Archiv der Kategorie 'Wertkritik'

Arbeit macht das Leben süß

MC Gurke weist auf folgendes Zitat hin:

Gauck: Neu­lich er­zähl­te mir mein Fah­rer von sei­nem Cou­sin, der mit den ge­sam­ten So­zi­al­leis­tun­gen un­ge­fähr 30 Euro we­ni­ger als er hat. Mein Fah­rer muss aber fast immer um fünf Uhr auf­ste­hen. Er sei der Dumme in der Fa­mi­lie, aber er sagte mir auch: „Ich kann das nicht, ich kann nicht so da­sit­zen.“ Da habe ich ge­sagt, dass er denen er­zäh­len soll, wie gut er sich mit Ar­beit fühlt.

Was für ein zynisches Arschloch! Der stellt offenbar einen Fahrer zu einem Niedriglohn an, bedient und teilt dessen Ressentiment gegen „Arbeitsscheue“ und palabert dann noch davon, wie gut sich Arbeit anfühle.
Da passt doch folgendes Foto sehr gut ins Gesamtbild:
Gauck und Maschmeyer
Prost! Gauck mit Drückerkolonnen-Chef Carsten Maschmeyer und „Schauspielerin“ Veronika Ferres (Foto: picture-alliance / Eventpress Schraps)
via: SPON

Die Linke will den, der zu ihr passt

Der Jugendverband der Partei „Die Linke“, solid, hat als „linken“ Präsidentschaftskandidaten Georg Schramm vorgeschlagen und zur Bekräftigung ihres Vorschlags eine Petition gestartet. Oskar Lafointaine nannte den Vorschlag interessant. Auch aus der Piratenpartei wird Schramm favorisiert. Dieser, so hieß es bei solid, sei „seit Jahren für seine scharfzüngige Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem bekannt“.
Endlich sind sie ehrlich. Ihr politisches Niveau, ihre Analyse und ihre Kritik sind ja eigentlich schon länger auf Kabarett-Niveau. Mit flapsigen, an der Oberfläche verharrenden und personalisierten Vorwürfen gegen bekannte Politiker, Bonzen oder ab und an „die Medien“ redet man den Stammtischen, auch den vermeintlich gebildeten mit ZEIT-Abo, nach dem Maul. In bestem NS-Jargon spricht man von „Ungeziefer“, „Geschmeiß“ und „Gesindel“. (Ja Leute, auch wenn es gegen „die Reichen“ geht, ist es reaktionär und menschenverachtend.) Man fordert Selbstmordanschläge auf „Orgien der Dekadenz“, auf Treffen von „den Reichen“. Wie bitte? Das macht ihr LINKEn, ihr Piraten gar nicht? Soweit würdet ihr nicht gehen? Ihr seid nur ein wenig mit Galgen-Bildern auf den Occupy-Demos mitgelatscht, quasi nur als Bürger, die mitreden, um unseren konservativen Gesinnungs-Gauck zu zitieren? Bloß gut, dass es Schramm gibt, und ihr diesem „Tabu-Brecher“ die Drecksarbeit überlassen könnt.

Georg Schramm hat das nämlich alles im Namen des Kabarett bereits getan, das BRD-Volk klatschte, Sozialneid und Unzufriedenheit konnten auf gewohnte Bahnen geleitet und mit den gewohnten Ventilen abgeleitet werde, und am Ende fühlen sich alle kritisch, aber den Kapitalismus hatte keiner kritisiert. Dafür haben wir Menschen ihr Menschsein abgesprochen, aufgrund kollekiver Zuschreibungen, haben Terroranschläge und Mord an Menschen gerechtfertigt und als „wohltätig“ bezeichnet, und das alles im Namen des „Zorns“, des Wutbürgers, der in Deutschland traditionell Sozialdarwinist, Rassist und Antisemit ist, und genauso über Türkenwitze oder dumme Hartz 4-Empfänger lachen würde, wobei Hartz 4-Empfänger wahrscheinlich auch über die Aufforderung zum Mord an Reichen wohlig lachen können, ohne den realen Hintergrund ihrer Misere zu verstehen. So wird Kabarett nicht zum Stachel in den Verhältnissen, sondern zu ihrem stabilisierenden Kitt.
Politik im Namen des Zorns, mit Parolen, die aus den Wohnzimmern und Stammkneipen der deutschen Ottonormalbürger entnommen sind, das ist reaktionäre Politik, auf Ressentiment aufbauende Politik, Politik, die in Deutschland schon öfters ins Pogrom geführt hat. Das gilt umsomehr, wenn man einen Antisemiten wie Georg Schramm zum Wortführer erklärt. Schramm, der schonmal fordert, dass der Volks­wil­le den Bän­kern wie­der zu dem „An­se­hen“ ver­hilft, dass sie hatten „als man sie noch Geld­ver­lei­her nann­te, als es noch ein dre­cki­ges Hand­werk war, das ein ehr­ba­rer Christ [!] gar nicht aus­üben woll­te“.

