critique aujourd'hui http://critiqueaujourdhui.blogsport.de Pseudofranzösisch statt Pseudokritik Sun, 15 Jul 2012 17:42:51 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Beschneidungswirrwarr http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/07/15/beschneidungswirrwarr/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/07/15/beschneidungswirrwarr/#comments Sun, 15 Jul 2012 17:25:29 +0000 MC Gurke Allgemein http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/07/15/beschneidungswirrwarr/ Während in Deutschland zwischen anti- und philosemitischen Kommentaren und dem Geschrei von Berufsreligiösen kaum vernünftige Stimmen zur Beschneidungsdebatte zu hören sind, äußerte sich Anshel Pfeffer in der Haaretz wie folgt:
„Es gibt drei Cliches über Beschneidung. Das erste besagt, dass Beschneidung ein heiliger Bund zwischen Gott und dem jüdischen Volk ist. Fakt ist allerdings, unabhängig davon, ob man an die biblische Erzählung von Abraham und seinen Söhnen glaubt, dass es sich hier kaum um einen spezifischen jüdischen Brauch handelt. Jeden Tag werden weltweit die Vorhäute von tausenden Babies, Jungen und Männern entfernt, im Rahmen verschiedenster Rituale und medizinischer Eingriffe. Nur eine kleine Minderheit von ihnen sind Juden, und selbst unter den Juden tun es die meisten nicht aus religiöser Überzeugung, sondern auf Grund sozialer Notwendigkeit, familiärem und sozialem Druck und weil es eine gute Ausrede ist, eine riesige Party zu feiern.

Das zweite besagt, Beschneidung sei gut für die Gesundheit. Während einige Forschungen auf bestimmte gesundheitliche Vorteile verweisen, gibt es andere Studien. Diese geben vor zu beweisen, dass das Herumschnippeln an männlichen Genitalien riskant und die Ursache von Traumata und eingeschränkter sexueller Funktionalität ist. Diese widersprüchlichen medizinischen Beweise sind kein Grund für Verwunderung – Ärzte sind ebenso parteiisch wie Zeitungskolumnisten, wenn es darum geht, Fakten zu arrangieren.

Das dritte besagt, dass Beschneidung ein geheiligter religiöser Brauch ist, und dass Menschen in einer Demokratie erlaubt sein sollte, ihre Traditionen unbehelligt von politischen oder juristischen Eingriffen zu pflegen. Das ist üblicherweise ein Argument, für das ich große Sympathie hege. Ich will nicht, dass die Regierung mir vorgibt, wie ich mein Leben zu leben habe. Jedoch – es ist nicht mein Leben. Keiner meiner vier Söhne wurde im Vorfeld gefragt, als ihm, im Alter von acht Tagen, äußerst intensive Schmerzen zugefügt wurden, und ihre Genitalien unwiderbringlich verändert. Das ist kaum ein demokratischer Akt.“

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Im „freien Irak“, II http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/07/04/im-freien-irak-ii/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/07/04/im-freien-irak-ii/#comments Wed, 04 Jul 2012 14:55:59 +0000 MC Gurke Allgemein Geschlechterverhältnis, Gender, Sexualität Historisches http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/07/04/im-freien-irak-ii/

Seltsam auch, daß die USA im Irak die Pressefreiheit einführten, politische Parteien zuließen und sogar religiöse Eiferer agitieren lassen. […] Verwirrend, daß in Bagdad, in den endlich wieder geöffneten Fisch- und Schnaps-Kneipen am Tigris, dauernd Trinksprüche auf George Bush ausgebracht werden. Und noch verwirrender: Die angeblich ach so gläubigen Iraker wollen keine UN-Truppen aus Old Europe und schon gar nicht aus islamischen Ländern, sondern mehr Schutz vor islamistischen Mordbrennern – von der US-Army.

Zeitschrift Bahamas, 2003.

