parlamentarier“ (1988–1990) oder „Wahlkreisarbeit und gesellschaftliche Vernetzung deutscher Parlamentarier“ untersucht hat.

Wie die Mitteldeutsche Zeitung berichtet, glänzt Patzelt mit dem Hinweis, in einer sich antifaschistisch gebenden Gesellschaft habe man kommunistische [!] Eltern am meisten mit dem Bekenntnis zum Faschismus ärgern können. [!!] Laut Patzelt sei dieser vor allem durch die Studentenrevolution im Westen bekannte Generationenkonflikt auch in der DDR ein Grundphänomen gewesen. Hatte man ein linkes Elternhaus, wurden die Jugendlichen rechts. Hatte man ein rechtes Elternhaus, wurden die Jugendlichen links, wird er zitiert. Die Mehrheit der 17 Millionen ehemaligen DDR-Bürger beweise allerdings, dass die DDR-Sozialisation nicht zwangsläufig [!!] zu rechtsradikaler Gewalt geführt habe. Auf die Nachwendezeit als zentrale Krisen- und, wie es in seinen Kreisen doch sonst so schön heisst, Kontingenzerfahrung wird nicht eingegangen, ebensowenig auf die zumeist erstaunliche Übereinstimmung von Kinder- und Elterngeneration in der neonazistischer Gewalt zugrundeliegenden Ressentimentstruktur. Seine Aussage ist nicht nur theoretisch Unsinn, sondern auch empirisch falsch.

Hat man Töne angesichts dieser bemerkenswerten Mischung aus Totalitarismus- bzw. Extremismustheorie, historischer Ahnungslosigkeit und Chuzpe? Einer der großen Leuchttürme der Politikwissenschaft kann so einen Dreck erzählen? Oder ist er so ein Leuchtturm, gerade weil er solchen Dreck erzählt? Exzellent, nennt man das glaube ich heute. Wäre er doch nur bei seinen Parlamentariern in Bayern geblieben. Dort hat es nämlich eine Entnazifizierung nie gegeben, und daher – glasklar – kann es dort ja in seiner Theorie auch keine rechten Jugendlichen geben.1
Apropos Entnazifizierung. Etwas Differenzierteres zu Antifaschismus in der DDR bei den kritischen Juristen [klick].
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Sauer auf Papa Ströbele

„Parteilinkes“ Urgestein Ströbele stimmte öfter mal mit „Nein“. Trotzdem gab sich der hochkarätige Grünenabgeordnete seit Jahrzehnten als Feigenblatt für jede grüne Schweinerei her, vom Angriff der deutschen Luftwaffe auf das ehemalige Jugoslawien bis Hartz 4. Zuletzt machte der autoritäre Charakter, dessen „pazifistisches“ Gemüt den Angriff Saddam Husseins mit SCUD-Raketen auf israelische Städte „konsequent“ fand, mit spießbürgerlicher Polizeiliebe auf sich aufmerksam.

Nun haben offenbar selbst seine ehemaligen Jünger die Schnauze voll. Die sind zwar auch nicht gerade Vollsympathen, aber Schadenfreude ist ja nunmal die reinste Freude…
Stroebele

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Bildungsknäste und Speichellecker

Die Welt ist böse, und schuld sind „BWL-Schweine“ und Lakaien, der Erzfeind sitzt im Institut für Politikwissenschaft, und „die Bevölkerung“ befindet sich im „Klassenkampf“. Wir dokumentieren die neueste theoretische und gesellschaftsanalytische Glanzleistung von hallischen Linken, die „Nacht für Nacht“ Sabotageaktionen verüben und Unigebäude abbrennen wollen (ja, kein Witz):

Bild größer hier.

