Säkularismus!!!

Nachdem ein Gericht in einem lange überfälligen Urteil festgestellt hat, dass ein Mensch über Amputationen an seinem Körper selbst entscheiden sollte, und seine Familie nicht unter Berufung auf Tradition und „religiöse Werte“ (nach ihrer subjektiven Interpretation) das Recht hat, ihn als Kleinkind gewaltsam zu einer solchen zu zwingen, rennen Berufsreligiöse und Kulturalisten Sturm. Neben „muslimischen Verbänden“ kritisierte auch der „Zentralrat“ der Juden in Deutschland das Urteil zum Verbot religiöser Beschneidungen Minderjähriger als einen „beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ und forderte den Bundestag auf, „die Religionsfreiheit vor Angriffen zu schützen“ (und die Judikative in diesem Fall durch Gesetzgebung auszuschalten). Zentralratspräsident Graumann: „Diese Rechtsprechung ist ein unerhörter und unsensibler (!) Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.“ Im Tagesspiegel brachte ein Gegner der „Einschränkung der Religionsrechte“ das Urteil mit der „Entstehung des Faschismus“ in Verbindung. Und der in Fragen der Rechte Homosexueller sonst eher religionskritische Volker Beck teilte mit, dass biblische Gebote und ihre Einhaltung essentielle Grundlage des Jude-Seins sind und schickte Befürwortern des Urteils auf twitter Bibelstellen (- man muss nicht erwähnen, dass immer mehr säkulare Juden die Beschneidung von Säuglingen in Frage stellen, um zu erkennen, wie absurd und anmaßend seine Position ist). Interessant ist auch die Abwesenheit der bürgerlichen „Islamkritik“ aus der aktuellen Mediendebatte, die sonst zu Recht (aber offensichtlich nicht tatsächlich von Säkularismus, sondern vom Ressentiment getrieben) die Akzeptanz religiöser Normen bei der Urteilsfindung deutscher Gerichte kritisieren, etwa in familienrechtlichen Fragen.

Für Menschen, die beanspruchen, eine Religion oder ein religiöses Kollektiv zu vertreten, und ihre kulturalistischen Freunde wie Volker Beck, der der zynischen Meinung ist, dass religiöse Gesetze der Bibel für freiwillige und unfreiwillige Mitglieder religiöser Kollektive zu gelten haben (aber natürlich nicht für ihn), folgende Leseempfehlung. Der Textauszug thematisiert die Rede von „dem Islam“ und „den Muslimen“ und ihren angeblichen kollektiven Befindlichkeiten, wie sie bei Berufsmuslimen und Kulturalisten wie auch bei rassistischen „Islamkritikern“ zu finden ist, und lässt sich seiner grundsätzlichen Aussage nach auch weiter gefasst auf die aktuelle Beschneidungsdebatte beziehen:

Sami Zubeida: The Diversity of Muslims and the Necessity of Secular Rule

There is a widespread tendency to present Islam as a unitary entity, exemplified in the reference to the ‘Muslim World’. This totalization is shared by Muslim spokesmen indulging in identity politics as well as public discourses in the West, in the media and political pronouncements, notably President Obama’s 2009 Cairo address to the ‘Muslim world’. Islam, like Christianity, is a corpus of sacred texts, traditions, rituals and laws, diverse and even contradictory, which allow a wide range of constructions. There is no unitary ‘Islam’, but many sorts of Muslims, for whom religion plays diverse roles, or could be of little importance.
In the context of modern political discourses, in both the Middle East and among Muslim populations in the West, the presentation of Islam as a common identity plays an important part. We may identify what I call ‘Umma nationalism’, the idea that Muslims in the world are a unitary community under attack from hostile forces also identified as Christians (‘Crusaders’), Jews and Hindus: a clash of civilizations cast as religious communities, and a representation of international relations as religious communalism. There are some militant and pious groups for whom this caricature is a central motif. But for many Muslims, even some secular Muslims, Umma nationalism is a floating discourse on which they occasionally draw for political pronouncements.
[…]
Muslims in the west consist of diverse populations, differentiated by ethnicity, class, gender, generation and religious orientation following those other factors. Many are secular or indifferent to religion or ‘cultural Muslims’. Those with religious commitment vary between conservative/salafi, militant jihadi, modernist/reformist and traditional ethnic Islam, including Sufi orientations, or mixtures of those types, given that few people are ideologically consistent. There is, in addition, the bond of family and community, which is important to some, such as the Pakistani working class communities in the north of England, where the community and ethnic bonds are maintained through networks of connections with the home village and the import of brides and grooms.
Elsewhere, we find patterns of individualization. Individuals, escaping the ethnic and communal bonds, can be secular or adherents of one or other of opposing religious orientations present in the current discursive fields: modernist reformism or Wahhabi rigour, both of which seek, in different ways, an Islam ‘purified’ of its ethnic and popular accretions. These are the ideological Muslims. Here, we should distinguish between ‘culture’ and ‘ideology’: many of the individualized Muslims are culturally assimilated into the mainstream, and their dissent, if they are oppositional, is ideological, often expressed in the idiom of the ambient culture: language, idiom and conceptions of politics and society. This distinction is missed in the ‘multi-culturalism’ advocacy.
Superimposed on all these are formal communal organizations and leaderships with claims to ‘represent’ Muslims to the State and the wider society, and also with attempts to impose religious authority. Let me expand a little in this question of representation and authority. Historically, both in Europe and the Middle East, religious authority was imposed on society, alongside that of princes and kings. The French Revolution was against Church as well as aristocratic rulers, and more recently the dictatorships of southern Europe, such as Franco’s Spain were firmly supportive of Church authority, which has been considerably eroded since the establishment of democracy. That was also the case in Muslim States, such as the Ottoman where the religious hierarchy was a branch of State bureaucracy. The processes of modernity have led to a retraction of the functions of religion in social and political spheres, and with it a contraction in the scope of religious authority. ‘Fundamentalism’ is an attempt to re-impose this authority in a now highly secularized society, even in ‘Islamic’ Iran. As such, ‘fundamentalism’ is a modern phenomenon of secularization. Among Muslim populations in the west (and elsewhere) this attempt to assert religious authority chimes in with identity politics. Claims of leadership and authority play on these sentiments, as well as the politician’s need for ‘representatives’ and voices of ‘communities’. Quelle


