Beiträge von MC Gurke

Beschneidungswirrwarr

Während in Deutschland zwischen anti- und philosemitischen Kommentaren und dem Geschrei von Berufsreligiösen kaum vernünftige Stimmen zur Beschneidungsdebatte zu hören sind, äußerte sich Anshel Pfeffer in der Haaretz wie folgt:
„Es gibt drei Cliches über Beschneidung. Das erste besagt, dass Beschneidung ein heiliger Bund zwischen Gott und dem jüdischen Volk ist. Fakt ist allerdings, unabhängig davon, ob man an die biblische Erzählung von Abraham und seinen Söhnen glaubt, dass es sich hier kaum um einen spezifischen jüdischen Brauch handelt. Jeden Tag werden weltweit die Vorhäute von tausenden Babies, Jungen und Männern entfernt, im Rahmen verschiedenster Rituale und medizinischer Eingriffe. Nur eine kleine Minderheit von ihnen sind Juden, und selbst unter den Juden tun es die meisten nicht aus religiöser Überzeugung, sondern auf Grund sozialer Notwendigkeit, familiärem und sozialem Druck und weil es eine gute Ausrede ist, eine riesige Party zu feiern.

Das zweite besagt, Beschneidung sei gut für die Gesundheit. Während einige Forschungen auf bestimmte gesundheitliche Vorteile verweisen, gibt es andere Studien. Diese geben vor zu beweisen, dass das Herumschnippeln an männlichen Genitalien riskant und die Ursache von Traumata und eingeschränkter sexueller Funktionalität ist. Diese widersprüchlichen medizinischen Beweise sind kein Grund für Verwunderung – Ärzte sind ebenso parteiisch wie Zeitungskolumnisten, wenn es darum geht, Fakten zu arrangieren.

Das dritte besagt, dass Beschneidung ein geheiligter religiöser Brauch ist, und dass Menschen in einer Demokratie erlaubt sein sollte, ihre Traditionen unbehelligt von politischen oder juristischen Eingriffen zu pflegen. Das ist üblicherweise ein Argument, für das ich große Sympathie hege. Ich will nicht, dass die Regierung mir vorgibt, wie ich mein Leben zu leben habe. Jedoch – es ist nicht mein Leben. Keiner meiner vier Söhne wurde im Vorfeld gefragt, als ihm, im Alter von acht Tagen, äußerst intensive Schmerzen zugefügt wurden, und ihre Genitalien unwiderbringlich verändert. Das ist kaum ein demokratischer Akt.“

Im „freien Irak“, II

Seltsam auch, daß die USA im Irak die Pressefreiheit einführten, politische Parteien zuließen und sogar religiöse Eiferer agitieren lassen. […] Verwirrend, daß in Bagdad, in den endlich wieder geöffneten Fisch- und Schnaps-Kneipen am Tigris, dauernd Trinksprüche auf George Bush ausgebracht werden. Und noch verwirrender: Die angeblich ach so gläubigen Iraker wollen keine UN-Truppen aus Old Europe und schon gar nicht aus islamischen Ländern, sondern mehr Schutz vor islamistischen Mordbrennern – von der US-Army.

Zeitschrift Bahamas, 2003.

Zehn Jahre verfehlte (US-)Politik später (Stärkung autoritärer Politiker und Machtgruppen, Forcierung der Ethnisierung und Tribalisierung sowie der Islamisierung der Politik, Akzeptanz der Einschränkung von Bürgerrechten und Pressefreiheit durch die irakische Regierung):