Es ist wohl nicht zu vermeiden, dass einem all diejenigen, denen die Verhältnisse stinken, und denen das Elend anderer Menschen nicht egal ist, erst einmal sympathisch erscheinen. Und doch sollte man immer genau hinsehen… Jeder Juso ist, so scheint es, in der Analyse von Kapitalverhältnis und der Rolle der Universitäten in diesem weiter, als dieser Haufen (von der Repression der Rechtschreibregeln terrorisierter) Opfer dieser „kranken Institution“ Universität. Diese „Anarchisten“ (hätten sie doch nur ein Buch darüber gelesen) sind die andere Seite der Medaille, und genauso unreflektierte Produkte der herrschenden Verhältnisse, wie die von ihnen in ihrer pseudorevolutionären Selbstüberschätzung vermessen angegriffenen „gehirngewaschenen Studierenden“. (mehr…)

Ohne Alternative gelebt. Zum Tod von Christa Wolf

Doch immerhin: was geschrieben wurde, und gelesen wird, bleibt vielleicht.

„Trauerrede. Zum Tod von Franz Fühmann. Juli 1984.

[…] In diesen wenigen Tagen, seit er starb, und seit ich ihn unaufhörlich lese, habe ich ihm nicht die Ehre der Genauigkeit antun können, die er Trakl erweist, indem er dessen häufigste Worte anführt und zählt. Doch will ich es wagen, diejenigen Worte zu nennen, die ich für seine zentralen halte; es sind dies: Wandlung. Wahrheit. Wahrhaftigkeit. Ernst. Würde. Sie alle stehen, wie selbstverständlich in einem Werk, das von einem zentralen Widerspruch her geschaffen ist, zueinander in Beziehung; ihre Antriebskraft, ihre Richtung und ihren Inhalt aber bekommen sie von dem Wort Wandlung, das Thema, in das Fühmann sich „eingeschmolzen“ weiß: seinem unausgesetzten, inständigen Versuch, sich wandelnd und den Prozeß dieser Wandlung beschreibend, sich dem Verhängnis zu stellen, ein Generationsgenosse und, bis zu einem gewissen Grad (so schränke ich ein, nicht er!), Teilhaber jenes mörderischen Wahndenkens gewesen zu sein, das Auschwitz hervorbrachte. „Vor Feuerschlünden“: Dahin hat er immer wieder zurückkehren müssen. „Von Auschwitz komme ich nicht mehr los.“ „Meine Generation ist über Auschwitz zum Sozialismus gekommen.“ Und, unerbittlich weiterfragend, damit die Wahrheit ihr Haupt erhebe, mochte der Blick der Medusa ihn auch vernichten: Wie hätte ich mich verhalten, wäre ich nach Auschwitz kommandiert worden.
Wieder und wieder. Und da Fühmann sich – und uns – keine Scheinfragen stellt, kann man, lesend, konnte ich, bekannt mit der Tatsache seines Todes, daß heißt: vom Ende her, aus den Landschaften seiner Bücher jene Struktur sich abzeichnen sehen, die gesetzmäßig und nicht beliebig ist; jene Richtung, zu der er – einmal die Wahl angenommen: Wandlung! – nun gezwungen war. Ein strenges Leben. […]
Wenn ich mich frage, wie er es sich wohl gewünscht hätte, daß hier und heute über ihn gesprochen werde, so glaube ich eines zu wissen: Er hätte es sich verbeten, jenen Widerspruch zu verharmlosen, zwischen dessen Pole er „bis zur Grenze des Zerbrechens gespannt“ war. „Der Konflikt zwischen Dichtung und Doktrin war unvermeidlich“, formuliert er als Einsicht in eben dem gleichen Essay, in dem er fragt, warum, unter welchen Umständen er bereit gewesen ist, das Geheimnis der Dichtung einer Doktrin zu opfern. (mehr…)

Wahlen in Ägypten

Drei „tweets“, die für sich sprechen..

Ikhwanweb
Preliminary Indicators: Zero votes for #FJP by Egyptians living in Israel, 100% votes for Egyptian Bloc.

Bassem Sabry
Some tell me: „I am voting for the Ikhwan (Or Wafd) because I don‘t know who the other parties are or what they want.“

Maha Al Aswad مَهَعْ
I am actually very excited to see a majority of Islamists in the parliament. Let them dig their own grave :)

Ikhwanweb: Offizieller Account der Muslimbrüder
FJP: Abk. der Partei der Muslimbrüder („Freedom and Justice“)
Egyptian Bloc: Liberales Wahlbündnis
Ikhwan: Muslimbrüder