Archiv für April 2012

Gedicht und Reaktion

Wenn eigentlich deutlich wird, dass alles noch viel schlimmer ist, als die Kritiker von Schuldabwehr und Antisemitismus immer dachten, wenn deutlich wird, dass selbst deutsche Intellektuelle, nein, intellektuelle Deutsche wie Jakob Augstein offen die Sicherheit des Staates Israels als Staat, sein Existenzrecht in Frage stellen, wenn alle sehen, dass das Tabu, Israel zu kritisieren, nicht existiert, dann wird seine Existenz nur um so wütender behauptet.

Sie bezeichnen eine Zäsur. Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. […] Es muss uns nämlich endlich einer aus dem Schatten der Worte Angela Merkels holen, die sie im Jahr 2008 in Jerusalem gesprochen hat. Sie sagte damals, die Sicherheit Israels gehöre zur deutschen „Staatsräson“. Und damit es keine Missverständnisse gebe, fügte sie hinzu: „Wenn das so ist, dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben.“ Helmut Schmidt hat dazu gesagt, für Israels Sicherheit mitverantwortlich zu sein, sei eine „gefühlsmäßig verständliche, aber törichte Auffassung, die sehr ernsthafte Konsequenzen haben könnte.
Jakob Augstein, Spon

Bei der ganzen Scheiße bleibt eigentlich nur eine Reaktion wie sie Torsun wählte:

Sag was machen denn nur diese Leute
aus der Waffen-SS eigentlich heute
Sie gehn per Gedicht
mit Israel ins Gericht
Allen Deutschen ja stehts eine Freude

Früher hieß der Befehl Juden Vernichten
Heut versucht es der Grass mit Gedichten
Produziert er Content
nach dem Trend in Moment
Leider hatte Grass nie einen Lichten

doch ist er nur verwirrt? what a mess
Nein es ist nicht Demenz oder Stress
Er schreibt diesen Stuss
durchaus bewusst
Nicht Grundlos war er bei der SS

Eine Frage stellt sich irgendwann
Was tun mit dem dummen alten Mann?
Ich stell sie mir voll Hass
auf den Alt-Nazi Grass
Mit nem Knieschuss ists hier nicht getan

Einen Schuss forderte alter Tor ich?
Eine Kugel ins Hirn? metaphorisch?
Hör den Aufschrei “ STOP HALT!“
Du rufst auf zur Gewalt
Doch ich schoss auf ihn hier nur rhetorisch

BÄM! Grass halt´s Maul!

Verhinderte Opfer unter sich

Wie das Portal des hochwertigen Provinzjournalismus („Wurst-Dieb am Riebeckplatz gestellt“) – das „Halleforum“ – berichtet, wurde in Halle von der Stadt mit Gedenktafel und Feierlichkeit an Nazis erinnert, die vor der alliierten Übermacht kapitulierten und um ihre Villen zu retten die Stadt kampflos übergaben. Da sie aber nunmal bis 1945 Verbrecher waren, traute sich die Stadt nichtmal, ihre Namen auf die Tafel zu schreiben, da man ja nicht offen Nazis würdigen will… Das fanden dann die offenen Fans dieser verhinderten Bombenopfer-Kader (etwa Graf Luckners, der in Halle laut erwähntem Halleforum gar als „Nazi und Kinderschänder“ gilt, was die FDP nicht an seiner Ehrung hindert) gar nicht lustig, und so kam es zu solcherlei großartigen Unmutsbekundungen bei der Enthüllung der Gedenktafel:
Graf Luckner

Stillleben: Grass & Mülltonne

Wenn einer in schlechtem Stil wirren Blödsinn schreibt, der es dann auf den Titel der renommiertesten deutschen Tageszeitung schafft, wenn einer Tabus bricht, die nicht existieren, und sich als Opfer eines Medienkartells geriert, obwohl er dessen Protege ist, wenn die Massen ihn schließlich dafür lieben – dann ist die Rede eigentlich immer von einem abgehalfterten deutschen Literaten (Walser, Grass etc.) und a) Israel, b) Palästina, c) beidem, d) Schuld und Schlussstrich, e) a, b & d.
Insofern ist zu dem absurden, grenzdebilen und dummdreisten Dreck, den dann eben dieses Mal Günter Grass in seinem „Gedicht“ verzapft hat, nichts weiter zu sagen.1 [Der beste Kommentar fand sich im Tagesspiegel] Man kann allerdings bemerken, dass diese Situationen für Arschlöcher wie Grass win-win-Situationen sind. Überall wurde und wird ihm ein Podium geboten, ob im Guten oder im Schlechten, er kann in schlechtem Stil wirren Blödsinn schreiben, schafft es damit auf den Titel der renommiertesten deutschen Tageszeitung, kann Tabus brechen, die nicht existieren, und sich als Opfer eines Medienkartells gerieren, obwohl er dessen Protege ist. Was für ein Kreislauf: Weil er Grass ist, wird der Dreck, der zudem viele Bedürfnisse befriedigt und sich gut verkauft, eben gedruckt. Weil der Dreck so sehr stinkt, und ihn alle Menschen mit Restvernunft kritisieren müssen, erscheint er daraufhin tatsächlich als Tabubrecher und Opfer des „Medienkartells“. Was für eine perfide, von den Medien (aka Kulturindustrie) mitverantwortete Show. Die Massen lieben Grass dafür, und wie Walser badet er in der Masse der wohlwollenden und lobenden Zuschriften „der einfachen Leute“. Genug geärgert. Ich ende mit dem Stillleben „Grass & Mülltonne“ und einer debilen Zugabe.
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