Archiv für Juli 2012

Beschneidungswirrwarr

Während in Deutschland zwischen anti- und philosemitischen Kommentaren und dem Geschrei von Berufsreligiösen kaum vernünftige Stimmen zur Beschneidungsdebatte zu hören sind, äußerte sich Anshel Pfeffer in der Haaretz wie folgt:
„Es gibt drei Cliches über Beschneidung. Das erste besagt, dass Beschneidung ein heiliger Bund zwischen Gott und dem jüdischen Volk ist. Fakt ist allerdings, unabhängig davon, ob man an die biblische Erzählung von Abraham und seinen Söhnen glaubt, dass es sich hier kaum um einen spezifischen jüdischen Brauch handelt. Jeden Tag werden weltweit die Vorhäute von tausenden Babies, Jungen und Männern entfernt, im Rahmen verschiedenster Rituale und medizinischer Eingriffe. Nur eine kleine Minderheit von ihnen sind Juden, und selbst unter den Juden tun es die meisten nicht aus religiöser Überzeugung, sondern auf Grund sozialer Notwendigkeit, familiärem und sozialem Druck und weil es eine gute Ausrede ist, eine riesige Party zu feiern.

Das zweite besagt, Beschneidung sei gut für die Gesundheit. Während einige Forschungen auf bestimmte gesundheitliche Vorteile verweisen, gibt es andere Studien. Diese geben vor zu beweisen, dass das Herumschnippeln an männlichen Genitalien riskant und die Ursache von Traumata und eingeschränkter sexueller Funktionalität ist. Diese widersprüchlichen medizinischen Beweise sind kein Grund für Verwunderung – Ärzte sind ebenso parteiisch wie Zeitungskolumnisten, wenn es darum geht, Fakten zu arrangieren.

Das dritte besagt, dass Beschneidung ein geheiligter religiöser Brauch ist, und dass Menschen in einer Demokratie erlaubt sein sollte, ihre Traditionen unbehelligt von politischen oder juristischen Eingriffen zu pflegen. Das ist üblicherweise ein Argument, für das ich große Sympathie hege. Ich will nicht, dass die Regierung mir vorgibt, wie ich mein Leben zu leben habe. Jedoch – es ist nicht mein Leben. Keiner meiner vier Söhne wurde im Vorfeld gefragt, als ihm, im Alter von acht Tagen, äußerst intensive Schmerzen zugefügt wurden, und ihre Genitalien unwiderbringlich verändert. Das ist kaum ein demokratischer Akt.“

Im „freien Irak“, II

Seltsam auch, daß die USA im Irak die Pressefreiheit einführten, politische Parteien zuließen und sogar religiöse Eiferer agitieren lassen. […] Verwirrend, daß in Bagdad, in den endlich wieder geöffneten Fisch- und Schnaps-Kneipen am Tigris, dauernd Trinksprüche auf George Bush ausgebracht werden. Und noch verwirrender: Die angeblich ach so gläubigen Iraker wollen keine UN-Truppen aus Old Europe und schon gar nicht aus islamischen Ländern, sondern mehr Schutz vor islamistischen Mordbrennern – von der US-Army.

Zeitschrift Bahamas, 2003.

Zehn Jahre verfehlte (US-)Politik später (Stärkung autoritärer Politiker und Machtgruppen, Forcierung der Ethnisierung und Tribalisierung sowie der Islamisierung der Politik, Akzeptanz der Einschränkung von Bürgerrechten und Pressefreiheit durch die irakische Regierung):