Zehn Jahre verfehlte (US-)Politik später (Stärkung autoritärer Politiker und Machtgruppen, Forcierung der Ethnisierung und Tribalisierung sowie der Islamisierung der Politik, Akzeptanz der Einschränkung von Bürgerrechten und Pressefreiheit durch die irakische Regierung):

BAGHDAD (AFP) — Iraqi women face court-ordered virginity tests that often show they were virgins until marriage but shame them nonetheless, doctors at an institute that carries out the tests and a lawyer told AFP. […] An average of several virginity tests are performed per day at the Medical Legal Institute (MLI) in Baghdad […]. „Most of the cases we received after the first day of marriage,“ said Dr. Munjid al-Rezali, the director of the MLI. „The husband claims that she is not a virgin, and then the family bring her here, through the courts, this all come through the courts, and we examine her,“ Rezali said.
The tests include examination of the woman’s hymen, but the man involved may also come under scrutiny. The man may be tested for impotency, Rezali said, noting that in some cases, a man with erectile dysfunction may pretend the woman was not a virgin to hide his shame. […]
„They think that during the marriage, (the) first day of marriage, there should be blood … they think if there is no blood, there is no virginity,“ said Dr. Sami Dawood, a forensic doctor at the MLI who has been involved in the tests. This belief, he said, indicates that sex education and knowledge is „very poor.“ If a man thinks his new wife is not a virgin, he may take the issue to court, leading to the MLI performing a virginity test, said Dawood. Asked about the results of the tests, Dawood said that „most of them (are) with the woman, not against the woman, but it is by itself… shaming.“ […]
„The judge is required to send the woman for the medical test when she is accused by her husband of not being a virgin, and that is only done in this case,“ lawyer Ali Awad Kurdi said. „If it is proved that the woman was not virgin and sought to get married without telling the man, there is no law that protects her,“ Kurdi said. The woman’s family is then required to recompense the man for gifts, money and other expenditures related to the relationship. […]

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Säkularismus!!! http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/07/02/saekularismus/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/07/02/saekularismus/#comments Mon, 02 Jul 2012 09:06:53 +0000 critiqueaujourdhui Allgemein Geschlechterverhältnis, Gender, Sexualität Historisches http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/07/02/saekularismus/ Nachdem ein Gericht in einem lange überfälligen Urteil festgestellt hat, dass ein Mensch über Amputationen an seinem Körper selbst entscheiden sollte, und seine Familie nicht unter Berufung auf Tradition und „religiöse Werte“ (nach ihrer subjektiven Interpretation) das Recht hat, ihn als Kleinkind gewaltsam zu einer solchen zu zwingen, rennen Berufsreligiöse und Kulturalisten Sturm. Neben „muslimischen Verbänden“ kritisierte auch der „Zentralrat“ der Juden in Deutschland das Urteil zum Verbot religiöser Beschneidungen Minderjähriger als einen „beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ und forderte den Bundestag auf, „die Religionsfreiheit vor Angriffen zu schützen“ (und die Judikative in diesem Fall durch Gesetzgebung auszuschalten). Zentralratspräsident Graumann: „Diese Rechtsprechung ist ein unerhörter und unsensibler (!) Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.“ Im Tagesspiegel brachte ein Gegner der „Einschränkung der Religionsrechte“ das Urteil mit der „Entstehung des Faschismus“ in Verbindung. Und der in Fragen der Rechte Homosexueller sonst eher religionskritische Volker Beck teilte mit, dass biblische Gebote und ihre Einhaltung essentielle Grundlage des Jude-Seins sind und schickte Befürwortern des Urteils auf twitter Bibelstellen (- man muss nicht erwähnen, dass immer mehr säkulare Juden die Beschneidung von Säuglingen in Frage stellen, um zu erkennen, wie absurd und anmaßend seine Position ist). Interessant ist auch die Abwesenheit der bürgerlichen „Islamkritik“ aus der aktuellen Mediendebatte, die sonst zu Recht (aber offensichtlich nicht tatsächlich von Säkularismus, sondern vom Ressentiment getrieben) die Akzeptanz religiöser Normen bei der Urteilsfindung deutscher Gerichte kritisieren, etwa in familienrechtlichen Fragen.

