Die Linke will den, der zu ihr passt

Der Jugendverband der Partei „Die Linke“, solid, hat als „linken“ Präsidentschaftskandidaten Georg Schramm vorgeschlagen und zur Bekräftigung ihres Vorschlags eine Petition gestartet. Oskar Lafointaine nannte den Vorschlag interessant. Auch aus der Piratenpartei wird Schramm favorisiert. Dieser, so hieß es bei solid, sei „seit Jahren für seine scharfzüngige Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem bekannt“.
Endlich sind sie ehrlich. Ihr politisches Niveau, ihre Analyse und ihre Kritik sind ja eigentlich schon länger auf Kabarett-Niveau. Mit flapsigen, an der Oberfläche verharrenden und personalisierten Vorwürfen gegen bekannte Politiker, Bonzen oder ab und an „die Medien“ redet man den Stammtischen, auch den vermeintlich gebildeten mit ZEIT-Abo, nach dem Maul. In bestem NS-Jargon spricht man von „Ungeziefer“, „Geschmeiß“ und „Gesindel“. (Ja Leute, auch wenn es gegen „die Reichen“ geht, ist es reaktionär und menschenverachtend.) Man fordert Selbstmordanschläge auf „Orgien der Dekadenz“, auf Treffen von „den Reichen“. Wie bitte? Das macht ihr LINKEn, ihr Piraten gar nicht? Soweit würdet ihr nicht gehen? Ihr seid nur ein wenig mit Galgen-Bildern auf den Occupy-Demos mitgelatscht, quasi nur als Bürger, die mitreden, um unseren konservativen Gesinnungs-Gauck zu zitieren? Bloß gut, dass es Schramm gibt, und ihr diesem „Tabu-Brecher“ die Drecksarbeit überlassen könnt.

Georg Schramm hat das nämlich alles im Namen des Kabarett bereits getan, das BRD-Volk klatschte, Sozialneid und Unzufriedenheit konnten auf gewohnte Bahnen geleitet und mit den gewohnten Ventilen abgeleitet werde, und am Ende fühlen sich alle kritisch, aber den Kapitalismus hatte keiner kritisiert. Dafür haben wir Menschen ihr Menschsein abgesprochen, aufgrund kollekiver Zuschreibungen, haben Terroranschläge und Mord an Menschen gerechtfertigt und als „wohltätig“ bezeichnet, und das alles im Namen des „Zorns“, des Wutbürgers, der in Deutschland traditionell Sozialdarwinist, Rassist und Antisemit ist, und genauso über Türkenwitze oder dumme Hartz 4-Empfänger lachen würde, wobei Hartz 4-Empfänger wahrscheinlich auch über die Aufforderung zum Mord an Reichen wohlig lachen können, ohne den realen Hintergrund ihrer Misere zu verstehen. So wird Kabarett nicht zum Stachel in den Verhältnissen, sondern zu ihrem stabilisierenden Kitt.
Politik im Namen des Zorns, mit Parolen, die aus den Wohnzimmern und Stammkneipen der deutschen Ottonormalbürger entnommen sind, das ist reaktionäre Politik, auf Ressentiment aufbauende Politik, Politik, die in Deutschland schon öfters ins Pogrom geführt hat. Das gilt umsomehr, wenn man einen Antisemiten wie Georg Schramm zum Wortführer erklärt. Schramm, der schonmal fordert, dass der Volks­wil­le den Bän­kern wie­der zu dem „An­se­hen“ ver­hilft, dass sie hatten „als man sie noch Geld­ver­lei­her nann­te, als es noch ein dre­cki­ges Hand­werk war, das ein ehr­ba­rer Christ [!] gar nicht aus­üben woll­te“.