Edit 23.02.2011: Ergänzung via Schlamassel Muc

Rehabilitation alter Kampfbegriffe
Totgeglaubter Nazijargon wie „Zinsknechtschaft“ (Minute 0:40) und „Hochfinanz“ (Minute 15:10) geht Schramm leicht über seine preußischen Generalslippen, findet mittels vermeintlicher Satire somit wieder Eingang in Fernsehzimmer, Massenveranstaltungen und Tischgespräche. Dass Schramm – wenn nicht gar ein Anhänger von Gottfried Feder („Deutscher Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft“) – mindestens ein Anhänger der wahnsinnigen gesellschen Freiwirtschaftslehre ist, gab er bereits kund. Kürzlich stiftete der vielgerühmte Klartext-Redner den schweizer Verschwörungsopfern von „We are change“ ein Interview und weissagte angebliche Pläne der „Orthodoxen“ und der „militanten Siedler“ und des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu überhaupt. Sie kommen gut voran, die „Falken auf beiden Seiten“, deren „erklärtes Ziel“ Armageddon sei, die letzte Schlacht in Jerusalem, so Schramm. In einer vergangenen Sendung tönte er noch ganz anders, da bewegte sich sein ebenfalls halluzinierter Masterplan für den Nahen Osten noch einzig im Kontext des „Endkampfes um das eurasische [Öl]Becken.“ Keine Phantasie scheint zu abwegig, um das Offensichtliche umzulügen. In selbiger Sendung wiederholte Schramm auch die fäkal reproduzierte Falschmeldung der Politsekte „Arbeiterfotographie“, wonach die Vernichtungsdrohungen Ahmadineschads in Richtung Israel nur Übersetzungsfehler seien (Minute 1:00).

Die Angreifer sitzen in Jerusalem und Manhattan
Mitverantwortliche des Weltuntergangs sitzen also in Jerusalem, aber wie man weiß, sind die Feinde der kleinbürgerlichen Freiheit nicht nur dort, sondern seit jeher global – vor allem in den USA, konkret in New York – unterwegs . Und deshalb verortet auch Schrammchen, der ohne diesen Dienst an der Volksseele vermutlich deutlich weniger gefeiert wäre, die „Angreifer“ beim „Treffen in Manhattan“ im „Dauerabnutzungskrieg gegen Euroland“ um „faule Kredite in die Länder“ einzuschleusen. Ein schöner Bundespräsident wäre Schramm also schon, ein passender zumindest, weil er ein Wutbürger ersten Ranges ist, einer, der gerne hasst, wenig weiß und zu allem eine Meinung hat – wie sein Publikum.“

Kritische Intervention: Was tun? Zum Verhältnis von Theorie & Praxis

Wir dokumentieren an dieser Stelle einen Text [pdf] der Gruppe „Kritische Intervention“.

Galloudec an Antoine. […]
So ist die Welt eingerichtet und es ist nicht gut so.
Heiner Müller, Der Auftrag

SPIEGEL: Wie wollen Sie aber die gesellschaftliche Totalität ohne Einzelaktionen ändern?
ADORNO: Da bin ich überfragt. Auf die Frage ‚Was soll man tun’ kann ich wirklich meist nur antworten ‚Ich weiß es nicht’. Ich kann nur versuchen, rücksichtslos zu analysieren,
was ist. Dabei wird mir vorgeworfen: Wenn du schon Kritik übst, dann bist du auch verpflichtet zu sagen, wie man’s besser machen soll. Und das allerdings halte ich für ein bürgerliches Vorurteil.
SPIEGEL 19/1969, 206.

Immer wieder gab es in den letzten Wochen Demonstrationen, etwa die der Stuttgarter Wutbürger, die der Linken und anderer ,engagierterʹ Bürger gegen ,die Banken und Finanzmärkteʹ bzw. ,die da obenʹ, die von Studierendenaktivisten oder die von sogenannten ,Linksradikalenʹ. Doch die meisten Stuttgarter wollen ihre Ruhe, ob vor Bauprojekten oder vor Demonstranten, die große Masse der Bundesbürger will Sicherheit, die Sicherung ihrer kleinbürgerlichen Habe im Angesicht der Krise, und die meisten Studierenden wollen credit points, während sie inbrünstig auf einen unbezahlten Praktikumsplatz hoffen. Die große Masse der Menschen nimmt die gegenwärtigen Verhältnisse gleichsam schicksalhaft, als naturgegeben hin oder affirmiert sie, was jeder gesellschaftskritische Ansatz reflektieren sollte. (mehr…)

Designte Gedankengänge

Addicted to Love
In der Hallischen Galerie „Die Schöne Stadt“ findet vom 12. bis zum 27. August eine Designausstellung unter dem Titel „Addicted to Love“ statt, für deren Besuch mit einem Flyer geworben wird.
Der dort abgedruckte Ankündigungstext beginnt unmittelbar mit einer (nicht nur sprachlich) sehr gewagten Behauptung: (mehr…)

Zum Maul-Vortrag in Halle

Anlässlich des Vortrages „Der gefesselte Odysseus. Über die Dialektik der Aufklärung im Islam“ von Thomas Maul an diesem Mittwoch in Halle (Saale) hat der Freundeskreis „25. Januar“ ein Kritik am Referenten, AG Antifa, AG No tears für Krauts und der Zeitschrift „bonjour tristesse“ veröffentlicht, deren Lektüre wir hiermit ausdrücklich empfehlen.