Für Menschen, die beanspruchen, eine Religion oder ein religiöses Kollektiv zu vertreten, und ihre kulturalistischen Freunde wie Volker Beck, der der zynischen Meinung ist, dass religiöse Gesetze der Bibel für freiwillige und unfreiwillige Mitglieder religiöser Kollektive zu gelten haben (aber natürlich nicht für ihn), folgende Leseempfehlung. Der Textauszug thematisiert die Rede von „dem Islam“ und „den Muslimen“ und ihren angeblichen kollektiven Befindlichkeiten, wie sie bei Berufsmuslimen und Kulturalisten wie auch bei rassistischen „Islamkritikern“ zu finden ist, und lässt sich seiner grundsätzlichen Aussage nach auch weiter gefasst auf die aktuelle Beschneidungsdebatte beziehen:

Sami Zubeida: The Diversity of Muslims and the Necessity of Secular Rule

There is a widespread tendency to present Islam as a unitary entity, exemplified in the reference to the ‘Muslim World’. This totalization is shared by Muslim spokesmen indulging in identity politics as well as public discourses in the West, in the media and political pronouncements, notably President Obama’s 2009 Cairo address to the ‘Muslim world’. Islam, like Christianity, is a corpus of sacred texts, traditions, rituals and laws, diverse and even contradictory, which allow a wide range of constructions. There is no unitary ‘Islam’, but many sorts of Muslims, for whom religion plays diverse roles, or could be of little importance.
In the context of modern political discourses, in both the Middle East and among Muslim populations in the West, the presentation of Islam as a common identity plays an important part. We may identify what I call ‘Umma nationalism’, the idea that Muslims in the world are a unitary community under attack from hostile forces also identified as Christians (‘Crusaders’), Jews and Hindus: a clash of civilizations cast as religious communities, and a representation of international relations as religious communalism. There are some militant and pious groups for whom this caricature is a central motif. But for many Muslims, even some secular Muslims, Umma nationalism is a floating discourse on which they occasionally draw for political pronouncements.
[…]
Muslims in the west consist of diverse populations, differentiated by ethnicity, class, gender, generation and religious orientation following those other factors. Many are secular or indifferent to religion or ‘cultural Muslims’. Those with religious commitment vary between conservative/salafi, militant jihadi, modernist/reformist and traditional ethnic Islam, including Sufi orientations, or mixtures of those types, given that few people are ideologically consistent. There is, in addition, the bond of family and community, which is important to some, such as the Pakistani working class communities in the north of England, where the community and ethnic bonds are maintained through networks of connections with the home village and the import of brides and grooms.
Elsewhere, we find patterns of individualization. Individuals, escaping the ethnic and communal bonds, can be secular or adherents of one or other of opposing religious orientations present in the current discursive fields: modernist reformism or Wahhabi rigour, both of which seek, in different ways, an Islam ‘purified’ of its ethnic and popular accretions. These are the ideological Muslims. Here, we should distinguish between ‘culture’ and ‘ideology’: many of the individualized Muslims are culturally assimilated into the mainstream, and their dissent, if they are oppositional, is ideological, often expressed in the idiom of the ambient culture: language, idiom and conceptions of politics and society. This distinction is missed in the ‘multi-culturalism’ advocacy.
Superimposed on all these are formal communal organizations and leaderships with claims to ‘represent’ Muslims to the State and the wider society, and also with attempts to impose religious authority. Let me expand a little in this question of representation and authority. Historically, both in Europe and the Middle East, religious authority was imposed on society, alongside that of princes and kings. The French Revolution was against Church as well as aristocratic rulers, and more recently the dictatorships of southern Europe, such as Franco’s Spain were firmly supportive of Church authority, which has been considerably eroded since the establishment of democracy. That was also the case in Muslim States, such as the Ottoman where the religious hierarchy was a branch of State bureaucracy. The processes of modernity have led to a retraction of the functions of religion in social and political spheres, and with it a contraction in the scope of religious authority. ‘Fundamentalism’ is an attempt to re-impose this authority in a now highly secularized society, even in ‘Islamic’ Iran. As such, ‘fundamentalism’ is a modern phenomenon of secularization. Among Muslim populations in the west (and elsewhere) this attempt to assert religious authority chimes in with identity politics. Claims of leadership and authority play on these sentiments, as well as the politician’s need for ‘representatives’ and voices of ‘communities’. Quelle

