Theater, Kunst und Widersprüche

Eine Gruppe von Theaterbesuchern hat vor einigen Tagen im „Berliner Ensemble“ während der Premiere des von Claus Peymann inszenierten Stückes „Dantons Tod“ „dramatisch“ interveniert. Die Einlage am Pausenende war nicht Teil der Inszenierung, wie einige Zuschauer zunächst vielleicht glaubten. Dass der bauchlinke Alt-68er und Bildungsbürger Claus Peymann dutzenden technischen Mitarbeitern des Theaters einen Tarifvertrag verweigert, ließ vielmehr einige Aktivisten mit der Marseillaise die wohlige historisierende Revolutionsberieselung unterbrechen. Der Tenor der Intervention war nicht gesellschaftskritisch, auch nicht radikal, sondern höchstens gewerkschaftlich-sozialdemokratisch. Doch der autoritäre Narzißt Peymann, der sich selbst gegenüber der BILD-Zeitung als „berühmtester Intendant“ bezeichnete, drohte den engagierten Besuchern am Ende sogar mit Strafverfolgung, zeigte sie wegen Hausfriedensbruch an. Peymann, der sich wie sein Publikum gerne im subversiven oder kritischen Chique des BE suhlt und so dessen gesellschaftskritisches Erbe, wenn es so etwas geben sollte, seit Jahren langsam und sicher einebnet und begräbt, führte die Inszenierung von „Dantons Tod“ für sein wohlhabendes, bildungsbürgerliches Publikum mit der Einschaltung der Polizey endgültig ad absurdum. [Artikel in der MAZ]

Ebenfalls vom BE eingeebnet wird zur Zeit die radikale Gesellschaftskritik von Thomas Brasch, dessen zehnter Todestag mit Popanz und einigen flachen Aufführungen seiner Stücke „begangen“ bzw. konsumiert wird. Im Gegensatz zu Peymann, der mit seinen Inszenierungen und mit Hilfe des Publikums noch jedes Drama seines kritischen und potentiell Widersprüche erzeugenden Gehalts beraubt, reflektierte Brasch oft über die Rolle des Künstlers in Verhältnissen, die keine menschenwürdigen sind.

Unter den Widersprüchen, die unsere Zeit taumeln lässt zwischen Waffenstillstand und Krieg, zwischen dem Zerfall der Ordnung, die Staat heißt, und ihrem wütenden Überlebenskampf, zwischen dem Alten, das tot ist, aber mächtig, und dem Neuen, das lebensnotwendig ist, aber nicht in Aussicht, scheint der Widerspruch, in dem ich arbeite, ein geringer – gleichzeitig ein Denkmal zu setzen dem anarchischen Anspruch auf eigene Geschichte, und dies zu tun mit dem Wohlwollen derer, die ebendiesen Versuch unmöglich machen wollen und müssen, der Herrschenden nämlich.
Obwohl wie gesagt nicht der wichtigste Widerspruch, ist er doch für den, der ihm ausgesetzt ist, der mit dem Geld des Staates arbeitet und den Staat angreift, der den subversiven Außenseiter zum Gegenstand seiner Arbeit macht und sich selbst zur gleichen Zeit zu einem Komplizen der Macht, ein entscheidender: er ist der Widerspruch der Künstler im Zeitalter des Geldes schlechthin, und er ist nur scheinbar zu lösen – mit dem Rückzug in eine privatisierende Kunstproduktion oder mit der Übernahme der Ideologie der Macht. Beides sind keine wirklichen Lösungen, denn sie gehen dem Widerspruch aus dem Weg, und die Widersprüche sind die Hoffnungen. Erst sie ermöglichen den Bruch, der durch die Gesellschaft der Leistungen und der staatlichen Macht geht, und durch jedes einzelne ihrer Glieder in ihrer ganzen Größe, zu erkennen.
Diese Gesellschaft hat sie geschaffen, hat die Künste in die Zerreißprobe zwischen Korruption und Talent geschleift, und nicht die Künste werden diesen Widerspruch abschaffen – sie können sich ihm nur aussetzen um ihn besser zu beschreiben – sondern alle Kräfte, die zur Abschaffung der gegenwärtigen Zustände beitragen, die keine menschenwürdigen sind.

