Walser und der Stinkefinger

Per mail ging mir heute Nacht ein kurzer Bericht über eine Störaktion während einer Lesung anlässlich der Buchmesse an der Uni Halle zu. Zwischen 20 und 30 Studierende versuchten demzufolge am Freitag Abend, mit einem Transparent und Flugblättern ihren Unmut über die Einladung des – wie es im Flugblatttext heißt – „präsenilen“ Walser auszudrücken, dessen antisemitische Denkmuster spätestens seit dem Skandal um „Tod eines Kritikers“ allen bekannt sein müssten. Den Text des Flugblattes will ich niemandem vorenthalten, er folgt unten. Zuvor will ich allerdings noch die Reaktionen von Gästen erwähnen. Nach Aussagen einer Störerin reagierten einige Walser-Fans empört auf die Kritik an ihrem Idol und seinem und ihrem sekundären Antisemitismus, der sich vor allem in der konsequenten Täter-Opfer-Umkehr oder -Gleichsetzung ausdrückt. So kam es zu Beleidigungen, ein anwesender Bildungsbürger zeigte den Stinkefinger, einer der Verantwortlichen soll in Bezug auf das Transparent („..dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“) mit dem zynischen Ausspruch „Was wollt ihr denn, ihr wart doch damals gar nicht dabei!“ reagiert haben. Relativ gewaltsam sollen alle dann rausgedrängt (bzw. eher rausgeschubst?) worden sein, wird berichtet. Folgendes uns mit der mail zugesendete Foto ist zu köstlich, um es nicht zu posten (insg.: danke für die mail, P.!):

Hier noch ein Bild von der „MZ“-Seite:

Und hier der Text:

Martin Walser – Schuldabwehr und Antisemitismus, literarisch verbrämt und enttabuisiert für den „gebildeten“ deutschen Bürger

I Paulskirche – „Vor Kühnheit zitternd“ sagen, was (fast) alle denken

Immer deutlicher quoll im hohen Alter aus Martin Walser heraus, was sich subtiler schon durch sein gesamtes Werk zog. Die Paulskirchenrede: Allen Deutschen würde absichtlich von Intellektuellen „weh getan“ werden. „Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird“, echauffierte sich Walser. „Manchmal, wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden“, so Walser, erfahre er „die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“.
Wie so oft brach Walser Tabus, die nicht existieren, war voller Selbstmitleid, „weil ich jetzt wieder vor Kühnheit zittere, wenn ich sage Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule“. Als hätte Franz Josef Strauß nicht schon 1969 gesagt, ein Volk, das derartige wirtschaftliche Leistungen vollbracht habe, habe ein Recht darauf, „von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.“ Später sagte er dann in einem Interview, dass er unzählige Zuschriften erhalten habe, die den Tenor gehabt hätten: „Was wir bis jetzt hinter vorgehaltener Hand sagten, das haben Sie öffentlich ausgesprochen, und dafür sind wir Ihnen dankbar“…

