Syrien-Analyse

Bei Ali Schirasi wurde eine gute Zusammenfassung zur Situation in Syrien, der Positionierung verschiedener Sektoren, der Zusammensetzung der Opposition etc. veröffentlicht. Dass es „das Volk“ nicht gibt und andere Dinge muss man jetzt nicht extra in die Kommentarspalte schreiben. Die Einschätzung muss man auch nicht an allen punkten teilen. Interessierte mögen einfach gucken, was man alles mitnehmen kann:

Seit rund zehn Monaten schon hält der Widerstand des Volkes gegen dss syrische Regime an und hat auch nicht nachgelassen, obwohl Baschar Assad alles unternimmt, die Bewegung niederzuschlagen. Die Volksbewegung ist inzwischen auch nicht mehr regional begrenzt und hat teilweise sogar bewaffneten Charakter angenommen. Dennoch kann man nicht behaupten, dass Syrien den Weg Libyens geht. Woran liegt das?

1. Was die Vielfalt der Volksgruppen und Religionen angeht, ist Syrien am ehesten mit dem Libanon zu vergleichen. Derzeit sind die sunnitischen Araber der Hauptmotor des Widerstands gegen die Diktatur, und auch zehn Monate nach Ausbruch der Proteste bleibt ihre Unterstützung durch andere Gruppen sehr beschränkt. Der Grund liegt im sichtbaren Einfluss islamistischer Tendenzen – wie etwa der Muslimbrüder – auf die Protestaktionen. Dies versetzt die religiösen Minderheiten in Syrien in Angst. Das gilt nicht nur für die absolute Mehrheit der Alawiten, die bis heute das Regime von Assad verteidigen, sondern auch für die große mehrheit der syrischen Christen, die eine islamistische Machtübernahme fürchten. Der Säkularismus der regierenden Baath-Partei erscheint ihnen da sicherer. Zudem sind die meisten Christen in Syrien – die Armenier ausgenommen – arabischer Volkszugehörigkeitn, weshalb ihnen auch die panarabische Rhetorik der Baath-Partei kein Kopfzerbrechen bereitet. Die Drusen als drittgrößte religiöse Minderheit, die vor allem in den Bergen im Südwesten Syriens leben, stehen noch in Warteposition, um zu schauen, in welche Richtung das Pendel ausschlägt. Und selbst die Kurden, die größte ethnische Minderheit im Lande, die sehnlichst den Sturz des Regimes herbeiwünschen, haben sich der Bewegung aus Angst vor einer Machtergreifung arabischer Islamisten bislang nicht angeschlossen.

2. Während die Diktatur in Libyen auf den persönlichen Launen des Herrschers Ghaddafi beruhte, der lieber außerhalb der staatlichen Strukturen vorging, ist das Regime in Syrien eine durchdachte und berechnende Diktatur, die sich voll auf den Staatsapparat stützt. So ist der Staatsapparat in Syrien bis heute geeint, während das Volk gespalten ist.

3. Die bewaffneten Aktionen der Regimegegner waren bis jetzt zum Nutzen des Regimes. Denn militärisch sind sie zu schwach, um dem Regime zu schaden, aber zugleich liefern die bewaffneten Aktionen dem Regime einen billigen Vorwand, die Unterdrückung friedlicher Proteste als „Kampf gegen den Terrorismus“ zu rechtfertigen. Damit wird das Risiko, bei friedlichen Protesten erschossen zu werden, so hoch, dass sich kaum neue Menschen den Protesten anschließen. Zugleich wirkt die militärische Gewalt der Regimegegner, soweit sie zivile Todesopfer fordert, abschreckend auf viele Bürger, denen dadurch das Argument der Regierung „Entweder wir oder das Chaos“ glaubwürdig erscheint.