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Konfliktpornographie http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/22/konfliktpornographie/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/22/konfliktpornographie/#comments Fri, 22 Jun 2012 14:13:54 +0000 critiqueaujourdhui Allgemein Internetfunde und andere Sinnlosigkeiten http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/22/konfliktpornographie/

Ein Fotograf hat radikale Palästinenser zu einer Bilder-Session überredet. Das Ergebnis sind kunstvolle, verstörende Aufnahmen […], in denen die Männer Gegenstände aus ihrem täglichen Kampf präsentieren und Posen nachstellen. Ob mit der Steinschleuder im Anschlag, der Gasmaske zum Schutz gegen den Beschuss mit Tränengas oder gehüllt in die palästinensische Flagge – stets sind die Gesichter der Kämpfer verhüllt. Zusammen mit vielen anderen Palästinensern beteiligen sie sich am bewaffneten Kampf gegen Israel.

Äh…. Wie bitte? Schon die Sprache verspricht Schreckliches. Für seine bekannte Konfliktpornographie hat sich der SPIEGEL nun mal wieder ein paar Palästinenser ausgesucht, aber nicht irgendwelche Gesichter von Menschen, die unter korrupten Politikern, nationalistischen und islamistischen Organisationen oder Siedlern und Besatzung leiden, sondern, na klar, ausgerechnet militante „Kämpfer“, die „zusammen mit vielen anderen (?!) Palästinensern“ in einem „täglichen (!) Kampf“ stehen, bei dem sie Steinschleudern und Autoreifen mit sich herumtragen und sich Tüten über den Kopf ziehen. Das ganze dann total „kunstvoll“ fotografiert – schon ist der westliche Betrachter „verstört“ und hat Kribbeln im Bauch. So hat man Gewalt gegen Israel ästhetisiert, und noch dazu die realen Probleme und berechtigten Kämpfe von Leuten in den Palästinensischen Autonomiegebieten verdreht und verleugnet. Die große Mehrheit hat nämlich eigentlich seit längerem genug von Gewalt, was in den letzten Jahren eigentlich jedem halbwegs vernünftigen Menschen in der Region aufgefallen ist, von den selbsternannten Vertretern der „palästinensischen Sache“, der israelischen Rechtsregierung und deutschen Medien jedoch meistens verleugnet wird. Doch das ist den Deutschen offenen und verdeckten Israelhassern ja egal, deren politischer Arm sich verlogen „Palästinasolidarität“ nennt. Nun also zur Abwechslung mal eine „Bilder-Session“. Bravo, Spiegel!

In der Spiegel-Bildunterschrift wird aus „Volkswiderstand“ auf einmal „Ziviler Widerstand“…


Panne? Laut Spiegel ein typisches Bild aus dem „täglichen Kampf“ „vieler Palästinenser“

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Freudsch http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/17/freudsch/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/17/freudsch/#comments Sun, 17 Jun 2012 14:34:40 +0000 MC Gurke Allgemein Internetfunde und andere Sinnlosigkeiten http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/17/freudsch/ Wenn Studierende in Zeiten des „Sachzwangs“ indirekt die Funktion des „Studierendenrates“ (StuRa, Asta), des scheindemokratischen Feigenblattes der universitären Rektorats- und Professoralwirtschaft, richtig beschreiben:

„Liebe Studierende,
am kommenden Mittwoch findet […] die Nachwahl für den Studierendenrat (StuRa) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg statt. […] Ihr habt damit erneut die Möglichkeit, die Politik unserer Hochschule aktiv mitzubestimmen, z. B. auch die Mittelkürzung am Orientalischen Institut“.
(aus der Mail einer Institutsgruppe)

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Poetry Slam, große Brillen & KZ-Geschichten http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/04/poetry-slam-grosse-brillen-kz-geschichten/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/04/poetry-slam-grosse-brillen-kz-geschichten/#comments Mon, 04 Jun 2012 12:03:24 +0000 critiqueaujourdhui Allgemein Historisches Provinziales http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/04/poetry-slam-grosse-brillen-kz-geschichten/ Studierende sind blöd. Das ist keine Neuigkeit. Im Drang schnellstmöglich erfolgreich durchs Studium zu kommen, um die zertifizierten Skills durch Creditpoints für den Arbeitsmarkt zu erlangen und zugleich dem konformen Party- und Alternativindividualismus zu frönen, bleiben jegliche Inhalte auf der Strecke. Wenn sich Leute, die auch ihr zehnseitiges, zusammengeklaubtes Gestammel mit dem Namen Hausarbeit für anspruchsvollen Essayismus halten, zusammentun, kommt dabei so etwas heraus, wie das Leselicht – Die Literatur- und Kulturzeitschrift der Martin-Luther-Universität“ Halle. Die ersten durch Studierendengelder finanzierten Hochglanzausgaben dienten eigentlich vor allem der Selbstbeweihräucherung einiger GermanistikstudentenInnen, die in ihrer Hobbyzeitschrift langweilige Artikel über das Liebesleben von Pflastersteinen, die Erlebnisse des eigenen Erasmussemesters, schlechte Kurzgeschichten und an Körperverletzung grenzende Gedichte im Stile der Poesiealben adoleszenter Wendy-AbonnentenInnen veröffentlichten. Gerahmt war das Ganze durch Schulheftkritzeleien oder Stillleben-Photographien. So manche Schülerzeitung ist geistreicher als das.
Nun jedoch hat sich der AutorenInnenstamm erweitert und das Leselicht findet Anschluss an eine Szene, die vielerorts von anderen intellektuellen Tieffliegern und Dreitagebart-Freizeit-Literaten geprägt ist, welche sich auf „Poetry-Slams“, „Satzkästen“ oder „Wörterspeisen“ (…) treffen. Schaut man sich das Ganze an, etwa in der auch dank Uni- und Stadtmarketing immer hipperen Studistadt Halle, scheint die Motivation von Machern und Publikum vor allem die Pflege einer alternativen Pseudoindividualität zu sein. Zum Dresscode gereichende „alternative“ H&M-Humana-Hornbrillen-Styles, die in ähnlicher Form vor einigen Jahren bei zugezogenen Berlin-Mitte-Dandys angesagt waren, sollen die eigene, authentische Individualität ausdrücken, alle Beteiligten sind in allen oberflächlich von ihnen angerissenen Fragen „so eher kritisch“. Die Events sorgen bei „Slammern“ und Fans, die Amnesty, Piraten und Vegetarismus vermutlich mit Kritik und Politik identifizieren, für den lebensnotwendigen Schuß. Den Besitzern der austragenden Örtlichkeiten dürfte es wohl eher um den exorbitant steigenden Absatz von Latte-Macchiato, Becks und Rotwein gehen. Produziert wird hier meist nur gleichförmiger Stuss, dessen einzige Funktion, und es ist bezeichnend, hier von Funktion sprechen zu müssen, der Stimulus für Lacher ganz im Stile des Schematismus billiger Sitcoms ist. Das Publikum soll unterhalten, nicht zum Denken angeregt werden.