II „Tod eines Kritikers“ – Judenmord als späte Rache

Nicht vergessen ist auch sein Roman „Tod eines Kritikers“, der literarisch zwar erbärmlich, aufgrund seines unverhohlenen Antisemitismus jedoch ausführlich thematisiert worden ist. Es sprach bereits Bände, als der langjährige gute Bekannte Walsers, der Konservative Frank Schirrmacher, den Vorabdruck in der FAZ verweigerte. Er schrieb: „Ihr Buch ist eine Hinrichtung, ein haßerfülltes Dokument, das sich mit der Ermordung eines Juden befaßt“. Die Phantasien Walsers über einen Mord am Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki – der ihm sein Leben lang überlegen und daher verhasst war – und die ausgiebige Verwendung antisemitischer Klischees und Stereotypen waren schlicht zu viel. Walser beschreibe in antijüdischer Manier eine heimatlose Gestalt, so der Publizist Hanno Loewy, dessen Gestik entstamme dem Repertoire der „Untermenschen“. Thomas Assheuer erinnerten viele der Sätze, die der Dichter im Roman seinem Kritiker entgegenhält, an völkische Parolen, mit denen Schriftsteller wie Kolbenheyer, Grimm und Johst die jüdische Literaturkritik bekämpft hatten. Die massive Kritik an diesem Roman und Walsers Apologien veranlassten den Literaturwissenschaftler Matthias Lorenz dazu, das Gesamtwerk zu untersuchen und zu analysieren. Das Ergebnis schockierte viele Walser-Fans, die seine späten, von infantilem Hass getriebenen Ergüsse schlicht seinem präsenilen Zustand anlasteten.
Die jüdischen Figuren im Frühwerk, so das Fazit der Untersuchung, werden „mit bekannten antisemitischen Stereotypen (Reichtum, Kosmopolitismus, Fixiertheit aufs Geld, Geiz, Erotik der ,schönen Jüdin‘, der berüchtigten ,jüdischen Nase‘) versehen“. Selbst in den Stücken, die sich ausdrücklich dem Nationalsozialismus und seinen Opfern widmen, werden die jüdischen Opfer eher erwähnt als beschrieben, oft entwertend, so dass sie dem Leser fremd bleiben müssen. Die Leiden der Juden (wie in dem Stück „Eiche und Angora“) werden denen der nichtjüdischen Deutschen gleichgestellt – alle sind Opfer, nicht nur die Vernichteten, sondern auch die „Verführten“, die Deutschen, als wären Vernichtungskrieg und Holocaust das Werk einer einzigen Person. Konsequent ist seine bekannte Aussage: „Die ideale Lösung: die deutsche Bevölkerung verreist am 8. Mai an die Strände und überlässt das Land den Siegern für ihre Feiern.“ Sollen die Sieger und die Juden doch die Zerschlagung des Nationalsozialismus feiern, für Walser und seine deutschen Fans gibt es dafür keinen Grund. In den Jahrzehnten nach 1945, so Walser, „verlor der deutsche Soldat diesen Krieg zum zweiten, dritten, vierten Mal. Er ist längst diffamierbar geworden.“ „Diffamierbar“ – nicht etwa wahrhaft diffamiert durch die Verbrechen der Wehrmacht, der Polizeibattalione, der SS. Walsers Thema waren immer die Leiden der Täter an ihrer Niederlage, die Leiden des „deutschen Volkes“.

Der Beliebtheit Walsers bei allen, die gerne einen intellektuell verbrämten, von Schuldabwehr getriebenen Schlussstrich ziehen wollen, war das alles nur zuträglich. Es verwundert daher kaum, dass Halles Provinzuniversität Walser ein Podium bietet. Mit ihrem Namen, dem eines großen und beliebten Judenhassers, der in seinem „Spätwerk“ ebenfalls kein Blatt mehr vor den Mund nahm, hat sie sich nie auseinandergesetzt. Zwei große Deutsche, die von jüdischen Nasen reden, von Schweiß, von uns und „denen“. Luther rief zum Pogrom, „auf das sie wissen, sie sind nicht Herren im Lande“. Walser lässt den Kritiker und mit ihm die „Moralkeule Auschwitz“ vernichten. Welch honorige Parallele zwischen Antijudaismus und modernem Antisemitismus. Was für eine widerliche Veranstaltung.

Studierende der Universität Halle


2 Antworten auf „Walser und der Stinkefinger“


  1. 1 Napoleonkomplex 30. April 2012 um 15:10 Uhr

    Hoch lebe das Neo-Oblomowtum! Zumindest auf diesem Blog!

  2. 2 MC Gurke 20. Mai 2012 um 13:55 Uhr

    Als hättest Du Gontscharow gelesen. (Und was hat das mit Napoleon zu tun?) Naja, ich mach erstmal Mittagsschlaf.

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