Archiv der Kategorie 'Internetfunde und andere Sinnlosigkeiten'

„Platitüden, Nonsense-Sätze und Stilblüten sonder Zahl“

Gauck und sein Gerede von Freiheit, Verantwortung und Demokratie auf allen Kanälen. Es ist nicht mehr auszuhalten und die kommenden Jahre mit ihm als Bundespräsidenten dürften nicht besser werden.
Um unserer kleine Reihe über seine zynische Rhetorik fortzusetzen, sei hier auf den Artikel „Die Larve“ von Rayk Wieland hingewiesen, der bereits in der KONKRET 08/97 erschien und den die Zeitschrift dankenswerterweise auf ihrer Website dem interessierten Publikum zur Verfügung stellt.

Zumal er [i. e. Gaucks Spitzenposten als Bundesbeauftragter für Stasiunterlagen] ihm Gelegenheit bot, bei seinen Auftritten den lange erprobten, zu DDR-Zeiten allerdings noch ziemlich rot eingefärbten Pastoren-Sermon in eine leuchtende Apologie der Gegenwart zu transformieren, in einen unerschütterlichen Pauschalvoluntarismus, dessen fade Grundelemente sind: – (mehr…)

Arbeit macht das Leben süß

MC Gurke weist auf folgendes Zitat hin:

Gauck: Neu­lich er­zähl­te mir mein Fah­rer von sei­nem Cou­sin, der mit den ge­sam­ten So­zi­al­leis­tun­gen un­ge­fähr 30 Euro we­ni­ger als er hat. Mein Fah­rer muss aber fast immer um fünf Uhr auf­ste­hen. Er sei der Dumme in der Fa­mi­lie, aber er sagte mir auch: „Ich kann das nicht, ich kann nicht so da­sit­zen.“ Da habe ich ge­sagt, dass er denen er­zäh­len soll, wie gut er sich mit Ar­beit fühlt.

Was für ein zynisches Arschloch! Der stellt offenbar einen Fahrer zu einem Niedriglohn an, bedient und teilt dessen Ressentiment gegen „Arbeitsscheue“ und palabert dann noch davon, wie gut sich Arbeit anfühle.
Da passt doch folgendes Foto sehr gut ins Gesamtbild:
Gauck und Maschmeyer
Prost! Gauck mit Drückerkolonnen-Chef Carsten Maschmeyer und „Schauspielerin“ Veronika Ferres (Foto: picture-alliance / Eventpress Schraps)
via: SPON

M.I.A.’s anti-saudische Pop-Ermächtigung

Am 04.02. erklärten zwei Frauenrechtsaktivisten aus Saudi-Arabien, einem der repressivsten Regime des Nahen Ostens, sie hätten Klage gegen das Fahrverbot für Frauen eingereicht. Über den Hintergrund und die Aktivistin Manal al-Sherif hier ein kurzer Beitrag:

Popstar M.I.A. nutzte die massive Superbowl-PR, um am gleichen Tag ihr Video „Bad Girls“ zu veröffentlichen. Das Video, nicht nur musikalisch sondern auch was die Bilder angeht hervorragend, spielt in der für M.I.A. üblichen mehr als direkten Art auf die Situation in Saudi-Arabien an. In dem Video rocken Frauen in Autos durch die Wüste, machen die in Saudi-Arabien seit Jahren (unter Männern) beliebten „Desert Walk“-Stunts (etwa 2:55) und tragen Waffen – während Männer in traditioneller saudischer Kleidung am Rand stehen und zuschauen. Ein Mann auf einem Pferd, Sinnbild der Tradition, wird von den Jeeps mit lässigen Frauen am Steuer vor sich hergetrieben. Jetzt komme keiner mit Popkultur, Kulturindustrie oder ähnlichem. M.I.A. zerrt mit großer künstlerischer Macht ein Problem an die Öffentlichkeit, dass niemanden im Westen ernsthaft interessiert. Get #Women2Drive !