11 Antworten auf „Säkularismus!!!“


  1. 1 Rough NinJa 02. Juli 2012 um 11:01 Uhr

    „Geile“ Werbung zeigt mir google bzw. blogsport:

    http://www.igenea.com/juden&nm=6&nx=177&ny=-10

    *g*

  2. 2 Berengar Lehr 02. Juli 2012 um 12:03 Uhr

    Ihr seid ja ein paar Quarknasen *g*

    die Ju­di­ka­ti­ve in die­sem Fall durch Ge­setz­ge­bung aus­zu­schal­ten

    Die Aufgabe der Judikative ist es doch Gesetze anzuwenden und nicht diese vorzuschreiben. Natürlich müssen dürfen Gesetze sich an die interne Hierarchie halten (GG geht vor StGB etc.) aber in dem aktuellen Fall fehlt ja eben eine regelnde Gesetzgebung.

    Grüße

  3. 3 MC Gurke 02. Juli 2012 um 14:38 Uhr

    Bisher fehlte für diese Frage eine eindeutige Regelung. Das Gericht entschied allerdings auf der Basis des Grundgesetzes und deutscher Rechtsprechung. Jetzt ein Gesetz zu erlassen, dass Leuten, die sich als Mitglied einer bestimmten Religion ausgeben, gestattet, gegen Gesetze zu verstoßen, die für andere gelten (keine Amputation von Körperteilen Schutzbefohlener wenn nicht medizinisch notwendig), dann ist das die Umgehung der Judikative. So ist das gemeint.

  4. 4 Formulierung B 02. Juli 2012 um 16:46 Uhr

    Um es ein wenig schöner auszudrücken: Es geht hier wohl um die Kritik der Forderung nach einer Umgehung von Rechtsprechung auf Basis geltender Gesetze und Normen durch die Politik.

  5. 5 pjotr 03. Juli 2012 um 8:41 Uhr

    Interessant zu sehen, wieviel Kastrationsangst deutsche Männer umtreibt. Und wie schnell in diesem Zusammenhang uralte Stereotype gegen die Juden wieder aufgewärmt werden…

  6. 6 critiqueaujourdhui 3 03. Juli 2012 um 9:37 Uhr

    Genau! Darum geht es hier! Volle Punktzahl!

    P.S.: Ohne Ironie: Wo wird hier irgendwo ein „uralter Stereotyp“ gegen „die Juden“ aufgewärmt?
    Wenn Euch Schwachmaten nur nicht so viele Stereotype und kollektivierende Vorstellungen vom „Anderen“ im Kopf festhängen würden, aber die Wirkungsgeschichte des Antisemitismus war leider erfolgreich.

  7. 7 earendil 03. Juli 2012 um 20:50 Uhr

    Apropos „Wirkungsgeschichte des Antisemitismus“: http://www.freitag.de/autoren/christianberlin/beschneidung-verbieten-religion-beseitigen

    Sicherlich wäre es albern, euch oder Beschneidungskritikern generell Antisemitismus zu unterstellen. Aber dass es euch noch nichtmal bedenklich erscheint, dass ausgerechnet ein deutsches Gericht Juden das vielleicht essentiellste Ritual ihrer Religion (und das ist es nunmal für so 90% der Juden, ob’s euch passt oder nicht) verbietet… Ob es die Juden zu schätzen wissen, dass ihnen das Recht, ihre Söhne zu beschneiden, diesmal nicht von Antisemiten, sondern von Religionsgegnern bestritten wird?

