Archiv der Kategorie 'Termine'

Dialektik oder Mystizismus? Irrationalistische Tendenzen in der Marx-Rezeption.

Vortrag von Ingo Elbe

Das Bemühen um einen dialektischen Wissenschaftsbegriff in Abgrenzung zum ‚Positivismus’ findet sich im marxistischen Diskurs bereits in den Schriften von Georg Lukács aus den 1920er Jahren und wird von der Kritischen Theorie fortgesetzt. Dem Kapital von Marx wird dabei eine Begründungsfunktion hinsichtlich dialektischen Denkens zugestanden. Was aber dialektisch an Marx’ Werk ist, darüber wird seit jeher gestritten. Einige ‚emphatische’ Konzeptionen sehen hier gar eine allen bekannten Wissenschaftsstandards widersprechende Dialektik am Werk und beziehen sich positiv auf vermeintliche logische Widersprüche im Kapital, die als solche der Sache selbst ausgewiesen werden könnten.
Im Vortrag soll gezeigt werden, dass eine solche Rezeption von Marx kein brauchbares Dialektikkonzept, sondern puren Irrationalismus produziert, für den es zudem keinen Anhaltspunkt im Marxschen Werk selbst gibt. Zugleich soll dabei eine alternative Lesart der Marxschen Kategorien angeboten werden, die als Einführung in Grundmotive der Kritik der politischen Ökonomie dienen kann.
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Film & Einführung: Bücherverbrennung, Averroës und der moderne Islamismus

Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Tradition oder Moderne – Die Aktualität der Aufklärung im Nahen Osten“

Bücherverbrennungen, Averroës und der moderne Islamismus
Wie Chahines preisgekrönter Film „Schicksal“, der im mittelalterlichen Andalusien spielt, das moderne Ägypten beschreibt und kritisiert

Youssef Chahines „Schicksal“ ist ein fabelartiger Historienfilm, dessen Handlung in Córdoba im mittelalterlichen Andalusien angesiedelt ist, während der angeblich goldenen Ära des Islams. Die zentrale Figur des Films ist der berühmte Philosoph und Gelehrte Ibn Rushd (Averroës), eine Schlüsselfigur in der europäischen Aristoteles-Rezeption, dessen Name auch in der aktuellen Islamdebatte zwischen allerlei hohlen Phrasen immer wieder auftaucht, auf Seiten von Apologeten und Kritikern.

Im Film treffen er und seine lebensfroh und individuell gezeichneten Freunde bald auf ein Kollektiv machthungriger Fundamentalisten, Wissen stößt auf Glauben, (Selbst-)Kritik auf Überzeugung, Musik auf religiös-ekstatische Gesänge – eine weitere Schlüsselrolle im Film spielt der säkulare ägyptische Popstar Mohammed Mounir. Und schnell bemerkt man, dass man es mit einer Fabel zu tun hat, und erkennt gesellschaftliche und politische Akteure der arabo-islamischen Gegenwart und aktuelle Konflikte um das Verständnis von Religion, die Verfasstheit des Staates und die Freiheit des Individuums.

Chahines Film ist eine hochpolitische Stellungnahme vor dem Hintergrund der gewaltsamen Auseinandersetzung mit dem Menschen verachtenden Islamismus, inmitten derer sich die arabische Welt und Ägypten schon in den 90er Jahren befanden – lange vor dem 11. September. Vor dem Film wird ein Vortrag in sein Thema und historisch-politische Hintergründe einführen.

Donnerstag, 16.12.2010 – 18.00 – Melanchthoninum, Uniplatz, Halle

www.aktualitaet.tk

Spielfilm “Al Massir“ [Youssef Chahine: Schicksal, Ä/F 1997, 130 min, OmeU] mit Einführungsvortrag

Das Problem der Dialektik – Einführung in die Kritische Theorie Adornos

Mit Stefan Müller

Die ältere Kritische Theorie, namentlich Adorno, gilt als schwierig, bürgerlich, kulturbeflissen, zuweilen auch als veraltet. Ähnlich verhält es sich mit der Dialektik. Adornos Projekt einer Negativen Dialektik macht es einem daher nicht leicht. Bereits ein grober Überblick genügt, um festzustellen, dass verbindliche Angaben darüber, womit und worauf, wogegen und wofür sich Dialektik richtet, kaum aufzufinden sind.
Im Vortrag wird von anderen Voraussetzungen ausgegangen. Grundlegende Probleme einer rationalen Dialektik im Anschluss an Adorno, allen voran der Begriff des Widerspruchs und der Vermittlung, sollen dargestellt und diskutiert werden. Im Verhältnis von Autonomie und Heteronomie erweist sich die repressive Bestimmung eines ‚universellen Verblendungszusammenhangs’ (Adorno); der emanzipatorische Horizont öffnet sich im Blick auf die ‚versöhnte Gesellschaft’ (Adorno).