Edit 23.02.2011: Ergänzung via Schlamassel Muc

Rehabilitation alter Kampfbegriffe
Totgeglaubter Nazijargon wie „Zinsknechtschaft“ (Minute 0:40) und „Hochfinanz“ (Minute 15:10) geht Schramm leicht über seine preußischen Generalslippen, findet mittels vermeintlicher Satire somit wieder Eingang in Fernsehzimmer, Massenveranstaltungen und Tischgespräche. Dass Schramm – wenn nicht gar ein Anhänger von Gottfried Feder („Deutscher Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft“) – mindestens ein Anhänger der wahnsinnigen gesellschen Freiwirtschaftslehre ist, gab er bereits kund. Kürzlich stiftete der vielgerühmte Klartext-Redner den schweizer Verschwörungsopfern von „We are change“ ein Interview und weissagte angebliche Pläne der „Orthodoxen“ und der „militanten Siedler“ und des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu überhaupt. Sie kommen gut voran, die „Falken auf beiden Seiten“, deren „erklärtes Ziel“ Armageddon sei, die letzte Schlacht in Jerusalem, so Schramm. In einer vergangenen Sendung tönte er noch ganz anders, da bewegte sich sein ebenfalls halluzinierter Masterplan für den Nahen Osten noch einzig im Kontext des „Endkampfes um das eurasische [Öl]Becken.“ Keine Phantasie scheint zu abwegig, um das Offensichtliche umzulügen. In selbiger Sendung wiederholte Schramm auch die fäkal reproduzierte Falschmeldung der Politsekte „Arbeiterfotographie“, wonach die Vernichtungsdrohungen Ahmadineschads in Richtung Israel nur Übersetzungsfehler seien (Minute 1:00).

Die Angreifer sitzen in Jerusalem und Manhattan
Mitverantwortliche des Weltuntergangs sitzen also in Jerusalem, aber wie man weiß, sind die Feinde der kleinbürgerlichen Freiheit nicht nur dort, sondern seit jeher global – vor allem in den USA, konkret in New York – unterwegs . Und deshalb verortet auch Schrammchen, der ohne diesen Dienst an der Volksseele vermutlich deutlich weniger gefeiert wäre, die „Angreifer“ beim „Treffen in Manhattan“ im „Dauerabnutzungskrieg gegen Euroland“ um „faule Kredite in die Länder“ einzuschleusen. Ein schöner Bundespräsident wäre Schramm also schon, ein passender zumindest, weil er ein Wutbürger ersten Ranges ist, einer, der gerne hasst, wenig weiß und zu allem eine Meinung hat – wie sein Publikum.“


9 Antworten auf „Die Linke will den, der zu ihr passt“


  1. 1 großes kino 21. Februar 2012 um 20:15 Uhr

    Großes Politkino auch an der Basis der LINKEN:

    „…sollte DIE LINKE. nicht darauf warten, dass sie von Angela Merkel endlich eingeladen wird, sondern ihre Stimme für die Stimme der Kritik an den herrschenden Zuständen erheben. Diese Stimme ist Georg Schramm.“

    (aus einer Onlinepetition)

  2. 2 b-movie, meiner meinung nach 21. Februar 2012 um 20:27 Uhr

    „…Dabei sind Schramms bekannteste Figuren alles andere als Typen, sondern bis ins Detail ausgearbeitete Charaktere. An den Verhältnissen verzweifelnde Menschen freilich allesamt wie August, der seine SPD nicht mehr versteht, wie Sanftleben, der sich die Truppe schöntrinkt, und wie Dombrowski, dessen Erkenntnisse bisweilen radikal anmuten, es bei genauerer Betrachtung aber gar nicht sind. Er bringt nur auf den Punkt, was vor Jahren noch zum guten Ton gehörte nicht nur im Kabarett, bei Globalisierungskritikern oder radikalen Spinnern. Und heute als mindestens sozialromantisch, wo nicht als peinlich gilt: Dass nämlich „der Riss in diesem Land“ noch immer „zwischen Arm und Reich“ verläuft …“

    (googelt mit einem der zitierten sätze, ihr findet die seite)

  3. 3 MC Gurke 21. Februar 2012 um 20:39 Uhr

    …dessen Erkenntnisse bisweilen radikal anmuten, es bei genauerer Betrachtung aber gar nicht sind. Er bringt nur auf den Punkt, was vor Jahren noch zum guten Ton gehörte nicht nur im Kabarett, bei Globalisierungskritikern oder radikalen Spinnern. Und heute als mindestens sozialromantisch, wo nicht als peinlich gilt: Dass nämlich „der Riss in diesem Land“ noch immer „zwischen Arm und Reich“ verläuft…

    Sehr guter Verweis auf die Seite der Agentur – makes our point. Schramms „Figur“ ermöglicht ihm die eben gar nicht radikalen, sondern von Volkes Maul abgeschauten Phrasen, Ressentiments und antisemitischen Aussagen „auf den Punkt zu bringen“. Das gehörte nicht nur vor Jahren, sondern gehört immernoch zum guten Ton. Der Gestus des outsiders, des underdogs, der vermeintlich unbequeme Wahrheiten ausspricht, wirkt verkaufsfördernd und dient dem „linken“ wie dem mainstream-Publikum dazu, sich bei der Affirmation der Verhältnisse und falscher Ideologien kritisch fühlen zu können.

