Archiv der Kategorie 'Geschlechterverhältnis, Gender, Sexualität'

Im „freien Irak“, II

Seltsam auch, daß die USA im Irak die Pressefreiheit einführten, politische Parteien zuließen und sogar religiöse Eiferer agitieren lassen. […] Verwirrend, daß in Bagdad, in den endlich wieder geöffneten Fisch- und Schnaps-Kneipen am Tigris, dauernd Trinksprüche auf George Bush ausgebracht werden. Und noch verwirrender: Die angeblich ach so gläubigen Iraker wollen keine UN-Truppen aus Old Europe und schon gar nicht aus islamischen Ländern, sondern mehr Schutz vor islamistischen Mordbrennern – von der US-Army.

Zeitschrift Bahamas, 2003.

Zehn Jahre verfehlte (US-)Politik später (Stärkung autoritärer Politiker und Machtgruppen, Forcierung der Ethnisierung und Tribalisierung sowie der Islamisierung der Politik, Akzeptanz der Einschränkung von Bürgerrechten und Pressefreiheit durch die irakische Regierung):

BAGHDAD (AFP) — Iraqi women face court-ordered virginity tests that often show they were virgins until marriage but shame them nonetheless, doctors at an institute that carries out the tests and a lawyer told AFP. […] An average of several virginity tests are performed per day at the Medical Legal Institute (MLI) in Baghdad […]. „Most of the cases we received after the first day of marriage,“ said Dr. Munjid al-Rezali, the director of the MLI. „The husband claims that she is not a virgin, and then the family bring her here, through the courts, this all come through the courts, and we examine her,“ Rezali said.
The tests include examination of the woman’s hymen, but the man involved may also come under scrutiny. The man may be tested for impotency, Rezali said, noting that in some cases, a man with erectile dysfunction may pretend the woman was not a virgin to hide his shame. […]
„They think that during the marriage, (the) first day of marriage, there should be blood … they think if there is no blood, there is no virginity,“ said Dr. Sami Dawood, a forensic doctor at the MLI who has been involved in the tests. This belief, he said, indicates that sex education and knowledge is „very poor.“ If a man thinks his new wife is not a virgin, he may take the issue to court, leading to the MLI performing a virginity test, said Dawood. Asked about the results of the tests, Dawood said that „most of them (are) with the woman, not against the woman, but it is by itself… shaming.“ […]
„The judge is required to send the woman for the medical test when she is accused by her husband of not being a virgin, and that is only done in this case,“ lawyer Ali Awad Kurdi said. „If it is proved that the woman was not virgin and sought to get married without telling the man, there is no law that protects her,“ Kurdi said. The woman’s family is then required to recompense the man for gifts, money and other expenditures related to the relationship. […]

Säkularismus!!!

Nachdem ein Gericht in einem lange überfälligen Urteil festgestellt hat, dass ein Mensch über Amputationen an seinem Körper selbst entscheiden sollte, und seine Familie nicht unter Berufung auf Tradition und „religiöse Werte“ (nach ihrer subjektiven Interpretation) das Recht hat, ihn als Kleinkind gewaltsam zu einer solchen zu zwingen, rennen Berufsreligiöse und Kulturalisten Sturm. Neben „muslimischen Verbänden“ kritisierte auch der „Zentralrat“ der Juden in Deutschland das Urteil zum Verbot religiöser Beschneidungen Minderjähriger als einen „beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ und forderte den Bundestag auf, „die Religionsfreiheit vor Angriffen zu schützen“ (und die Judikative in diesem Fall durch Gesetzgebung auszuschalten). Zentralratspräsident Graumann: „Diese Rechtsprechung ist ein unerhörter und unsensibler (!) Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.“ Im Tagesspiegel brachte ein Gegner der „Einschränkung der Religionsrechte“ das Urteil mit der „Entstehung des Faschismus“ in Verbindung. Und der in Fragen der Rechte Homosexueller sonst eher religionskritische Volker Beck teilte mit, dass biblische Gebote und ihre Einhaltung essentielle Grundlage des Jude-Seins sind und schickte Befürwortern des Urteils auf twitter Bibelstellen (- man muss nicht erwähnen, dass immer mehr säkulare Juden die Beschneidung von Säuglingen in Frage stellen, um zu erkennen, wie absurd und anmaßend seine Position ist). Interessant ist auch die Abwesenheit der bürgerlichen „Islamkritik“ aus der aktuellen Mediendebatte, die sonst zu Recht (aber offensichtlich nicht tatsächlich von Säkularismus, sondern vom Ressentiment getrieben) die Akzeptanz religiöser Normen bei der Urteilsfindung deutscher Gerichte kritisieren, etwa in familienrechtlichen Fragen.