BAGHDAD (AFP) — Iraqi women face court-ordered virginity tests that often show they were virgins until marriage but shame them nonetheless, doctors at an institute that carries out the tests and a lawyer told AFP. […] An average of several virginity tests are performed per day at the Medical Legal Institute (MLI) in Baghdad […]. „Most of the cases we received after the first day of marriage,“ said Dr. Munjid al-Rezali, the director of the MLI. „The husband claims that she is not a virgin, and then the family bring her here, through the courts, this all come through the courts, and we examine her,“ Rezali said.
The tests include examination of the woman’s hymen, but the man involved may also come under scrutiny. The man may be tested for impotency, Rezali said, noting that in some cases, a man with erectile dysfunction may pretend the woman was not a virgin to hide his shame. […]
„They think that during the marriage, (the) first day of marriage, there should be blood … they think if there is no blood, there is no virginity,“ said Dr. Sami Dawood, a forensic doctor at the MLI who has been involved in the tests. This belief, he said, indicates that sex education and knowledge is „very poor.“ If a man thinks his new wife is not a virgin, he may take the issue to court, leading to the MLI performing a virginity test, said Dawood. Asked about the results of the tests, Dawood said that „most of them (are) with the woman, not against the woman, but it is by itself… shaming.“ […]
„The judge is required to send the woman for the medical test when she is accused by her husband of not being a virgin, and that is only done in this case,“ lawyer Ali Awad Kurdi said. „If it is proved that the woman was not virgin and sought to get married without telling the man, there is no law that protects her,“ Kurdi said. The woman’s family is then required to recompense the man for gifts, money and other expenditures related to the relationship. […]

Freudsch

Wenn Studierende in Zeiten des „Sachzwangs“ indirekt die Funktion des „Studierendenrates“ (StuRa, Asta), des scheindemokratischen Feigenblattes der universitären Rektorats- und Professoralwirtschaft, richtig beschreiben:

„Liebe Studierende,
am kommenden Mittwoch findet […] die Nachwahl für den Studierendenrat (StuRa) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg statt. […] Ihr habt damit erneut die Möglichkeit, die Politik unserer Hochschule aktiv mitzubestimmen, z. B. auch die Mittelkürzung am Orientalischen Institut“.
(aus der Mail einer Institutsgruppe)

Qualitätsjournalismus

Wenn der Spiegel nicht Hitler oder Hitlers Hund auf dem Titel hat, muss es was Apokalyptisches über „den Judenstaat“ sein. Man nehme ein wenig Grass, Alttestamentarisches, google-Bildersuche und Photoshop. Ob Patrioten-Gaucks ach so „differenzierendes“ Geblubber zu Israels Sicherheit eine Art ideelle Vorabveröffentlichung war?
würg

Back to the roots?

Zurück aus dem Malle-Urlaub mit einer Überraschung. Wie es aussieht, hat die „AG Antifa“ aus Halle sich nach jahrelanger Clownerie dazu durchgerungen, sich wieder mit Themen zu beschäftigen, von denen einige ihrer Mitglieder halbwegs eine Ahnung haben. Die folgenden Vorträge seien allen ans Herz gelegt:

Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr
Gerhard Stapelfeldt: Kritik der Soziologie.

Mittwoch, 6. Juni, 19 Uhr
Magnus Klaue: Phantasie als Kompetenz. Zur Ideologie der Kreativität in der neueren Pädagogik.

Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr
Alex Gruber: »That politics may be reduced to a science«. Die politikwissenschaftliche Ersetzung von Herrschaft durch Psychologie der Herrschenden.

Montag, 25. Juni, 19 Uhr
Jörg Huber: Der Aberglaube des Positivismus.

[via Jugendantifa]

Gedicht und Reaktion

Wenn eigentlich deutlich wird, dass alles noch viel schlimmer ist, als die Kritiker von Schuldabwehr und Antisemitismus immer dachten, wenn deutlich wird, dass selbst deutsche Intellektuelle, nein, intellektuelle Deutsche wie Jakob Augstein offen die Sicherheit des Staates Israels als Staat, sein Existenzrecht in Frage stellen, wenn alle sehen, dass das Tabu, Israel zu kritisieren, nicht existiert, dann wird seine Existenz nur um so wütender behauptet.

