Todenhöfer, Scholl-Latour und Co.

Eine wunderbare (hier nur auszugsweise zitierte) Abrechnung mit deutschen Nahost-“Experten“ wie Udo Steinbach, Peter Scholl-Latour oder Jürgen Todenhöder findet sich ausgerechnet in der taz, verfasst vom Schriftsteller Rafik Schami:

Autoren wie Jürgen Todenhöfer oder Peter Scholl-Latour finden den Absatz ihrer bedenklichen Sympathien für Mörder wie Assad nicht etwa auf den Seiten der Bild-Zeitung. Sie sitzen bei ARD, FAZ, FAS und Die Zeit in der ersten Reihe. Und sind sie einmal da, werden sie von hunderten kleineren Medien zitiert. Man kann darüber den Kopf schütteln, aber das ist zu wenig. Ihre Beiträge sind kaum zu ertragen. […]
Aufklärung ist immer gut. Aber wenn der Prominenz-Faktor zur Blendung führt und zur Akzeptanz einer von Fehlern, Rassismus und Falschheit getränkten Berichterstattung, so ist das nicht akzeptabel. Verblendung gepaart mit Eitelkeit ist gefährlich. Verblendung nicht nur gegenüber einer Diktatur, sondern auch gegenüber deren Gegnern.
Ein erwachsener Mensch muss sich doch die simple Frage stellen: Warum werden alle Journalisten aus Syrien verjagt, und warum bekomme ich die Erlaubnis, mit Kamera und Mikrofon von Damaskus loszufahren, werde an den Kontrollpunkten durchgelassen, um in die Hochburg des Aufstands zu gelangen? Und wenn der Prominenz-Journalist sich nicht einmal fragt, warum Daraa, die Wiege der Revolution, auf einmal so ruhig ist, sondern nur begeistert von den günstigen Kirschen schwärmt, dann ist man verblendet.
„Nirgendwo sehen wir uniformierte Polizei, nur zwei Soldaten beim Kaufen von Aprikosen. Ich sehe kleine knackige Kirschen. Kirschen aus Daraa sind eine syrische Köstlichkeit. Ich kaufe ein Kilo für 25 syrische Lira, das sind 35 Cent,“ so Todenhöfer. Und dann geht es weiter, in Humphrey-Bogart-Stil: „Der Anführer der Geheimpolizisten, ein übermüdeter, älterer Mann mit kurzen grauen Haaren, schaut mir nachdenklich in die Augen. Ich schaue ihm genauso nachdenklich in die Augen.“
Damals, im Juni 2011 waren bereits Tausende umgebracht und Zehntausende Menschen entführt, verschleppt und verhaftet worden. Das ist Verblendung total. […]
Ich frage mich und hadere täglich mit mir, wenn die Berichte des Prominenz-Journalismus eine Lüge, ein Produkt der Eitelkeit sind. Warum schmerzt mich das so?
Weil ich nicht imstande bin, diese Prominenz-Journalisten ausreichend anzuklagen – wegen Vertuschung von Völkermord, wegen der Verachtung der syrischen Frauen und Männer, die ihr Leben auf der Straße geben, um die Freiheit zu erkämpfen.
Die Prominenz-Journalisten wissen von den Morden, aber sie leugnen sie, weil sie dann ihre Verbundenheit mit den Mördern nicht mehr rechtfertigen könnten. Sie sind in gewisser Hinsicht ihre Gefangenen geworden. Das syrische Volk, das Leid und die ungeheuren Opfer spielen bei ihren eitlen Berichten nur eine Statistenrolle. […]
Die Prominenz-Journalisten spielen eine widerliche Rolle. Sie verleumden Tote und Lebende, um den Diktator zu decken. Todenhöfer: „Bei den Getöteten handelt es sich zu einem hohen Prozentsatz um Soldaten, Polizisten, aber auch um Zivilisten, die von bewaffneten Rebellen getötet wurden.“ (FAS, 19. 2. 2012)
Das behaupten Sie, angesichts eines Regimes, das nicht davor zurückschreckt, Verletzte zu quälen, bis sie ihre Kameraden verraten, das sogar Kinder tötet und die Eltern eines genialen Komponisten und Pianisten foltert, weil ihr Sohn, im Ausland lebend, Solidarität mit der syrischen Freiheitsbewegung bekundet hat. Malek Jandali hat eine Freiheits-Symphonie für den Sänger der Revolution Ibrahim al-Qashoush (1977–2011) komponiert. Qashoush wurde trotz seiner heiseren Stimme „Nachtigall der Revolution“ genannt. Der Geheimdienst hat ihn entführt, gefoltert und ihm den Kehlkopf herausgeschnittenen.
Hören Sie sich bitte einmal die Musik an, die Jandali für Qashoush komponierte. Ich lasse das Stück dreimal spielen. Draußen graut der Morgen. Es ist Montag, der 27. Februar 2012.