Stefan Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Unterrichtsforschung an der Goethe-Universität Frankfurt.
Letzte Veröffentlichung: Stefan Müller (Hg.): Probleme der Dialektik heute. Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialpsychologie, Wiesbaden, 2009.

Vortrag am Mittwoch, 24.11.2010 um 18.30 Uhr Medienraum im Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Radiohinweis: Wutpilger Streifzüge

Wutpilger Streifzüge. Fragmente aus Politik und Kultur ist eine kleine Radiosendung, die einmal im Monat auf Radio Lotte in Weimar (und in Kürze auch bei Radio Corax in Halle) gesendet wird, auf die ich hier in Zukunft regelmäßig hinweisen werde:

Wutpilger Streifzüge # 8 wird am Sonntag den 15. August um 22:00 Uhr gesendet – auf 106,6 Mhz oder per Livestream auf der Homepage von Radio Lotte. In dieser Sendung werden, ausgehend von Walter Benjamins Baudelaire-Buch, die Figuren des Dandys und des Flaneurs als Sozialfiguren der frühen Großstädte vorgestellt werden – mit Ausschweifungen zu analogen Überlegungen von Georg Simmel, Sartre, Magnus Klaue u.a.

via Ärgernis

Die Dialektik der Aufklärung im Iran: Vernunft gegen Mythos?

EDIT: DER VORTRAG MUSS LEIDER AUSFALLEN UND WIRD VORAUSSICHTLICH IM WINTERSEMESTER STATTFINDEN.

xx.xx.2010 – 18.30 – Melanchthonianum, Uniplatz, Halle/Saale

In seinem Schlussvortrag richtet Dr. Esfandiar Tabari den Blick auf den Iran: „Durch Verstaatlichung der Religion sind dort die religiösen Traditionen und sogar die von der Religion unterstützten moralischen Normen im Iran in den Definitionsbereich des Staates und des Gesetzes gewandert. Damit haben diese ihren moralischen Wert in der bürgerlichen Religion verloren. Doch das Projekt „religiöse Person“ der islamischen Regierung im Iran, als Ersatz der ethischen und bürgerlichen Person, ist gescheitert – im Inneren der Gesellschaft entfaltet sich eine praktische Vernunft auf den Grundsätzen der universalistischen Moral. Kann diese praktische Vernunft instrumentalisiert und mythologisiert werden, wie in der „Dialektik der Aufklärung“ beschrieben? Nein, wenn sie zur Säkularisierung führt und die politisch-gesellschaftliche Identität einer aufgeklärten Gesellschaft widerspiegelt. Ja, wenn sie zu individuellem Selbstschutz, Selbsterhaltung und Selbstbehauptung eines aufgeklärten Intellektualismus dient. Beide Tendenzen sind in der aktuellen iranischen Bewegung (grüne Bewegung) vorhanden und werden im Vortrag thematisiert. Es wird festgestellt, dass die Frage nach der Aufklärung im Iran nicht mit der Frage nach einem aufgeklärten Islam gleichgesetzt werden kann und darf. Vielmehr muss die religiöse Aufklärung als Folge einer gesellschaftlichen Aufklärung im Kontext der Herausbildung einer moralischen Autonomie verstanden werden.“

Ein Veranstaltung der Vortragsreihe Tradition oder Moderne? Die Aufklärung im ‚Nahen Osten‘.

Dienstag: Nouri Bouzids “Making of – Kamikaze”

Di, 29.06.2010 – 21.00 Uhr– Kino Zazie (Kleine Ulrichstr. 22, Halle)

Autoreflexiver Spielfilm über Jugend, Individualität und den (selbst-)mörderischen Islamismus im Maghreb (35 mm, OmU)

Filme, die dem Zuschauer in 90 Minuten eine Lösung dafür anbieten wollten, warum junge Menschen zu Selbstmordattentätern werden, hatten in den letzten Jahren Konjunktur. Der streitbare tunesische Regisseur Nouri Bouzid überführt sie mit seinem Meisterwerk „Making Off – Kamikaze“ der Lüge. Seine Geschichte über einen jugendlichen Tänzer und die zerstörerische Kraft des Islamismus ist nicht Spielfilm, sondern Fabel; Schauspieler, Filmfiguren und Regisseur verweigern sich den Konventionen. Die Folie für die Handlung ist die komplexe gesellschaftliche Realität in Nordafrika, die schlechte wirtschaftliche Situation, Stagnation, Mangel an Freiräumen, Polizeigewalt, und der bei vielen immer präsente und doch nahezu unerfüllbare Wunsch eines Eindringens in die nahe ‚Festung Europa’.