Sie bezeichnen eine Zäsur. Es ist dieser eine Satz, hinter den wir künftig nicht mehr zurückkommen: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist. […] Es muss uns nämlich endlich einer aus dem Schatten der Worte Angela Merkels holen, die sie im Jahr 2008 in Jerusalem gesprochen hat. Sie sagte damals, die Sicherheit Israels gehöre zur deutschen „Staatsräson“. Und damit es keine Missverständnisse gebe, fügte sie hinzu: „Wenn das so ist, dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben.“ Helmut Schmidt hat dazu gesagt, für Israels Sicherheit mitverantwortlich zu sein, sei eine „gefühlsmäßig verständliche, aber törichte Auffassung, die sehr ernsthafte Konsequenzen haben könnte.
Jakob Augstein, Spon

Bei der ganzen Scheiße bleibt eigentlich nur eine Reaktion wie sie Torsun wählte:

Sag was machen denn nur diese Leute
aus der Waffen-SS eigentlich heute
Sie gehn per Gedicht
mit Israel ins Gericht
Allen Deutschen ja stehts eine Freude

Früher hieß der Befehl Juden Vernichten
Heut versucht es der Grass mit Gedichten
Produziert er Content
nach dem Trend in Moment
Leider hatte Grass nie einen Lichten

doch ist er nur verwirrt? what a mess
Nein es ist nicht Demenz oder Stress
Er schreibt diesen Stuss
durchaus bewusst
Nicht Grundlos war er bei der SS

Eine Frage stellt sich irgendwann
Was tun mit dem dummen alten Mann?
Ich stell sie mir voll Hass
auf den Alt-Nazi Grass
Mit nem Knieschuss ists hier nicht getan

Einen Schuss forderte alter Tor ich?
Eine Kugel ins Hirn? metaphorisch?
Hör den Aufschrei “ STOP HALT!“
Du rufst auf zur Gewalt
Doch ich schoss auf ihn hier nur rhetorisch

BÄM! Grass halt´s Maul!

Verhinderte Opfer unter sich

Wie das Portal des hochwertigen Provinzjournalismus („Wurst-Dieb am Riebeckplatz gestellt“) – das „Halleforum“ – berichtet, wurde in Halle von der Stadt mit Gedenktafel und Feierlichkeit an Nazis erinnert, die vor der alliierten Übermacht kapitulierten und um ihre Villen zu retten die Stadt kampflos übergaben. Da sie aber nunmal bis 1945 Verbrecher waren, traute sich die Stadt nichtmal, ihre Namen auf die Tafel zu schreiben, da man ja nicht offen Nazis würdigen will… Das fanden dann die offenen Fans dieser verhinderten Bombenopfer-Kader (etwa Graf Luckners, der in Halle laut erwähntem Halleforum gar als „Nazi und Kinderschänder“ gilt, was die FDP nicht an seiner Ehrung hindert) gar nicht lustig, und so kam es zu solcherlei großartigen Unmutsbekundungen bei der Enthüllung der Gedenktafel:
Graf Luckner

Stillleben: Grass & Mülltonne

Wenn einer in schlechtem Stil wirren Blödsinn schreibt, der es dann auf den Titel der renommiertesten deutschen Tageszeitung schafft, wenn einer Tabus bricht, die nicht existieren, und sich als Opfer eines Medienkartells geriert, obwohl er dessen Protege ist, wenn die Massen ihn schließlich dafür lieben – dann ist die Rede eigentlich immer von einem abgehalfterten deutschen Literaten (Walser, Grass etc.) und a) Israel, b) Palästina, c) beidem, d) Schuld und Schlussstrich, e) a, b & d.
Insofern ist zu dem absurden, grenzdebilen und dummdreisten Dreck, den dann eben dieses Mal Günter Grass in seinem „Gedicht“ verzapft hat, nichts weiter zu sagen.1 [Der beste Kommentar fand sich im Tagesspiegel] Man kann allerdings bemerken, dass diese Situationen für Arschlöcher wie Grass win-win-Situationen sind. Überall wurde und wird ihm ein Podium geboten, ob im Guten oder im Schlechten, er kann in schlechtem Stil wirren Blödsinn schreiben, schafft es damit auf den Titel der renommiertesten deutschen Tageszeitung, kann Tabus brechen, die nicht existieren, und sich als Opfer eines Medienkartells gerieren, obwohl er dessen Protege ist. Was für ein Kreislauf: Weil er Grass ist, wird der Dreck, der zudem viele Bedürfnisse befriedigt und sich gut verkauft, eben gedruckt. Weil der Dreck so sehr stinkt, und ihn alle Menschen mit Restvernunft kritisieren müssen, erscheint er daraufhin tatsächlich als Tabubrecher und Opfer des „Medienkartells“. Was für eine perfide, von den Medien (aka Kulturindustrie) mitverantwortete Show. Die Massen lieben Grass dafür, und wie Walser badet er in der Masse der wohlwollenden und lobenden Zuschriften „der einfachen Leute“. Genug geärgert. Ich ende mit dem Stillleben „Grass & Mülltonne“ und einer debilen Zugabe.
(mehr…)