Thomas Brasch, 1981


4 Antworten auf „Theater, Kunst und Widersprüche“


  1. 1 aergernis 13. Januar 2012 um 16:12 Uhr

    Der Tenor der Intervention war nicht gesellschaftskritisch, auch nicht radikal, sondern höchstens gewerkschaftlich-sozialdemokratisch.

    Aha – weil da Arbeitsverhältnisse thematisiert werden?

    Also ich finde die Aktion, beurteilt an dem was man in dem Video sehen kann, erstmal grundsympathisch, gerade weil dort Leute offensichtlich ihr eigenes Milieu angreifen und nicht irgendwer agitiert oder revolutionsromantisch-sozialarbeiterisch behuttelt wird, sondern weil jemand die eigenen Verhältnisse zum Problem macht. Wäre interessant zu wissen, was in dem Flugblatt zu lesen war.

  2. 2 MC Gurke 13. Januar 2012 um 18:32 Uhr

    Dass die Aktion konkrete, auf die Arbeitsverhältnisse bezogene Forderungen rüberbrachte, und diese Forderungen auch auf dem Flugblatt zu lesen waren, ist Fakt. Und das meint der von Dir zitierte Satz. Warum mir das allerdings deswegen nicht „grundsympathisch“ sein sollte, ist mir nicht klar. Ebensowenig, wie Du darauf kommst, dass da Leute ihr „eigenes Milieu angreifen“ oder „die eigenen Verhältnisse zum Problem machen“. Der Kampf ist ein Arbeitskampf. Und das Problem sind Peymann und die Leitung/Geschäftsführung des BE. Dieser Widerspruch wurde vor dem Hintergrund des Arbeitskampfes thematisiert: „Gesellschaftskritische Stücke spielen und gleichzeitig Menschen ausbeuten.“

  3. 3 aergernis 14. Januar 2012 um 14:19 Uhr

    Sorry, ich will hier gar nicht irgendwie rumpöbeln, verstehe deine Aussagen aber auch nicht ganz. Dass die Aktion „konkrete, auf die Arbeitsverhältnisse bezogene Forderungen rüberbrachte“, ist also für dich synonym damit, dass sie „nicht gesellschaftskritisch, auch nicht radikal, sondern höchstens gewerkschaftlich-sozialdemokratisch“ gewesen ist? Ein revolutionärer, radikal-kritischer Anspruch widerspricht also einer Thematisierung konkreter Arbeitsverhältnisse?

    Unabhängig davon wäre es zur Beurteilung der Aktion wirklich sinnvoll zu wissen, was in dem Flugblatt über die in dem von dir verlinkten Artikel zitierte Parole hinaus drin stand. Mag sein, dass dabei herauskommt, dass die Intention tatsächlich gewerkschaftlich-sozialdemokratisch gewesen ist – das geht aber nicht aus dem hervor, was man in dem Video sieht.

    http://veto.blogsport.de/2011/12/18/thesen-fuer-veranstaltung-am-dienstag/ – Diese Thesen finde ich im Bezug auf die oben aufgeworfenen Fragen diskutierenswert.

  4. 4 MC Gurke 16. Januar 2012 um 22:11 Uhr

    Ich kann meinem letzten Kommentar nicht wirklich etwas hinzufügen. Es ist eben nichts falsches an „Realpolitik“ und Arbeitskämpfen, wie sie am BE geführt werden. Es ist gut, und wie Peymann darauf reagiert hat, ist krass.
    http://darstellende-kunst.verdi.de/theater_buehnen/aktuelles/berliner-ensemble

    Aber hier werden nicht gesellschaftliche Zusammenhänge, die Verhältnisse, grundsätzlich die Funktionsweisen kapitalistischer Verhältnisse angegangen, analysiert oder kritisiert. Hier handelt es sich nicht um irgendwelche „Angriffe“ auf Milieus oder gar Radikalkritik und Revolution. Ich weiß nicht wie Du darauf kommst.

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