Ich will meine Vision des Islam zeigen, meine Kritik des Islam zeigen, als säkularer Muslim. […] Die Rationalität der Leute wird vom Sakralen unterdrückt.

Nouri Bouzid

Claude Lanzmann’s Film: Shoah

Am Sonntag dem 4. Juli wird im Kino Zazie in Halle der Dokumentarfilm „Shoah“ von Claude Lanzmann in voller Länge mit Pause(n) gezeigt. Die Unkosten, die für das Zazie entstehen, werden durch die Anzahl der Besucher geteilt – also weitersagen und zahlreich erscheinen.

Sonntag 4. Juli 2010
9:30 Uhr
Kino Zazie, Kleine Ulrichstraße 22
06108 Halle

Vortrag: Bürger und Öffentlichkeit

Warum Habermas und Marx mehr mit der arabo-islamischen Neuzeit zu tun haben, als die eurozentrische Geschichtsschreibung verrät

Do, 24.06.2010 – 18.30 – Mel, HS XVIII, Uniplatz, Halle/Saale – Hannes Bode

Habermas’ Thesen zum “Strukturwandel der Öffentlichkeit” in der Frühen Neuzeit sind längst Allgemeingut, der Bürger, die Öffentlichkeit, das räsonnierende Publikum sind Schlüsselbegriffe der Geschichtswissenschaft. Doch handelt es sich hier um spezifisch europäische Strukturmerkmale der Moderne? Oder kann man vielmehr das dominante Muster von dynamischem Norden und statischem Süden, von Fortschritt hier und Niedergang dort grundsätzlich in Frage stellen, wenn man einen Blick auf die Entwicklungen in Kairo oder Damaskus wirft, der die Quellen nicht dekontextualisiert, sondern vielmehr in ihren historischen und sozialen Kontexten wahrnimmt? Ein materialistischer, die sozialen Hintergründe fokussierender Zugang erlaubt die Frage, ob nicht Marx sehr viel mehr zum Verständnis der arabo-islamischen Neuzeit beitragen kann, als Gelehrtenbiographien und die Sammlung der Sahih-Hadithe des Propheten. Man kann, so soll vorerst behauptet werden, mit Blick auf Kairo oder Damaskus von einer Vorwegnahme der ‘bürgerlichen Gesellschaft’ sprechen, die in Marx’ Worten “seit dem 16. Jahrhundert sich vorbereitete und im 18. Riesenschritte zu ihrer Reife machte” und in der “der einzelne losgelöst von den Naturbanden usw., die ihn in frühren Geschichtsepochen zum Zubehör eines bestimmten, begrenzten menschlichen Konglomerats machen”, erscheint. Habermas’ Salons und Kaffeehäuser haben – ebenso wie die Arkanwelten der Freimaurer – mehr mit der Frühen Neuzeit im Nahen Osten zu tun, als man glauben mag. Ein Plädoyer für das Hinterfragen liebgewonnener historischer Narrative versucht Hannes Bode in seinem Vortrag.
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Wir empfehlen: Länderbeispiel Iran: Dienstag Film, Mittwoch Vortrag

Iranischer Untergrundfilm von Moslem Mansouri

Am Vorabend des Vortrags zeigen wir im „Kino Zazie“ zwei Kurzdokumentationen des iranischen Untergrundfilmers und Aktivisten Moslem Mansouri. „Epitaph“ beschäftigt sich am Beispiel der Massenprostitution mit den Folgen der Geschlechterapartheid. Mansouri lässt Frauen zu Wort kommen, die sich, um überhaupt zu überleben, verkaufen müssen. Die Schärfe ihrer Analysen der sozialen und kulturellen Missstände, ihre Kritik der „kranken“ Gesellschaft der Islamischen Republik ist beeindruckend. „Utopia“ macht auf die menschenverachtende Behandlung der überlebenden Opfer des Iran-Irak-Krieges aufmerksam. Während die Toten in den Märtyrerphrasen des Regimes Ehrung finden, so sind die Überlebenden nur unwillkommener Ballast. In Armut und entrechtet vegetieren diese displaced persons in Wohnbaracken vor sich hin. Moslem Mansouri hat die Menschen in einer dieser Baracken besucht, ihnen Gehör geschenkt und ihre Aussagen aufgenommen. Ihre verzweifelten, pessimistischen Berichte sind eine Anklage gegen die Unmenschlichkeit des Regimes.