Essentialistische Märchenstunde

Eine Kritik der antiaufklärerischen Thesen Thomas Mauls, denen die AG Antifa (Halle) nun ein Podium bietet

So wie Ikarus, sich selbst überschätzend, zu nah an die Sonne flog und abstürzte, versucht Thomas Maul sich mit seiner „Dialektik der Aufklärung im Islam“ zu intellektuellen Höhen zu erheben, die seine Fähigkeiten bei weitem übersteigen. Die Tragödie wiederholt sich jedoch nun als Farce – als auf den ersten Blick erheiternde, auf den zweiten aber Widerspruch erregende Hybris. Schon vor einem halben Jahr wurde mit Blick auf die seichten Ergüsse eines Autoren der halleschen Loseblatt-Sammlung bonjour tristesse bemerkt, „AG und bonjour tristesse sollten nun so konsequent sein, und sich durch die Einladung des Komikers Thomas Maul endgültig lächerlich machen, der für seine Analyse von arabo-islamischen Gesellschaften und islamischer Ideengeschichte ausgerechnet Ghazalis asketische Lebensanleitung für den Mystiker heranzieht. Das ist ebenso absurd und schwachsinnig, wie das Unterfangen, die europäische Neuzeit und Moderne anhand Thomas von Kempens De imitatione Christi zu analysieren. Und kann noch viel besser kritisiert werden, als das halbgebildete und ressentimentgeladene Geseier in der bonjour tristesse.“
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Dialektik oder Mystizismus? Irrationalistische Tendenzen in der Marx-Rezeption.

Vortrag von Ingo Elbe

Das Bemühen um einen dialektischen Wissenschaftsbegriff in Abgrenzung zum ‚Positivismus’ findet sich im marxistischen Diskurs bereits in den Schriften von Georg Lukács aus den 1920er Jahren und wird von der Kritischen Theorie fortgesetzt. Dem Kapital von Marx wird dabei eine Begründungsfunktion hinsichtlich dialektischen Denkens zugestanden. Was aber dialektisch an Marx’ Werk ist, darüber wird seit jeher gestritten. Einige ‚emphatische’ Konzeptionen sehen hier gar eine allen bekannten Wissenschaftsstandards widersprechende Dialektik am Werk und beziehen sich positiv auf vermeintliche logische Widersprüche im Kapital, die als solche der Sache selbst ausgewiesen werden könnten.
Im Vortrag soll gezeigt werden, dass eine solche Rezeption von Marx kein brauchbares Dialektikkonzept, sondern puren Irrationalismus produziert, für den es zudem keinen Anhaltspunkt im Marxschen Werk selbst gibt. Zugleich soll dabei eine alternative Lesart der Marxschen Kategorien angeboten werden, die als Einführung in Grundmotive der Kritik der politischen Ökonomie dienen kann.
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Die Trinker-Karte

Halle at its worst. Immer um ein sauberes Stadtbild bemüht, nimmt sich die kritische Öffentlichkeit der Stadt nun des „Freitrinker-Problems“ an. Denn die Leute, die am deutlisten die Verfasstheit der Gesellschaft dokumentieren, machen auch noch Dreck und betteln.
Um das Problem einzugrenzen, gibt es jetzt diese Karte:

Trinker-Standorte auf einer größeren Karte anzeigen

Trinker, Dir geht es bald an den Kragen!

Vom eigenen Elend und der sinnlichen Wende

Ohne Kritische Theorie schmeckt’s besser

Eine Antwort darauf findet sich hier.
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Geschlechterverhältnis, Kapitalismus und Wert-Abspaltungstheorie

Immer wieder beschäftigen wir uns mit Fragen zum Geschlechterverhältnis und deren Zusammenhang mit dem Kapitalismus. Die Reihe „Kritische Intervention“ aus Halle führte zu dieser Thematik im April dieses Jahres ein Veranstaltung – Der Versuch einer materialistischen Kritik des Geschlechterverhältnisses – mit Andrea Trumann (u.a Autorin des Buches Feministische Theorie) durch.
Unter anderem wurde damals der wert-abspaltungstheoretische Ansatz von Exit bzw. Roswitha Scholz diskutiert. In dem wertkritischen Magazin „Streifzüge“ aus Wien ist ein meines Erachtens sehr interessanter und lesenswerter Text von Fritjof Bönold zur Kritik an dem wert-abspaltungstheoretischen Ansatz erschienen.
Teil 1 in Streifzüge 42/08
Teil 2 in Streifzüge 43/08

Gefunden auf dem Blog Emanzipation-oder-Barbarei mit einer tollen Zusammenstellung zur Thematik

Zum Problem der Krise

Neben rassistischer Agitation findet sich in der Jungle World auch immer wieder der ein oder andere interessante Text. So auch in der Ausgabe 28/08: „Krise, Kollaps, King Kong – Der Zusammenbruch des Kapitalismus als Theorie und Phantasma“ von Heiner Stuhlfauth Jr. (mehr…)