Der schönste Tag im KZ

derJesko oder Derjesko ist ein literarisches, künstlerisches, musikalisches und philosophisches Multitalent, wie man den Texten, Photos und Selbstdarstellungen seiner Homepage entnehmen kann, er ist „Poet“, (Radio)Moderator, reisender Weltbürger, Organisator eines „Slams“, und nun auch noch Autor des besagten Leselichts. Aber Jesko schreibt dort nicht über seinen Alltag zwischen Uni-Seminar und WG-Küche, veröffentlicht kein Gedicht über Frau Holle, Supermärkte oder das Abendessen – er geht gleich in die Vollen und liefert einen fiktiven Zeitzeugenbericht aus dem nationalsozialistischen Konzentrationslager Ravensbrück mit dem Titel ‚Der schönste Tag‘.
Als erstes fällt die Illustration des Textes ins Auge, in (von einer der besagten Germanistikstudentinnen) nachgeahmtem Kinderstil sind ein paar lachende Kinder, typische „Zigeunerinnen“ (s.u.), Sonne und Sterne dargestellt. Der schönste Tag…? Die Geschichte ist geschrieben aus der Ich-Perspektive eines Kindes. Die Szenerie ist kurz erzählt. Es ist der 24. Dezember und das Kind beobachtet Frauen, die mit selbstgebastelten Puppen Theater spielen, „Zigeunerinnen“ (!), die Musik machen und tanzen (was machen „Zigeunerinnen“ auch sonst) sowie Kinder, die fröhlich lachend das Ganze verfolgen oder spielen. Durch die schöne Szene vergisst man beinahe wo man ist – im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Dafür erinnert das Kind sich an das letzte Weihnachten. Beinah die gesamte Familie war beisammen und doch traurig. Er oder sie fragt sich – ganz naives Kind –, ob die anderen aus seiner Familie heute auch einen so schönen Tag haben wie er, der im KZ Weihnachten feiern darf. Dann kommt der „Aufseher“ Hayersmann „mit einem freundlichen Lächeln auf den Hof [!]“ und verteilt Süßigkeiten unter den Häftlingskindern.* Böse wirkt er nun gar nicht:
„‚Macht euch keine Sorgen, Kinder‘, sagt Hayersmann zu ein paar zehnjährigen Jungs [!], die wegen Jazzmusik [!] hier sind. ‚Eure Zukunft in unserem kommenden, herrlichen Deutschland unter unserem fürsorglichen Führer wird strahlend sein!‘ Er lächelt weiterhin, und seine glasblauen Augen strahlen voller Zuversicht. Ich glaube ihm. Heute ist alles möglich. Und wahr.“

Wollte der junge Café-Literaten-Nachwuchs mit diesem Dreck vermeintlich die „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) verdeutlichen? Wir wissen es nicht, aber es ging in jedem Fall gehörig daneben. Der plattitüdengeschwängerte und anheimelnde fiktionale Erlebnisbericht bedient den Voyeurismus des Autors, der das Leiden, wenn es überhaupt in irgendeiner Zeile dieses Textes vermittelt wird, als pathetische Chiffre für seinen schriftstellerischen Narzissmus verwendet. Der Text ist eine Banalisierung des Grauens des NS-Lagersystems, und gespickt mit (rassistischen) Klischees und plumpen Splittern aus dem kollektiven Gedächtnis aka „Schindlers Liste“, Kälte, stramme Wachmänner, (verstummtes?) Lachen. Die Wirkung soll diese Geschichte vermutlich durch die, mit Absatz und Kursivsetzung abgetrennte, Faktennennung hervorrufen: „Im Januar 1945 werden 4.000 Kinder und Jugendliche des KZ Ravensbrück vergast“. Doch das ist schlicht falsch und komplett ausgedacht, und das verschlimmert die zynische Perversion der Geschichte. Unter den über 55.000 Häftlingen des KZ Ravensbrück befanden sich ca. 881 Kinder im Alter von 2 bis 16 Jahren. Niemals wurden in Ravensbrück 4.000 Kinder vergast, auch nicht durch Überführung in andere Konzentrationslager.** So wie Holocaustrelativierer und –leugner mit den Opferzahlen jonglieren, um Auschwitz einzureihen ins bunte Karussell der damit quasi beliebigen Menschheitsverbrechen, so bedient sich Jesko der Unwahrheit, um seine kitschige Holocausterzählung mit einer faktischen Schreckensdimension zu untermauern und einen schriftstellerischen Mehrwert aus dieser vermeintlichen Faktizität zu gewinnen.