Leicht zu beantworten

kevin barth antisemit

Sicherlich würden viele in Deutschland wählen wollen:

a) Ja
b) Vielleicht
c) Nein, denn dass diese, diese Juden immer überall Krieg führen müssen, muss man als Pazifist einfach kritisieren!
d) Man wird doch wohl noch sagen dürfen!

Aber es ist ganz einfach so, dass Hackfressen wie Kevin Barth, der Kreisvorsitzende1 der Piratenpartei des Kaffs Heidenheim (er wurde von seinen Kumpels nach dieser twitter-Offenbarung gewählt), von Menschen mit ein wenig Verstand nur als antisemitische Widerlinge bezeichnet werden können, denen man bei Gelegenheit die Ohren langziehen müsste.

  1. 1 ehemalige [zurück]

Pohrt pöbelt

[Nachtrag: Gerade gesehen, dass Verbrochenes einen wirklich wunderbaren Text geschrieben hat, der sich mit schwachsinniger Kritik an Pohrts Kommentar von Seiten sog. „Ideologiekritiker“ auseinandersetzt.]

FYI ein polemischer Kommentar zu Gegenwärtigem von good old Pöbel-Pohrt – ich weiß nicht was mich mehr fasziniert, dass er Sachen sagt, die ganz vernünftig sind und die in der Linken aber keiner hören will, oder dass ich diesen Text gerade vom Tagesspiegel kopiert habe… Die Nazikeule und der Vergleich von antimuslimischem Rassismus und NS-Antisemitismus sind allerdings bei aller Polemik Schwachsinn.

Wer was erreicht hat, wer es zu was gebracht hat, lebt fortan mit der Sorge, es wieder zu verlieren. Europa hat Angst. Seit 100 Jahren ist das so, seit Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Der vergreisende und lendenschwache Kontinent igelt sich ein und geht in Abwehrstellung, mal gegen die USA, mal gegen die fürchterlich fleißigen Chinesen, neuerdings bevorzugt gegen den Islam. Daraus resultiert die Standardfrage im aufgeklärten Politikdiskurs, ob man eine wirkliche Revolution mit Beteiligung des Volkes überhaupt noch gutheißen kann, wenn diese bedeutet, dass anschließend die Scharia wieder eingeführt wird, wie das wahrscheinlich in Ägypten der Fall sein wird.

Mit der Scharia kenne ich mich nicht so gut aus. Ich weiß nur so viel: Wenn ein Idiot heute weder von Religion noch von Politik und auch sonst gar keine Ahnung hat – von der „Scharia“ quasselt er immer. Wenn es um den Islam geht, ist jeder Dorftrottel plötzlich Spezialist für Glaubensfragen, Orientalistik und Islamwissenschaft, ja sogar für Arabisch. In jedem Diskussionsforum im Internet gibt es faschistische Hetzer, die Koransuren angeblich aus dem Original zitieren, um zu beweisen, wie schrecklich und gefährlich der Islam sei.

Diese Akribie erinnert an Eichmanns Judenreferat im Reichssicherheitshauptamt der SS, wo mit der Zeit die umfassendste Sammlung von Judaika zusammengetragen wurde und die Beflissensten unter den Mördern sogar Hebräisch gelernt hatten. Die kannten den Talmud besser als jeder Jude. Und so ist das heute auch. Die Moslemfresser können Koransuren zitieren, die einem Moslem mit Sicherheit unbekannt sind. Breivik hat viele Brüder im Geiste.