  4. 4 Tonroda 22. Februar 2012 um 0:58 Uhr

    Bei allem Respekt, erstmal informieren und dann schreiben. Hier spricht nichts weiter als reflexartiges Aufjaulen, starke Verbitterung sowie völlige Unkenntnis über die Kunstform des Kabaretts im Allgemeinen, wie Schramm im Besonderen. Ansätze der geäußerten Kritik sehe ich sehr wohl ähnlich und ich bin froh um jeden Menschen, der es mit der Kapitalismuskritik so ernst meint wie ihr und sie eben nicht über Personalisierung banalisiert und strukturell in eine völlig falsche und altbekannte Richtung ableitet. Dennoch ist mir diese Kritik an Schramm allzu pauschal und fehlleitend. Man kann gewisse Sorgen haben, man kann mit manchem nicht einverstanden sein, geschenkt, sehe ich auch so, aber dann sucht das Gespräch und nicht die Aus- und Abgrenzung. Und das meine ich nicht harmoniebedürftig und naiv, sondern, und man verzeihe mir jetzt mal die affirmativ flapsige Sprache, weil Schramm definitiv eher Teil der Lösung als Teil des Problems ist! Ich bin wahrlich nicht Anhänger einer „sich duckenden Kritik“, aber die einem politisch nahestehenden Leute, bei denen man nur noch sehr wenig Überzeugungsarbeit leisten müsste (wenn überhaupt!), heftiger, und mit viel Schaum vorm Mund, zu kritisieren als gewisse andere Menschen, die nicht im Traum auf die Idee kämen, euren (unseren) Überzeugungen zuzustimmen und sich aufklärerisch dafür einzusetzen, sondern auf den Phrasenzug für ihre restaurativen Zwecke aufspringen, das zeugt von wenig Reife und Charakter. Da fragt man sich schon, wo die Prioritäten der Kritik liegen. Im Überzeugen und Aufklären, das der Kapitalismus überwunden werden kann, „Ausschwitz nie mehr sei“ und „alle Menschen ohne Angst verschieden sein können“, oder im wirkungslosen Jonglieren mit dadurch letztlich hohlen Phrasen.
    Alles Gute,
    Tonroda

  5. 5 critiqueaujourdhui 22. Februar 2012 um 13:03 Uhr

    „Wirkungsloses Jonglieren mit hohlen Phrasen“? Da sprichst Du von Schramm und seinen Verehrern. Schramm ist „definitiv eher Teil der Lösung als Teil des Problems“? Verschone uns, bitte, mit Deiner was auch immer erheischenden Zustimmung zu unseren von Dir wie auch immer verstandenen Positionen.

    Wer den Kapitalismus auf gierige Mächte, die dann auch noch mit einer Geschichte bis ins Mittelalter versehen werden, wo sie keine „ehrbaren Christen“ und damit wie es jedem Depp gleich schimmert jüdisch waren („hähä das ist ja so man wird ja wohl noch sagen dürfen“), wer den Islam rassistisch auf Terror reduziert und damit Ressentiments unterster Schublade in der Bevölkerung bedient, wer dann „den Reichen“ den Tod bei einem Bombenanschlag wünscht, und damit wieder auf die unverstandene, eher von Sozialneid als von Klassenbewusstsein getriebene Zustimmung „des Volkes“ hoffen kann – der IST TEIL DES PROBLEMS, und gehört kritisiert und angegriffen!

    Und jetz erzähle nicht, dass das ja Kunstfiguren sind, und ihr ja den „wahren Schramm“ meint (den ihr im übrigen gar nicht kennt). Das ist ein billiger Taschenspielertrick, denn jeder weiß, und viele Schrammfans sprechen es auch offen aus, das es die Positionen seiner Figur sind, die ihn bekannt und beliebt machen, und dass er nur „die Wahrheit deutlicher und radikaler aussprechen kann, da seine Rolle als Kunst vom GG stärker geschützt ist“. Da johlt es sich gleich viel befreiter, wenn es um Mord und Judenhass geht. Zum Kotzen. Leute wie Du widern uns an. Was Du verwechselst sind Krisenbewältigungsideologie und die Kritik der Krise Kapitalismus. Ihr seid Vertreter von ersterem.

  6. 6 Georg Hilscher 23. Februar 2012 um 15:36 Uhr

    „Leute wie Du widern uns an.“ --
    Muß man denn denen, die sich irren, anstatt ihnen nur ihre Fehler aufzuzeigen, immer auch gleich eins auf den Deckel geben?
    (Und das meine ich sehr wohl harmoniebedürftig und naiv.)