BAGHDAD (AFP) — Iraqi women face court-ordered virginity tests that often show they were virgins until marriage but shame them nonetheless, doctors at an institute that carries out the tests and a lawyer told AFP. […] An average of several virginity tests are performed per day at the Medical Legal Institute (MLI) in Baghdad […]. „Most of the cases we received after the first day of marriage,“ said Dr. Munjid al-Rezali, the director of the MLI. „The husband claims that she is not a virgin, and then the family bring her here, through the courts, this all come through the courts, and we examine her,“ Rezali said.
The tests include examination of the woman’s hymen, but the man involved may also come under scrutiny. The man may be tested for impotency, Rezali said, noting that in some cases, a man with erectile dysfunction may pretend the woman was not a virgin to hide his shame. […]
„They think that during the marriage, (the) first day of marriage, there should be blood … they think if there is no blood, there is no virginity,“ said Dr. Sami Dawood, a forensic doctor at the MLI who has been involved in the tests. This belief, he said, indicates that sex education and knowledge is „very poor.“ If a man thinks his new wife is not a virgin, he may take the issue to court, leading to the MLI performing a virginity test, said Dawood. Asked about the results of the tests, Dawood said that „most of them (are) with the woman, not against the woman, but it is by itself… shaming.“ […]
„The judge is required to send the woman for the medical test when she is accused by her husband of not being a virgin, and that is only done in this case,“ lawyer Ali Awad Kurdi said. „If it is proved that the woman was not virgin and sought to get married without telling the man, there is no law that protects her,“ Kurdi said. The woman’s family is then required to recompense the man for gifts, money and other expenditures related to the relationship. […]

Säkularismus!!!

Nachdem ein Gericht in einem lange überfälligen Urteil festgestellt hat, dass ein Mensch über Amputationen an seinem Körper selbst entscheiden sollte, und seine Familie nicht unter Berufung auf Tradition und „religiöse Werte“ (nach ihrer subjektiven Interpretation) das Recht hat, ihn als Kleinkind gewaltsam zu einer solchen zu zwingen, rennen Berufsreligiöse und Kulturalisten Sturm. Neben „muslimischen Verbänden“ kritisierte auch der „Zentralrat“ der Juden in Deutschland das Urteil zum Verbot religiöser Beschneidungen Minderjähriger als einen „beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ und forderte den Bundestag auf, „die Religionsfreiheit vor Angriffen zu schützen“ (und die Judikative in diesem Fall durch Gesetzgebung auszuschalten). Zentralratspräsident Graumann: „Diese Rechtsprechung ist ein unerhörter und unsensibler (!) Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.“ Im Tagesspiegel brachte ein Gegner der „Einschränkung der Religionsrechte“ das Urteil mit der „Entstehung des Faschismus“ in Verbindung. Und der in Fragen der Rechte Homosexueller sonst eher religionskritische Volker Beck teilte mit, dass biblische Gebote und ihre Einhaltung essentielle Grundlage des Jude-Seins sind und schickte Befürwortern des Urteils auf twitter Bibelstellen (- man muss nicht erwähnen, dass immer mehr säkulare Juden die Beschneidung von Säuglingen in Frage stellen, um zu erkennen, wie absurd und anmaßend seine Position ist). Interessant ist auch die Abwesenheit der bürgerlichen „Islamkritik“ aus der aktuellen Mediendebatte, die sonst zu Recht (aber offensichtlich nicht tatsächlich von Säkularismus, sondern vom Ressentiment getrieben) die Akzeptanz religiöser Normen bei der Urteilsfindung deutscher Gerichte kritisieren, etwa in familienrechtlichen Fragen.

Für Menschen, die beanspruchen, eine Religion oder ein religiöses Kollektiv zu vertreten, und ihre kulturalistischen Freunde wie Volker Beck, der der zynischen Meinung ist, dass religiöse Gesetze der Bibel für freiwillige und unfreiwillige Mitglieder religiöser Kollektive zu gelten haben (aber natürlich nicht für ihn), folgende Leseempfehlung. Der Textauszug thematisiert die Rede von „dem Islam“ und „den Muslimen“ und ihren angeblichen kollektiven Befindlichkeiten, wie sie bei Berufsmuslimen und Kulturalisten wie auch bei rassistischen „Islamkritikern“ zu finden ist, und lässt sich seiner grundsätzlichen Aussage nach auch weiter gefasst auf die aktuelle Beschneidungsdebatte beziehen:

Sami Zubeida: The Diversity of Muslims and the Necessity of Secular Rule

There is a widespread tendency to present Islam as a unitary entity, exemplified in the reference to the ‘Muslim World’. This totalization is shared by Muslim spokesmen indulging in identity politics as well as public discourses in the West, in the media and political pronouncements, notably President Obama’s 2009 Cairo address to the ‘Muslim world’. Islam, like Christianity, is a corpus of sacred texts, traditions, rituals and laws, diverse and even contradictory, which allow a wide range of constructions. There is no unitary ‘Islam’, but many sorts of Muslims, for whom religion plays diverse roles, or could be of little importance. (mehr…)