Anzunehmen ist, dass im Koran tatsächlich einige unschöne Regeln stehen. Aber das ist bei allen monotheistischen Religionen so. Davor hatte man einen ganzen Haufen Götter, einen für den Krieg, einen für die Liebe etc. Jetzt hatte man nur noch einen. Um trotzdem gemäß den Vorschriften der Glaubenslehre leben zu können, brauchte man ein einziges Religionsbuch, worin alle Wechselfälle des Lebens berücksichtigt sind. Und das bedeutet, dass es wie im Bauernkalender zu jeder Regel eine andere gibt, die das genaue Gegenteil besagt. Religionsbücher sind Ratgeber für alle Lebenslagen.
(mehr…)

Friedensbewegung brutal

Von falschen Friedensfreunden, die das Wort Frieden schon seit langem mit ihrer kruden Ideologie okkupiert haben, gibt es auch in Deutschland eine Menge. Einen besonders üblen Schlag ins Gesicht der Oppositionellen im Nahen Osten leisteten sich britische Linke und Friedensfreunde. Sie attackierten auf einer Demo Exiliraner, die lediglich die zwei Wörter „FREE IRAN“ auf ihre Fahne gemalt haben. Während des physischen Angriffs auf die Iraner durch britische Mittelschicht-Antiimp-Antisemiten, umringt von Fahnen des Assad-Regimes und der Hisbollah, gab es von den Veranstaltern auf der Bühne Schelte für die bedrängten Iraner in bestem british english: „Please stop this misbehaviour! (!!!)“
Es sagt viel über die Verfasstheit dieser Friedensbewegung aus, wenn die Rednerin den Angriff auf die paar Exilanten und ihren „Freien Iran“ mit den Worten kommentiert, wer denke, die Kritik an der iranischen Führung müsse die Rechtfertigung eines Krieges gegen den Iran zur Folge haben, begehe einen Fehler. Denn das hatten die beiden offensichtlich gar nicht behauptet. Andersherum wird ein Schuh draus: Offensichtlich ist die Forderung nach einem „Freien Iran“ und die damit ausgedrückte Kritik am Regime so radikal für die Friedensfreunde, dass sie sie gewaltsam zum Schweigen bringen müssen. Sie sind es, die sich ohne wenn und aber für Krieg und Gewalt positionieren – auf der Seite des syrischen und iranischen Regimes.

Minute 1:00 bis 4:00 reicht völlig aus, um sich ein Bild des ekelerregenden Vorfalls zu machen:

Syrien – Apologie II

Syrien-Apologie hatten wir erst. Auf eine neue unmenschliche und antiaufklärerische Polemik der Bahamas macht Nichtidentisches aufmerksam:

Sich – wie Ende 2011 geschehen – über die Finanzierung des billigen und enorm hässlichen Hauses des deutschen Bundespräsidenten das Maul zu zerreißen, schafft der mündige Chatter genauso locker allein wie einen von djihadistischen Terrorbanden angezettelten aktuellen Bürgerkrieg gegen Alaviten, Christen und Laizisten in Syrien in ein neues Kapitel des arabischen Freiheitskampfes umzulügen: Die Beweise für die jüngsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, also Quellen vom Hörensagen aus den Foren von Islamisten, oder Zeugenaussagen von Opfern, die gestern noch als irreguläre Soldaten reguläre angeschossen haben, findet man genauso gut in den berüchtigten Qualitätszeitungen wie im Netz. (Sören Pünjer, Bahamas 63, S. 14)

Diese Aussage wird auf Nichtidentisches wie folgt kritisch und zutreffend kommentiert:

Das Einverständnis mit dem Mord hat sich schon hergestellt, wenn nur die Identität der Opfer vom Hörensagen erwiesen wird als menschenfeindliche, hier djihadistische. Gegen diese Tendenz ist noch jeder Islamist zu verteidigen. Auch er soll für den Sturz eines Folterfürsten demonstrieren dürfen, ohne von einer Panzergranate zerfetzt zu werden und ohne von einem Schrapnell den Unterkiefer herausgerissen zu bekommen. Dass es Assad ist, den Pünjer hier in der Bahamas in Schutz nimmt, zeugt von der Gravidität der Verdrängungsleistung. Assad, jener antisemitische Baath-Klon Saddam Husseins, Helfershelfer der iranischen Henker, dem Israel noch vor ein paar Jahren einen Atomreaktor im Bau unter den Händen zerbombt hat, der die Raketenlieferungen an die Hisbollah organisierte, der im Libanon nun wirklich nicht der christlichen oder laizistischen Minderheit beisteht, sondern mitverantwortlich für die Morde an halbwegs demokratischem Personal war, Assad, dem nach den importierten Pasdaran nun die Hisbollah nun zur Hilfe eilt, jener Assad soll nun ganz hilflos von djihadistischen Elementen konfrontiert sein und Benevolentien für Laizisten bereit halten. (mehr…)

