Archiv für Januar 2012

Syrien-Analyse

Bei Ali Schirasi wurde eine gute Zusammenfassung zur Situation in Syrien, der Positionierung verschiedener Sektoren, der Zusammensetzung der Opposition etc. veröffentlicht. Dass es „das Volk“ nicht gibt und andere Dinge muss man jetzt nicht extra in die Kommentarspalte schreiben. Die Einschätzung muss man auch nicht an allen punkten teilen. Interessierte mögen einfach gucken, was man alles mitnehmen kann:

Seit rund zehn Monaten schon hält der Widerstand des Volkes gegen dss syrische Regime an und hat auch nicht nachgelassen, obwohl Baschar Assad alles unternimmt, die Bewegung niederzuschlagen. Die Volksbewegung ist inzwischen auch nicht mehr regional begrenzt und hat teilweise sogar bewaffneten Charakter angenommen. Dennoch kann man nicht behaupten, dass Syrien den Weg Libyens geht. Woran liegt das?

1. Was die Vielfalt der Volksgruppen und Religionen angeht, ist Syrien am ehesten mit dem Libanon zu vergleichen. Derzeit sind die sunnitischen Araber der Hauptmotor des Widerstands gegen die Diktatur, und auch zehn Monate nach Ausbruch der Proteste bleibt ihre Unterstützung durch andere Gruppen sehr beschränkt. Der Grund liegt im sichtbaren Einfluss islamistischer Tendenzen – wie etwa der Muslimbrüder – auf die Protestaktionen. Dies versetzt die religiösen Minderheiten in Syrien in Angst. Das gilt nicht nur für die absolute Mehrheit der Alawiten, die bis heute das Regime von Assad verteidigen, sondern auch für die große mehrheit der syrischen Christen, die eine islamistische Machtübernahme fürchten. Der Säkularismus der regierenden Baath-Partei erscheint ihnen da sicherer. Zudem sind die meisten Christen in Syrien – die Armenier ausgenommen – arabischer Volkszugehörigkeitn, weshalb ihnen auch die panarabische Rhetorik der Baath-Partei kein Kopfzerbrechen bereitet. Die Drusen als drittgrößte religiöse Minderheit, die vor allem in den Bergen im Südwesten Syriens leben, stehen noch in Warteposition, um zu schauen, in welche Richtung das Pendel ausschlägt. Und selbst die Kurden, die größte ethnische Minderheit im Lande, die sehnlichst den Sturz des Regimes herbeiwünschen, haben sich der Bewegung aus Angst vor einer Machtergreifung arabischer Islamisten bislang nicht angeschlossen.

2. Während die Diktatur in Libyen auf den persönlichen Launen des Herrschers Ghaddafi beruhte, der lieber außerhalb der staatlichen Strukturen vorging, ist das Regime in Syrien eine durchdachte und berechnende Diktatur, die sich voll auf den Staatsapparat stützt. So ist der Staatsapparat in Syrien bis heute geeint, während das Volk gespalten ist.

3. Die bewaffneten Aktionen der Regimegegner waren bis jetzt zum Nutzen des Regimes. Denn militärisch sind sie zu schwach, um dem Regime zu schaden, aber zugleich liefern die bewaffneten Aktionen dem Regime einen billigen Vorwand, die Unterdrückung friedlicher Proteste als „Kampf gegen den Terrorismus“ zu rechtfertigen. Damit wird das Risiko, bei friedlichen Protesten erschossen zu werden, so hoch, dass sich kaum neue Menschen den Protesten anschließen. Zugleich wirkt die militärische Gewalt der Regimegegner, soweit sie zivile Todesopfer fordert, abschreckend auf viele Bürger, denen dadurch das Argument der Regierung „Entweder wir oder das Chaos“ glaubwürdig erscheint.

4. Die syrische Armee hält weiterhin zusammen und verzeichnet nur wenige Abgänge. Im Gegensatz zur libyschen Armee, wo regionale Gruppenzugehörigkeiten eine größere Rolle spielten als die militärische Hierarchie, herrscht bei der syrischen Armee strikte militärische Disziplin, die von der Ideologie des Panarabismus genährt wird. Überläufer aus der syrischen Armee entstammen in der Regel aus den unteren Rängen und besitzen weder militärische Erfahrung noch verfügen sie über bedeutende Ausrüstung. Im Internet ist zwar oft von der Brigade „Chaled ebn Walid“ und von der Brigade „Salahuddin“ die Rede, die sich aus flüchtigen Offizieren und Soldaten der syrischen Armee zusammensetzen, aber ihre Aktivitäten beschränken sich auf verstreute Partisanenaktionen. (mehr…)

Syrien – Apologie II

Syrien-Apologie hatten wir erst. Auf eine neue unmenschliche und antiaufklärerische Polemik der Bahamas macht Nichtidentisches aufmerksam:

Sich – wie Ende 2011 geschehen – über die Finanzierung des billigen und enorm hässlichen Hauses des deutschen Bundespräsidenten das Maul zu zerreißen, schafft der mündige Chatter genauso locker allein wie einen von djihadistischen Terrorbanden angezettelten aktuellen Bürgerkrieg gegen Alaviten, Christen und Laizisten in Syrien in ein neues Kapitel des arabischen Freiheitskampfes umzulügen: Die Beweise für die jüngsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, also Quellen vom Hörensagen aus den Foren von Islamisten, oder Zeugenaussagen von Opfern, die gestern noch als irreguläre Soldaten reguläre angeschossen haben, findet man genauso gut in den berüchtigten Qualitätszeitungen wie im Netz. (Sören Pünjer, Bahamas 63, S. 14)

Diese Aussage wird auf Nichtidentisches wie folgt kritisch und zutreffend kommentiert:

Das Einverständnis mit dem Mord hat sich schon hergestellt, wenn nur die Identität der Opfer vom Hörensagen erwiesen wird als menschenfeindliche, hier djihadistische. Gegen diese Tendenz ist noch jeder Islamist zu verteidigen. Auch er soll für den Sturz eines Folterfürsten demonstrieren dürfen, ohne von einer Panzergranate zerfetzt zu werden und ohne von einem Schrapnell den Unterkiefer herausgerissen zu bekommen. Dass es Assad ist, den Pünjer hier in der Bahamas in Schutz nimmt, zeugt von der Gravidität der Verdrängungsleistung. Assad, jener antisemitische Baath-Klon Saddam Husseins, Helfershelfer der iranischen Henker, dem Israel noch vor ein paar Jahren einen Atomreaktor im Bau unter den Händen zerbombt hat, der die Raketenlieferungen an die Hisbollah organisierte, der im Libanon nun wirklich nicht der christlichen oder laizistischen Minderheit beisteht, sondern mitverantwortlich für die Morde an halbwegs demokratischem Personal war, Assad, dem nach den importierten Pasdaran nun die Hisbollah nun zur Hilfe eilt, jener Assad soll nun ganz hilflos von djihadistischen Elementen konfrontiert sein und Benevolentien für Laizisten bereit halten. (mehr…)

Rinks und Lechts in trauter Eintracht an der Seite von politisch korrekten Mördern

Eigentlich ist das nicht neu, nichts, was noch schockieren müsste. Die Deutlichkeit der jüngsten Solidaritätsbekundung mit den mörderischen Regimen in Syrien und Iran und die Tatsache, dass das „who is who“ der deutschen Traditionslinken und Friedensbewegung ohne Scham mit offenen Antisemiten und Rechtspopulisten gemeinsame Sache macht, hauen einen dann aber doch um.
Dass ihre „Solidarität“ und „Friedensliebe“ nur nach bestandenem Gesinnungstest geäußert wird (Diktatoren wie Mubarak, die die eigene Bevölkerung unterdrücken und mit westlichen Staaten kooperieren, werden gegeißelt, die „Revolution“ in ihren Ländern bejubelt, Diktatoren wie Assad und Ali Chamenei, die die eigene Bevölkerung unterdrücken und gegen westliche Staaten Stellung beziehen, werden als Opfer von Komplotten dargestellt und gestützt; Oppositionelle in „prowestlichen“ Diktaturen werden als authentisch und Stimme des Volkes gefeiert, Oppositionelle in Syrien und Iran als westliche Lakaien und Verräter diffamiert) ist so offen widersprüchlich bzw. schizophren wie menschenverachtend.

Eine Auswahl der Verschwörungsfreaks, Rechtspopulisten und Antisemiten, die mit Kadern und Sympathisanten des syrischen und iranischen Regimes die Solidaritätsadresse unterzeichnet haben, findet sich auf Reflexion. Allerdings gibt es neben den von Reflexion vorgestellten noch viel mehr zu entdecken – Diverse Abgeordnete und Funktionäre aus PDS/LINKE, Gewerkschafter, Freidenker, natürlich Gaddafi-Fan Norman Paech und als Sahnehäubchen-Beispiele Konsorten wie
*die irre Feministin (!) und Professorin für Frauenforschung, Claudia von Werlhof, die verbreitet, dass die USA um die Welt zu beherrschen überall auf der Welt Erdbeben auslösen, oder die
*Vororganisation des iranischen Regimes Ahl al-Bayt e.V. [Bericht vom letzten internationalen Treffen im Iran und den illustren hohen Gästen]

Gibt es eigentlich irgendwo noch ein paar Leute, die sich als links bezeichnen und ihre (westlichen) Staaten dafür angreifen, dass sie als kapitalistische fast immer einfach nur konsequent ihren strategischen und Wirtschaftsinteressen folgen, und dabei eben auf das Leid und die Armut der Menschen und die Unterdrückung und Folter in irgendwelchen Diktaturen grundsätzlich genauso scheißen, wie die linken und friedensbewegten Unterzeichner der Erklärung aufgrund ihrer politischen (Block-)Ideologie?
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Keine ruhige Weihnachtsmesse für Ägyptens Militär

Während der zentralen koptischen Weihnachtsmesse in Ägypten, die auch von verschiedenen Präsidentschaftskandidaten und Politikern sowie muslimischen Vertretern besucht wurde, grüßte Papst Shenouda auch die Führung des Militärs. Deren Vertreter saßen in den ersten Reihen. Im selben Augenblick reagierten einfache Besucher der Messe, indem sie „Nieder mit der Militärherrschaft“ skandierten.