Für Menschen, die beanspruchen, eine Religion oder ein religiöses Kollektiv zu vertreten, und ihre kulturalistischen Freunde wie Volker Beck, der der zynischen Meinung ist, dass religiöse Gesetze der Bibel für freiwillige und unfreiwillige Mitglieder religiöser Kollektive zu gelten haben (aber natürlich nicht für ihn), folgende Leseempfehlung. Der Textauszug thematisiert die Rede von „dem Islam“ und „den Muslimen“ und ihren angeblichen kollektiven Befindlichkeiten, wie sie bei Berufsmuslimen und Kulturalisten wie auch bei rassistischen „Islamkritikern“ zu finden ist, und lässt sich seiner grundsätzlichen Aussage nach auch weiter gefasst auf die aktuelle Beschneidungsdebatte beziehen:

Sami Zubeida: The Diversity of Muslims and the Necessity of Secular Rule

There is a widespread tendency to present Islam as a unitary entity, exemplified in the reference to the ‘Muslim World’. This totalization is shared by Muslim spokesmen indulging in identity politics as well as public discourses in the West, in the media and political pronouncements, notably President Obama’s 2009 Cairo address to the ‘Muslim world’. Islam, like Christianity, is a corpus of sacred texts, traditions, rituals and laws, diverse and even contradictory, which allow a wide range of constructions. There is no unitary ‘Islam’, but many sorts of Muslims, for whom religion plays diverse roles, or could be of little importance. (mehr…)

M.I.A.’s anti-saudische Pop-Ermächtigung

Am 04.02. erklärten zwei Frauenrechtsaktivisten aus Saudi-Arabien, einem der repressivsten Regime des Nahen Ostens, sie hätten Klage gegen das Fahrverbot für Frauen eingereicht. Über den Hintergrund und die Aktivistin Manal al-Sherif hier ein kurzer Beitrag:

Popstar M.I.A. nutzte die massive Superbowl-PR, um am gleichen Tag ihr Video „Bad Girls“ zu veröffentlichen. Das Video, nicht nur musikalisch sondern auch was die Bilder angeht hervorragend, spielt in der für M.I.A. üblichen mehr als direkten Art auf die Situation in Saudi-Arabien an. In dem Video rocken Frauen in Autos durch die Wüste, machen die in Saudi-Arabien seit Jahren (unter Männern) beliebten „Desert Walk“-Stunts (etwa 2:55) und tragen Waffen – während Männer in traditioneller saudischer Kleidung am Rand stehen und zuschauen. Ein Mann auf einem Pferd, Sinnbild der Tradition, wird von den Jeeps mit lässigen Frauen am Steuer vor sich hergetrieben. Jetzt komme keiner mit Popkultur, Kulturindustrie oder ähnlichem. M.I.A. zerrt mit großer künstlerischer Macht ein Problem an die Öffentlichkeit, dass niemanden im Westen ernsthaft interessiert. Get #Women2Drive !

Unterschätzte Dichtertalente I: Christian Kreis

Dialektik

Des morgens lese ich Adorno
Ich bin ein Mensch im Widerspruch
Denn abends schau ich einen Porno
Und wichse in mein Taschentuch

via: Scientia Hallensis

Gentrifizierung auf Hallisch

In der Stadt Halle gibt es in der südlichen Innenstadt das Glauchaviertel. Dieser galt jahrelang als Problemviertel, so dass sich die Stadtverwaltung entschied, das Viertel aufzuwerten. Daran beteiligt sich seit 2009 maßgeblich auch der studentische Verein Postkult mit Zwischennutzungen leerstehender Häuser und anderen „kreativen“ Projekten.1 Mittlerweile sind offenbar einige Erfolge zu verzeichnen und Postkult resümiert etwas wehmütig:

Ereignissreiche Jahre liegen nun hinter uns. Glaucha hat sein Gesicht stark gewandelt eine Vielzahl der leerstehenden Häuser werden inzwischen saniert oder haben eine Perspektive. Für uns ist dies freilich nicht nur ein Grund zur Freude, denn seit dem sich der soviel beschriebene Trendwende vollzieht, werden die Räume für außergewöhnliche Zwischennutzungen und Projekte enger.

Dass man aber auch nach wie vor „außergewöhnliche Projekte“ durchziehen kann, beweist ApoMC und zeigt gleichzeitig, dass sich nicht wenige Viertelbewohner wenig um „studentisches Engagement“ u. ä. kümmern:2

  1. Ein Selbstdarstellungsvideo von Postklut findet sich hier: http://www.youtube.com/watch?v=LJtpU-RE8a8 [zurück]
  2. Dass ApoMC ein sexistisches, machistisches und homophobes Arschloch ist, ändert nichts daran, dass Kritik zu üben ist an Projekten wie Postkult, die sich paternalistisch und ungefragt um die „Aufwertung“ irgendwelcher „Problemviertel“ kümmern. [zurück]