Dienstag, 08.06.2010 – 21.00 s.t. – Kino Zazie (Kleine Ulrichstr.), Halle (Saale)

Die islamische Diktatur, die „grüne Bewegung“ und der Kampf für einen säkularen Iran
Saba Farzan (Publizistin, Berlin)

Das Regime der Islamischen Republik Iran feierte dieses Jahr seinen 31. Geburtstag. Seine Herrschaft ist jedoch so bedroht wie nie zuvor, da sich seine Vorstellungen von Moderne mittlerweile von denen beachtlicher Teile der Bevölkerung unterscheiden. Auf immer lauter werdende Rufe nach Freiheit, mit der manche Reformen, andere den Sturz des Regimes und Demokratie, einige ein Ende der Geschlechterapartheid und andere kulturelle Pluralität verbinden, reagiert das Regime mit immer rücksichtsloserer Gewalt. Frauen werden weiterhin massiv diskriminiert, ethnische und religiöse Minderheiten unterdrückt und politische Oppositionelle mundtot gemacht.

Das sind einige der Gründe, weshalb der Iran bisher als das absolute Gegenteil einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft galt. Seit dem vergangenen Sommer, in dem die „grüne Bewegung“ ins Leben getreten ist, nimmt die Weltöffentlichkeit nun jedoch auch einen anderen Iran, vielleicht den „echten“ Iran wahr. Demokratie und Säkularismus in der nahen Zukunft dieses nahöstlichen Landes? Für manche ist diese Vorstellung utopisch, für die iranische Freiheitsbewegung jedoch ein Ziel, für das zu kämpfen es gilt. Die Freiheitsbewegung im Iran und ihr Kampf gegen die „Herrschaft der Rechtsgelehrten“ und die Macht der Revolutionsgarden haben im letzten Jahr einen Höhepunkt erreicht – mit dem Potential, den gesamten Nahen Osten langfristig zu prägen.

Doch welches sind die Wurzeln dieser emanzipatorischen und säkularen Tendenzen? Wohin steuert der Iran in naher Zukunft? Wie steht es um die iranische Zivilgesellschaft und warum sieht diese – im Gegensatz zum herrschenden Regime – den Westen nicht als dekadent an? Welche Akteure verbergen sich in dieser aufgeklärten Bewegung? Zu dieser Thematik referiert die deutsch-iranische Publizistin Saba Farzan.

Mittwoch, 09.06.2010 – 18.30 – Melanchthonianum (HS XVIII), Halle (Saale)

via: www.aktualitaet.wordpress.com

Säkularismus und Islamismus im Irak

mit Dr. Nagih al-Obaidi

Der Irak ist immer weniger in den Medien, die meist nur berichteten, wenn baathistische oder islamistische Terroristen wieder einmal US-Soldaten oder dutzende Iraker ermordet hatten – insgesamt mindestens hunderttausend Zivilisten. Die Sicherheitslage scheint sich nun zu stabilisieren, vor kurzem haben zudem die zweiten mehr oder weniger freien Wahlen stattgefunden, die explizit religiösen Parteien haben zu Gunsten einer eher säkular orientierten Partei zahlreiche Stimmen verloren.
Doch die Regierung, die von der internationalen Koalition unter Führung der USA nach dem Sturz des Baath-Regimes Saddam Husseins „im Kampf für Menschenrechte und Demokratie“ eingesetzt wurde und deren Vertreter noch heute die politische Entwicklung bestimmen, hat die Meinungsfreiheit eingeschränkt, die Verfassungsentwürfe verstümmelt und die Religion zum Verfassungsprinzip erhoben.
Wir stellen die Frage nach den Demokratievorstellungen in der irakischen Bevölkerung, nach Akteuren eines Kampfes um demokratische Rechte und einen säkularen Staat. Eingeladen ist der Journalist und Wirtschaftsexperte Dr. Nagih Al-Obaidi, der versuchen wird, anhand des Beispiels “Säkularismus und Islamismus bei den Parlamentswahlen im Irak” auf diese Fragestellung einzugehen.

Donnerstag, 03.06.2010 – 18.30
Melanchthonianum (HS XVIII), Universitätsplatz, Halle

via: www.aktualitaet.wordpress.com