Theater, Kunst und Widersprüche

Eine Gruppe von Theaterbesuchern hat vor einigen Tagen im „Berliner Ensemble“ während der Premiere des von Claus Peymann inszenierten Stückes „Dantons Tod“ „dramatisch“ interveniert. Die Einlage am Pausenende war nicht Teil der Inszenierung, wie einige Zuschauer zunächst vielleicht glaubten. Dass der bauchlinke Alt-68er und Bildungsbürger Claus Peymann dutzenden technischen Mitarbeitern des Theaters einen Tarifvertrag verweigert, ließ vielmehr einige Aktivisten mit der Marseillaise die wohlige historisierende Revolutionsberieselung unterbrechen. Der Tenor der Intervention war nicht gesellschaftskritisch, auch nicht radikal, sondern höchstens gewerkschaftlich-sozialdemokratisch. Doch der autoritäre Narzißt Peymann, der sich selbst gegenüber der BILD-Zeitung als „berühmtester Intendant“ bezeichnete, drohte den engagierten Besuchern am Ende sogar mit Strafverfolgung, zeigte sie wegen Hausfriedensbruch an. Peymann, der sich wie sein Publikum gerne im subversiven oder kritischen Chique des BE suhlt und so dessen gesellschaftskritisches Erbe, wenn es so etwas geben sollte, seit Jahren langsam und sicher einebnet und begräbt, führte die Inszenierung von „Dantons Tod“ für sein wohlhabendes, bildungsbürgerliches Publikum mit der Einschaltung der Polizey endgültig ad absurdum. [Artikel in der MAZ]

Ebenfalls vom BE eingeebnet wird zur Zeit die radikale Gesellschaftskritik von Thomas Brasch, dessen zehnter Todestag mit Popanz und einigen flachen Aufführungen seiner Stücke „begangen“ bzw. konsumiert wird. Im Gegensatz zu Peymann, der mit seinen Inszenierungen und mit Hilfe des Publikums noch jedes Drama seines kritischen und potentiell Widersprüche erzeugenden Gehalts beraubt, reflektierte Brasch oft über die Rolle des Künstlers in Verhältnissen, die keine menschenwürdigen sind.

Unter den Widersprüchen, die unsere Zeit taumeln lässt zwischen Waffenstillstand und Krieg, zwischen dem Zerfall der Ordnung, die Staat heißt, und ihrem wütenden Überlebenskampf, zwischen dem Alten, das tot ist, aber mächtig, und dem Neuen, das lebensnotwendig ist, aber nicht in Aussicht, scheint der Widerspruch, in dem ich arbeite, ein geringer – gleichzeitig ein Denkmal zu setzen dem anarchischen Anspruch auf eigene Geschichte, und dies zu tun mit dem Wohlwollen derer, die ebendiesen Versuch unmöglich machen wollen und müssen, der Herrschenden nämlich.
Obwohl wie gesagt nicht der wichtigste Widerspruch, ist er doch für den, der ihm ausgesetzt ist, der mit dem Geld des Staates arbeitet und den Staat angreift, der den subversiven Außenseiter zum Gegenstand seiner Arbeit macht und sich selbst zur gleichen Zeit zu einem Komplizen der Macht, ein entscheidender: er ist der Widerspruch der Künstler im Zeitalter des Geldes schlechthin, und er ist nur scheinbar zu lösen – mit dem Rückzug in eine privatisierende Kunstproduktion oder mit der Übernahme der Ideologie der Macht. Beides sind keine wirklichen Lösungen, denn sie gehen dem Widerspruch aus dem Weg, und die Widersprüche sind die Hoffnungen. Erst sie ermöglichen den Bruch, der durch die Gesellschaft der Leistungen und der staatlichen Macht geht, und durch jedes einzelne ihrer Glieder in ihrer ganzen Größe, zu erkennen.
Diese Gesellschaft hat sie geschaffen, hat die Künste in die Zerreißprobe zwischen Korruption und Talent geschleift, und nicht die Künste werden diesen Widerspruch abschaffen – sie können sich ihm nur aussetzen um ihn besser zu beschreiben – sondern alle Kräfte, die zur Abschaffung der gegenwärtigen Zustände beitragen, die keine menschenwürdigen sind.

Thomas Brasch, 1981

Sternstunden antifaschistischer Kritik IV – Jena keine Nazi-Stadt

Jena zum Ersten
Der bekannte autoritäre Jugendpfarrer und Antikommunist Lothar König durfte auf der Wohlfühlrockparty des guten, bunten Jena ein paar Worte ans Publikum richten. Anstatt das widerliche oberflächliche Wohlfühlrockkonzert zu kritisieren, oder gesellschaftlichen Rassismus und die alltägliche Ignoranz wahrscheinlich auch der meisten Partygäste zu thematisieren, also die „deutschen Abgründe“, verlor er sich nicht nur in Gestammel, sondern vor allem in Verschwörungstheorien, wobei in seinen Augen böse Politiker gar Auftraggeber der Morde sind, der Verfassungsschutz das einzige Problem darzustellen scheint und die Presse grundsätzlich lügt. Von den Konzertbesuchern, dem großen „Wir“, erheischte er im „Kumpel-Ton“ Zustimmung, und zwischen Dummheit, Verschwörungstheorie und gewollter (aber nicht gekonnter) Ironie verlor sich seine Rede in Sinnfreiheit und Pfiffen. Dass die Leute aus inhaltlichen Gründen pfoffen, ist allerdings nicht zu erwarten, sie wollten nur endlich die kostenlose Show kriegen, die Gutmenschen ihnen als Dank für ihre Teilhabe am Jenaer Normalzustand organisiert hatten.
Das FSK aus Hamburg dokumentiert Königs Rede dankenswerter Weise – als „aufrecht antifaschistisch“…! [hier anhören]

Jena zum Zweiten
In Reaktion auf einen Beitrag in der ZDF-Sendung Aspekte, in dem der Autor Steven Uhly Jena besucht und sein Unbehagen über die dortigen rassistischen Zustände zum Ausdruck bringt, hat der Jenenser „Rapper“ Airconda ein Lied geschrieben:

Da werden zwar in feinstem Dialekt und stilistisch etwas unbeholfen, aber deutlich die „stolzen Jenenser“ zum Lynchmord an Uhly aufgefordert. Ja, Jena ist wirklich keine Nazi-Stadt, sondern einfach ostdeutscher Durchschnitt.

via: Hallo Jena!

Gesellschaftskritik gibt es hier nicht

Auch in den Diskussionen um die letzten Geschehnisse und Kommentare auf diesem Blog wurde wieder vorgeführt, dass die politische Bloggerei der Linken, egal welchem Lager vom jeweils anderen zugerechnet, eine sowohl politisch als auch dem reinen inhaltlichen Gehalt nach völlig irrelevante Existenz führt, die lediglich der stetigen Versicherung der eigenen Verortung und Identität dient.