Unter den militärischen Ehrengästen war auch Hamdy Badeen, der bei Demonstranten und Demokratieaktivisten verhasste Befehlshaber der Militärpolizei. Khaled Sherbiny twitterte: „Hamdy Badeen: I saw you on the day of the Maspero massacre kicking the face of an old man who bowed to kiss your leg in order to stop the killing. How dare you go to the mass with those same military shoes“.

Theater, Kunst und Widersprüche

Eine Gruppe von Theaterbesuchern hat vor einigen Tagen im „Berliner Ensemble“ während der Premiere des von Claus Peymann inszenierten Stückes „Dantons Tod“ „dramatisch“ interveniert. Die Einlage am Pausenende war nicht Teil der Inszenierung, wie einige Zuschauer zunächst vielleicht glaubten. Dass der bauchlinke Alt-68er und Bildungsbürger Claus Peymann dutzenden technischen Mitarbeitern des Theaters einen Tarifvertrag verweigert, ließ vielmehr einige Aktivisten mit der Marseillaise die wohlige historisierende Revolutionsberieselung unterbrechen. Der Tenor der Intervention war nicht gesellschaftskritisch, auch nicht radikal, sondern höchstens gewerkschaftlich-sozialdemokratisch. Doch der autoritäre Narzißt Peymann, der sich selbst gegenüber der BILD-Zeitung als „berühmtester Intendant“ bezeichnete, drohte den engagierten Besuchern am Ende sogar mit Strafverfolgung, zeigte sie wegen Hausfriedensbruch an. Peymann, der sich wie sein Publikum gerne im subversiven oder kritischen Chique des BE suhlt und so dessen gesellschaftskritisches Erbe, wenn es so etwas geben sollte, seit Jahren langsam und sicher einebnet und begräbt, führte die Inszenierung von „Dantons Tod“ für sein wohlhabendes, bildungsbürgerliches Publikum mit der Einschaltung der Polizey endgültig ad absurdum. [Artikel in der MAZ]

Ebenfalls vom BE eingeebnet wird zur Zeit die radikale Gesellschaftskritik von Thomas Brasch, dessen zehnter Todestag mit Popanz und einigen flachen Aufführungen seiner Stücke „begangen“ bzw. konsumiert wird. Im Gegensatz zu Peymann, der mit seinen Inszenierungen und mit Hilfe des Publikums noch jedes Drama seines kritischen und potentiell Widersprüche erzeugenden Gehalts beraubt, reflektierte Brasch oft über die Rolle des Künstlers in Verhältnissen, die keine menschenwürdigen sind.

Unter den Widersprüchen, die unsere Zeit taumeln lässt zwischen Waffenstillstand und Krieg, zwischen dem Zerfall der Ordnung, die Staat heißt, und ihrem wütenden Überlebenskampf, zwischen dem Alten, das tot ist, aber mächtig, und dem Neuen, das lebensnotwendig ist, aber nicht in Aussicht, scheint der Widerspruch, in dem ich arbeite, ein geringer – gleichzeitig ein Denkmal zu setzen dem anarchischen Anspruch auf eigene Geschichte, und dies zu tun mit dem Wohlwollen derer, die ebendiesen Versuch unmöglich machen wollen und müssen, der Herrschenden nämlich.
Obwohl wie gesagt nicht der wichtigste Widerspruch, ist er doch für den, der ihm ausgesetzt ist, der mit dem Geld des Staates arbeitet und den Staat angreift, der den subversiven Außenseiter zum Gegenstand seiner Arbeit macht und sich selbst zur gleichen Zeit zu einem Komplizen der Macht, ein entscheidender: er ist der Widerspruch der Künstler im Zeitalter des Geldes schlechthin, und er ist nur scheinbar zu lösen – mit dem Rückzug in eine privatisierende Kunstproduktion oder mit der Übernahme der Ideologie der Macht. Beides sind keine wirklichen Lösungen, denn sie gehen dem Widerspruch aus dem Weg, und die Widersprüche sind die Hoffnungen. Erst sie ermöglichen den Bruch, der durch die Gesellschaft der Leistungen und der staatlichen Macht geht, und durch jedes einzelne ihrer Glieder in ihrer ganzen Größe, zu erkennen.
Diese Gesellschaft hat sie geschaffen, hat die Künste in die Zerreißprobe zwischen Korruption und Talent geschleift, und nicht die Künste werden diesen Widerspruch abschaffen – sie können sich ihm nur aussetzen um ihn besser zu beschreiben – sondern alle Kräfte, die zur Abschaffung der gegenwärtigen Zustände beitragen, die keine menschenwürdigen sind.

Thomas Brasch, 1981