Der Text ist der dilettantische Versuch einer „Emotionalisierung“, die ein Absperren gegen den Gedanken bedeutet, eine „Regression des Subjekts von der Wortvorstellung zur Bildvorstellung“ (Detlev Claussen). Bilder und Identifikationsobjekte ersetzen die Notwendigkeit, sich reflexiv darauf einzulassen, was nationalsozialistische Ideologie und Lagersystem, was Auschwitz und Vernichtung bedeuten. Das Konzentrationslager ist für Jesko nur der (austauschbare) Rahmen einer Erzählung, die so jeglichen anderen Hintergrund bekommen und an jeden anderen Ort transferiert werden könnte. Die Geschichte ist lediglich eine Ansammlung von austauschbaren Floskeln, pathetischen Bildfetzen und Stereotypen, ganz ähnlich der genannten Funktionalität der Poetry Slam- und Satzkasten-Texte. Frierende Kinder und absurderweise Bonbons verteilende SS-Männer sind lediglich der Stimulus zum Betroffensein wie tautologische Sätze im Stakkato von Vorträgen genannter Veranstaltungen Lacher erzeugen sollen. Der Gegenstand wird ausgeschlossen. Es geht nicht um Leiden und Hoffnung bzw. um Empathie durch den Rezipienten, sondern um ein narzisstisches Bedürfnis nach Identifikation, wie es sich nicht nur in der gewählten Ich-Perspektive andeutet, sondern auch in der konstruierten Erzählfigur „zehnjähriger Jazzjungen“*** zeigt, die das ureigenste Opferbedürfnis des Autoren bedient.

Der fühlt sich wahrscheinlich richtig gut, und voll kritisch.

* Das ein männlicher Aufseher an einer Weihnachtsfeier im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück teilgenommen hat, ist mehr als unwahrscheinlich. Dass er inhaftierten Kindern Süßigkeiten geschenkt hätte, ist absurd.
** Überlebende gehen davon aus, dass in der Zeit seines Bestehens zwischen 5000 und 6000 Häftlinge in der Gaskammer des KZ Ravensbrück ermordet wurden.
*** Die Darstellung ist historisch abwegig. Jugendliche (!), die wegen „Swing“ inhaftiert wurden, internierten die Nazis zumeist in sogenannten Jugendschutzlagern.

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Qualitätsjournalismus http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/03/qualitaetsjournalismus/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/03/qualitaetsjournalismus/#comments Sun, 03 Jun 2012 09:04:42 +0000 MC Gurke Allgemein Was deutsch ist Internetfunde und andere Sinnlosigkeiten http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/06/03/qualitaetsjournalismus/ Wenn der Spiegel nicht Hitler oder Hitlers Hund auf dem Titel hat, muss es was Apokalyptisches über „den Judenstaat“ sein. Man nehme ein wenig Grass, Alttestamentarisches, google-Bildersuche und Photoshop. Ob Patrioten-Gaucks ach so „differenzierendes“ Geblubber zu Israels Sicherheit eine Art ideelle Vorabveröffentlichung war?
würg

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Schwachsinn der Woche http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/05/23/schwachsinn-der-woche/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/05/23/schwachsinn-der-woche/#comments Wed, 23 May 2012 12:06:51 +0000 critiqueaujourdhui Allgemein Internetfunde und andere Sinnlosigkeiten http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/05/23/schwachsinn-der-woche/

Dass die Deutschen bei der Rettung Gilad Schalits als Vermittler eine wichtige Rolle spielten, ehrt sie zwar durchaus, ist aber keine Garantie dafür, dass sie von nun an wie die Israelis handeln würden.