  7. 7 MC Gurke 23. Februar 2012 um 15:57 Uhr

    In manchen Fällen schon. Z.B. wenn es sich um Leute handelt, die noch den größten Unfug und regressiven Dreck rechtfertigen und mit dem Mantel irgendwie anders und richtig gemeinter „Kritik“ der doch letzten Endes unverstandenen Verhältnisse versehen wollen. Wer den vermeintlich wahren Schramm verteidigt und denen Fehlinterpretationen vorwirft, die einfach nur am lautesten und ungeniertesten über seine schwachsinnigen Theorien johlen (nicht nur die widerliche Rede von Hochfinanz, Parasiten, Dreck und Gesindel, schon vor 4 Jahren stand für ihn ein israelisch-amerikanischer Angriff auf den Iran unmittelbar bevor (!), wie bei anderen Aussagen vertrat er auch da Theorien der Verschwörungsszene, es geht dabei für ihn natürlich nur ums Öl und nicht um die konkrete Bedrohung Israels, die iranische Führung hat nie zur Zerstörung Israels aufgerufen, seine verkürzte Zinskritik, der an niedrigste Ressentiments apellierende Wunsch des Wutbürgers nach Selbstmordattentaten auf Luxushotels usw.), der ist widerlich. So ist es nunmal. Die mittlerweile oben zusammengetragenen Aussagen sprechen für sich, dass Schramm es ernst meint, dass seine Figuren Träger seiner eben völlig falschen und regressiven Analyse und Kritik der Zustände sind.

    Wie heisst es auf seiner Agentur-Seite:
    „Dabei sind Schramms bekannteste Figuren […] bis ins Detail ausgearbeitete Charaktere. An den Verhältnissen verzweifelnde Menschen […] wie Dombrowski, dessen Erkenntnisse bisweilen radikal anmuten, es bei genauerer Betrachtung aber gar nicht sind. Er bringt nur auf den Punkt, was vor Jahren noch zum guten Ton gehörte nicht nur im Kabarett, bei Globalisierungskritikern oder radikalen Spinnern.“ So weit – so traurig und wahr. Nur dass es eben immer noch zum guten Ton gehört, was man hier, um das Underdog-Image verkaufen zu können, verdreht. Und dann: „Stellt doch Schramm sich wie dem Publikum die Frage nach den Konsequenzen, den Handlungsalternativen jedes Einzelnen in Anbetracht der diagnostizierten Lage.“ Die Konsequenzen seiner Diagnose, die zwischen „Volk“ und „reichen Parasiten“ unterscheidet, zwischen Opfern (iranisches Regime) und Tätern (westliche Imperialisten), ist sooo unterkomplex und beruht auf dermaßen falschen Grundannahmen, dass am Ende die Apologie für Terror und der Aufruf zum Pogrom übrig bleiben. Da johlt der deutsche Biedermann. Wer das verteidigt, widert uns nunmal an.

  8. 8 Khosrow 23. Februar 2012 um 16:45 Uhr

    „Wer das verteidigt, widert uns nunmal an.“

    Es geht also tatsächlich nicht ums Überzeugen, sondern ums „Aus- und Abgrenzen“? Glaubt ihr nicht, dass eine Diskussion eher möglich wird, wenn man verbal mal deutlich abrüstet? Es hilft euch doch überhaupt nicht, wenn das hier auf nichts als Selbstbestätigung hinausläuft, ihr wollt andere Menschen doch aufklären!

    Khodahafez, Khosrow

  9. 9 Shirin 23. Februar 2012 um 20:14 Uhr

    @ Khosrow

    Wie sagt man im Iran: „Der Eierdieb wird zum Kameldieb.“ Die Taten, die auf Worte folgen müssen, wie sie Schramm verwendet, sind die Taten von aufgehetzten, ideologisierten Menschheitsfeinden. Es geht hier um eine gefährliche Krisenbewältigungsideologie, um gefährliche Ressentiments. „Mit Liebenswürdigkeit kann man eine Schlange aus ihrer Höhle locken“, sie bleibt aber eine Schlange.
    Es geht nicht um Selbstbestätigung. Kritik, und sei sie noch so scharf, ist sinnvoll und notwendig, sie kann den Gegner treffen und den Unentschlossenen oder Einfältigen zum Zweifeln bringen. Und „Zweifel ist der Schlüssel zum Wissen“, wie ein persisches Sprichwort sagt. Keine Aufklärung ohne Kritik. So sagt man auch: „Wenn andere nicht Deine Fehler schelten, so werden sie Dir als Tugend gelten.“

    khoda hafez

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