Walser und der Stinkefinger

Per mail ging mir heute Nacht ein kurzer Bericht über eine Störaktion während einer Lesung anlässlich der Buchmesse an der Uni Halle zu. Zwischen 20 und 30 Studierende versuchten demzufolge am Freitag Abend, mit einem Transparent und Flugblättern ihren Unmut über die Einladung des – wie es im Flugblatttext heißt – „präsenilen“ Walser auszudrücken, dessen antisemitische Denkmuster spätestens seit dem Skandal um „Tod eines Kritikers“ allen bekannt sein müssten. Den Text des Flugblattes will ich niemandem vorenthalten, er folgt unten. Zuvor will ich allerdings noch die Reaktionen von Gästen erwähnen. Nach Aussagen einer Störerin reagierten einige Walser-Fans empört auf die Kritik an ihrem Idol und seinem und ihrem sekundären Antisemitismus, der sich vor allem in der konsequenten Täter-Opfer-Umkehr oder -Gleichsetzung ausdrückt. So kam es zu Beleidigungen, ein anwesender Bildungsbürger zeigte den Stinkefinger, einer der Verantwortlichen soll in Bezug auf das Transparent („..dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“) mit dem zynischen Ausspruch „Was wollt ihr denn, ihr wart doch damals gar nicht dabei!“ reagiert haben. Relativ gewaltsam sollen alle dann rausgedrängt (bzw. eher rausgeschubst?) worden sein, wird berichtet. Folgendes uns mit der mail zugesendete Foto ist zu köstlich, um es nicht zu posten (insg.: danke für die mail, P.!):

Hier noch ein Bild von der „MZ“-Seite:

Und hier der Text:

Martin Walser – Schuldabwehr und Antisemitismus, literarisch verbrämt und enttabuisiert für den „gebildeten“ deutschen Bürger (mehr…)

Steinigungen im „freien Irak“

Seltsam auch, daß die USA im Irak die Pressefreiheit einführten, politische Parteien zuließen und sogar religiöse Eiferer agitieren lassen. […] Verwirrend, daß in Bagdad, in den endlich wieder geöffneten Fisch- und Schnaps-Kneipen am Tigris, dauernd Trinksprüche auf George Bush ausgebracht werden. Und noch verwirrender: Die angeblich ach so gläubigen Iraker wollen keine UN-Truppen aus Old Europe und schon gar nicht aus islamischen Ländern, sondern mehr Schutz vor islamistischen Mordbrennern – von der US-Army.

Zeitschrift Bahamas, 2003.

Zehn Jahre verfehlte Politik später (Stärkung autoritärer Politiker und Machtgruppen, Forcierung der Ethnisierung und Tribalisierung der Politik, Akzeptanz der Einschränkung von Bürgerrechten und Pressefreiheit durch die irakische Regierung):

At least 14 youths have been stoned to death in Baghdad in the past three weeks in what appears to be a campaign by Shi‘ite militants against youths wearing Western-style „emo“ clothes and haircuts, security and hospital sources say. Militants in Shi‘ite neighborhoods where the stonings took place circulated lists on Saturday naming more youths targeted to be killed if they do not change the way they dress. The killings took place after Iraq’s interior ministry drew attention to the „emo“ subculture last month, labeling it „Satanism“ and ordering a community police force to stamp it out.
At least 14 bodies of youths have been brought to three hospitals in eastern Baghdad bearing signs of having been beaten to death with rocks or bricks, security and hospital sources told Reuters under condition they not be identified because they were not authorized to speak to the media. (mehr…)