Thomas Maul1

  1. 1 [zurück]

Witzige Fußnote aus einem ansonsten vor allem wirren und sinnlosen „Vergleich von Souveränität“ bei Helmut Schmidt und Benyamin Netanyahu, der – wie für Mauls Arbeiten üblich – als intellektuelle und kritische Höchstleistung daherkommt und dabei nicht bemerkt, was für einen hanebüchenen und an den Haaren herbeigezogenen Schwachsinn er eigentlich darstellt. Merke: Es geht immer noch absurder, auch in der Bahamas.

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Holocaust-Keule der Woche http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/05/20/holocaust-keule-der-woche/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/05/20/holocaust-keule-der-woche/#comments Sun, 20 May 2012 13:15:24 +0000 critiqueaujourdhui Allgemein Was deutsch ist Antisemitismus Historisches Internetfunde und andere Sinnlosigkeiten http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/05/20/holocaust-keule-der-woche/ Der nächste Bestseller kommt in die deutschen Buchläden, um endlich mal zu schreiben, was (sicherlich aufgrund des Einflusses „gewisser Kreise“) sich bisher keiner zu sagen traute. Die Befürworter von Euro und gemeinsamen Staatsanleihen sind „getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“. Wie bitte? Was für ein debiler Scheiß. Aber Künast und Gabriel stehen schon bereit – Ring frei für den nächsten inszenierten „Skandal“, dessen Gewinner wie immer der Kontostand Sarrazins und die Dummheit sein werden.

P.S.:

Dabei profitierte die deutsche Wirtschaft bislang sogar von der Krise. Kurzfristig, weil die Zinsen für deutsche Staatsanleihen mittlerweile auf ein historisches Tief gefallen sind und nun sogar unter der Inflationsrate liegen. Langfristig, weil der Euro-Raum für die deutsche Exportwirtschaft die Basis für eine Geschichte rasanten Erfolgs lieferte. Seit Einführung der gemeinsamen Währung summierten sich die Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz nach Angaben der Bundesbank auf 750 Milliarden Euro. Entsprechend hoch fielen die Defizite der Schuldnerländer aus. Mit diesem ungleichen System schienen dennoch alle Beteiligten lange Zeit gut leben zu können. Denn durch den Euro konnten vor allem die südlichen EU-Staaten billige Kredite aufnehmen, während die deutschen Unternehmen von der steigenden Nachfrage profitierten.

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Back to the roots? http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/05/20/back-to-the-roots/ http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/05/20/back-to-the-roots/#comments Sun, 20 May 2012 13:01:20 +0000 MC Gurke Allgemein Provinziales http://critiqueaujourdhui.blogsport.de/2012/05/20/back-to-the-roots/ Zurück aus dem Malle-Urlaub mit einer Überraschung. Wie es aussieht, hat die „AG Antifa“ aus Halle sich nach jahrelanger Clownerie dazu durchgerungen, sich wieder mit Themen zu beschäftigen, von denen einige ihrer Mitglieder halbwegs eine Ahnung haben. Die folgenden Vorträge seien allen ans Herz gelegt:

Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr
Gerhard Stapelfeldt: Kritik der Soziologie.

Mittwoch, 6. Juni, 19 Uhr
Magnus Klaue: Phantasie als Kompetenz. Zur Ideologie der Kreativität in der neueren Pädagogik.

Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr
Alex Gruber: »That politics may be reduced to a science«. Die politikwissenschaftliche Ersetzung von Herrschaft durch Psychologie der Herrschenden.

Montag, 25. Juni, 19 Uhr
Jörg Huber: Der Aberglaube des Positivismus.

[via Jugendantifa]

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