Archiv für Februar 2012

Pohrt pöbelt

[Nachtrag: Gerade gesehen, dass Verbrochenes einen wirklich wunderbaren Text geschrieben hat, der sich mit schwachsinniger Kritik an Pohrts Kommentar von Seiten sog. „Ideologiekritiker“ auseinandersetzt.]

FYI ein polemischer Kommentar zu Gegenwärtigem von good old Pöbel-Pohrt – ich weiß nicht was mich mehr fasziniert, dass er Sachen sagt, die ganz vernünftig sind und die in der Linken aber keiner hören will, oder dass ich diesen Text gerade vom Tagesspiegel kopiert habe… Die Nazikeule und der Vergleich von antimuslimischem Rassismus und NS-Antisemitismus sind allerdings bei aller Polemik Schwachsinn.

Wer was erreicht hat, wer es zu was gebracht hat, lebt fortan mit der Sorge, es wieder zu verlieren. Europa hat Angst. Seit 100 Jahren ist das so, seit Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Der vergreisende und lendenschwache Kontinent igelt sich ein und geht in Abwehrstellung, mal gegen die USA, mal gegen die fürchterlich fleißigen Chinesen, neuerdings bevorzugt gegen den Islam. Daraus resultiert die Standardfrage im aufgeklärten Politikdiskurs, ob man eine wirkliche Revolution mit Beteiligung des Volkes überhaupt noch gutheißen kann, wenn diese bedeutet, dass anschließend die Scharia wieder eingeführt wird, wie das wahrscheinlich in Ägypten der Fall sein wird.

Mit der Scharia kenne ich mich nicht so gut aus. Ich weiß nur so viel: Wenn ein Idiot heute weder von Religion noch von Politik und auch sonst gar keine Ahnung hat – von der „Scharia“ quasselt er immer. Wenn es um den Islam geht, ist jeder Dorftrottel plötzlich Spezialist für Glaubensfragen, Orientalistik und Islamwissenschaft, ja sogar für Arabisch. In jedem Diskussionsforum im Internet gibt es faschistische Hetzer, die Koransuren angeblich aus dem Original zitieren, um zu beweisen, wie schrecklich und gefährlich der Islam sei.

Diese Akribie erinnert an Eichmanns Judenreferat im Reichssicherheitshauptamt der SS, wo mit der Zeit die umfassendste Sammlung von Judaika zusammengetragen wurde und die Beflissensten unter den Mördern sogar Hebräisch gelernt hatten. Die kannten den Talmud besser als jeder Jude. Und so ist das heute auch. Die Moslemfresser können Koransuren zitieren, die einem Moslem mit Sicherheit unbekannt sind. Breivik hat viele Brüder im Geiste.

Anzunehmen ist, dass im Koran tatsächlich einige unschöne Regeln stehen. Aber das ist bei allen monotheistischen Religionen so. Davor hatte man einen ganzen Haufen Götter, einen für den Krieg, einen für die Liebe etc. Jetzt hatte man nur noch einen. Um trotzdem gemäß den Vorschriften der Glaubenslehre leben zu können, brauchte man ein einziges Religionsbuch, worin alle Wechselfälle des Lebens berücksichtigt sind. Und das bedeutet, dass es wie im Bauernkalender zu jeder Regel eine andere gibt, die das genaue Gegenteil besagt. Religionsbücher sind Ratgeber für alle Lebenslagen.
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Vortrag: Das Verhältnis von Theorie und Praxis. Oder: Zum Versprechen von Bildung und Emanzipation

Mit Stefan Müller & Janne Mende (Berlin).

Theorie und Praxis zusammenzufügen, ist häufig von vergeblichen Bemühungen und gescheiterten Anstrengungen geprägt – zum Glück! Theorie kann weder bruchlos in Praxis noch Praxis unvermittelt in Theorie überführt werden. Dass beide nur in ihrer Trennung, in ihrer Eigenständigkeit angemessen verstanden werden können, soll im Vortrag skizziert und ausgeführt werden. Überlagert wird die Theorie/Praxis-Problematik zudem davon, dass das Zusammenführen beider oftmals von der Vorstellung begleitet wird, dass erst in der (unterschiedslosen) Einheit von Theorie und Praxis Bildungsbemühungen, gar Emanzipation erreicht sei.

Das Gegenteil ist der Fall: Erst im Festhalten der Unterschiede von Theorie und Praxis in ihrer intrinsischen Vermittlung eröffnet sich der Horizont einer ‚versöhnten Gesellschaft’ (Adorno). Das Versprechen von Bildung und Emanzipation befindet sich damit in einer Zwickmühle, die durch das Verhältnis von Theorie und Praxis geprägt ist.

Di, 07.02.12 I 18.30 I Melanchthonianum, Uniplatz, Halle

Vortrag im Rahmen der Reihe „Was tun? Zum Verhältnis von Theorie und Praxis“

via: Kritische Intervention

Friedensbewegung brutal

Von falschen Friedensfreunden, die das Wort Frieden schon seit langem mit ihrer kruden Ideologie okkupiert haben, gibt es auch in Deutschland eine Menge. Einen besonders üblen Schlag ins Gesicht der Oppositionellen im Nahen Osten leisteten sich britische Linke und Friedensfreunde. Sie attackierten auf einer Demo Exiliraner, die lediglich die zwei Wörter „FREE IRAN“ auf ihre Fahne gemalt haben. Während des physischen Angriffs auf die Iraner durch britische Mittelschicht-Antiimp-Antisemiten, umringt von Fahnen des Assad-Regimes und der Hisbollah, gab es von den Veranstaltern auf der Bühne Schelte für die bedrängten Iraner in bestem british english: „Please stop this misbehaviour! (!!!)“
Es sagt viel über die Verfasstheit dieser Friedensbewegung aus, wenn die Rednerin den Angriff auf die paar Exilanten und ihren „Freien Iran“ mit den Worten kommentiert, wer denke, die Kritik an der iranischen Führung müsse die Rechtfertigung eines Krieges gegen den Iran zur Folge haben, begehe einen Fehler. Denn das hatten die beiden offensichtlich gar nicht behauptet. Andersherum wird ein Schuh draus: Offensichtlich ist die Forderung nach einem „Freien Iran“ und die damit ausgedrückte Kritik am Regime so radikal für die Friedensfreunde, dass sie sie gewaltsam zum Schweigen bringen müssen. Sie sind es, die sich ohne wenn und aber für Krieg und Gewalt positionieren – auf der Seite des syrischen und iranischen Regimes.

Minute 1:00 bis 4:00 reicht völlig aus, um sich ein Bild des ekelerregenden Vorfalls zu machen: