Archiv der Kategorie 'Philosophie'

Vortrag: Das Verhältnis von Theorie und Praxis. Oder: Zum Versprechen von Bildung und Emanzipation

Mit Stefan Müller & Janne Mende (Berlin).

Theorie und Praxis zusammenzufügen, ist häufig von vergeblichen Bemühungen und gescheiterten Anstrengungen geprägt – zum Glück! Theorie kann weder bruchlos in Praxis noch Praxis unvermittelt in Theorie überführt werden. Dass beide nur in ihrer Trennung, in ihrer Eigenständigkeit angemessen verstanden werden können, soll im Vortrag skizziert und ausgeführt werden. Überlagert wird die Theorie/Praxis-Problematik zudem davon, dass das Zusammenführen beider oftmals von der Vorstellung begleitet wird, dass erst in der (unterschiedslosen) Einheit von Theorie und Praxis Bildungsbemühungen, gar Emanzipation erreicht sei.

Das Gegenteil ist der Fall: Erst im Festhalten der Unterschiede von Theorie und Praxis in ihrer intrinsischen Vermittlung eröffnet sich der Horizont einer ‚versöhnten Gesellschaft’ (Adorno). Das Versprechen von Bildung und Emanzipation befindet sich damit in einer Zwickmühle, die durch das Verhältnis von Theorie und Praxis geprägt ist.

Di, 07.02.12 I 18.30 I Melanchthonianum, Uniplatz, Halle

Vortrag im Rahmen der Reihe „Was tun? Zum Verhältnis von Theorie und Praxis“

via: Kritische Intervention

Theater, Kunst und Widersprüche

Eine Gruppe von Theaterbesuchern hat vor einigen Tagen im „Berliner Ensemble“ während der Premiere des von Claus Peymann inszenierten Stückes „Dantons Tod“ „dramatisch“ interveniert. Die Einlage am Pausenende war nicht Teil der Inszenierung, wie einige Zuschauer zunächst vielleicht glaubten. Dass der bauchlinke Alt-68er und Bildungsbürger Claus Peymann dutzenden technischen Mitarbeitern des Theaters einen Tarifvertrag verweigert, ließ vielmehr einige Aktivisten mit der Marseillaise die wohlige historisierende Revolutionsberieselung unterbrechen. Der Tenor der Intervention war nicht gesellschaftskritisch, auch nicht radikal, sondern höchstens gewerkschaftlich-sozialdemokratisch. Doch der autoritäre Narzißt Peymann, der sich selbst gegenüber der BILD-Zeitung als „berühmtester Intendant“ bezeichnete, drohte den engagierten Besuchern am Ende sogar mit Strafverfolgung, zeigte sie wegen Hausfriedensbruch an. Peymann, der sich wie sein Publikum gerne im subversiven oder kritischen Chique des BE suhlt und so dessen gesellschaftskritisches Erbe, wenn es so etwas geben sollte, seit Jahren langsam und sicher einebnet und begräbt, führte die Inszenierung von „Dantons Tod“ für sein wohlhabendes, bildungsbürgerliches Publikum mit der Einschaltung der Polizey endgültig ad absurdum. [Artikel in der MAZ]

Ebenfalls vom BE eingeebnet wird zur Zeit die radikale Gesellschaftskritik von Thomas Brasch, dessen zehnter Todestag mit Popanz und einigen flachen Aufführungen seiner Stücke „begangen“ bzw. konsumiert wird. Im Gegensatz zu Peymann, der mit seinen Inszenierungen und mit Hilfe des Publikums noch jedes Drama seines kritischen und potentiell Widersprüche erzeugenden Gehalts beraubt, reflektierte Brasch oft über die Rolle des Künstlers in Verhältnissen, die keine menschenwürdigen sind.

Unter den Widersprüchen, die unsere Zeit taumeln lässt zwischen Waffenstillstand und Krieg, zwischen dem Zerfall der Ordnung, die Staat heißt, und ihrem wütenden Überlebenskampf, zwischen dem Alten, das tot ist, aber mächtig, und dem Neuen, das lebensnotwendig ist, aber nicht in Aussicht, scheint der Widerspruch, in dem ich arbeite, ein geringer – gleichzeitig ein Denkmal zu setzen dem anarchischen Anspruch auf eigene Geschichte, und dies zu tun mit dem Wohlwollen derer, die ebendiesen Versuch unmöglich machen wollen und müssen, der Herrschenden nämlich.
Obwohl wie gesagt nicht der wichtigste Widerspruch, ist er doch für den, der ihm ausgesetzt ist, der mit dem Geld des Staates arbeitet und den Staat angreift, der den subversiven Außenseiter zum Gegenstand seiner Arbeit macht und sich selbst zur gleichen Zeit zu einem Komplizen der Macht, ein entscheidender: er ist der Widerspruch der Künstler im Zeitalter des Geldes schlechthin, und er ist nur scheinbar zu lösen – mit dem Rückzug in eine privatisierende Kunstproduktion oder mit der Übernahme der Ideologie der Macht. Beides sind keine wirklichen Lösungen, denn sie gehen dem Widerspruch aus dem Weg, und die Widersprüche sind die Hoffnungen. Erst sie ermöglichen den Bruch, der durch die Gesellschaft der Leistungen und der staatlichen Macht geht, und durch jedes einzelne ihrer Glieder in ihrer ganzen Größe, zu erkennen.
Diese Gesellschaft hat sie geschaffen, hat die Künste in die Zerreißprobe zwischen Korruption und Talent geschleift, und nicht die Künste werden diesen Widerspruch abschaffen – sie können sich ihm nur aussetzen um ihn besser zu beschreiben – sondern alle Kräfte, die zur Abschaffung der gegenwärtigen Zustände beitragen, die keine menschenwürdigen sind.

Thomas Brasch, 1981

Unterschätzte Dichtertalente I: Christian Kreis

Dialektik

Des morgens lese ich Adorno
Ich bin ein Mensch im Widerspruch
Denn abends schau ich einen Porno
Und wichse in mein Taschentuch

via: Scientia Hallensis

Designte Gedankengänge

Addicted to Love
In der Hallischen Galerie „Die Schöne Stadt“ findet vom 12. bis zum 27. August eine Designausstellung unter dem Titel „Addicted to Love“ statt, für deren Besuch mit einem Flyer geworben wird.
Der dort abgedruckte Ankündigungstext beginnt unmittelbar mit einer (nicht nur sprachlich) sehr gewagten Behauptung: (mehr…)

„Hegemonie, gepanzert mit Zwang“. Einführung in die staatstheoretischen Überlegungen von Gramsci, Althusser und Poulantzas

Vortrag von Moritz Zeiler (Bremen)

Mi, 22.06.11 ** 18.30 ** Melanchthonianum, Uniplatz, Halle (Saale)

Im Kontrast zum Sowjetmarxismus – quasi dem ‚östlichen Marxismus‘ – verstanden Theoretiker des Westlichen Marxismus wie Antonio Gramsci, Louis Althusser und Nicos Poulantzas den Staat nicht nur als Repressionsinstrument zur kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Klasse. Mit Begriffen wie Hegemonie, Konsens und Zivilgesellschaft versuchte Gramsci in den 1920ern zu analysieren, wie sich staatliche Herrschaftslegitimation gestaltete und reproduzierte. Jahrzehnte später griffen Althusser mit seinen Begriffen repressive und ideologische Staatsapparate und Poulantzas mit seiner Interpretation des Staates als „materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen“ diese hegemonietheoretischen Überlegungen wieder auf und entwickelten sie weiter. Die Veranstaltung möchte in die zentralen Thesen und Begriffe von Gramsci, Althusser und Poulantzas einführen. Dabei soll diskutiert werden, was die Potentiale aber auch Defizite einer hegemonietheoretischen Interpretation des Staates sind. Denn Gramscis Überlegungen um Hegemonie und Gegenhegemonie wurden und werden nicht nur in linken Kreisen diskutiert, welche materialistische Staatskritik als einen Beitrag zu einer gesellschaftlichen Emanzipation von Zwangsverhältnissen verstehen. Sondern sie faszinieren ebenso die Neue Rechte, deren Streben nach kultureller Hegemonie und national befreiten Zonen unter anderem auch Resultat einer reaktionären Gramscilektüre ist.

Nächster Vortrag in der Reihe mit Alex Gruber (Wien) am 05.07.2011:
Die Differenz als Souverän. Über die Unmöglichkeit poststrukturalistischer Staatskritik.

Eine Veranstaltung des AK Kritische Intervention im Alternativen Vorlesungsverzeichnis des Stura der Universität Halle.

Religious Actors and Societal Transformation: The Role of the Dönme in the Late Ottoman Empire and early Turkish Republic

mit Marc Baer (Irvine, California)

Der Vortrag von Prof. Marc Baer wird sich mit der “osmanischen Moderne” beschäftigen. Sucht man einen Zugang zu dieser Phase, die durch Niedergang, Dekadenz, Stillstand und andere Schlagworte der orientalistischen Forschung kaum beschrieben werden kann, und deren beeindruckendes Gesellschaftsporträt der Schriftsteller Amin Maalouf in der “Spur des Patriarchen” zeichnet, muss man die immer wieder reproduzierte Trennung zwischen “uns” und den “Anderen” ignorieren.

Der Vortrag Baers in englischer Sprache wird sich mit einem wenig erforschten Bereich der Geschichte des Nahen Ostens beschäftigen, den sogenannten Dönme und ihrer Bedeutung für das progressive, säkulare Klima in osmanischen Städten um die Jahrhundertwende 1900:

The Dönme were an ethno-religious group formed by Ottoman Jews who converted to Islam following the example of the messianic claimant Shabbatai Tzevi three centuries ago. After their initial conversion, the Dönme were accepted as Muslims for two centuries, and by the end of the nineteenth century, they had risen to the top of Salonikan society. From that vantage point, they were able to help transform Ottoman Salonika into a cosmopolitan city by promoting the newest innovations in trade and finance, urban reform, and modern education, literature, architecture, and local politics.

To their admirers, they were enlightened secularists and Turkish nationalists who fought against the dark forces of superstition and religious obscurantism. But to their opponents, they were atheists, or simply Jews who had engaged in a secret Jewish plot to dissolve the Islamic empire and replace it with an anti-Muslim secular republic led by a crypto-Jew. Both points of view, whether complimentary or critical, assumed that the Dönme were anti-religious. However, the historical record shows that the Dönme created a new form of ethno-religious belief, practice, and identity, which made them distinct, while promoting a morality, ethics, and spirituality that reflected their origins at the intersection of Jewish Kabbalah and Islamic Sufism.

The talk will focus on the pivotal role that education at Dönme schools played in transforming the late Ottoman Empire and how that role has been remembered in the Turkish Republic.

Mi, 11.05.11 I 18.30 I Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

http://www.aktualitaet.tk

Der Staat – ein vernünftiges Ungeheuer? Zur Kritik der neuzeitlichen Legitimationsversuche des Gewaltmonopols

mit Ingo Elbe (Bochum)

Mit der Entstehung des modernen Kapitalismus zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert wandelt sich mit dem Menschenbild auch das Nachdenken über die Legitimität und Funktion von Herrschaft. Der Staat wird nicht mehr im Rahmen einer göttlichen Weltordnung fundiert, sondern soll sich als künstliches, aber vernünftiges Produkt menschlichen Handelns ausweisen.
Der Vortrag soll ausgehend vom Gründungsdokument bürgerlicher politischer Philosophie, Thomas Hobbes’ ‚Leviathan’ (1651), einen Überblick über die Begriffe und Mythen der neuzeitlichen politischen Philosophie geben. Es soll zugleich gezeigt werden, wie die frühbürgerlichen Denker mit dem Anspruch einer Rechtfertigung des modernen Staates wichtige Einsichten über dessen Wesen offen bis zynisch aussprechen: Der Leviathan, den Hobbes als Bild für das Gewaltmonopol wählt, ist immerhin ein Ungeheuer…

Dienstag, 26.04.11 – 18.30 – Melanchthonianum, Uniplatz, Halle

Firmvorführung: Moderne in Sprache und Poesie? Ahmad Shamlou – Irans „Master Poet of Liberty“

„In einer … Welt, deren Leitung und Verwaltung in die Hände von Verbrechern und Irren gefallen ist, ist Kunst ein Mittel zur Unterhaltung; man kann von ihr keine Rettung erwarten…“

Ahmad Shamlou (1925-2000) war Schriftsteller, Journalist, Dichter – der wohl einflussreichste und berühmteste Poet der iranischen Moderne. In fünfzig Schaffensjahren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasste er mehr als 70 Bücher – zum größten Teil Gedichte, aber auch Kurzgeschichten, Romane oder Drehbücher. Seine Revolutionierung der persischen Lyrik, so etwa die systematische Arbeit mit „Kolloquialismen“ und der Bruch mit der traditionellen Metrik und anderen Konventionen, sein komplexer und anspruchsvoller Stil heben seine persische Dichtung von der anderer Zeitgenossen ab. Er gilt vielen als größter persischsprachiger Dichter seit Hafez und Firdausi; man sagt, in fast jedem iranischen Haus finde sich eines seiner Bücher.

Seine Jugend prägten der kulturelle Aufbruch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die Jahre Mossadeghs und dessen Sturz. Die Welt grundsätzlich zu verändern, beschrieb er einmal als Ziel der Poesie. Sein kontinuierlicher huma-nistischer Nonkonformismus brachte ihn als utopischen Kommunisten, der Parteien und Regierungen ablehnte, in Opposition zu Shah und islamischem Regime.

Den beeindruckenden Menschen Shamlou, den großen „Dichter der Freiheit“, porträtiert der Dokumentarfilm „Ahmad Shamlou – Master Poet of Liberty“ des iranischen Regisseurs und Filmaktivisten Moslem Mansouri. Im Film finden sich nicht nur ausgiebige Interviewsequenzen, die in Gesprächen mit Shamlou aufgezeichnet wurden. Zudem kommen verschiedene iranische Dichter, Schriftsteller, Filmemacher und Literaturwissenschaftler zu Wort, die sich zu seinem Werk äußern.

Mittwoch, 26. Januar 2011 – 18.30 Uhr

Melanchthonianum, Uniplatz, Halle

Bonjour Tristesse #11 erschienen

Ostzone bizarr: Hallenser Provinz- und Szene-Experten versuchen, zusammen mit der kritischen Analyse arabo-islamischer Gesellschaften Marx und materialistische Religionskritik zu erledigen.

Hörempfehlung

Vortrag von Geert Hendrich „Der ‚homo islamicus‘ und die Aufklärung“ vom 11.05.2010, gehalten im Rahmen der Reihe „Tradition oder Moderne? Die Aktualitaet der Aufklärung im Nahen Osten“