Die Königinnen der Universität Halle

Nach all der Aufregung um Jena soll es nun wieder etwas heiterer zugehen. Wir greifen die Idee eines besseren Blogs aus der thüringischen Metropole auf und wollen nun die Königinnen der Martin-Luther-Universität vorstellen. (mehr…)

Sternstunden „linker“ Dummheit I

Unser ironischer Serientitel „Sternstunden antifaschistischer Kritik“ wäre für das Folgende mehr als euphemistisch. Die vier regressivsten „linken“ Gruppen in der BRD – Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin (ARAB), Rote Szene Hamburg (RSH), Zusammen Kämpfen (ZK-B) und Rote Antifa NRW – haben mit ihrer Aktion, Selbstinszenierung und Erklärung anlässlich des Gedenkens an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion nämlich einen weiteren deutlichen (und erschreckenden) Beweis für ihre erbärmliche ideologische Regression und ihre antiemanzipatorische Ausrichtung geliefert. Mit Hasskappen und Teleskopschlagstock posierten sie vor einem sowjetischen Ehrenmal in Berlin, um mitzuteilen, dass „große Teile der deutschen Bevölkerung“ „ohnmächtig zusehen [mussten], wie die grausame Fratze des Faschismus sich auf der Welt verbreitete“. Auch hätten große Teile der deutschen Bevölkerung das Lager gewechselt [!]. Da die „KPD und andere ArbeiteInnenvertreter zu Massen in Folterkellern und Pogromen getötet wurden“, sei „bis zu diesem schicksalshaften Tag [!]“ des Überfalls „der historische Widerstand in der deutschen Bevölkerung gering“ geblieben.1 Dass der „historische Widerstand“ der deutschen Bevölkerung sich auch nach 1939 und bis zum 8. Mai 1945 in Mitmachen und Zuschauen ausdrückte, scheint nicht der Erwähnung wert zu sein. Nachdem sie in bestem Volksbund für Kriegsgräberfürsorge-Sprech an „die Millionen Gefallenen“ des Zweiten Weltkriegs erinnern, erklären sie den Massen, dass die „Wurzel des Faschismus“ „der Kapitalismus im Deckmantel [!] der bürgerlichen Demokratie“ sei. (mehr…)

Sternstunden antifaschistischer Kritik I

Auf der Anti-Nazi-Demo des Bündnisses „Halle gegen Rechts“ am 1. Mai 2011:

Gefunden: natürlich bei der IG-Metall-Jugend Halle/Dessau.

Tatort Bullshit

Verkannte Frauenfussballerinnen und die Geschlechterfrage, einfältige Musels und das Integrationsproblem, fieser Finanzhai und der böse Kapitalismus, authentisches Urgestein und der ehrliche Fussball, Theo Zwanziger und DFB-Promo – der ARD-“Tatort“ am Sonntag stand ganz im Zeichen öffentlich-rechtlich-volkspädagogischen Gutmenschentums und fuhr den Karren voller Stereotypen und Klischees einfach nur in die Scheiße (mehr…)

Zum Maul-Vortrag in Halle

Anlässlich des Vortrages „Der gefesselte Odysseus. Über die Dialektik der Aufklärung im Islam“ von Thomas Maul an diesem Mittwoch in Halle (Saale) hat der Freundeskreis „25. Januar“ ein Kritik am Referenten, AG Antifa, AG No tears für Krauts und der Zeitschrift „bonjour tristesse“ veröffentlicht, deren Lektüre wir hiermit ausdrücklich empfehlen.

Essentialistische Märchenstunde

Eine Kritik der antiaufklärerischen Thesen Thomas Mauls, denen die AG Antifa (Halle) nun ein Podium bietet

So wie Ikarus, sich selbst überschätzend, zu nah an die Sonne flog und abstürzte, versucht Thomas Maul sich mit seiner „Dialektik der Aufklärung im Islam“ zu intellektuellen Höhen zu erheben, die seine Fähigkeiten bei weitem übersteigen. Die Tragödie wiederholt sich jedoch nun als Farce – als auf den ersten Blick erheiternde, auf den zweiten aber Widerspruch erregende Hybris. Schon vor einem halben Jahr wurde mit Blick auf die seichten Ergüsse eines Autoren der halleschen Loseblatt-Sammlung bonjour tristesse bemerkt, „AG und bonjour tristesse sollten nun so konsequent sein, und sich durch die Einladung des Komikers Thomas Maul endgültig lächerlich machen, der für seine Analyse von arabo-islamischen Gesellschaften und islamischer Ideengeschichte ausgerechnet Ghazalis asketische Lebensanleitung für den Mystiker heranzieht. Das ist ebenso absurd und schwachsinnig, wie das Unterfangen, die europäische Neuzeit und Moderne anhand Thomas von Kempens De imitatione Christi zu analysieren. Und kann noch viel besser kritisiert werden, als das halbgebildete und ressentimentgeladene Geseier in der bonjour tristesse.“
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