4. Die syrische Armee hält weiterhin zusammen und verzeichnet nur wenige Abgänge. Im Gegensatz zur libyschen Armee, wo regionale Gruppenzugehörigkeiten eine größere Rolle spielten als die militärische Hierarchie, herrscht bei der syrischen Armee strikte militärische Disziplin, die von der Ideologie des Panarabismus genährt wird. Überläufer aus der syrischen Armee entstammen in der Regel aus den unteren Rängen und besitzen weder militärische Erfahrung noch verfügen sie über bedeutende Ausrüstung. Im Internet ist zwar oft von der Brigade „Chaled ebn Walid“ und von der Brigade „Salahuddin“ die Rede, die sich aus flüchtigen Offizieren und Soldaten der syrischen Armee zusammensetzen, aber ihre Aktivitäten beschränken sich auf verstreute Partisanenaktionen. Sie stammen großenteils auch Choms und ihre militärischen Aktivitäten konzentrieren sich auf den Umkreis von Choms. Eine kleinere Gruppe ist in den Asamiya-Bergen nördlich der Stadt Dara aktiv. Die meisten Soldaten haben sich individuell von der Armee abgesetzt, nicht in Form einer Massenbewegung und haben weder Waffen noch Ausrüstung. Hinzu kommt, dass sämtliche bewaffnete Gruppen in Syrien im Untergrund agieren, im Gegensatz zu Libyen, wo zuerst die befreite Zone um Benghasi geschaffen wurde. Die Befreiung von Benghasi und lebenswichtiger Gebiete im Osten Libyen erfolgte schon ganz am Anfang des Aufstands, der mit dem Sturz von Ghaddafis Regime endete. In Syrien dagegen zeichnet sich in absehbarer Zukunft keine Schaffung einer befreiten Zone ab. Aus diesem Grund ist auch die Forderung einiger bewaffneter Gruppen, die NATO solle eine Flugverbotszone einrichten, unsinnig. Denn das syrische Regime setzt im wesentlichen Bodentruppen zur Niederschlagung der Gegner ein. Zudem wären NATO-Bombardements in Syrien wegen der Nähe der militärischen Einheiten zu den Städten nicht sehr praktikabel, weil es viele Tote unter Zivilisten fordern würde.

5. Mit ihrer massiven Unterdrückung und der Jagd auf die Organisatoren von Kundgebungen ist des dem Assad-Regime gelungen, die Proteste in Schranken zu halten. In Syrien gibt es keine Stadt, in der die Bevölkerung einen wichtigen öffentlichen Platz besetzt halten kann, um eine feste Ausgangsbasis für die Proteste zu haben wie dies der Tahrir-Platz in Kairo war. So hat die Bevölkerung von Choms im April 2011 mehrfach besucht, den „Uhren-Platz“ in der Stadt mit einem Sitzstreik zu besetzen, aber das Regime konnte die Versuche jedesmal brutal auflösen. So sind die Demonstranten gezwungen, in einer Art „friedlicher Guerrilla-Taktik“ spontane Kurz-Demonstrationen an wechselnden Orten abzuhalten. Das führt dazu, dass das Risiko einer Teilnahme sehr hoch bleibt und sich der Teilnehmerkreis nicht erweitert. Da die Moscheen der einzige Ort sind, wo die staatlichen Kräfte eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legen, nehmen die Protestkundgebungen oft an bestimmten Tagen in den Moscheen ihren Ausgang. So sind viele nicht religiös orientierte Menschen gezwungen, in der Nähe von Moscheen zu warten, um sich solchen Kundgebungen anzuschließen. Diese Einschränkungen führen dazu, dass die Islamisten in der Protestbewegung am besten vertreten sind, was wiederum dem Regime nützt, das so die religiösen Minderheiten mit dem Hinweis auf die Gefahr einer Machtübernahme islamistischer Fanatiker um sich scharen kann.

6. Anders als in Libyen finden die Gegner des Regimes keinen gemeinsamen Nenner. Die Gegner sind sich in drei wichtigen Punkten nicht einig: Ob man mit dem Regime verhandeln soll oder nicht; ob der bewaffnete Kampf richtig ist oder nicht; und ob sie eine ausländische Militärintervention befürworten oder nicht. Außerdem gibt es noch Gegensätze zwischen den Aktivisten im Inland und denen im Ausland. Trotz all dieser Gegensätze haben sich bislang zwei große Plattformen gebildet:

Der Nationale Rat Syriens, gegründet am 15. September 2011, und
das Nationale Koordinationskomitee für einen demokratischen Wechsel, gegründet am 18. September 2011. [HIER GEHT ES WEITER]