Beschneidungswirrwarr

Während in Deutschland zwischen anti- und philosemitischen Kommentaren und dem Geschrei von Berufsreligiösen kaum vernünftige Stimmen zur Beschneidungsdebatte zu hören sind, äußerte sich Anshel Pfeffer in der Haaretz wie folgt:
„Es gibt drei Cliches über Beschneidung. Das erste besagt, dass Beschneidung ein heiliger Bund zwischen Gott und dem jüdischen Volk ist. Fakt ist allerdings, unabhängig davon, ob man an die biblische Erzählung von Abraham und seinen Söhnen glaubt, dass es sich hier kaum um einen spezifischen jüdischen Brauch handelt. Jeden Tag werden weltweit die Vorhäute von tausenden Babies, Jungen und Männern entfernt, im Rahmen verschiedenster Rituale und medizinischer Eingriffe. Nur eine kleine Minderheit von ihnen sind Juden, und selbst unter den Juden tun es die meisten nicht aus religiöser Überzeugung, sondern auf Grund sozialer Notwendigkeit, familiärem und sozialem Druck und weil es eine gute Ausrede ist, eine riesige Party zu feiern.

Das zweite besagt, Beschneidung sei gut für die Gesundheit. Während einige Forschungen auf bestimmte gesundheitliche Vorteile verweisen, gibt es andere Studien. Diese geben vor zu beweisen, dass das Herumschnippeln an männlichen Genitalien riskant und die Ursache von Traumata und eingeschränkter sexueller Funktionalität ist. Diese widersprüchlichen medizinischen Beweise sind kein Grund für Verwunderung – Ärzte sind ebenso parteiisch wie Zeitungskolumnisten, wenn es darum geht, Fakten zu arrangieren.

Das dritte besagt, dass Beschneidung ein geheiligter religiöser Brauch ist, und dass Menschen in einer Demokratie erlaubt sein sollte, ihre Traditionen unbehelligt von politischen oder juristischen Eingriffen zu pflegen. Das ist üblicherweise ein Argument, für das ich große Sympathie hege. Ich will nicht, dass die Regierung mir vorgibt, wie ich mein Leben zu leben habe. Jedoch – es ist nicht mein Leben. Keiner meiner vier Söhne wurde im Vorfeld gefragt, als ihm, im Alter von acht Tagen, äußerst intensive Schmerzen zugefügt wurden, und ihre Genitalien unwiderbringlich verändert. Das ist kaum ein demokratischer Akt.“


4 Antworten auf „Beschneidungswirrwarr“


  1. 1 mutti feiert mit 15. Juli 2012 um 22:12 Uhr

    weil es eine gute Aus­re­de ist, eine rie­si­ge Party zu fei­ern.

    jo. die feiern wirklich gern und oft. schlimm!

    Kei­ner mei­ner vier Söhne wurde im Vor­feld ge­fragt, als ihm, im Alter von acht Tagen, äu­ßerst in­ten­si­ve Schmer­zen zu­ge­fügt wur­den, und ihre Ge­ni­ta­li­en un­wi­der­bring­lich ver­än­dert. Das ist kaum ein de­mo­kra­ti­scher Akt.

    save the democracy – stop circumcision!!!? dabei sind es einfach mal die eltern die in den ersten lebensjahren diktatorisch über dich herrschen, weil auch du als neuling auf dieser welt noch nicht die tasten vor deinem bildschirm drücken bzw. dein kreuz auf einem zettel machen konntest.

  2. 2 MC Gurke 15. Juli 2012 um 23:31 Uhr

    respekt, hammer kommentar!

  3. 3 MC Gurke 16. Juli 2012 um 13:45 Uhr

    Und das ganze noch mal aus „norddeutscher“ Perspektive…:

    „Als wir kürzlich mit unserem Sohn bei der Kinderärztin in Islamabad waren, fragte sie: „Und? Wollen Sie ihn nicht beschneiden lassen?“ Ich fragte zurück: „Ist das denn medizinisch notwendig?“ Die Ärztin blickte mich irritiert an und antwortete: „Nein, aber man macht das hier aus religiösen Gründen. Und ich dachte, Sie…“

    Sie schwieg einen Moment und sagte dann: „Es ist aber medizinisch sinnvoll. In den USA machen sie es alle, unabhängig von der Religion. Außerdem geht das heute ganz unblutig. Mit einem Ring, mit dem man die Blutzufuhr abklemmt. Die Vorhaut stirbt ab und fällt nach ein paar Tagen von alleine ab.“

    Unser Sohn wurde nicht beschnitten, und solange es keine medizinischen Gründe dafür gibt, wird das auch in Zukunft nicht passieren. Das hat auch mit meinen persönlichen Erfahrungen zu tun.

    Ich bin in Hollern-Twielenfleth aufgewachsen, einem Dorf im Alten Land in Norddeutschland. Beschneidungen von Jungen aus religiösen Gründen sind dort, nun ja, nicht wirklich üblich…
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  4. 4 Link 16. Juli 2012 um 13:51 Uhr
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