Bildung transzendiert, trägt sogar das kritische Potential in sich, zu emanzipieren; Halbbildung hingegen integriert. Prinzipielles Einverständnis ist gleichsam ihr Kalkül, mit dem die bestehende gesellschaftliche Ordnung als ganze immer schon bestätigt wird; zugleich bleibt das Ganze verhangen. Zustände werden persönlich genommen und entweder als Schicksal erklärt, oder auf andere abgeschoben: »Dem Halbgebildeten verzaubert alles Mittelbare sich in Unmittelbarkeit, noch das übermächtige Ferne. Daher die Tendenz zur Personalisierung: objektive Verhältnisse werden einzelnen Personen zur Last geschrieben oder von einzelnen Personen das Heil erwartet. Ihr wahnhafter Kult schreitet mit der Depersonalisierung der Welt fort. Andererseits kennt Halbbildung, als entfremdetes Bewusstsein, wiederum kein unmittelbares Verhältnis zu irgendetwas, sondern ist stets fixiert an die Vorstellungen, welche sie an die Sache heranbringt. Ihre Haltung ist die des taking something for granted…Kritisches Bewusstsein ist verkrüppelt zum trüben Hang, hinter die Kulissen zu sehen.«* Damit konvergiert Halbbildung schließlich auch mit dem politischen Bewusstsein, das »das beschränkte Wissen als Wahrheit hypostasiert«** und die eigene Meinung stolz als Standpunkt verabsolutiert: beruht Bildung auf der reflexiven Macht des Selbstbewusstseins, so Halbbildung auf der Ohnmacht des konformistischen Charakters.

Roger Behrens: Bildungskrise und Bildungskritik. Bemerkungen, Überlegungen, Hinweise;
* Adorno, ›Theorie der Halbbildung‹, GS Bd. 8, S. 118; ** Adorno/Horkheimer, ›Dialektik der Aufklärung‹, GS Bd. 3, S. 221.

Besser wäre es, jeder würde sich in aller Gelassenheit die westliche Aufklärung zu eigen machen. Erst durch solch eine Aneignung wird die Wahrheit der Aufklärung in ihrem vollen Glanz erstrahlen: Wenn sich jeder Nicht-Europäer an ihr erleuchtet, tritt diese Wahrheit endlich aus dem Nebel hervor, hinter dem sie verborgen bleibt, weil sie von den Nachkommen derer, die sie der Welt geschenkt haben, in ihr Gegenteil verkehrt wird.

Abdelwahab Meddeb

Es geht in Szenedebatten schon lange nicht mehr um die grundlegenden Fragen, was Gesellschaft ist und wie sie strukturiert ist, weshalb und wie sie zu kritisieren, gar zu verändern sei. Verschiedene ausgebildete Kollektive und Wohlfühlgemeinschaften sind der Balsam für die Identität des Einzelnen, der innerhalb der Verhältnisse und auch angesichts des so weit fortgeschrittenen Verfallszustands der „Linken“ ohnmächtig ist. Auch wenn man noch so oft betont, dass die anderen nicht links, sondern neuerdings rechts, bzw. man selbst nicht links ist, das eigene Wirken bleibt krampfhaft auf die „Szene“ bezogen.

Man definiert sich nur noch über Bekenntnisse, die gleichsam inhaltsleer geworden sind, und so ist das floskelhaft heruntergebetete, zur identitären und dogmatischen Ideologie erstarrte Bekenntnis zu Israel nicht weniger unverständig gegenüber der historischen Notwendigkeit der Existenz Israels und nicht weniger empathielos gegenüber den unmittelbar bedrohten Israelis, als die zwanghaft auf eine angebliche „israelische Apartheid“ fixierte Wahnsinnsgemeinschaft a la Schmok, mondoprinte und lysis. Während die einen von Revolution und Praxis sprechen, ohne zu verstehen, was es zu verändern gilt und ohne die Frage zu stellen, wie eine bessere Gesellschaft einzurichten wäre, gefallen sich die anderen in „Abrissarbeit“ an einer Linken, die schon lange nicht mehr ist, als eine Ruine, und affirmieren die falschen Verhältnisse durch ihre Fixierung auf marginale linke Strömungen und Gruppen, auf ihren eigenen ideologischen Ursprung. (mehr…)