    Und eine Gesetzesänderung als „Umgehung der Judikative“ zu bezeichnen… LOL. Da hat wohl jemand die Gewaltenteilung nicht so richtig verstanden.

  8. 8 critiqueaujourdhui 3 04. Juli 2012 um 16:06 Uhr

    Naja, soll mir Dein Spruch zur Gewaltenteilung recht sein, wenn Du’s nicht verstehen willst. Ich bleibe dabei, die Schaffung von Gesetzen zur Umgehung von auf anderen, bereits bestehenden Gesetzen beruhender Rechtsprechung, Umgehung der Judikative zu nennen.
    Aber wenn Du schon historisch kommst, sollte angesichts der Tatsache, dass die Deutschen das „Jude-Sein“ im Zweiten Weltkrieg auch feststellten, in dem sie bei Razzien Menschen zwangen, sich nackt auszuziehen, die irreversible Markierung des eigenen Körpers in Zeiten globalen Antisemitismus nicht erstrecht jedem selbst überlassen werden? Hier geht es darum, ob man für die Gleichbehandlung von Menschen eintritt, und für das Recht auf individuelle Freiheiten, oder ob man aus philosemitischen Befindlichkeiten irgendwelche Scheiße labert und „die Juden“ samt Bibel, Ritual und Religion vom Rest der Gesellschaft separiert.

  9. 9 earendil 04. Juli 2012 um 17:39 Uhr

    Ich bleibe dabei, die Schaffung von Gesetzen zur Umgehung von auf anderen, bereits bestehenden Gesetzen beruhender Rechtsprechung, Umgehung der Judikative zu nennen.

    Ich nenn’s einfach Gesetzesänderung. Wenn die Legislative merkt, dass die von ihr geschaffenen Gesetze Wirkungen haben, die ihr nicht gefallen, ändert sie halt die Gesetze. Wat‘n Skandal!

    Aber wenn Du schon historisch kommst, sollte angesichts der Tatsache, dass die Deutschen das „Jude-Sein“ im Zweiten Weltkrieg auch feststellten, in dem sie bei Razzien Menschen zwangen, sich nackt auszuziehen, die irreversible Markierung des eigenen Körpers in Zeiten globalen Antisemitismus nicht erstrecht jedem selbst überlassen werden?

    Wow. Meinst du nicht, dass diese schräge Argumentation verflixt penetrant nach victim blaming müffelt?

    Hier geht es darum, ob man für die Gleichbehandlung von Menschen eintritt, und für das Recht auf individuelle Freiheiten

    Jaja. Stell die Phrasendreschmaschine besser wieder ab.

  10. 10 bigmouth 04. Juli 2012 um 17:57 Uhr

    „Ich bleibe dabei, die Schaffung von Gesetzen zur Umgehung von auf anderen, bereits bestehenden Gesetzen beruhender Rechtsprechung, Umgehung der Judikative zu nennen.“

    entschuldige, aber das ist doch riesenquark. es gibt ständig gesetze, die andere gesetze in ihrer gültigkeit einschränken. das ist unumänglich

  11. 11 Anshel Pfeffer, Haaretz 13. Juli 2012 um 9:08 Uhr

    Here are three cliches about circumcision. First, that it is a sacred covenant between God and the Jewish people. The fact is that whether or not you believe in the biblical narrative of Abraham and his sons, this is hardly a unique Jewish custom. Every day around the world, thousands of babies, young boys and fully grown men have their foreskins removed in a wide variety of rituals and medical procedures. Only a small minority of them are Jews and even among Jews, most are not doing it out of religious conviction, but for reasons of social necessity, family and peer pressures and because it’s a good excuse for having a big party.

    Second, being circumcised is good for your health. While there is research that points to certain health benefits, there are opposing studies which purport to prove that tampering with male genitalia causes trauma, impaired sexual function and carries well-documented risks. This conflicting medical evidence is hardly surprising – doctors are also partisans, who are every bit as biased as newspaper columnists when it comes to marshaling the facts.

    The third cliche is that circumcision is a hallowed religious custom and in a democracy, people should be allowed to observe their traditions without politicians or courts intervening. This is normally an argument for which I have a great deal of sympathy. I don‘t what the government telling me how to live my life. Except for the fact that it’s not my life. None of my four sons were asked in advance when, at the age of eight days, intense, intimate pain was inflicted upon them, and their private parts irrevocably changed. Hardly a democratic act.

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